E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Mahler Die Zeitforscherin
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99014-279-0
Verlag: Muery Salzmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-99014-279-0
Verlag: Muery Salzmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Flora S. Mahler wurde 1975 in Wien geboren. Sie studierte Philosophie und Germanistik. Ihre literarischen Texte wurden in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, unter anderem in 'Literatur und Kritik' und 'die Rampe'. Seit 2005 arbeitet sie als bildende Künstlerin im Kollektiv Asgar/Gabriel. Im Jahr 2021 erschien ihr Romandebüt 'Julie Leyroux' beim Verlag Müry Salzmann.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
„In unserer Familie sind die Erstgeborenen weiblich“, erkläre ich der neuen Freundin meines Bruders vom Rücksitz aus, den Kopf ans Fenster gelehnt, das leicht beschlägt und das heutige Datum sichtbar werden lässt, das ich vor zwei Stunden, kurz nach der Ausfahrt aus Wien, auf die Scheibe gemalt habe. 2/9/22.Auch zuhause schrieb ich es, frühmorgens, frisch geduscht, auf den vom Wasserdampf blind gewordenen Badezimmerspiegel.
Ich habe schlecht geschlafen und weil ich friere, wenn ich müde bin, so lange geduscht, bis der Boiler leer war. Er ist fassgroß und hängt bedrohlich wie eine Gewitterwolke über dem Allibert. Beim Zähneputzen die Angst, der Himmel fällt mir auf den Kopf. Allibert. Ein Wort, geheimnisvoll wie die Schmuckkästchen meiner Mutter. Seit Jahren habe ich es nicht mehr gehört. Außer Mama hat es niemand verwendet. Ich sehe sie, den Föhn in der Hand, einen Lockenwickler zur Probe lösen. Er fällt auf das Handtuch, das sie ins Waschbecken gelegt hat, damit die Wickler nicht nass werden und kein Soldat aus der Armee filigraner altrosa Halternadeln, die ihren Kopf überzieht, in den Abfluss rutscht und das Rohr verstopft. Sie öffnet die verspiegelten Badezimmerschranktüren. Der Geruch von Taft. Auf der L’Oréal-Spraydose das Portrait einer Frau mit langer, wie von einem Windstoß aufgewirbelter Mähne. Eine Haarpracht, von der Frauen und Mädchen träumen. Eine Frau wie meine Mutter und ein Mädchen wie ich. Denn unser Haar ist dünn. Das ist erblich bedingt. Wer dünne Haare hat, kann nicht jede Frisur tragen. Für mich gilt, nicht länger als schulterlang und einen Pony, der die hohe Stirn bedeckt. Mama trägt ihr Haar kurz und verzichtet nach drei Schwangerschaften auf Blondierungen. Verlorenes Volumen kompensiert eine Dauerwelle. Wenn sie aus der Dusche steigt, hat sie Locken, klein wie die, die sie in Geschenkbänder macht, indem sie die Enden mit Druck über den Schaft einer Schere zieht. Ich finde sie wunderschön und verstehe nicht, wieso sie auf große Wickler gelegt, ausgeföhnt, toupiert und mit Taft fixiert werden müssen. Trotzdem sehe ich fasziniert dabei zu.
Auf dem Hochzeitsfoto ist Mamas Zopf unterm Schleier hüftlang. Als sie mir, die Wickler aus dem Becken räumend, von dem Haarteil erzählt, das in ihn eingearbeitet war, bin ich so enttäuscht, dass ich aus dem Bad laufe. Zum Frisör im Ort habe ich sie trotzdem weiterhin begleitet, und sie hat mich gern mitgenommen. Ich war beliebt, bei den Lehrlingen, denen ich beim Aufkehren half, und der Chefin, die sich eine Tochter wünschte und mich mit Schokolade verwöhnte. Ich mag Süßes, doch Pikantes ist mir lieber. Also schickte Mama mich eines Tages, als sie unter der Trockenhaube saß, ein paar Straßen weiter zum Fleischer. Ich war alt genug, ohne sie einkaufen zu gehen. Und merkte mir. Nicht mehr als fünf Deka. Fünf. Primzahl. Eine Folge, für die ich mit sechs schon ein Wort hatte, nicht aber für die Angst, die mich draußen überfiel und aus fünf und Primzahl fünfte Primzahl machte. So habe ich im Laden eine Semmel mit elf Deka Extrawurst verlangt. Und bekommen.
Mama und Chefin wollten, dass ich das Wurstsemmelmonster mit ihnen teile. Die Lehrlinge lachten, da hat mich der Ehrgeiz gepackt, und ich habe es ganz allein aufgegessen. Seit damals habe ich keine Wurstsemmel mehr angerührt. Schon das Wort schlägt mir auf den Magen.
Ich muss mich ablenken. Allibert. Deonym. Generalisierter Markenname für Badezimmerschränke. Mama und ihr Faible für alles Französische, murmele ich, das erste Wort so laut, dass Ela es hört.
„Du meinst in der Familie eurer Mutter?“
Ich beuge mich vor. „Ja, alle Erstgeborenen, Töchter. Und vier von fünf Lehrerinnen.“ Du bist also gewarnt, möchte ich hinzufügen, aber es würde meinen Bruder in Verlegenheit bringen, und ich bin froh, dass ich bei David mitfahren kann. Die Verbindung nach Ametsberg in Kärnten ist schlecht. Fünf Stunden Bahn. Zwei Stunden Wartezeit. Eine Stunde Bus. Ela hat David gebeten, noch niemand zu erzählen, dass sie schwanger ist. Doch er kann nichts für sich behalten. Ich dagegen kann schweigen wie ein Grab. Und zuhören, ohne zu fragen. Warum kommt nicht auch der Dritte? David lebt polyamourös, in einer Beziehung zu dritt. Ein Dreieck ist in der euklidischen Geometrie eine einfache Figur in der Ebene. Weil es vom Flachland in die Berge geht?
