E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Lenz Shaframs Vermächtnis
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-1609-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-7534-1609-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Im Königreich Katsul, in dem altehrwürdige Traditionen hochgehalten werden, wird der Königssohn Sikris zum neuen Herrscher gekrönt. Die Shaframkultisten, eine religiöse Gruppe, die den heiligen Shafram verehrt, sehen darin ein Problem, da der junge König Veränderungen anstrebt. Es entbrennt ein Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Die Bauerntochter Shaannaa, die den Thronfolger auf die Missstände, unter dem das Bauernvolk leidet, aufklären möchte, spielt dabei nichtsahnend eine tragende Rolle und gerät mit ihrer Freundin Anna zwischen die Fronten. Die Situation wird für Sikris zunehmend bedrohlicher und die Ereignisse spitzen sich mehr und mehr zu...
Alexander Lenz schreibt seit 2019 Science Fiction und Fantasy Romane. Mit Hilfe modernster Technik, wie Augen- und Sprachsteuerung, trotzt er seiner angeborenen Muskelerkrankung, um Leser*innen an seinen fantasievollen Reisen teilhaben zu lassen.
Autoren/Hrsg.
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Der erste Morgen Auf dem Balkon seines Gemachs stand Sikris. Er hatte noch sein weißes, langes Nachtgewand an und trug seine Arme auf dem Rücken. Der Tag erwachte und die Sonne tauchte vor ihm am Horizont von Katsul auf. Ein Raumjäger, der ein antikes Design hatte, zischte über das gebogene Tor hinweg. Nun musste Sikris den Pflichten eines Königs nachkommen, die Zeiten des Ausschlafens waren vorbei. Er hatte von einem Tag zum anderen einen vollen Terminkalender. »Schade, dass Mutter am Tag meiner Krönungszeremonie nicht anwesend war«, sagte er mit Bedauern und konnte vom Balkon aus noch Reste der gestrigen Feier ausmachen, die von einigen Mitarbeitern des Palastes zusammengefegt wurden. Der Hofpalast war großzügig angelegt, der Bodenbelag war mit hellen Kacheln gepflastert. In der Mitte des Hofs war ein imposanter Zierbrunnen mit einem langen Becken platziert. Im Zentrum des Zierbrunnens befand sich eine eindrucksvolle Statue des allmächtigen Shaframs. Seine Majestät atmete tief ein und begab sich anschließend in sein Schlafgemach. Es war hauptsächlich weinrot gehalten. Das Licht drang nur sehr spärlich von draußen herein. Vorne rechts vor dem gemütlichen Himmelbett befand sich an der Wand ein Kamin mit einem goldenen Sims. Auf der gegenüberliegenden Seite stand sein großer, schmuckvoll verzierter Spiegel. Sikris' Konkubine Valisy betrachtete ihn von seinem Bett aus. Sie trug ebenfalls ihr weißes Nachtkleid. »Jetzt wo du König bist, hast du überhaupt noch Augen für mich?« Sikris schaute Valisy liebevoll an. »Es wird sich vieles ändern, das ist gewiss. Doch meine Liebe zu dir bleibt ein Glaubensbekenntnis.« Sikris wusste, was sie gern hörte. Das hatte man ihm von klein auf beigebracht, besondere Dinge in besonderen Momenten zum Ausdruck zu bringen. Nur seine eigene Meinung blieb meist unter Verschluss. »Deine Poesie der Liebe ist immer wieder eine Versuchung wert, Sikris«, sagte Valisy bewundernd, während seine Majestät sich vor ihr umzog. »Allerdings erwartet auch dich eine Prüfung. Ich werde bald heiraten, eine passende adelige Gemahlin wird derzeit auf ganz Horus gesucht.« »Hätte ich mir denken können, dass es früher oder später so eintrifft«, antwortete sie schnippisch und strich sich durch ihr pechschwarzes, geglättetes Haar. Sikris richtete vor dem Spiegel penibel seine dunkelgraue königliche Robe. Sie war im Gegensatz zu seinem zeremoniellen Gewand viel beweglicher und ein wenig schlichter gehalten. »Diese Eventualität hatten wir doch besprochen, meine Dorianblüte.« »Ich weiß nicht, ob ich dieses Opfer vollbringen kann«, sagte sie. »Seit Generationen haben sich etliche Konkubinen dieser Prüfung stellen müssen. Der Großteil hat sie bestanden, andere mussten dafür mit ihrem Leben bezahlen und dieses schwere Schicksal möchte ich uns beiden ersparen«, erwiderte er emotionslos und knöpfte seine Robe zu. »Ich bin jetzt rechtmäßiger Herrscher der Katsulaner«, sagte er und begab sich zu den riesigen Doppeltüren aus reinstem, cyanfarbenen Gundi, die gleich darauf ihre Pforten öffneten. Er ging über die langen, orangefarbenen Läufer durch die Korridore des königlichen Palastes hinaus. Sein langjähriger Freund und jetziger Berater Romo kam mit einem Datenorganizer aus einem der vielen Zimmer spaziert und passte sein Schritttempo Sikris' an. »Guten Morgen, Eure Hoheit.« »Ich bitte dich, ich bin weiterhin Sikris für dich. Was steht heute an meinem ersten Tag an?«, erkundigte er sich. »Du hast exakt fünfzehn Minuten Zeit zum Frühstücken. Danach begibst du dich zum Kaitagaretrainer Kafir für deine tägliche Einheit. Im Anschluss geht es zur Alchimistin Helga.