E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Martin Suicide Blonde
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-943322-60-6
Verlag: Hummelshain Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-943322-60-6
Verlag: Hummelshain Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das beklemmende Psychogramm einer Frau auf ihrer vergeblichen Suche nach dem Glück, ein schauriger Einblick in den Abgrund einer gemarterten und vom Leben all ihrer Illusionen beraubten Seele. Gänzlich unbemerkt von ihrem Umfeld flüchtet Johanna sich in radikale Ideologien und, schlimmer noch, in eine schizophrene Psychose, in welcher sie Kontakt zu einem verstorbenen Popstar zu haben wähnt. In einem letzten heroischen Akt strebt sie die Vereinigung mit ihm an. Doch es ist nur ein tragisches Scheitern.
Wim Martin, 1952 geboren und aufgewachsen in Velbert, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, um nach dem Examen als weltweit erfolgreiches Fotomodell Karriere zu machen. Bereits im Studium Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten in diversen Literaturzeit-schriften und Anthologien, u.a. bei Rowohlt. Nach dem Ende der Modellkarriere Wiederaufnahme der schriftstellerischen Arbeit. 2018 erschien im Hummelshain Verlag der Roman Das schlagende Herz, 2019 der Gedichtband Nahe Engel, von fern: Musik, ferner die Romane Babylon Cam (2020), Die Pandemie (2021), Brachfeld (2021), Der Einfall des Lichts (2022).
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Prolog
Wie immer, wenn sie ankam, drang das Gebell aus dem Inneren des Hauses bis hinaus auf die Straße. Obwohl Jamie fünfzehn Jahre zählte, ein nahezu biblisches Alter für einen Hund, und obwohl auch seine Pupillen sich in fortschreitender Blindheit zu trüben begannen, funktionierten sein Geruchssinn wie auch sein Gehör tadellos. Er entnahm bereits dem Motorengeräusch ihres sich nahenden Toyotas, dass Nelly die Mutter besuchte. Vermutlich witterte er auch ihren für seine feine Nase unverwechselbaren Geruch nach Mandelblüten noch durch die Mauern hindurch. Bei ihrer Ankunft drückte das liebe Tier jedes Mal, die Beschwerden des Alters vergessend, seine freudige Erregung durch überlautes Kläffen aus, auch wenn die Nachbarn sich die Haare rauften über den regelmäßig aufbrandenden Krach. Sobald dann der Klang ihrer zuschlagenden Autotür zu ihm drang und Sekunden später der Schlüssel sich in der Haustür drehte, kannte Jamie kein Halten mehr: sein Gebell steigerte sich zu einer handfesten Hysterie. Als Nelly den Hausflur betrat und die Tür hinter sich schloss, wunderte sie sich, dass er nicht die Treppe aus der ersten Etage hinunter gestürmt kam, um sie wie üblich im Hausflur zu begrüßen. Ihre Mutter pflegte die Wohnungstür zum Korridor offen zu lassen, damit Jamie auch ins Parterre laufen konnte, wo ihr Vater nach der Scheidung in seinen eigenen, abgeschlossenen vier Wänden wohnte. Von dort konnte der Hund nach Belieben und zu jeder Zeit in den kleinen Garten des Reihenhauses. Doch anders als sonst war die Tür zur Wohnung der Mutter heute geschlossen, und er blieb aus dem Treppenhaus ausgesperrt. Nelly schaute auf ihre Armbanduhr. Es war Halb zehn, die Mutter konnte unmöglich noch schlafen. Nach einem streng geregelten Tagesablauf stand sie jeden Morgen um Halb acht auf, in nahezu preußischer Disziplin, auch weil sie kurz darauf für gewöhnlich mit Jamie die erste Runde drehte. Der alte Hund vermochte den Harn