E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Marchant Whistleblower - Between Love and Truth
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-377-90053-1
Verlag: Wattpad@Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Der New-Adult-BookTok-Erfolg mit #metoo-Thema
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Die besten deutschen Wattpad-Bücher
ISBN: 978-3-377-90053-1
Verlag: Wattpad@Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Marchant begann mit 15 Jahren auf Wattpad Geschichten zu schreiben und hat inzwischen ihren Bachelor in Creative Writing an der Universität von Kalifornien gemacht. Sie lebt und arbeitet in der San Francisco Bay Area.
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2
Es dauerte einen Moment, bis mir aufging, dass ich mit völlig verdatterter Miene vor annähernd hundert Studenten auf dem Podium stand.
Ich machte meinen Mund zu und ließ auf der Suche nach Andre den Blick durch den Saal schweifen. Er saß in der dritten Reihe von hinten, zwei Plätze vom Mittelgang entfernt, und hatte mir mit seinem Rucksack einen Platz frei gehalten. An seinen Haaren war er leicht zu erkennen – oben hoch mit einem Fade Cut an den Seiten und zwei rasierten Rennstreifen über den Ohren. Natürlich war es auch von Vorteil, dass er knapp eins fünfundneunzig groß war und die gleiche schwarze Nike-Jacke trug wie alle Footballspieler.
Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, als ich die Stufen hinaufeilte und mit einem abgrundtiefen Seufzer neben ihn auf den Sitz schlüpfte. »Was hast du gemacht?«, zischte er mir zu. »Bist du hierher geschwommen?«
»Sehr witzig«, knurrte ich und zitterte ein wenig, als ich meinen Rucksack abnahm. Andre musste gemerkt haben, wie durcheinander ich war, denn er hielt den Mund und ließ mich in Ruhe auspacken. Ich knallte die losen Seiten meines Artikelvorschlags auf das winzige und völlig nutzlose Klapppult an meinem Stuhl, ehe ich mich gegen die Rückenlehne sinken ließ.
»Ist das dein Artikel?«, fragte Andre. »Ich dachte, den musstest du heute Morgen abgeben.«
»Ich gehe gleich nachher zur Studentenvereinigung. Das Ding in der Bibliothek auszudrucken war ein absoluter Albtraum.«
»Du solltest es mal in der Architektur-Bibliothek versuchen, da haben sie diesen Sommer neue Drucker bekommen. Richtig gute. Ich kann dich mit meiner Karte reinlassen.«
Stöhnend rieb ich mir über das Gesicht. Warum passierte mir das immer wieder? Wieso war ich nicht in der Lage, mit Aufgaben, die mir wichtig waren, rechtzeitig anzufangen – vorzugsweise vor dem Tag, an dem ich sie abgeben musste?
Unten auf dem Podium verband Nick seinen Laptop mit dem Beamer. Drei Reihen unter mir drängelte sich Bodie an den Beinen der Sitzenden vorbei, um zu seinen Mannschaftskameraden zu gelangen, die in einer Gruppe zusammensaßen.
»Heilige Scheiße«, sagte Kyle Fogarty. »Der Coach macht extra Druck auf den Prof, um dich in der Vorlesung unterzubringen, und du kommst zu spät? Starker Move.«
Bodie verzog das Gesicht, allerdings nur ganz kurz, sodass ich es fast nicht bemerkt hätte. »Das war keine Absicht«, erwiderte er. »Der Coach wollte mit mir frühstücken. Wir mussten die Strategie fürs nächste Wochenende besprechen.«
Ich war mir nicht sicher, weshalb es mich so überraschte, dass Vaughn Bodie einen Platz in einer bereits vollen Lehrveranstaltung besorgt hatte. Dass ein Footballspieler an der Garland University eine Vorzugsbehandlung genoss, war weiß Gott nichts Neues. Während der Daily nur schwarz-weiß erscheinen konnte, weil der Uni das Budget für einen Farbdruck fehlte, bekam das Footballteam in seinem nagelneuen Trainingszentrum Softeis und Massagen gratis. Jeden Herbst aufs Neue berauschte sich die Stadt Garland am Ruhm ihres Collegeteams und küsste der Mannschaft den kollektiven Arsch.
Die anderen Spieler begrüßten Bodie mit komplizierten Handschlag-Ritualen und Schulterklopfen. Ich beobachtete sie mit einer gewissen Faszination und zuckte zusammen, als Scott Quinton – ein Offensive Tackle, dessen Nacken so breit war wie der eines Seelöwen – Bodie dermaßen heftig auf den Rücken schlug, dass ich in meinem eigenen Arm einen Phantomschmerz spürte.
»Jungs sind so peinlich«, murmelte ich. »Tut das nicht weh?«
Andre blickte von seinem Laptop auf und bedachte mich mit einem vernichtenden Blick. »Du und Hanna zupft euch gegenseitig die Augenbrauen.«
»Stimmt«, räumte ich ein. »Solltest du nicht auch da unten sein? Beim Team?«
»Nee, deine Gesellschaft ist mir viel lieber«, sagte er, obwohl ich ahnte, dass es eher damit zu tun hatte, dass er nur in der B-Auswahl war und die Mannschaftskollegen weiter vorn zur Startaufstellung gehörten. »Außerdem brauche ich deinen Rat. Welcher Font sieht besser aus?«
Er richtete den Monitor seines Laptops so aus, dass ich seinen jüngsten Entwurf sehen konnte. Er war bunt, geometrisch und wunderschön wie alles, was Andre machte. Obendrüber standen die Worte Garland Black Student Union.
