E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Lugbauer Schwimmen im Glas
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7117-5527-8
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5527-8
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eva Lugbauer, geboren 1985, aufgewachsen in Niederösterreich. Studium der Germanistik an der Universität Wien, Auslandsaufenthalt auf Sizilien. Lebt heute in Wien. Diverse Auszeichnungen und Stipendien, u.a. Theodor Körner Förderpreis, Hans-Weigel-Literaturstipendium. Ihr Debütroman »Und am Ende stehlen wir Zitronen« erschien 2018, der Lyrikband »faschaun farena fagee« 2023.
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Nicht zehn
Lore ist bald zehn und wenn du bald zehn bist, dann weißt du eine Menge. Du weißt, der Osterhase ist eine Erfindung, zum Beispiel. Der Weihnachtsmann ist eine Erfindung. Das Christkind ist eine Erfindung. Zwerge sind eine Erfindung, höchstwahrscheinlich. Meerjungfrauen könnte es geben, eventuell, sagt Lore, denn nur fünf Prozent der Meere sind erforscht.
Was gibt es dort draußen in der Welt und was gibt es nur in den Köpfen der Menschen? Gespenster? Teufel? Zungenküsse? Das ist eine der Fragen, die am schnellsten in Lores Kopf wächst: Machen Menschen tatsächlich Zungenküsse? Oder gibt es Zungenküsse nur im Film? Lore will Andi küssen, vielleicht sogar mit Zunge. Aber in der Welt dort draußen – nennen wir sie die echte Welt – hat Lore noch niemals einen Zungenkuss gesehen. Auch nicht in den Nachrichten. Und die, sagt der Vater, handeln von der echten Welt. In den Nachrichten sieht Lore Panzer und Granaten, Gesichter voll Dreck und Tränen unter Helmen. Krieg, so viel steht fest, gibt es. Wen könntest du fragen, ob es Zungenküsse gibt?
Lore fragt nicht, sie horcht, was die Menschen sagen, und die Menschen sagen viel. Vom Fernsehen bekommt man viereckige Augen, sagt jemand. Wenn du ein Haar schluckst, kannst du sterben, sagt jemand. Mädchen stinken wie ein Fisch, sagt jemand. Buben können besser rechnen, sagt jemand. Mädchen können besser stricken. Im Gymnasium gibt es einen schwulen Lehrer. Beim Gasthof Hirsch steht ein Mann, der Schokolade verschenkt. In der Unterführung steht ein Mann, der einen steifen Schwanz herzeigt. Im Wald geht ein Mörder herum. Im Wald geht ein Perverser herum. Im Wald geht ein Nackter herum. Die Lehrerin hat Spinnweben in der Fut. Was ist eine Fut? Was heißt pervers? Was ist ein steifer Schwanz? Wen könntest du all das fragen?
Lore will also Andi küssen. Das Problem ist, sie hat eine Warze. Die sitzt eine Zungenspitze weit weg vom Mundwinkel, direkt über der Oberlippe. Mit der Zunge kann Lore sie spüren. Sie ist nur ganz klein, dennoch, mit so einer kleinen Warze direkt über der Oberlippe hast du es nicht leicht. Es wird dich kein Mensch jemals küssen, denkst du, geschweige denn mit Zunge küssen. Lore weiß gar nicht, wann ihre Warze gewachsen ist und ob sie langsam gewachsen ist oder schnell. Ihr kommt vor, sie ist schnell gewachsen, über Nacht, eines Morgens ist sie da gewesen. Die Großmutter hat auch eine Warze, und zwar auf dem kleinen Finger. Die Großmutter sagt: Eines Morgens ist sie da gewesen.
Die Großeltern wohnen im Nachbarhaus, eine Gartentür verbindet den Garten des Elternhauses mit dem Garten des Großelternhauses. Das Großelternhaus hat eine Küche, eine Stube, eine Speisekammer, ein Kabinett, ein Schlafzimmer, eine Waschküche, ein Badezimmer und ein Klo. Das ist das Erdgeschoss. Hinten hat es einen Stall, dort gibt es eine Kuh und zwei Schweine. Im Garten gibt es eine Hühnerhütte, dort legen die Hühner jeden Tag Eier. Die Hühnerhütte ist Großmuttergebiet. Neben dem Stall hat das Großelternhaus eine Werkstatt, die ist Großvatergebiet. Der Großvater ist einmal Tischler gewesen, bevor er Pensionist geworden ist. Und was bist du einmal gewesen?, fragt Lore die Großmutter. Die Großmutter sagt: Ich bin nichts gewesen. Das heißt in diesem Fall Hausfrau. Und Mutter. Drei Kinder hat die Großmutter bekommen, zuerst Tante Ursula, da ist die Großmutter erst neunzehn Jahre alt gewesen. Das Bild mit dem Schwangerenbauch der Großmutter kennt Lore, das Hochzeitsbild. Es ist gerahmt und steht auf Großmutters Nachttisch. Der Bauch ist fast nicht zu erkennen, aber wenn du genau schaust, ist er eindeutig da. Ein schwarzes Kleid trägt die Großmutter auf dem Hochzeitsfoto. Warum schwarz?, fragt Lore. Warum nicht weiß? Weil es so war, sagt die Großmutter, weil wir nicht viel gehabt haben und froh sein müssen haben über das, was da gewesen ist. Ein schönes Kleid sei es gewesen, ein guter Stoff, sie spüre heute noch die feine Struktur des Gewebes auf den Fingerspitzen und den weichen Kragen am Hals. Tante Ursula also, die Erste. Dann ist lange kein Kind gekommen. Warum, Oma? Weil es so war. Dann Tante Maria, die Zweite. Ein Jahr später der Dritte und Letzte, der Vater: Engel. Er heißt nicht Engel, natürlich, er heißt Engelbert, aber kein Mensch sagt zum Vater Engelbert. Genauso wenig wie ein Mensch zum Großvater Engelbert sagt, zum Großvater sagen alle Bert.
