E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
Mair Die Kindermacher
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03875-615-6
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Aufstieg und Fall der grössten Schweizer Start-up-Hoffnung
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
ISBN: 978-3-03875-615-6
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefan Mair ist Journalist und Autor. Er moderierte den Start-up-Podcast «upbeat» und war jahrelang Wirtschaftsjournalist bei der Handelszeitung.
Zielgruppe
Dieses Buch richtet sich an ambitionierte Gründerinnen und Gründer sowie an Personen, die sich für die Dynamik und Herausforderungen in der Welt von Start-ups und innovativen Technologien interessieren. Darüber hinaus bietet es wertvolle Einblicke für alle, die sich mit Themen wie Unternehmensaufbau, Finanzierung, Produktentwicklung und dem Umgang mit Erfolgsdruck auseinandersetzen.
Autoren/Hrsg.
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2. Geld
Die Euphorie der Investoren
Wenn der Pitch eine der Grundübungen für Start-up-Unternehmer ist, dann ist das, was folgen muss, genauso wichtig. Das Einsammeln von Geld. Denn Jungunternehmen brauchen in regelmässigen Abständen grosse Finanzspritzen. Sie starten mit den sogenannten Seed-Runden, wo kleinere Beträge in das Unternehmen gesteckt werden, fahren fort mit sogenannten Serie-A-, Serie-B- und Serie-C-Runden. Im Idealfall steigt in jeder Runde die Summe, die Investoren bereit sind zu zahlen. Und jede Runde geht mit einer Neubewertung des Unternehmens einher.
Eine Firma, die 10 bis 20 Millionen einsammelt, kann schnell mit mehreren Hundert Millionen Franken bewertet sein. Gelingt eine Finanzierungsrunde und halten Gründerinnen und Gründer ihre Anteile, sind sie reich, zumindest auf dem Papier. Schaffen sie schliesslich den Exit durch einen Verkauf, ist der Heldenstatus in der Start-up-Szene garantiert.
Die Investorensuche war für Ava schnell von Erfolgen gekrönt. Zum Beispiel bei Lea von Bidder: In der Frühphase des Unternehmens schrieb sie einem bekannten Vertreter aus der Medizinbranche einen Brief, in dem sie kurz darstellte, warum sich eine Investition in Ava lohne und warum die Vision hinter der Firma mehr als ein Traum sei. Nachdem sie den Brief abgeschickt hatte, hörte sie zunächst nichts – und schnell war das Schreiben zwischen all den E-Mails und Nachrichten, die sie im Rahmen ihrer Netzwerkarbeit verschickte, in Vergessenheit geraten.
Als sie dann im Büro an der Werdstrasse die Antwort auf dem Tisch liegen hatte, öffnete sie das Kuvert vorsichtig. Sie war unsicher, denn: Wer macht sich schon die Mühe, eine Absage per Brief zu schicken? Wer gibt Investitionszusagen auf Papier? Als sie den Brief dann las, konnte sie es kaum glauben. Der Absender bot an, 250 000 Franken zu investieren. Ohne Nachfragen, mit freundlichen Grüssen.
Mit solchem Rückenwind startete das Unternehmen Ava. Das Interesse an Start-ups und innovativen Ideen war damals immens. Viele Investoren in der Schweiz waren in Spendierlaune. Ab 2012 wuchsen die Summen, die in Schweizer Start-ups flossen, massiv an. Das investierte Venture-Kapital stieg Jahr für Jahr, zwischen 2014 und 2019 vervierfachte es sich beinahe. 2012 lagt die Start-up-Finanzierung in der Schweiz noch unter 500 Millionen, fünf Jahre später überschritt sie die Milliardengrenze, 2019 erreichte sie 2,3 Milliarden Franken: der Höhepunkt – vor dem Corona-Knick. Es waren die goldenen Jahre der Schweizer Start-up-Finanzierung.
Und mitten in diesem Boom stand ein Gründerteam mit Lea von Bidder als zentraler Figur, das der Welt versprach, die Fruchtbarkeit von Frauen mit einem eleganten Armband zu revolutionieren – einem Wearable, das in Zürich entwickelt und von San Francisco aus promotet wurde. Und mit Pascal Koenig war ein erfahrener Serienunternehmer an Bord. Er brachte Glaubwürdigkeit und wertvolle Verbindungen in die Investorenwelt mit ein.
Dann waren da noch Peter Stein und Philipp Tholen, beides ausgewiesene Experten in den Bereichen Medizintechnik, Hardware und Datenanalyse, beide in der akademischen und der Start-up-Welt hochgeschätzt. Das Team besass die perfekte Mischung aus Vision, Fachwissen und Einfluss, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und das Interesse der Investoren zu gewinnen.
In den sechs Monaten von Juni bis November 2015 sicherte sich Ava Investorengelder in Höhe von 2,6 Millionen US-Dollar – eine beträchtliche Summe für eine Seed-Runde, erst recht in der Schweiz. Die Seed-Runde ist entscheidend. Sie soll dem Start-up, das auf Kapital von Investoren angewiesen ist, in der ersten Phase helfen, um ein Produkt entwickeln, erste Kunden gewinnen und das Geschäftsmodell validieren zu können. Der Begriff «Seed», Samen, symbolisiert, dass diese ersten Investitionen der Kern für das Wachstum des Unternehmens sind.