»Der zweite«, sagte ich, nachdem er sich durch mehrere Optionen geklickt hatte.
»Futura.« Andre gab ein nachdenkliches Brummen von sich. »Du magst es klassisch. Gefällt mir.«
»Nerd.«
Ich wusste nicht, wie Andre überhaupt Zeit zum Schlafen fand. Er war permanent auf Achse – im Studio, beim Footballtraining, auf Treffen der Black Student Union – und tauchte zu den seltsamsten Zeiten bei uns in der Wohnung auf, um die Küche zu durchstöbern und Frühstücksflocken oder Pistazien direkt aus der Packung zu essen, bis Hannas schwesterliche Instinkte zu stark wurden und sie ihm eine anständige Mahlzeit kochte. Man hätte ihn als Schnorrer bezeichnen können, aber das wäre nicht fair gewesen. Er verbrannte an einem Tag einfach nur mehr Kalorien als ich in einer ganzen Woche (noch ein Grund, weshalb ich wirklich aufhören musste, bei Pepito’s mit ihm Tacos um die Wette zu essen).
Abermals richtete ich meine Aufmerksamkeit auf die Footballspieler drei Reihen weiter unten, die immer noch ihre Kameradschaft zelebrierten. Fogarty mit seinem Undercut, der aussah wie ein verkappter Irokese – und den er nächstes Wochenende vermutlich wieder grün färben würde, so wie vor jedem Eröffnungsspiel –, war unfassbar laut, und die anderen ließen sich von seiner Energie anstecken. Sie lachten und riefen durcheinander, um sich Gehör zu verschaffen, bis irgendwann die Hälfte des Hörsaals über ihre Witze und Bemerkungen kicherte.
Dann allerdings tippte Bodie seinem Sitznachbarn auf die Schulter und legte einen Finger an die Lippen. Sein Lächeln war freundlich und kein bisschen autoritär, dennoch wurde die ganze Gruppe augenblicklich still.
»Und? Wie sieht St. James aus?«, raunte Andre mir zu.
»Ich bin nicht …«, begann ich, ehe ich schnaubte. »Ich habe bloß nachgedacht.«
Es war keinesfalls so, dass ich Bodie auf einmal toll fand. Ganz bestimmt nicht. Nur weil ein attraktiver weißer Junge mit einem charmanten Lächeln und dem Körper eines Olympioniken nett zu mir gewesen war, hieß das nicht, dass ich mich spontan in ihn verknallt hatte. Und wenn Fogartys Behauptung stimmte – wenn Coach Vaughn sich tatsächlich an Nick gewandt hatte, um Bodie einen Platz in einer der begehrtesten Vorlesungen der gesamten Uni zu verschaffen –, war das ein eklatantes Fehlverhalten, über das ich nicht einfach hinwegsehen konnte. Das Sahnehäubchen auf einer ganzen Torte von Privilegien. Insofern: nein. Ich war nicht in Bodie St. James verknallt. Es machte mir lediglich Freude, ihn anzusehen.
»Glaubst du, er weiß Bescheid?«, fragte ich Andre.
»Worüber?«
Ich tippte mit einem Finger auf die vier Seiten auf meinem Pult. Andre war der Erste, dem ich von meiner Idee für eine Story erzählt hatte. Jeder in Garland kannte die Geschichten über Vaughns Kampf gegen den Alkohol, deshalb war er nicht überrascht, sondern lediglich enttäuscht gewesen. Das hatte weniger damit zu tun, dass er Vaughn mochte (dieser war, um es mit Andres eigenen Worten zu sagen, »im Grunde ein ziemlich blöder Sack«), sondern weil die laufende Saison für Garland die beste des Jahrzehnts zu werden versprach.
»Darüber, dass der Coach wieder trinkt?«, fragte er. »Wahrscheinlich, aber ich werde bestimmt nicht derjenige sein, der ihn darauf anspricht. So eng bin ich nicht mit ihm.«
»Ich dachte, ihr redet miteinander.«
»Klar, manchmal. Er hat auch schon mit mir zusammen trainiert und mich einmal zum Mittagessen eingeladen. Aber er ist zu allen in der Mannschaft nett.«
»Verstehe«, murmelte ich.
Ich war in Betrachtungen von Bodies Kieferkontur versunken und überlegte gerade, dass er sich am Morgen frisch rasiert haben musste, weil seine Haut dort so sauber und glatt war, als plötzlich die Worte Kapitel 1: Evolution und sexuelle Anatomie in aufdringlichem Rot auf den beiden Bildschirmen erschienen. Prompt fingen alle an zu kichern. Dem guten Nick war offenbar nicht bewusst gewesen, dass er lauter Sportler in...




