Lothar | Das Wunder des Überlebens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Lothar Das Wunder des Überlebens

Erinnerungen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-552-05995-5
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erinnerungen

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-552-05995-5
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Diese Erinnerungen sollten Pflichtlektüre sein.' (Daniel Kehlmann) - Ein bewegendes Dokument von Ernst Lothar, Autor des internationalen Erfolgs 'Der Engel mit der Posaune'.
'Der Tag, an dem Österreich-Ungarn unterging, traf mich ins Herz ... etwas Unersetzliches war gestorben.' Ernst Lothar war ein Kind des Habsburgerreiches und blieb es bis zu seinem Ende. In der Ersten Österreichischen Republik machte er sich einen Namen als Theaterkritiker, und bis zu seiner Emigration leitete er gemeinsam mit Max Reinhardt das Theater in der Josefstadt. Nach Kriegsende kehrte er als Entnazifizierungsoffizier zurück und übernahm trotz Anfeindungen führende Positionen am Burgtheater und bei den von ihm mitbegründeten Salzburger Festspielen. 'Es ist schwer möglich, diesen genialen kindlichen Menschen nicht ins Herz zu schließen', schreibt Daniel Kehlmann in seinem Nachwort zu 'Das Wunder des Überlebens': 'Diese Erinnerungen sollten Pflichtlektüre sein.'

Ernst Lothar, eigentlich Ernst Lothar Müller, wurde 1890 in Brünn geboren und starb 1974 in Wien. Der Jurist arbeitete u.a. als Staatsanwalt, ehe er ab 1925 Theaterkritiker, Regisseur und schließlich Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde. 1938 emigrierte er in die USA, er kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. Ab 1948 war er Regisseur am Burgtheater und Direktoriumsmitglied bei den Salzburger Festspielen. 2016 erschien bei Zsolnay die Neuauflage seines Romans Der Engel mit der Posaune, 2018 der Roman Die Rückkehr. Im Frühjahr 2020 folgt Das Wunder des Überlebens.
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Klanglose Ouvertüre


Meine ersten Erinnerungen sind aufgepflanzte Bajonette und eine Theatervorstellung. Beides in Brünn, der Hauptstadt Mährens, jener Markgrafschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie, die eine aus Deutschen und Tschechen gemischte Bevölkerung hatte. Die Tschechen verlangten gleiche Rechte wie die Deutschen und demonstrierten dafür, daher waren Gewehrpyramiden mit aufgepflanzten Bajonetten nächst unserer Wohnung aufgestellt. Vom Fenster sah es lustig aus, wie die Leute auf dem Platz sich plötzlich nicht bewegen konnten, doch als ich darüber lachte, wurde es mir verwiesen. Ich gedenke der schrillen tschechischen Schreie und der Stimme meines Vaters, der sagte: »Da ist nichts zu lachen!«

Mein Vater war Rechtsanwalt, zu lachen nicht gewohnt. Auch meine Mutter hatte sich das Lachen frühzeitig abgewöhnt, zumindest sah ich sie meist ernsthaft; nur wenn sie Scherzgedichte zu spärlichen geselligen Anlässen verfertigte und sie mit ihrer Altstimme vortrug, erkannte man, wie fröhlich sie hätte sein können.

Ihr danke ich die zweite mir bewusste Erinnerung, einen Theaternachmittag. Selbst damit lief es nicht zum Besten ab, weil ich, vor Aufregung oder was es sein mochte, gerade als ich mich zum Weggehen fertigmachte, Krämpfe bekam, weshalb man mir einen erhitzten irdenen Deckel — »Stürzel« genannt — vorband. So ausgerüstet, schaffte eine ältere Aufsichtsperson mich in das nur eine Straße entfernte Stadttheater.

»Die Geisha« führten sie auf, eine in China spielende Operette, und der Deckel auf meinem Leib behinderte den Anfang. Auf einmal spürte ich ihn nicht mehr. Eine jähe Vergessenheit des Wirklichen kam über mich, »Tschin, tschin, Tschainamann, bist ein armer Tropf!«, sangen sie, dass jemand mich beaufsichtigte, wusste ich nicht, dass andere Leute außer mir da waren, verschwand, ich war glücklich. Davon, was auf der Bühne vorging, weiß ich nichts mehr, nur von dem Glücksgefühl. Und von einer willigen Bereitschaft, dem Wirklichen zu entlaufen.

