Mamczak | Die Zukunft | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 112 Seiten

Mamczak Die Zukunft

Eine Einführung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13751-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Einführung

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

ISBN: 978-3-641-13751-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf den Spuren der Zukunft

Seit es Menschen gibt, denken sie über die Zukunft nach. Aber heißt über die Zukunft nachzudenken auch, diese Zukunft zu »gestalten«? Was ist das eigentlich: die Zukunft? Ein Raum, in dem wir die Ängste und Hoffnungen der Gegenwart deponieren? Oder etwas, das wir verstehen, ja vielleicht sogar erfinden können? Sascha Mamczak, Herausgeber der »Heyne Science Fiction«-Reihe, begibt sich auf Spurensuche.
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1 Wir Zukünftige

Alles, was existiert, hat eine Zukunft. Aber nicht alles, was existiert, macht sich Gedanken über die Zukunft. Unsere tierischen und pflanzlichen Mitbewohner auf dem Planeten machen sich derartige Gedanken nicht (zumindest haben wir sie bisher noch nicht dabei beobachtet), und sie erwecken nicht den Anschein, als würden sie das als dramatischen Mangel empfinden; sie akzeptieren einfach die Tatsache, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Gegenwart leben und zu einem anderen Zeitpunkt in einer anderen Gegenwart. Wir Menschen dagegen leben nicht nur in der Gegenwart; durch unser Erinnerungsvermögen leben wir auch in der Vergangenheit; vor allem aber leben wir in der Zukunft: Wir antizipieren und kalkulieren, projizieren und projektieren, modellieren und konsumieren die Zukunft, und es ist die herrschende Lehrmeinung, dass gerade diese Fähigkeit – die Fähigkeit, als Individuum, als Gesellschaft, als Spezies geistig in die Zukunft auszugreifen – einst der entscheidende evolutionäre Vorteil unseren planetaren Mitbewohnern gegenüber war: dass diese Fähigkeit unsere Kultur und Zivilisation überhaupt erst ermöglicht hat.

Dem geistigen Ausgreifen in die Zukunft ging an irgendeinem Punkt in der evolutionären Kette die Erkenntnis voraus, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht nur voneinander unterscheidbare Existenzzustände sind, sondern dass sie sich auch auf ganz bestimmte Weise voneinander unterscheiden. Schließlich baut jede Art von Zukunftsantizipation auf der Voraussetzung auf, dass gewisse Parameter in der Gegenwart auch in der Zukunft gegeben sind, beziehungsweise in der Zukunft eine Veränderung durchlaufen werden, die wir vorausberechnen können. In vielen Fällen ist das tatsächlich so: Wir können den Lauf der Planeten, die Blüte der Pflanzen oder die Geburt eines Babys ziemlich genau vorausberechnen (natürlich immer unter der Ceteris-paribus-Annahme, dass sich an den Rahmenbedingungen sonst nichts ändert), und es ist ein verführerischer Gedanke, dass diese Myriaden weitergerechnete Einzelfälle zusammengenommen (inklusive der Myriaden Rahmenbedingungen) die vollständige Zukunft ergeben, dass Zukunftswissen also nichts anderes ist als vollkommenes Gegenwartswissen: Wenn man etwa vor einem Fußballspiel alles – wirklich alles – über die körperliche Verfassung der Spieler, die Laune des Schiedsrichters, den Zustand des Balls, die Beschaffenheit des Rasens, die Stärke und Richtung des Windes und so weiter weiß, dann könnte man den Ausgang des Spiels korrekt voraussagen. Das klingt reichlich skurril, aber genau davon waren die Deterministen an der Wende zum neunzehnten Jahrhundert überzeugt, wie man der berühmten Passage in Pierre Simon Laplace’ Théorie analytique des probabilités entnehmen kann:

Gäbe es einen Augenblick lang eine Intelligenz, die fähig wäre, alle Kräfte zu erfassen, durch die die Natur belebt ist, und die jeweiligen Standorte der Lebewesen, aus denen sie besteht … nichts wäre ungewiss, und die Zukunft wie die Vergangenheit wären für diese Intelligenz deutlich erkennbar.

