E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Lukas Vinyl
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-902950-49-9
Verlag: Milena Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-902950-49-9
Verlag: Milena Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Lukas, geb. 1956 in der hessischen Provinz. Lebt seit 1981 in Berlin, wo er sich in der Hausbesetzerszene engagierte und im heute legendären Wohnzimmer und der Villa Kreuzberg Clubkonzerte veranstaltete. 1985 gründete der Bassist mit Musikerfreunden die Band Element of Crime und nahm während der folgenden zehn Jahre eine Reihe stilbildender Alben mit ihr auf. Seither veröffentlichte er ein Solo-Album: 'The Fear OF A Singer', und einen vielgelobten ersten Roman: 'IHN'. Darüber hinaus ist Paul Lukas überwiegend als Übersetzer amerikanischer AutorInnen wie Nora Eisenberg, Quincy Troupe und Glen Wescott tätig.
Autoren/Hrsg.
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Ohne Nadja wüsste ich wohl nicht viel von Liebe, hätte wie die meisten von uns eine eher blasse Ahnung vom zwanghaften Sinn für Gerechtigkeit, von zermürbendem Selbsthass und der Flucht in den Irrsinn, hätte ich nicht diese Träume.
Ohne Nadja wäre ich heute noch Musiker von Beruf und nicht der versoffene A&R-Manager einer drittklassigen Schallplattenfirma. Einundvierzig Jahre alt. Ausgebrannt. Komplett im Eimer.
Als Erstes hatte ich mich in ihren unglaublich direkten Blick verliebt, dachte damals, trunken vor Stolz in Erwartung eines ziemlich großen Gigs, er gelte mir, war von ihrer rosaroten Haarpracht beeindruckt, von herrlichen Brüsten in ultrakurzem Kleidchen, den die Beine verlängernden kniehohen Stiefeln. Zwei schüchterne Wochen später, sie mochte meine Stimme am Telefon, fand ich an ihrem Bett kauernd heraus, dass sie Kontaktlinsen trug und über einen erstaunlichen Vorrat an Perücken verfügte. Als ich überraschend vor ihrer Wohnungstür auftauchte, hatte sie hysterisch nach einer imaginären Haushälterin gerufen und sich das nächstbeste Haarkleid übergeworfen.
Später standen wir auf ihrem Balkon, betrachteten die Sterne, genossen den städtischen Duft des Sommers, von Kastanien, Döner Kebab und Katalysator-Versagen, und ich erzählte ihr stolz, ich hätte ein Kind gezeugt (das zweite verschwieg ich ihr vorsichtshalber), einen Baum gepflanzt (während der wenigen Wochen, die ich Jahre zuvor als Gärtnergehilfe durchgehalten hatte) und ein Haus gebaut (ich hatte in einem Abrissunternehmen gejobbt und schwarz ein paar Mauern wieder hochgezogen). Dies schien ihr mächtig zu imponieren, sie legte ihr von grünen Locken umrahmtes Köpfchen gegen meine Schulter und summte irgendwas in der Art von »As time goes by«.
Trotzdem hatte ich mich kurz darauf verabschiedet, und es sollte noch einmal volle zehn Tage dauern, bis wir uns in einer Kneipe in der Nähe meiner Kreuzberger Wohnung verabredeten, bei einer Palette Mut machender Flaschenbiere fröhlich ins Plaudern kamen und schließlich bei mir zu Hause und dann auch sofort in meinem frischbezogenen Bett landeten, wo ich den großartigsten Sex meines Lebens erlebte. Ein Traum wurde wahr, eine kaum noch für möglich gehaltene gleichzeitig körperliche wie geistige Vereinigung, wie mir schien, und als wir uns erschöpft eine Zigarette teilten, trieb es mir, noch unter ihr und in ihr, Tränen des Glücks in die Augen.
