E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Leyshon Die Farbe von Milch
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96161-501-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-96161-501-8
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nell Leyshons erster Roman, Black Dirt, stand auf der Longlist des Orange Prize und auf der Shortlist des Commonwealth Prize. Ihre Theaterstücke und Hörspiele erhielten ebenfalls zahlreiche Auszeichnungen. Für ihren zweiten Roman, Die Farbe von Milch, war sie neben James Salter und Zeruya Shalev für den Prix Femina nominiert. Nell Leyshon wurde in Glastonbury geboren und lebt in Dorset.
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Wir schrieben das Jahr achtzehnhundertunddreißig nach der Geburt unseres Herrn. Mein Vater lebte auf einem Bauernhof und er hatte vier Töchter und ich bin die, die als Letzte geboren wurde.
Im Haus lebten auch noch eine Mutter und ein Großvater.
Wir hatten keine Tiere im Haus obwohl die kleinen Schafe manchmal hereinkamen wenn sie ihre Mütter verloren hatten und wir sie nachts füttern mussten.
Die Geschichte beginnt im Jahre achtzehnhundertunddreißig. Die Jahre sind die Jahre des Herrn.
An dem Tag als es anfing war es erst nicht warm. Nein es war erst ein kalter Tag und Raureif lag auf jedem Grashalm. Aber später kam die Sonne raus und der Frost verschwand und dann fingen die Vögel alle an und es fühlte sich an als wäre die Sonne in meinen Beinen denn ich bekam wieder dieses Gefühl. Das geht mir erst in die Beine und dann steigt es mir in den Kopf.
Die Säfte stiegen in den Baumstämmen nach oben. Und die Blätter entfalteten sich. Und die Vögel polsterten ihre Nester aus.
Und die Welt geriet in Frühlingsstimmung.
Ich weiß noch wo ich an diesem Tag war denn ich ließ die Hühner raus denn die waren den ganzen Morgen drinnen gewesen um ihre Eier zu legen und jetzt mussten sie raus damit sie herumlaufen konnten und Würmer und Insekten fressen weil das ihren Eiern Geschmack gab und sie sollten auch Gras fressen das wieder wuchs nach diesem Winter der so kalt gewesen war.
Ich machte die Tür des Häuschens auf in dem die Hühner lebten und als erstes kam der Hahn raus und marschierte im Takt der Musik obwohl gar keine Musik spielte.
Die Hennen standen an der Schwelle und schauten den Tag an und ich scheuchte sie auf die Weide vorm Haus und in dem Moment hörte ich meine Schwester Beatrice nach mir rufen. Sie war am Tor zur Weide stehen geblieben und sie sagte meinen Namen.
Mary, sagte sie. Was machst du da?
Nach was sieht es denn aus? fragte ich.
Sieht so aus als würdest du die Hühner rauslassen, sagte sie.
Ach wirklich? sagte ich. Das ist ja komisch, denn in Wahrheit hab ich ja mit dem jungen Hahn getanzt und dann haben wir zusammen ein Festmahl gegessen und dann kam das Schwein dazu und hat sich auf den Stuhl am Kopfende der Tafel gesetzt und uns ein Lied vorgesungen.
Bei dir ist auch keine Besserung in Sicht, sagte sie.
Wie auch? fragte ich. Ich bin ja nicht krank.
Du solltest weniger reden und mehr arbeiten, sagte sie.
Und du solltest weniger drauf schauen was andere Leute machen, sagte ich, und lieber selbst mehr machen. Wo bist du denn gewesen?
In der Kirche.
Na davon werden die Tiere auch nicht gefüttert, oder?
Könnte aber auch sein dass Gott dann dafür sorgt dass sie überhaupt Futter haben.
Schau mich an, sagte ich, ich hab diese große Futterkiste rausgezerrt. Ich hab nicht gesehen dass Gott da seine Finger im Spiel gehabt hätte.
Kann schon sein dass er kein Futter rumzerrt, sagte sie, aber er lässt es wachsen.
Verdammt aber auch, sagte ich, und ich dachte doch tatsächlich ich hätte die ganze Saat ausgebracht.
Du solltest nicht so daherreden.
Ich red wie es mir passt, sagte ich.
Eines Tages wirst du noch Ärger bekommen deswegen.
Ja?
Ja, sagte sie. Bestimmt.
Ich stützte die Hände in die Hüften. Ich hab mein Leben lang ständig Ärger bekommen, sagte ich, aber das hat mich noch nie davon abgehalten weiter zu sagen was ich denke.
Hab ich auch schon gemerkt, sagte sie.
Was hast du noch mal gesagt, wo warst du?
Ich war in der Kirche, sagte sie, weil ich was geputzt habe weil da alles immer wieder staubig wird.
Ich weiß dass alles immer wieder staubig wird, sagte ich. Ich bin ja nicht blöd.
Sie legte den Kopf schräg. Hm … wirklich nicht, Mary?
Nein, sagte ich. Ich bin nicht blöd. Und bevor du es sagst, langsam bin ich auch nicht. Ich bin weder das eine noch das andere.
Beatrice ging zum Haus und ich folgte ihr und wir gingen zur Hintertür. Nur merkte sie nicht dass Mutter dort mit einem Eimer stand, der bis zum Rand mit Milch gefüllt war. Und sie schaute Beatrice mit einem Blick an der sollte heißen was tust du im Haus? Sieh zu dass du rauskommst und was arbeitest.
Und Beatrice stand mit offenem Mund da und dann sagte sie zu Mutter ganz zuckersüß als könnte sie kein Wässerchen trüben, Mary hat gesagt ich soll reinkommen. Sie hat gesagt, du hast nach mir gefragt.