Es ist das auf die Spitze getriebene Newton’sche Weltbild: Wer alle natürlichen Gesetze und Kräfte kennt und über das vollständige Wissen sämtlicher Zustände aller Materieteilchen zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügt, kann die Zukunft – den Zustand der Materieteilchen zu einem späteren Zeitpunkt – akkurat vorausberechnen. Da es dem Menschen aber leider nicht vergönnt ist, über eine solche Informationsfülle zu verfügen, blieb die entsprechende Situation eine Chimäre, ein Gedankenexperiment: der berühmte »Laplacesche Dämon«, der auf wundersame Weise eben all dieses Wissen besitzt.

Heute haben wir einen weitaus nüchterneren Blick auf die Möglichkeit, die Zukunft vorauszuberechnen (auch wenn man Laplace’ Dämon in abgeschwächter Form immer mal wieder begegnet: aktuell nennt er sich »Big Data«). Nicht nur die extreme Komplexität der Interaktion zwischen Mensch und Natur und zwischen Mensch und Mensch – vulgo: das »bekannte Unbekannte« sowie das »unbekannte Unbekannte« (Donald Rumsfeld) – macht eine solche Quantifizierung fragwürdig, nach Gödel, Einstein, Heisenberg, Schrödinger und anderen wissen wir auch, dass sich etliche natürliche wie menschengemachte Vorgänge in der Welt, selbst wenn ihre wichtigsten Prinzipien und Mechanismen bekannt sind, prinzipiell der Quantifizierung entziehen, weil die Erklärung eines Phänomens eben nicht identisch mit seiner Voraussage ist. Die Prinzipien und Mechanismen zum Beispiel, die das Wetter bestimmen, sind weitgehend bekannt, und trotzdem lässt sich über eine gewisse Zeit hinaus keine Voraussage treffen, die sicherer wäre als die, die man raten würde. Ähnliches gilt für Erdbeben, Aktienkurse, Kriegsverläufe, Krankheitsausbrüche, Terroranschläge und vieles mehr – was wir in diesen, die Zukunft betreffenden Fällen haben, sind keine Sicherheiten, sondern Möglichkeiten. (Streng genommen ist alles, was die Zukunft betrifft, nur eine Möglichkeit – selbst, »dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese«, wie Wittgenstein schreibt –, aber wir haben eben im Laufe der Evolution ein eigentlich durch nichts begründetes Vertrauen in bestimmte Aspekte der Wirklichkeit entwickelt, ohne das wir morgens gar nicht aus dem Bett kommen würden.) Zukunftswissen ist also immer probabilistisches Wissen: Es könnte sein, dass … Es besteht eine x-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass … Mit ziemlicher, aber nicht hundertprozentiger Sicherheit wird … Die Zukunft ist nach heutigem Kenntnisstand wenn schon nicht berechenbar, dann doch schätzbar.

Das ist ja schon mal etwas. Jedenfalls ist es mehr, als wenn wir es mit einem völlig beliebigen, ausschließlich vom Zufall abhängigen Wissen zu tun hätten. Und es reicht offensichtlich aus, um eine ganze Industrie am Leben zu erhalten, all die Politologen, Soziologen und Astrologen, all die Dichter und Denker, die munter über das Eintreten beziehungsweise Nicht-Eintreten zukünftiger Ereignisse spekulieren: Was wird in fünfzig, hundert, fünfhundert Jahren geschehen? In was für einer Welt werden wir dann leben und wie können wir uns ein Bild von dieser Welt machen? Welche Parameter verändern wir, welche Rahmenbedingungen behalten wir bei? Und gerade weil sich bei diesem munteren Spekulieren praktisch nie ein wie auch immer gearteter Konsens ergibt, gehört es zu unseren Lieblingsbeschäftigungen: Unzählige Romane, Sachbücher, Studien, Zeitungsartikel, Fernsehprogramme, Internetblogs beschäftigen sich in der einen oder anderen Weise mit der Zukunft, und wenn man etwas mit ziemlicher (allerdings nicht hundertprozentiger) Sicherheit über die Zukunft sagen kann, dann dass wir auch in der Zukunft ausgiebig über die Zukunft spekulieren werden.

