E-Book, Deutsch, 154 Seiten, Format (B × H): 123 mm x 205 mm, Gewicht: 265 g
Mantwill Glühfarbe
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7550-5044-5
Verlag: März Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 154 Seiten, Format (B × H): 123 mm x 205 mm, Gewicht: 265 g
ISBN: 978-3-7550-5044-5
Verlag: März Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thea Mantwill, geboren 1990 in München, studierte an den Kunstakademien Karlsruhe und Düsseldorf und schloss dort als Meisterschülerin ab. Ihre Werke sind multimedial und verbinden Texte mit Bildender Kunst. Mantwill lebt und arbeitet in Düsseldorf.
Autoren/Hrsg.
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Wir wohnen in einer alten Fabrikhalle, genau genommen darunter. Es ist wie ein Hasenkäfig für Menschen: unsere Matratzen auf dem Boden, ein Kühlschrank an der Wand, Wasserkocher, unsere Habseligkeiten verstreut. Futterstelle, Schlafstelle, Waschstelle. Wir müssen keine Miete zahlen, deswegen sind wir hier.
Nachts tropft es von der Decke, vor allem bei Regenfällen. Es tropft direkt auf unsere Matratze oder meine Beine. Neulich sagte Buster nach dem Aufwachen erfreut:
»Der Fleck ist nicht mehr ganz nass.«
Das ist wohl der bestmögliche Zustand, den wir hier erreichen können (an diesem Morgen war es leider nur ein Irrtum, der Fleck hatte sich lediglich nach unten hin vergrößert, er war sozusagen gewandert). Natürlich könnten wir die Matratzen auch woanders hinlegen, aber der Wasserfleck ist so groß, dass er sich durch das komplette Zimmer zieht. Und das Wasser ist klar, der Wasserfleck auch, genauso gut könnte der Ozean durch die Decke tropfen. Also warum Wind machen. Wir könnten auch auf den Dachboden gehen, also in die Halle, und uns die Situation mal ansehen. Ob dort Wasser steht, wo es herkommt – denn auch wenn es nicht regnet, tropft es glasklares Wasser – aber ich fürchte mich vor dem Hinaufgehen in diese Halle, die riesig sein muss, so sehr wie vor dem Hinabgehen in ein finsteres Verlies. Ein Kellergefühl auf dem Dachboden. Um uns herum ist es schön, aber unheimlich. Viele Häuser stehen dort noch, die bereits genauso lang dort sind wie die Fabrikhalle. Hübsche, winzige Häuser mit spitzen Dächern. So wie ich Häuser mag. Sie sehen aus, als wären sie gerade erst verlassen worden, und das ist das Unheimliche: Sie können nicht gerade erst verlassen worden sein, ich weiß ja, dass dem nicht so ist. Aber so sehen sie nun mal aus: Nur die Fenstergläser fehlen. Die Gardinen wehen zwischen den Fensterkreuzen heraus, lassen das Innenleben … oder nein, »Leben«, das ist doch makaber – das Interieur hervorblitzen: dunkle Küchenschränke, ein schöner, runder Eichentisch in dem kleinen Haus schräg neben unserer Haustür. Und manchmal blitzen durch diese Vorhänge auch Gesichter hervor, eine etwas jüngere Frau um die vierzig und eine ältere, ihre Mutter wahrscheinlich. Es sind nur Sekunden (oder ohnehin Einbildung), aber manchmal, wenn ich hinter den großen Fenstern des Badezimmers oder auf der Veranda stehe, sehe ich sie. Einmal hörte ich sogar eine Stimme. Aber dort ist nichts. Das sagt die Vermieterin, das sagt Buster, das sagt mein Verstand. Dort ist nichts. Das andere Gebäude schließt am hinteren Ende der Fabrik an, ein ehemaliges Arbeiter:innenhaus. Es ist länglich, mit kleinen Fensterchen im roten Ziegeldach. Es ist schön. Wirklich schön. Durch die Vorhänge, die sich um das Fensterkreuz winden, um mir zu winken, sehe