Wenn ich daran zurückdenke, erscheinen mir diese ersten beiden Erinnerungen, vor denen ein absolutes Bewusstseins-Nichts liegt, kennzeichnend für mein Leben. Mit Bajonetten und dem Theater fing es an. Fast endete es so.

Wir wohnten auf dem Glacis, einer ehemaligen Befestigungsanlage, zu einer hübschen grünen Promenade umgewandelt, wo mittags und abends Leute lustwandelten, die sich Muße leisten konnten, vom »Schwedendenkmal« bis hinauf in die Nähe des »Deutschen Hauses«, fast täglich dieselben. Ein Finanzrat, der die Musikkritiken für den »Tagesboten« schrieb — die Schauspielkritiken schrieb ein Mathematiklehrer —; die koketten Töchter des Polizeidirektors; der Schauspieler Recke, der ihm begegnenden Bekannten den Text seiner Rollen rezitierte, um ihn bequemer zu erlernen, etwa mit den Worten: »Wie sagt Dr. Rank?«; der Professor der Technischen Hochschule von Bleyleben, dessen Söhne in Wiener Ministerien saßen; der liberale Reichsratsabgeordnete Baron d’Elvert, der gelegentlich stehenblieb, mit dem Spazierstock ärgerlich auf den Boden klopfte und seine Opposition kundgab; der Reichsratsabgeordnete Otto Lecher, den eine sechzehnstündige Obstruktionsrede berühmt und den »Filibuster«-Senatoren auf Capitol Hill zum Muster gemacht hatte; der bucklige Halsarzt Landesmann, sein Vater, Hieronymus Lorm genannt, zählte zur mährischen Literatur wie der düstere J. J. David, Richard Schaukal, modisch und hoffähig, und der robuste Karl Hans Strobl, schon damals ein brüderlicher Heimatkünder, der den deutschen Bruder herbeiwünschte; der blutjunge, flinke Hubert Marischka vom Stadttheater, an der Seite eines nicht viel älteren, schnurr- und knebelbärtigen Kapellmeisters namens Robert Stolz; immer dieselben Leutnants des Infanterieregimentes No. 8, gelegentlich einige des gleichfalls in Brünn stationierten nobleren Dragonerregimentes No. 6 mit wechselnden Begleiterinnen, an Sonntagmittagen spielte die Militärkapelle von No. 8 blechern dazu auf. Vom Oktober bis zum April.

Im Mai aber »übersiedelten« wir, das heißt, es wurde ein Möbelwagen gemietet, der Kisten und Körbe verfrachtete, während wir mit der »Lokalbahn«, einer dampfbetriebenen Beförderung, die kleine halbe Stunde zurücklegten, um in einen Vorort zu gelangen. Dort besaßen wir, Schreibwaldstraße 120, ein Sommerhaus, »Villa« genannt, ein einstöckiges Fünfzimmergebäude mit brauner, wildweinbewachsener Schweizerstil-Veranda, deren Aussicht die Rübenfelder der Bauer’schen Zuckerfabrik bildeten. Von dieser Veranda sah ich einen in Bärenfelle notdürftig gehüllten jungen Hünen bei einem Festzug das Ganze zum jähen Stillstand bringen und, unterhalb unseres Hauses, meiner Mutter ein Ständchen bringen, er schmetterte es zu ihr hinauf, hieß Leo Slezak und war ein Sänger des Stadttheaters. Von hier geschah es auch, dass ich den Posten kerzengerade auf und ab schreiten sehen durfte, wenn allsommerlich der Kommandant des 2. Armeekorps, Graf Alexander Üxküll-Gyllenband, die Brünner Garnison inspizierte und bei meinen Eltern zu Mittag speiste.

Mit der Rückfront ging unsere Villa in einen Garten über, der die Freude meiner Kindheit blieb. Nicht breit, doch langgestreckt, führte er mäßig steigend, in Zier-, Gemüse- und Obstgarten geteilt, endlos ins Unendliche, wie mir damals schien, obschon es kaum mehr als zehn Minuten in Anspruch nahm, um zu dem Holzzaun zu gelangen, der ihn abschloss, und womit er an die unbebauten Hügel der »Pulvertürme« grenzte; doch eine Tür mit verrostetem Schloss, zu der es einen versteckten Schlüssel an einem rostigen Nagel gab, öffnete ihn. Und sobald diese Tür aufging, hinter der sich nie jemand befand, nur Halden, Sträucher und im Hintergrund dichte Laubwälder, herrschten Unbegrenztheit und Einsamkeit, die mich mit Lust erfüllten, mit Schutz vielmehr. In der Einsamkeit und in der Grenzenlosigkeit, fand ich, war gut sein.