Später in dieser Nacht, das Gesicht nur noch schwach vom Mondlicht beleuchtet, erzählte mir Nadja mit leiser Stimme, dass sie seit drei Jahren auf den Strich ging. »Aber mach dir jetzt bloß keine Sorgen, ich hab’s kein einziges Mal ohne Gummi gemacht.«
Sie sprach von der einzigartigen Freundschaft, die sie mit ihren Kolleginnen verbinde, von einer nirgendwo sonst gefundenen Solidarität, der geteilten Verachtung der Männer, die sie in diesem Job ausleben könne, aber ich hatte doch gar nicht nach Gründen gefragt.
Zwei Tage später stand sie wieder vor meiner Tür. Kurz geschorenes dunkelblondes Haar, ungeschminkt, im Parka, in Jeans und billigen Turnschuhen. Klein und schutzlos und so gar nicht mehr die selbstbewusst kokette Lady, als die sie mir bei unseren ersten Begegnungen erschienen war. Diesmal verbrachten wir eine ganze Woche im Bett, hoben wieder und wieder in ungeahnte Höhen ab, liebten uns und redeten, alberten in herrlicher Vertrautheit, standen nur auf, um aufs Klo oder zum Kühlschrank zu gehen, aßen kaum und tranken wenig, bis ich schließlich trotz allem den Wunsch verspürte, mal wieder alleine zu sein, zu arbeiten, meinen Kram zu sortieren, zu mir zurückzufinden, ganz einfach mal wieder ich selber zu sein.
Aber Nadja verstand nicht. Sah zutiefst verletzt aus, fühlte sich zurückgewiesen und weggeschickt. Ich blieb stur, drückte sie an mich, wischte ihr zärtlich zwei Tränen von der Wange, drehte sie um, dann also bis morgen, und schob sie zur Tür hinaus.
Nur fünf Minuten später klingelte es. Ich hatte gerade eine zerrupfte Saite meines Fender Precision Bass ausgetauscht, legte das gute Stück zur Seite und schlurfte mürrisch in den Flur, um zu öffnen. Vor mir stand Nadja. Beziehungsweise eine weitere verwirrende Variante meiner neuesten Eroberung. Noch einmal mindestens fünfzehn Zentimeter kleiner, schmaler und schutzbedürftiger. Am ganzen Leibe zitternd, mit einem verzerrten Gesichtsausdruck, der einem mir vollkommen fremden Menschen gehörte. Die panisch flackernden Augen suchten zwei weit auseinanderliegende Punkte in der Wohnung hinter mir, die rechte Hand fuhr ihr in fahrigen Wischbewegungen über den hässlich zugespitzten, nun winzigen Mund. »Sie sind wieder da!«, stammelte sie verzweifelt, »sie sind wieder da.«
»Wer denn? Wer ist wieder da?«, antwortete ich grober, als ich beabsichtigt hatte.
»Die Männchen«, schluchzte sie, »die kleinen grünen Männchen!«
Ich empfand Mitleid und gleichzeitig eine wachsende Wut. Glaubte sie denn ernsthaft, mit diesem Blödsinn bei mir landen zu können? Vor der herbeigeheulten Invasion außerirdischer Zwerge in meine Wohnung fliehen zu dürfen? Aber was war es, das sie zu derart lächerlichen Mitteln greifen ließ, um dem Alleinsein zu entgehen? Meine Zuneigung gewann die Oberhand. Seufzend führte ich sie wieder hinein, sie sackte in meinen Armen zusammen, ich hob sie auf, wie leicht sie jetzt war, trug sie ins Bett, zog sie aus, streichelte sie und bemühte mich, beruhigend auf sie einzureden, bis das allerschlimmste Zittern und Weinen vorüber war. Nach drei Tagen Ruhe und Pflege entsprach sie in etwa wieder dem Mädchen, das ich in einer der intensivsten Wochen meines Lebens kennengelernt hatte.