ich eine Bibliothek. Glänzende Buchrücken, alte Bücher, abgegriffen, aber edel, das erkenne ich sofort. Dunkelrot, moosgrün, senfgelb. Schönste Brauntöne. Ich liebe Bibliotheken. Das Problem ist hier die Lampe. Neben dem Bücherregal steht ein Sessel, der zumindest den Anstand hat, immer leer auszusehen, egal, in welcher Sekunde ich dort hinblicke, und neben diesem Sessel steht eine Lampe. Eine schöne Lampe, etwa hundert Jahre alt, mit einem stoffbezogenen Lampenschirm, an dem unten diese Fädchen herabhängen – ihr wisst, was ich meine –, auf einem bronzen glänzenden Hals mit gebogenen Füßen. Sie brennt. Sie brennt unentwegt. Ein warmes, verlockendes Licht fällt nachts auf das Bücherregal, ein Licht, das sich mit dem des Tages sehr gut verträgt, aber sie brennt auch tagsüber. Wir haben das überprüft, als wir draußen standen, zwei Stunden lang, wispernd, mit dem festen Plan, gemeinsam hineinzugehen und sie endlich auszuschalten, damit dieses Licht aufhört, uns nachts zu rufen. Tagsüber, so dachten wir, wäre es etwas milder, etwas weniger unheimlich, weniger lebendig, eine mechanische Tätigkeit: hineingehen, ein Licht ausschalten. Doch wir schafften es nicht. Wir standen dort und schafften es nicht. Ich konnte einen Buchtitel lesen, eine geschwungene, silbern eingeprägte Schrift auf Rubinrot: Rebecca. So nah war man der Lampe bereits, wenn man einen Meter vom Fenster entfernt stand – und sogar das war schon unheimlich. Ich hatte panische Angst, die Vorhänge könnten mich berühren.
Jedenfalls schafften wir es nicht. Wir gingen »nach Hause«.
Ganz anders der Wohnpark, der vor der alten Fabrik liegt, wie um unsere klägliche Behausung vor der Stadt zu verstecken. Allein das Wort »Park« biedert sich ja schon an. Und selbst wenn ich die alten Kastanienbäume liebe, auch die bräunlichen Kiesel auf den Wegen, die leicht knirschen, wenn man darüber läuft, und so das Quietschen meiner billigen Schuhe übertönen, sogar die Rasensprinkler liebe ich, feine Tröpfchen auf der Haut und der Geruch von frischem Gras. Doch zu der Institution Wohnpark blicke ich mit Verachtung hinauf, zur immer gleichen, unendlich vervielfachten Wohnung, übereinander in den Himmel gestapelt, Balkons mit der immer gleichen Markise (orange-apricot gestreift) und darauf die immer gleichen Dekorationsobjekte und Pflanzen, um sich von den anderen abzusetzen, nicht ahnend, dass man damit den letzten Beweis erbringt, zu »den Leuten« zu gehören. Ich habe die Hausordnung dieses oder anderer Wohnparks natürlich nie gesehen, zu welcher Gelegenheit denn auch?, aber ich bin mir sicher – ja, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen, und meine Hände sind, zusammen mit den Ohren, das Schönste an mir –, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der seitenlangen Hausordnung ausschließlich aus Regularien zur Vereinheitlichung des Außenbildes der einzelnen Gebäude und Wohnungen besteht: Die Lackfarbe des Balkons ist festgelegt, die Farbe und Beschaffenheit der Jalousien, wie weit die Pflanzen über das Geländer hinausreichen dürfen, was man auf dem Fensterbrett trocknen lassen darf (Handtücher), was man aus dem Fenster hängen lassen darf (nichts, schon gar keine Fahnen oder Banner), was im Fenster hängen darf (Vorhänge, auf keinen Fall aber Stoffe mit Motiven, Schrift oder gar Flaggen oder politischen Parolen). Und so standen zwischen den wunderschönen alten Kastanienbäumen Mausoleen für Lebendige mit sehr teuren Einzelgruften.