Natürlich hat es bei all der Zukunftsspekuliererei immer wieder erstaunliche Treffer gegeben: Schilderungen zukünftiger Ereignisse, sei es auf wissenschaftlicher, politischer oder gesellschaftlicher Ebene, die tatsächlich zur Gegenwart wurden. (Mein persönlicher Favorit ist ein amerikanischer Text aus dem Jahre 1883, der nicht nur elektrische Automobile beschreibt, die lautlos über glatte Betonstraßen gleiten, sondern auch ein Detail hinzufügt, das es in den USA erst seit Ende der 1940er-Jahre gibt: die Linie in der Straßenmitte.) Aber hat Jules Verne, um ein ganz bekanntes Beispiel zu nehmen, wirklich »die Zukunft« vorausgesehen, als er in Von der Erde zum Mond seine Weltraumexpedition in Florida starten ließ, wie es ihm dann etwa hundert Jahre später die NASA nachmachte? Ganz sicher war er ein guter Rechner in Sachen Umlaufbahnen und Rendezvouspunkte, doch die Vorstellung, wir würden die Rakete mit einer Kanone zum Mond schießen und trügen dabei einen Bratenrock, hatte leider gar nichts mit der Zukunft zu tun. Wie hoch also die Trefferquote auch sein mag, es wäre müßig, eine Liste vergangener Vorhersagen aufzustellen und sie nach dem Grad ihres Eintreffens zu bewerten, so wie es müßig wäre, gegenwärtige Vorhersagen aufzulisten und sie mit Wahrscheinlichkeitswerten zu versehen, denn die Wirklichkeit neigt nicht nur dazu, unsere Vorhersagen zu unterlaufen, tendenziell sagen all diese Zukunftsspekulationen auch weitaus mehr über die Gegenwart aus, in der sie entstanden sind, als über die Zukunft, die tatsächlich auf diese Gegenwart folgte. Denn so wie eine Gegenwart sich selbst versteht, versteht sie in einem nicht geringen Ausmaß auch ihre Zukunft. Schon auf rein soziokultureller Ebene ist es ein nur schwer zu vermittelndes Konzept, dass die Zukunft womöglich ganz anders sein wird als die Gegenwart: Als im Jahre 410 Rom von den »Barbaren« erobert wurde, waren die Römer der festen Überzeugung, dass damit die Geschichte an sich zu einem Ende gekommen sei; als 1989 der Kapitalismus über seinen östlichen Widerpart triumphierte, glaubten nicht wenige Kapitalisten dasselbe; die Geschichte geht aber nicht nur weiter, sie überrascht uns auch regelmäßig. Außerdem basiert jede Zukunftsspekulation zwangsweise auf gegenwärtigem Wissen; zukünftiges Wissen, etwa eine Entdeckung oder eine Erfindung, die dem menschlichen Verständnis von der Welt und seiner Rolle darin eine völlig neue Richtung gibt, kann offensichtlich nicht Grundlage der Zukunftsschau sein – zu den nie wirklich lösbaren Problemen der Zukunft gehört also die nicht gerade unwichtige Frage, wie wir in Zukunft denken und fühlen werden, ja wer »wir« in Zukunft eigentlich sein werden.

Andererseits ist die Zukunft nie völlig anders als die Gegenwart, immerhin baut sie auf gegenwärtigen Voraussetzungen auf: auch zukünftiges Wissen basiert auf der...


Mamczak, Sascha
Sascha Mamczak, Jahrgang 1970, beschäftigt sich seit vielen Jahren als Autor und Lektor mit gesellschaftlichen Zukunftsthemen und ihrer Verbindung zum fantastischen Genre. Er studierte Politische Wissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Öffentliches Recht in München und Edinburgh. Zuletzt sind von ihm bei Heyne die Bücher »Die Zukunft – Eine Einführung« sowie »Es ist dein Planet – Ideen gegen den Irrsinn« erschienen.



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