Diese verfluchten Geigen. Und die stechenden Kopfschmerzen, die sich anfühlten, als fuhrwerke ein durchgeknallter Zahnarzt mit seinem Instrumentarium in meinem Schädel herum. Dazu das Pochen und Ziehen in dem hässlichen Stumpf, der einmal meine linke Hand war. An Schlaf war nicht mehr zu denken.
Der Kerl in der Wohnung über mir hatte mich jahrelang mit Abba gequält, mit Tic Tac Toe, Phil Collins, George Michael und noch viel mehr von all dem verlogenen Müll, aber die neuesten Scheiben der Band, in der ich einst meinem Traumberuf hatte nachgehen dürfen, dröhnten natürlich erst zu mir herunter, seit die Sache für mich endgültig und für immer gelaufen war. Ich den mit süßlichen Streichern verklebten Sound nicht mehr ertragen konnte, mir die Stimme des Sängers zur Folter geworden war und der Langweiler, der meinen Platz am Bass eingenommen hatte, mich vom langsamen, genüsslichen Morden fantasieren ließ. Weil ich nicht daran erinnert werden wollte. Wie mir die Verachtung des Scheins die Leber zerfraß. Seitdem ich nun Tag für Tag einem vierundzwanzigjährigen geklonten Klassenstreber gegenübersaß, der nach das Hirn verkleisternden Wochenendseminaren der Kulturindustrie ins Büro stürmte, sich mit arroganter Visage im Schwingsessel zurücklehnte, die Designerschuhe auf dem Glastisch platzierte und den Kugelschreiber lässig in der Luft kreisen ließ, um mit der frisch erlernten Pose »Überlegenheit zu suggerieren«, wie er mir, maßlos von sich selbst begeistert, erklärte. Und anschließend den lieben langen Tag nichts anderes tat, als die hoffnungslosen Dilettanten abzubürsten, die ihr Erspartes in Studioaufnahmen grauenvoller selbst gebrannter CDs gesteckt und einen Termin bei ihm ergattert hatten. Den er ihnen einzig und allein deshalb eingeräumt hatte, weil es ihm Spaß machte, dabei zuzuschauen, wie von Ruhm und Erfolg träumende Augen erloschen. Tom Tänzer war ein Arschloch.
Ich stieg vorsichtig aus dem Bett, bemüht, das wasserstoffblonde Mädchen mit den Ringen in der Zunge, das leise und friedlich neben mir schnarchte, nicht aufzuwecken, und ging ins Bad, um ein Glas Wasser zu trinken. Ein weit vor der Zeit gealtertes aufgequollenes Trauergesicht, von Alkohol und Koks gerötet wie ein blutiges Steak, glotzte mir blöde aus dem Spiegel entgegen. Die Tränensäcke wären als Wiener Würstchen durchgegangen. Was taten die jungen Mädchen nicht alles, um an einen Plattenvertrag zu kommen. Und ich konnte mich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Oder ihre Message. Umpf, umpf, umpf. Der letzte aufrichtige A&R, der sich auch zum Ende des Jahrtausends noch höchstpersönlich unters Volk mischt. In Clubs geht, um wahre Talente aufzuspüren. Bloß dass der sterilisierte Schrott, den sie dir heutzutage auftischen, keine Jauche und keinen Groove hat, keine Farbe und keine Substanz. Und dann kommt so ein kleines Mädchen daher, Kajal bis zum Ohr, nicht schön, aber jung, entdeckt den einsamen traurigen Ex-Künstler mit Verbindungen, schiebt ihm verschmitzt eine Hörprobe zu und einen zarten weichen Schenkel übers Knie. Der Sänger plärrt, die Synthies quietschen, was für ein Gesindel wieder da vorn auf der Bühne, schnell noch zwei Bier und dann ab aufs Klo mit ihr, wir hocken um die Schüssel herum, der Rest des zerbrochenen Deckels dient als...