Buster und ich lachen gern darüber, wenn wir abends auf der knarrenden Bank der Veranda sitzen und, das Badezimmer im Rücken, die neutrale Welt um uns herum betrachten, die durch unser aller Zuschreibungen zu einer feindlichen geworden war und auf die derzeit ein zartes Frühlingslicht fällt.
Einmal war eine der Frauen aus dem Wohnpark bei ihrem abendlichen Spaziergang zu mir gekommen. Fröhlich wankte sie mit ihrem fülligen, von mehreren tuch- und sackartigen Stoffen und unter einem Schal verborgenen Körper auf mich zu, winkend, um sich anzukündigen, sogar die morschen Stufen der Veranda kam sie hinauf, um sich neben mich zu stellen und ebenfalls auf den Park hinabzublicken. Sie setzte sich nicht. Neugierig stellte sie einige Fragen, wie wir hierher gekommen waren, nach unseren Berufen, ob die Fabrikhalle saniert war, vielleicht ein Loft? Sie versuchte gar nicht erst, zu verbergen, dass sie unbedingt einen Blick ins Innere werfen wollte, aber ich blieb natürlich sitzen, lächelte höflich und antwortete kurz. Als meinen Beruf nannte ich »Verkäuferin« und auf die Frage, was ich denn verkaufe, antwortete ich: »Alles«. Ihr muss ohnehin klar gewesen sein, dass ich log, denn man sah mich nie zu festen Zeiten aus dem Haus gehen, und warum sollte jemand mit einer festen Arbeitsstelle auch in einer Baracke wohnen.
»Ich bin Kinderentwicklungsbetreuerin«, erzählte sie stolz, mit einem Seitenblick auf mich herunter, und ich fühlte mich, als würde ich in ihrem mächtigen Schatten sitzen, obwohl die Sonne nur noch hinter der Krone eines Baumes hervorblinzelte. Kindergärtnerin, wie man noch sagte, als ich ein Kind war und dieser Beruf noch nicht so angesehen wie heute. Seit alle Schulen, Vorschulen und Kindergärten privatisiert und damit zu einer Weiche für das weitere Leben und die Profession der Kinder geworden waren, hatten die entsprechenden Berufe, mit steigendem Gehalt und immer höheren Ansprüchen, rapide an Beliebtheit und Prestige gewonnen. Es war ein guter Beruf und Kinder nichts anderes mehr als kleine Erwachsene. Ich hatte schon immer einmal fragen wollen, wie es sich für eine Person meines Alters oder älter anfühlte, die ebenfalls noch in einem Kindergarten (was für ein schönes Wort das auch war, ein Garten für Kinder!) aufgewachsen war, in dem man frei spielen durfte, nun ein zu den eigenen Erfahrungen so konträres Konzept zu vertreten. Ob sie glaube, dass das gut für die Kinder sei.
Aber an diesem Tag hatte ich keine Lust, überhaupt irgendetwas zu fragen.
Sie erkundigte sich nach Buster und ich antwortete wahrheitsgemäß, er sei Tänzer. Sie nahm diese Information in sich auf, schluckte sie herunter, blickte auf den Boden. Vielleicht hatte sie etwas sagen wollen wie: »Das sieht man«, aber sie wollte sich nicht die Blöße geben, zuzugeben, dass sie ihn beobachtet hatte, dass er sie interessierte. Es wunderte mich nicht, er war zierlich und kräftig zugleich, hatte einen federnden Gang, ich wurde allenthalben nach ihm gefragt. Fast alle interessierten sich für ihn. Aber woher sollte sie das wissen. Nach einer Weile nickte sie und ging, und obwohl das Gespräch mich verärgert hatte, so wie Gespräche mit Menschen – das Gespräch mit Tieren beherrsche ich leider noch nicht – es meistens taten, blieb in meinem Herzen trotzdem ein Anflug von Freude zurück, denn ihr Lächeln, als sie sich zwischen mir und dem Geländer vorbeischob und weich meine Knie...