Schlag auf Schlag
Im Januar 2018 holte Ava 9,7 Millionen US-Dollar in einer Serie-A-Finanzierungsrunde, der nächsten Stufe auf der Investitionsleiter. Unter der Leitung von Polytech Ventures und dank der Beteiligung neuer Investoren wie Blue Ocean Ventures und Global Sources sowie Swisscom und Zürcher Kantonalbank, die bereits früher eingestiegen waren, festigte diese Serie-A-Runde die Position der jungen Firma. Noch im gleichen Jahr startete Ava seine Serie-B-Runde. Das Ziel: Man wollte weitere 30 Millionen Dollar, um das Wachstum zu beschleunigen und das Ava-Band weiterzuentwickeln.
Der Erfolg liess nicht auf sich warten. Ava zog nicht nur frisches Kapital von bestehenden Unterstützern an, es gesellten sich zwei grosse Namen dazu: die europäischen Risikokapitalgesellschaften btov Partners und SVC AG von der Credit Suisse. Die Serie-B-Runde war ein Meilenstein. Sie markiert auch die zehntausendste Schwangerschaft, die in den zwei Jahren seit dem Marktstart des Ava-Armbands unterstützt worden war, wie das Ava-Marketing umgehend verkündete.
Das sogenannte Cap Table – das Dokument, das die Beteiligungsverhältnisse an einem Start-up dokumentiert – wurde bei Ava immer länger, je mehr Geld die Firma einsammelte. Zu Beginn war es nur ein Dutzend, doch die Zahl der Geldgeber schoss rasant in die Höhe. Am Ende hatte Ava nicht weniger als 90 Investoren.
Das war nicht nur gut. «Für Start-ups kann es ein Problem sein, zu viele einzelne Investoren an Bord zu haben», sagt Ruedi Gygax. Als er 2015 zum Verwaltungsrat von Ava stiess, hatte er sich als ehemaliger Managing Director des Novartis Venture Fund längst einen Namen gemacht und war mit der Start-up-Branche vertraut. «Aus Governance- und praktischen Gründen ist es oft anzustreben, möglichst wenige Grossinvestoren anstatt vieler Kleininvestoren zu haben», sagt er. Das sei wichtig, insbesondere für Start-ups mit grossem Finanzbedarf, die früher oder später von Business Angels zu institutionellen Investoren wechseln müssen. Business Angels sind meist wohlhabende Privatpersonen, institutionelle Investoren oft grosse Banken und Versicherungen.
«Viele Start-ups nehmen in ihrer frühen Phase zahlreiche kleine Investoren auf – und haben eine lange Liste an Beteiligten auf der Cap Table. Professionelle Investoren, etwa Venture-Capital-Firmen, die in der Regel erst später einsteigen, sehen das nicht gerne. Sie wollen wenige starke Ansprechpartner und nicht unzählige kleine, die alle mitreden wollen und bei Entscheidungen, die Einstimmigkeit erfordern, kontaktiert werden müssen.»
Genau das sei bei Ava ein Problem geworden. Auch kleinere Investoren waren dem Hype gefolgt, den Ava schon früh ausgelöst hatte. Auch gab es mehrere sogenannte Observer Seats, also Sitze für Beobachter im Verwaltungsrat. Er selbst sei kein Fan davon, sagt Gygax. «In den Sitzungen kam es vor, dass diese Beobachter lauter und dominanter waren als die eigentlichen Verwaltungsratsmitglieder. Das halte ich für ungesund. Der Verwaltungsrat sollte ein effizientes, durch Verantwortung geleitetes Gremium sein, das Kontrolle ausübt und der Firma eine klare Richtung vorgibt.»
Ava konnte zwar von ihren vielen Investoren beträchtliche Summe abrufen, aber es fehlte ein starker Lead-Investor. «Im Idealfall bringen ein oder zwei starke Lead-Investoren den grössten Teil des Kapitals ein, arbeiten aktiv im Board mit und helfen durch ihre Netzwerke und ihre Erfahrung, die richtige Strategie zu finden.» Das habe bei Ava gefehlt. «Ich habe zwar bei der Ausarbeitung des Term Sheet mitgeholfen, weil das mein Fachgebiet ist. Trotzdem wurde ich nicht als der starke Lead-Investor gesehen, der Ava wirklich auf Kurs hätte bringen können.»
Auch Lea von Bidder wird deutlich, wenn sie an die zersplitterte Investorenbasis zurückdenkt: «Es war ein Albtraum, um ehrlich zu sein. Mit fast 90 Investoren erforderte jede Entscheidung umfangreiche Kommunikation und Konsensfindung. Es ging nicht mehr nur darum, Geld zu beschaffen, sondern auch darum, eine kleine Armee von Interessengruppen zu verwalten.»
Dieses Mass an Komplexität habe die Fähigkeit, schnell strategisch wichtige Schritte zu unternehmen und auf Marktveränderungen zu reagieren, zunehmend erschwert. «Wenn wir zum Beispiel eine Wende einleiten oder wichtige Änderungen vornehmen mussten, war es fast unmöglich, rechtzeitig die Zustimmung aller Investoren zu erhalten», so von Bidder. Allein einen spontanen Call mit allen Beteiligten aufzusetzen, war bei fast 100 Ansprechpartnern fast nicht möglich.
Dementsprechend waren viele Sitzungen kaum beschlussfährig, und die Debatten verlagerten sich in die Gespräche vor oder nach den Calls. Immer wieder wurde auch Lea von Bidder persönlich von Investoren angerufen, und sie hörte dann Dinge wie: «Du, ich sitze gerade mit Investor X und Y zusammen, wir hätten folgende Idee.» All diese Ideen neben der offiziellen Kommunikation zu sortieren, sei eine Herausforderung gewesen.
«Ein Hauptinvestor hätte die zentrale Entscheidungsfindung und die strategische Führung bieten können, die wir so dringend benötigt hätten», so von Bidder. «Er hätte den Investitionsprozess...