Und dann drehte sich Beatrice zu mir um und warf mir so einen Blick zu, der sollte heißen, du halt jetzt besser die Klappe.
Mutter starrte sie an, dann sagte sie, raus mit dir. Geh raus.
Und Beatrice ging.
Dann standen also nur noch meine Mutter und ich in der Küche.
Mutter sagte zu mir, um die Hennen hast du dich schon gekümmert oder?
Natürlich, sagte ich. Du hast gesagt ich soll mich um sie kümmern also hab ich mich um sie gekümmert.
Und wie viele Eier?
Eier? sagte ich. Eier?
Sie starrte mich an.
Also, auf meiner Mutter ist sicher keine Fliege mehr gelandet seit dem Jahre siebzehnhundertzweiundneunzig als sie eine Woche alt war und eine Fliege ins Zimmer kam und sich auf ihre Wiege setzte, aber schon damals war sie blitzschnell und scheuchte sie fort und von dem Tag an wussten die Fliegen dass sie ihr nicht zu nahe kommen sollten.
Ja, Eier, sagte sie. Wie viele waren es?
Weiß ich nicht mehr, sagte ich.
Weißt du nicht mehr? Wie?
Wie? sagte ich.
Ja. Wie.
Ach ja, sagte ich, ich weiß schon was passiert ist.
Sie sah mich an. Und wartete.
Ich glaube, sagte ich, ich war so damit beschäftigt meine Schritte zu zählen als ich zum Haus zurückging dass ich glatt vergessen hab dass ich die Eier mitbringen sollte.
Wenn du Zeit hast deine Schritte zu zählen, sagte sie, dann hast du wohl nicht genug Arbeit und hättest gern mehr zu tun, oder?
Ich nickte.
Dein Vater wird dir vielleicht was erzählen, und mir wird er auch was erzählen. Also geh jetzt lieber los und hol die Dinger.
Und ich ging zurück zum Hühnerhaus und legte die Eier in den Korb. Einige waren noch warm und an ein paar von ihnen klebten Scheiße und Federn.
Und eins war unter einer Henne, die schubste ich runter.
Ich zählte sie. Zwanzig, das bringt kein Glück denn die Eier sollten immer eine ungerade Zahl sein deswegen hab ich das eine wieder unter die Henne geschoben und dann waren es neunzehn. Ich sagte ihnen dass sie morgen noch mehr legen sollten sonst würden sie im Kochtopf lan-
den.
Mutter stand am Tisch. Und sie hielt eine Rührschüssel umklammert als müsste sie aufpassen dass sie ihr nicht aus der Hand und auf die Fliesen sprang.
Ich stellte den Korb mit den Eiern ab und wollte nach nebenan gehen.
Was meinst du denn wohin du jetzt gehst? fragte sie.
Zu Großvater wollt ich.
Glaub nicht dass du da den ganzen Tag drinbleiben kannst. Du solltest weniger reden und mehr arbeiten.
Ich weiß, sagte ich.
Und ich weiß es ja auch. Aber ich kann nicht anders. Denn ich bin halt wie ich bin. Meine Zunge bewegt sich so schnell wie die einer Katze wenn sie die Milch aus dem Eimer schlabbert.
Ich ging ins andere Zimmer und da saß er am Kamin. Es brannte aber kein Feuer darin. Ich setzte mich gegenüber von ihm in den anderen Stuhl und mein Großvater schaute mich an und lächelte.
Was hast du heute gemacht? fragte ich ihn.
Dies und das, sagte er, und dann noch ein bisschen was anderes.
Ich rückte mit meinem Stuhl näher an ihn heran. Hat Violet dich gewaschen?
Oh ja ja, sagte er. Und wie sie mich gewaschen hat. Hat auf mir rumgeschubbert bis die Haut beinahe durch war. Sie meinte wohl ich bin eine Kuh die sie für den Viehmarkt herrichten muss. Na, schätze nicht dass sie besonders viel für mich kriegen würden. Ist nicht viel Fleisch dran, stimmt’s?
Ich lachte und zog die Decke zurecht die auf seinen Beinen lag um sie zu wärmen denn die sind abgestorben seit er im Heuschober mal runtergefallen ist.
Wie viele Eier waren es heute, mein Fräulein? fragte er.
Nicht genug.
Mist. Die können sich auf was gefasst machen.
Ich kann mich auf was gefasst machen.
Bring ihnen ein paar Küchenabfälle. Fütter sie ein bisschen auf. Damit sie ein bisschen Fett ansetzen. Dann werden sie auch besser legen.
Die Küchenabfälle kriegt aber das Schwein.
Dann klau ein bisschen was vom Schwein.
Mach ich, aber das Schwein ist ein gieriges Aas.
Großvater drohte mir mit dem Finger. Nicht diese Ausdrucksweise von einem jungen Mädel wie dir, sagte er. Aber hast schon Recht, das Schwein ist ein gieriges Aas.
Ich lachte. Na, sagte ich, und was machst du noch so?
Nicht viel zu tun. Ich werde mein Abendbrot essen wenn es fertig ist. Danach drück ich mal ein Auge zu. Dann schleif ich mich in die Küche und schäl ein paar Kartoffeln und ess mit euch allen noch was am Tisch. Und dann geh ich ins Bett und bin dem Tod wieder einen Tag näher gekommen.
Das darfst du nicht sagen.
Warum zum Teufel sollte ich das nicht sagen? fragte er. Komm ruhig zu mir, Tod, du Freund des Arbeiters.
Das darfst du nicht sagen.
Bist du deswegen gekommen, damit du mir sagen kannst was ich sagen darf und was nicht?
Nein, sagte ich. Ich bin gekommen um zu sehen ob es dir gut...