« »Tätigkeiten, die ich ein Jahrzehnt zuvor tat, erscheinen mir als neu gekröntem Herrscher nicht gerade sinnvoll«, sagte Sikris leicht gekränkt. »Erinnere dich an die heiligen Schriftrollen des Shaframs. Nur ein gebildeter König erweist sich als würdig genug«, zitierte Romo. »Und sein Berater wohl auch«, flachste Sikris ohne eine Gefühlsregung. »Wir sehen uns später, ich werde mich derweil umhören und Ausschau nach deiner künftigen Gemahlin halten«, sagte Romo und verschwand in den vielen Korridoren des Palastes. Sikris kannte Romo seit sie noch gemeinsam im Sandkasten mit ihren Schaufeln Berge mit Sand aufschütteten und sich dabei vorstellten, wie sie riesige Paläste erbauten. Sikris betrat den prunkvollen Speisesaal. Durch die hohen aneinandergereihten Fenster wurde der Saal gut ausgeleuchtet. Der lange Tisch war nur von einer Seite gedeckt und die Sonnenstrahlen funkelten auf das frische Obst. Seine Schwester Amani saß bereits zu Tisch. Ihre blonden Haare waren mit Blumen bestickt und ein rotes Band hielt ihre Frisur zusammen. »Guten Morgen, Eure königliche Hoheit«, sagte sie mit ironischem Unterton. »Ich sollte mich besser schnell daran gewöhnen«, murmelte er. Ab dem heutigen Tage mit Hoheit angesprochen zu werden, fühlte sich für ihn äußerst befremdlich an. Sikris nahm gegenüber von Amani Platz. Er schnappte sich mit der Gundigabel zwei Früchte aus der Glasschale und legte sie auf seinen verschnörkelten Teller. Es wurde viel Wert auf Etikette gelegt, somit aß er die Früchte kultiviert mit Messer und Gabel. »Sikris, was denkst du über Valisys Absichten? Ist sie dir gegenüber loyal genug oder wird sie deiner künftigen Gemahlin das Herz herausreißen?« »Ich denke nicht, dass von ihr eine potentielle Gefahr ausgeht. Aber ich wüsste nicht, weshalb es meine Schwester etwas anbelangen sollte.« »Ganz einfach, wir wären vielleicht nicht geboren, hätte Vater seine damalige Konkubine nicht davon abgehalten, Mutter einen Dolch in den Bauch zu stechen«, erinnerte Amani. »Das ist mir durchaus bewusst, Amani.« Sikris hatte mit seiner Schwester ein sehr gutes Verhältnis. Er konnte ihr wichtige Angelegenheiten anvertrauten. Dennoch konnte es Sikris auf den Tod nicht ausstehen, wenn sie ihn jedes Mal an unangenehme Dinge erinnerte, die ihm bereits klar waren. Zumindest hatte Amani ihre Rechthaberei vor einigen Jahren abgelegt, sonst hätte sie ihm in seinem neuen Amt vermutlich im Weg gestanden. Granvisir Phados betrat den Speisesaal. Der lange Kaftan und seine Kappe bestanden aus den Orangetönen der heiligen Shaframkultisten. Asulo Phados' langer weißer Ziegenbart untermalte sein hohes Alter. Sikris konnte das Alter des Granvisirs nicht schätzen. Asulo hatte schon immer gleich für ihn ausgesehen. Ein Granvisir war der höchste unter den geistlichen Rängen und er war zudem mit dem König gleichgestellt. Sein Wort hatte Gewicht. »Eure Eminenz«, sagte Sikris. »Welches Belangen führt Sie denn zu mir?« »Eure Majestät, Sie werden sich schnell an meine Anwesenheit gewöhnen müssen«, erwiderte der Granvisir mit seiner langsamen und gebrechlichen Stimme. Sie klang unharmonisch und wirkte leicht beängstigend. »Auf mein Anraten hin empfehle ich Ihnen die nächsten Tage gemeinsam mit uns Kultisten in der Saf'iskirche einen Shaframdienst abzuhalten.« »Ich werde da sein, wenn ich meine Position als König Zaro gefestigt habe, Eure Eminenz.« »Guten Tag, Eure Hoheit«, verabschiedete sich der Granvisir und schlurfte aus dem Speisesaal. »Sikris, ich weiß, dass du nicht besonders viel von dem Shaframkult hältst. Aber den Granvisir sollte man nicht enttäuschen«, ermahnte Amani. Sikris schluckte das letzte Stück der kostbaren Frucht hinunter und stand von seinem Platz auf. »Keine Sorge Schwester, ich werde die Traditionen bewahren.« *** Auf dem grün angelegten Garten hinter dem Palast nahm Sikris die waffenlose Grundstellung des Kaitagare ein. Er trug ein edles Trainingsoutfit. Der Kaitagaretrainer Kafir stand ihm nur mit Fäusten gegenüber. Er war im mittleren Alter, glattrasiert und hatte eine Kurzhaarfrisur. »Du fühlst dich beraubt und stehst deinem Feind waffenlos von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Wie gehst du vor?« Sikris antwortete nicht, stattdessen leitete er einen Angriff ein. Er schlug mit der rechten Faust in Richtung Kafirs Gesicht, der Trainer wich mit seinem Kopf aus, während er die Hände hinter dem Rücken versteckt hielt. Sikris führte drei weitere Schläge auf gleicher Höhe aus, denen Kafir ohne Probleme auswich. Beim fünften Schlag packte Kafir das königliche Handgelenk und versetzte Sikris einen Tritt in die Wade, der daraufhin auf die frisch gemähte Wiese fiel. Das duftende Gras stieg ihm in die Nase. »Zuerst solltest du den Feind auf dem Schlachtfeld einschätzen, bevor du blind angreifst, junger König. Steh auf und probier's nochmal.« Sikris nahm abermals die Grundstellung ein. Er versuchte es mit einer Kombination aus Schlägen und Tritten. Es...