nicht viel länger zu halten, und um zu vermeiden, dass er auf den Laminatfußboden urinierte, ging die Mutter meist bereits vor acht Uhr mit ihm los. Nelly tippte dreimal kurz auf den Klingelknopf, während sie die Haustür hinter sich schloss. Jamie kläffte nur noch lauter, und sie meinte seiner Stimme anzuhören, dass er nicht allein freudige Begrüßung ausdrücken wollte. Das Gebell klang irritiert, wütend, fast erschreckt. Sie stieg die Treppe hoch und wollte die Tür aufschließen, doch im Schloss steckte von innen der Schlüssel ihrer Mutter. Nelly klopfte, inzwischen entnervt vom Gebell, lautstark an das Türblatt, um den Hund zu übertönen, und rief nach ihr: - Mutti, der Schlüssel steckt! Mach bitte auf! Aus der Wohnung kam keine Reaktion. Vielleicht war die Mutter gerade im Bad. Oder sie hörte laute Musik unter dem Kopfhörer, dass sie weder Gebell noch Klopfen wahrnahm. Seit geraumer Zeit schon pflegte sie eine exzessive und wie Nelly empfand, beinah schon krankhafte Vorliebe für diese australische Popgruppe, deren Lieder sie unentwegt hörte. Aber es konnte kaum sein, dass der Kopfhörer alle Geräusche der Außenwelt völlig ausklammerte. Eine erste verschwommene Ahnung von Unheil beschlich Nelly. Sie hämmerte nochmals an die Tür, lauter, länger, drängender. Nichts geschah. Die Mutter rührte sich nicht. Nur Jamie kläffte in einem fort. Aus dem Parterre rief ihr Vater, angelockt vom anschwellenden Lärm, durch das Treppenhaus: - Was ist da los bei euch? Der Hund ist ja völlig von Sinnen. - Ich weiß auch nicht. Mutti öffnet nicht, und der Schlüssel steckt von innen. Ich komme nicht in die Wohnung, antwortete Nelly erregt. Der Vater erklomm die Stufen bis in die erste Etage. - Jamie, ruhig! rief er dem Hund zu, was der nur mit weiterem Gebell beantwortete. Dann schlug er mit der ganzen Wucht seiner geballten Faust an die Tür, dass das hölzerne Türblatt im Rahmen erzitterte. Die Hiebe hallten durch das ganze Haus. - Johanna, ich bin es, Linus! Mach die Türe bitte auf. Nelly ist hier. Wir machen uns Sorgen. Wieder kam von innen keinerlei Reaktion. Nur der Hund bellte ohne Unterlass und noch hysterischer als zuvor. - Wir müssen wohl einen Schlüsseldienst anrufen, meinte der Vater resigniert, sein Gesicht in deutlicher Befürchtung verfinstert. Nellys Gedanken rotierten in einem fort. Sie ging spontan die denkbaren Möglichkeiten durch. Die Mutter konnte einen Schlaganfall erlitten haben, eine Hirnblutung oder einen allergischen Schock, und jetzt lag sie vielleicht hilflos, ohne die geringste Fähigkeit sich zu bewegen und verzweifelt auf Rettung wartend hinter der verschlossenen Tür. Hoffentlich kamen sie nicht zu spät. Sie wusste, dass in einem solchen Fall vor allem schnelle Hilfe benötigt wurde, um schwerwiegenden Langzeitfolgen vorzubeugen. Ihre Sorge wuchs und lähmte sie. Doch der Vater eilte bereits die Treppe hinab und suchte unten in seiner Wohnung in dem dort neben dem Telefon liegenden Branchenverzeichnis nach der Nummer eines Schlüsseldienstes. Nelly hörte ihn telefonieren und die Adresse durchgeben, während pure Angst in ihr Wellen schlug. Bis zum Eintreffen des herbeigerufenen Schlüsseldienstmitarbeiters saß sie auf der obersten Stufe des Treppenhauses wie auf glühenden Kohlen. Sie rief den Anschluss der Mutter an, hörte das Freizeichen ebenso wie das Klingeln in der Wohnung. Niemand hob ab. Ihr Herz klopfte laut. Der Hund hatte das Dauergebell eingestellt und winselte jetzt nur