Lore streift herum im Großelternhaus, es hat auch einen ersten Stock, dort sind Zimmer, aber darin wohnt niemand. Ursprünglich, sagt der Vater, habe der Großvater damals begonnen, den ersten Stock auszubauen, und der Großvater habe gewollt, dass die Jungen in den ersten Stock einziehen. Sicher nicht, sagt der Vater. Ich will nicht mit meinem Vater unter einem Dach wohnen, ich will Privatsphäre, ich will einen eigenen Eingang. Ein eigener Eingang ist wichtig, zum Beispiel, damit die Großmutter nicht unangekündigt im Vorzimmer des Elternhauses stehen kann, wenn man selbst in diesem Augenblick nackt durchs Vorzimmer geht, oder gehen würde. Das sagt die Mutter. Lore hat die Mutter noch nie nackt im Vorzimmer gesehen, aber – Wie auch immer. Ein eigener Eingang ist wichtig, daher haben die Mutter und der Vater das Elternhaus gebaut, neben dem Großelternhaus, mit einem Gartenzaun zwischen den zwei Häusern. In den ersten Stock im Großelternhaus, sagt der Vater, können ja Ursula oder Maria einziehen. Aber Tante Ursula wohnt in der Stadt und Tante Maria wohnt mit Onkel Wick und den Buben in der Siedlung hinter dem Wald. Der erste Stock steht also seit Jahren leer. Und das ist ein wunder Punkt. Den ersten Stock erwähnt man lieber nicht.
Schön ist der Garten. Das Großelternhaus ist umgeben von einem Garten, dort gibt es Apfelbäume, Birnbäume, einen Zwetschkenbaum und eine Menge Ribiselsträucher. Der Großelterngarten ist rechteckig und hat einen Zaun an drei Seiten, an der vierten Seite beginnt der Wald. Dorthin will Lore, und zwar alleine, aber sie darf nicht. Du bist noch zu klein, um alleine in den Wald zu gehen, sagt die Mutter. So ist es, wenn du noch nicht zehn bist. Du bist zu klein für dieses, du bist zu klein für jenes. Die Mutter sagt: Wenn du zehn bist. Und selbst dann setzt sie ein vielleicht hinten dran. Vielleicht ist ein Wort, das Lore nicht mag. Wenn es die Mutter ausspuckt, dann geht es über die Ohren direkt in Lores Bauch und dort drückt es, manchmal heftig. Wenn es zu heftig wird, dann musst du gehen, zum Beispiel ins Großelternhaus – wohin sonst? Am besten, du übernachtest gleich dort.
Wenn Lore im Großelternhaus übernachtet, dann liegt sie im Großelternbett, zwischen dem Großvater und der Großmutter, mit dem Rücken auf dem Spalt zwischen den zwei Matratzen. Der Großvater steht früh auf, er muss die Kuh und die zwei Schweine füttern, unter anderem. Die Großmutter und Lore bleiben noch liegen. Ein paar Minuten nur, sagt die Großmutter. Die paar Minuten dauern eine halbe Stunde, meistens. Das darfst du dem Großvater nicht sagen. Du stehst auf, und wenn der Großvater in die Küche kommt, tust du, als wärst du schon längstens aus dem Bett. Gleich nach dem Aufstehen geht die Großmutter ins Bad, dort steckt sie ihre langen Haare zu einem Knödel auf. Das macht sie jeden Morgen. Die Großmutter hat viele Haare, sie aufzustecken macht nicht wenig Arbeit. Wieso steckst du immer deine Haare auf?, fragt Lore. Weil es schön aussieht, sagt die Großmutter. Und Schönsein, das will jede Frau. Und die Männer, Oma? Ach, sagt die Großmutter, die Männer.
***
Du wirst sieben, acht, neun, älter und so ist die Welt: Schönsein ist Frauensache. Die Frauen sagen es, die Männer sagen es, alle haben es schon immer gesagt, sagen sie, und so wird es also sein, denkst du. Es ist die Wahrheit: Frauen wollen schön sein. Aber was, wenn sie gesagt hätten, lackierte Nägel sind Männersache? Röcke sind Männersache? Lange Haare sind Männersache? Wenn sie gesagt hätten: Schönsein, das will jeder Mann. Du stößt an eine Grenze, unsichtbar, an eine Wand aus Glas, du suchst nach einem Ausgang, findest ringsum nur noch mehr Glas, du schaust nach oben und dort siehst du einen Stachel. Heraus tropfen Worte, die schon immer gesagt wurden. Sie tropfen weiter und weiter in dein Glas.
***
Die Großmutter steckt also die Haare auf, tagsüber. Nachts aber, wenn Lore im Großelternhaus übernachtet, da sieht sie das lange, mit weißen Strähnen durchzogene Haar der Großmutter offen. Warum trägst du es nicht auch tagsüber offen, Oma? Das, sagt die Großmutter, sei dem Großvater nicht recht. Eigentlich sagt sie, das sei dem Vater nicht recht. So nennt die Großmutter ihren Mann: Vater. Nachts trägt die Großmutter ein langes weißes Nachthemd. Das ist weniger schön, findet Lore. Doch tagsüber, da...