„Und welche Berufe haben die übrigen?“, erkundigt sich Ela.
„Verschiedene, ohne statistische Signifikanz. Dabei überwiegen auch bei den Zweit- und Drittgeborenen die Töchter.“
David wechselt die Spur, der Autobahnwind wird lauter. „Martina ist besessen von Reihen, Verteilungen, Wahrscheinlichkeiten und Mustern. Nicht nur familiären. Schon als Kind war sie so. Wenn wir in den Ferien zu den Großeltern nach Ametsberg gefahren sind, habe ich mit ihr stundenlang auf die Farbe des Autos gewettet, das uns als nächstes überholen würde. Martina hat immer gewonnen.“
Wenn David mich Martina nennt, ist er entweder böse auf mich oder von mir beeindruckt. Martina ist der Name, der mich auf Distanz hält. Nähe, das ist Ina. „Nein, nicht immer.“
„Dann hast du mich gewinnen lassen, damit ich weiterspiele.“ Und zu Ela. „Wie Martina das macht? Es hat irgendwas mit der Häufung roter und weißer VWs zu tun ...“
Ela schüttelt ungläubig den Kopf.
„Doch, frag’ Ina, wie das Verhältnis von roten und weißen VWs seit dem Semmering ist!“
Ela dreht sich zu mir um. „Wirklich? Wie viele rote?“
Ich habe nicht darauf geachtet. „Im Verhältnis zu weißen?“ Ich lüge. „Sieben zu neun.“
Ela zwinkert mir zu und legt ihre Hand auf Davids Knie. Er steigt vom Gas. „Auf der Raststation
St. Marein treffen wir uns mit Claudia. Wir sind da auch früher immer stehen geblieben. Sonst hat Ina getobt und geschrien.“
„Das habe ich nur einmal gemacht.“
David sucht nach Elas Hand, sie hat sie zurückgezogen.
Marein. Die Buchstaben von Marie und Ina. Mama und mir. Ich habe Claudia einmal beim Bücher-Aussuchen vor der Abreise, ihr beiden, nehmt euch für die Fahrt was zu lesen mit, davon erzählt, und sie hat Mama gefragt, ob wir nicht mal woanders stehen bleiben könnten.
Mama hätte eigentlich Maria heißen sollen; zu Marie machte sie ein Tippfehler auf der Geburtsurkunde. Ob sie deshalb für ihre Kinder Namen wählte, in denen der Buchstabe A dominiert und das E fehlt? Claudia. Martina. David.
„Claudia, unsere ältere Schwester, hat zwei Kinder, ihr erstgeborenes ist ein Mädchen“, kläre ich Ela auf.
„Sophie will wie ihre Mutter Lehrerin werden“, ergänzt David.
Und da sagt Ela es selbst: „Ich bin also gewarnt.“ Wir lachen.
Nachdem der Frauenarzt meiner Mutter die zweite Schwangerschaft bestätigte, meinte er, das erste Kind sei Pflicht, ab dem zweiten beginne die Kür.
Meine Großmutter war das vierte.
Meine Mutter kam an dritter Stelle.
Ich bin die Zweitgeborene. Diese Reihe endet mit mir.
Ich will keine Kinder, ich bin nicht der fürsorgliche Typ, erklärte ich Adam, dem einzigen Mann, mit dem ich länger zusammen war. Drei Wochen, bevor Mama starb. Eineinhalb Monate vor meinem dreißigsten Geburtstag. Demnächst werde ich vierzig.
Aufgereiht wie in einer Gameshow saßen wir am Tag nach Mamas Tod am Verkaufstisch eines Bestattungsunternehmens in der niederösterreichischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Der Liebe wegen zog Mama erst von Kärnten nach Wien, dann ins Umland.
Erste Runde. Die Gestaltung der Parte. Gedacht als leichte Einstiegsaufgabe. Der ältere der beiden Mitarbeiter war enttäuscht, als wir gleich beim Trauerspruch versagten, uns Nachdenkzeit erbaten, da etwas Persönliches wollten. Ein Blick auf die Uhr. Sie könnten das auch zuhause. Mailen Sie uns dann bitte die Datei.
Zweite Runde. Die Auswahl des Sargs, Einäscherung war kein Thema. Ein dunkler Ordner mit in Klarsichtfolien eingelegten Ausdrucken, jedes Blatt ein Modell, keine Preisangaben, die Modelle aber doch erkennbar in aufsteigender Reihenfolge sortiert. Der schmucklose Fichte-Sarg, eine schnell überblätterte Seite. Die mittlere Kategorie, dunkleres Holz, profilierte Leisten, kommentiert mit die hier werden gerne genommen. Zuletzt die Luxusausführungen. David und Claudia entschieden sich für ein Modell, das gerne genommen wird. Dabei stellte Claudia klar. Wenn Sie denken, diese Wahl sage etwas über unsere Mutter oder unseren Schmerz aus, liegen Sie falsch. Wären beide Gradmesser, ein Sarg aus Gold würde nicht reichen. Aber warum Persönlichkeit oder Zuneigung im Kauf eines teuren Sargs ausdrücken? Die Mitarbeiter starrten sie an, dann nickte der ältere beeindruckt, der jüngere beflissen. Warum ich Ihnen das sage? Wer behauptet, dass er nichts auf die Meinung anderer Leute gibt, wo...