Ein spätgeborenes Kind alternder Eltern, hätte ich eine Schwester ersetzen sollen, die ein Jahr vorher gestorben war. Meine beiden Brüder, Robert um dreizehn, Hans um acht Jahre älter, befanden sich längst in Wien auf der Universität, als ich in die Brünner Volksschule eintrat. So war ich zeitig auf mich angewiesen. Die Eltern taten das Erdenkliche für mein leibliches Wohl, woran es oft gebrach, die Aufsichtspersonen sorgten für ihr eigenes; Kinder, meiner Anfälligkeit für ansteckende Krankheiten wegen, kamen selten in meine Nähe; es gab Wochen, Jahre will mir scheinen, da ich außer mit meinen Eltern mit niemandem sprach, in beständiger Angst vor neuem Fieber, abermaligem Bettgefängnis, jedes Klopfen an der Tür den Arzt androhend, das verhasste Niederhalten der Zunge mit einem großen kalten Löffel nebst jenem »Ah!«-sagen-Müssen, das sich von Freudenrufen unerfreulich unterschied.

Kinderspiele kannte ich kaum. Umso inniger genoss ich jene grenzenlose Freiheit unseres Gartens. Ich stieg den steilen Weg in die Unendlichkeit hinauf, bis zum »großen Nussbaum«, vergewisserte mich, dass ich allein war, öffnete die rostige Tür und, wohin ich schaute, trat nichts mir in den Weg. Von Märchen belehrt, die ich gierig las, erhob ich mich zum Herrscher einer gefügig hingebreiteten Welt, indem ich, auf einem Stein sultanisch thronend oder mit zusammengezogenen Knien und verschränkten Armen indianisch auf der Erde kauernd, meine Wälder aufbot, dafür zu sorgen, dass ich ungestört blieb. Später baute ich mir unter dem Nussbaum ein »Verlies«. Dort las ich, was mir in die Hand kam. Andersen blieb mein Liebling, und »Das hässliche junge Entlein« wusste ich auswendig.

Wenn man dergleichen nach sehr vielen Jahren zu Papier bringt, regt sich beträchtlicher Widerstand. Nicht nur, dass einem das Mitgeteilte, außer für einen selbst und an den Fingern einer Hand abzuzählende andere, bedeutungslos erscheint, was Grund genug wäre, die Menge der Selbsterinnerungen nicht zu vermehren, tritt das sich dabei einschleichende Übel der Selbstbeweihräucherung noch unliebsamer hervor. Mag man immerhin, da man nun einmal Rechenschaft über das eigene Leben abzulegen beschloss, sich damit beschwichtigen, dass manches in diesem Leben verdiente, der Vergessenheit zu entgehen, nicht nur weil es ungewöhnlich war, sondern weil es zu den Ergebnissen der Einordnung führte, in der die Existenz den Sinn empfängt, so bleibt trotzdem das Peinliche bestehen, sich darstellen zu sollen. Da lauert auf Schritt und Tritt die Gefahr der Voreingenommenheit, weil man mit sich ja ebenso schlecht bekannt wie nachsichtig ist. Doch mag der Leser glauben, dass der Autor, dieser Gefahr inne, ihr begegnen will; wie er sich auch, wo es die...


Lothar, Ernst
Ernst Lothar, eigentlich Ernst Lothar Müller, wurde 1890 in Brünn geboren und starb 1974 in Wien. Der Jurist arbeitete u.a. als Staatsanwalt, ehe er ab 1925 Theaterkritiker, Regisseur und schließlich Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde. 1938 emigrierte er in die USA, er kehrte nach Kriegsende nach Wien zurück. Ab 1948 war er Regisseur am Burgtheater und Direktoriumsmitglied bei den Salzburger Festspielen. 2016 erschien bei Zsolnay die Neuauflage seines Romans Der Engel mit der Posaune, 2018 der Roman Die Rückkehr. Im Frühjahr 2020 folgt Das Wunder des Überlebens.

Kehlmann, Daniel
Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren, wuchs in Wien auf und lebt heute in Berlin und New York. Er erhielt u. a. den Doderer-, Kleist-, Thomas-Mann-, Hölderlin-, Wildgans und Börne-Preis und zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern weltweit. Zuletzt erschienen der Roman »Lichtspiel« (2023) und sein Porträt über »Leo Perutz« (2024).



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