noch gotteserbärmlich. Nelly befürchtete inzwischen das Schlimmste. Die Zeit schlich nicht voran, sie schien geradezu stillzustehen. Dann, nach endlosen Minuten und versunken in düstere Gedanken, hörte sie, wie der Vater die Haustür öffnete und den Ankommenden einließ. Er führte ihn die Treppe hinauf, wo Nelly sich erhob und zur Seite trat. Es dauerte nicht länger als fünfzehn Sekunden, dann hatte der Fachmann mit zwei dünnen, ins Schloss eingeführten und an Hummergabeln erinnernden Werkzeugen die Tür geöffnet. Urplötzlich sprang sie unter seinen filigranen Händen einen kleinen Spalt auf, als Nelly im gleichen Moment schon an ihm vorbeidrängte und den kurzen Flur der Wohnung betrat. Fast wäre sie über Jamie gestolpert, der ihr mit lautem Gebell um die Beine wuselte. - Aus, Jamie! wies sie den Hund an, der sich abermals wie von Sinnen gebärdete. Hektisch schaute sie rechter Hand in die Küche, deren Tür ebenso wie die des großen Wohnraums auf der linken Seite des Flurs ausgehängt war, und sah mit einem Blick, die Mutter war weder hier noch dort. Schemenhaft nahm ihr Unterbewusstsein noch wahr, dass von den sechs Stühlen am Esstisch einer fehlte. In jäh aufwallender Panik machte sie auf dem Fuß kehrt und öffnete die Tür zum Bad, aber auch dort war keine Spur vom Verbleib der Mutter. Nelly hastete wiederum vorwärts, ins Schlafzimmer auf der Stirnseite des Flurs. Das Bett war offenbar in der Nacht nicht benutzt worden oder vielleicht auch schon hergerichtet. Sie eilte durch das Wohnzimmer hin zur Treppe ins Dachgeschoss. Der Hund heulte laut auf und verkroch sich unter das Sofa. Während sie die Stufen erklomm, nahm sie wie aus weiter Ferne wahr, dass der Vater den Mann vom Schlüsseldienst bat, ihm die Rechnung zu schicken und ihn dann mit den Worten entließ: - Sie finden bitte allein hinaus. Ich muss hinauf und feststellen, was da los ist. Als Nelly keuchend und nach Atem schnappend wie ein Fisch auf dem Trockenen die erste der beiden Dachkammern betrat, fiel unten die Haustür ins Schloss, während gleichzeitig die eiligen Schritte des Vaters die Treppe erbeben ließen. Der kleinere Vorraum roch muffig, nach abgestandener Luft. Auch hier war die Mutter nicht. Aus dem hinteren Dachzimmer drang durch die leicht geöffnete Tür ein lautes Geräusch, ein auf- und abschwellendes Zischen, das mit sonoren Pfeifsignalen und einem Dauerrauschen vermischt war. Nelly wusste sofort, die Mutter hatte wieder auf obskuren und teils vor langer Zeit schon eingestellten Sendefrequenzen nach Spuren und Hinweisen gesucht, obwohl sie sie eindringlich gebeten hatte, von diesem Hokuspokus abzulassen. Aber auch der Klang des fast bis zum Anschlag aufgedrehten Radios war bei weitem nicht laut genug gewesen, um Jamies Gebell und den unüberhörbaren Lärm an der Wohnungstür zu übertönen. Ihre Mutter hätte sie hören müssen. Nelly stieß die lediglich angelehnte Tür zur hinteren Dachkammer auf, als im gleichen Moment ihr Vater sie erreicht hatte. Sie verharrte im Türrahmen. Der Raum war von den herabgelassenen Jalousien der ins Dach eingebauten Fenster abgedunkelt. Doch auch im feindlichen Zwielicht sah sie das Unfassbare, das ihre schlimmsten Ahnungen ihr eingeflüstert hatten und das sie dennoch ganz weit von sich gedrängt hatte. Der unten am Esstisch fehlende Stuhl lag umgestoßen auf dem Teppichboden neben einem hässlichen, von Nässe verursachten Fleck. In die Deckenverkleidung aus Gipskartonplatten war ein...




