Masomi | Ein Kanake sieht rot | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 41, 275 Seiten

Reihe: Prosa bei Lektora

Masomi Ein Kanake sieht rot

Best of Sulaiman Masomi
2. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95461-025-9
Verlag: Lektora GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Best of Sulaiman Masomi

E-Book, Deutsch, Band 41, 275 Seiten

Reihe: Prosa bei Lektora

ISBN: 978-3-95461-025-9
Verlag: Lektora GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sulaiman Masomi, der vergesslichste Typ, an den er sich erinnern kann. Der 'Kanake', der rot sieht und der 'ES' weiß, legt mit 'Ein Kanake sieht rot' endlich sein erstes Prosabuch vor. Auf rund 280 Seiten sind zahlreiche Klassiker, einige neue und auch unbekannte Texte des bekannten Poetry-Slammers zu einer Best-of-Sammlung zusammengefasst, die zehn Jahre Bühne vereint. Seine Worte treffen uns urkomisch, bitterböse und manchmal auch direkt ins Gewissen. Er hält uns den Spiegel vor, ohne dabei wirklich mit dem Finger auf uns zu zeigen. Im Gepäck hat er allerlei kuriose und lustige Geschichten, die so vielleicht wirklich passiert sind. Oder auch nicht.

Wenn man selbst der vergesslichste Typ ist, an den man sich erinnern kann, und sich ständig vor Fremden wiederfindet, die mit Tränen in den Augen bitten, man solle sie Papa oder Mama nennen, kann das Leben ganz schön verwirrend sein. Sulaiman Masomi, geboren 1979 in Kabul (Afghanistan) und aufgewachsen in Krefeld, nutzt diesen Zustand jedoch, um auf die Bühne zu gehen und den Menschen von den Strapazen seines Lebens zu berichten. Seine Vortragsweise ist mehr als authentisch, in seinen Texten erklärt er, was passiert, wenn ein Kanake rot sieht, und in welchem Zusammenhang ein alter deutscher Schäferhund und eine Sucuk-Knoblauch-Wurst zueinander stehen. Als Schriftsteller, Poet, Rapper und Poetry-Slammer wird Sulaiman Masomi vom Goethe-Institut regelmäßig als Botschafter der deutschen Sprache um die Welt geschickt. Im Jahr 2013 konnte er sich den Titel des NRW-Meisters im Poetry Slam sichern und stand im selben Jahr im Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


0. Vorwort
1. Die Erde
2. Ein Kanake sieht rot
3. Auf der anderen Seite
4. Die Nase
5. Gebote und Verbote
6. Roboterträume
7. Deine Schwiegermutter
8. Tabula rasa
9. Das System
10. Santa Müll
11. Ich bin ich
12. Ich weiß ES
13. Sie weiß es - Big Mother is watching you
14. Prism Break
15. Die Bombe
16. Supergeil
17. Long Distance Love
18. Single Party
19. Frauenfeind
20. Melissa
21. Mein Herz, das Ding
22. Die Geschichte eines unsichtbaren Textes
23. Paras
24. Ich - der vergesslichste Typ, an den ich mich erinnern kann
25. Baron Lefuet
26. Oh Mensch, oh Mensch!
27. Trauerweide
28. Verlorene Freude
29. Der Spielverderber
30. groß wird kleingeschrieben
31. Der größte Zwerg, der kleinste Riese
32. Der letzte Panda
33. George Antoine
34. Sprühsahne im Sturmgewehr
35. Sag mir Bescheid, wenn du mich liebst
36. Der Rat der Sprache


– Isaac Asimov –

Roboterträume


Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen: Irgendwann in der achten Klasse entschied ich, dass ich in Wirklichkeit kein Mensch, sondern ein Roboter bin. Als ich eines Morgens aufwachte, lag ich in meinem Bett und da wusste ich: Ich bin ein Roboter.

Schlagartig ergab auch alles Sinn, zum Beispiel: Warum ich keine Gefühle hatte und warum ich mich morgens auf dem Weg von meinem Bett ins Bad so mechanisch bewegte. Ich ging runter in die Küche und stellte mich vor meine Eltern. Meine Mutter fragte, warum ich mich so komisch bewegen würde.

„Weil ich ein Roboter bin, Mama. Wieso habt ihr mir nie die Wahrheit gesagt?“, fragte ich.

„Du bist kein Roboter. Wenn du ein Roboter bist, dann bin ich eine Hexe“, antwortete sie. Ich wollte erst erwidern, dass sie in ihrem Verhalten mir gegenüber durchaus des Öfteren Verhaltenszüge an den Tag legte, welche man mit einer Hexe assoziieren könnte, jedoch befürchtete ich, sie würde auf diese Antwort wie eine Hexe reagieren, und sagte stattdessen:

„Wenn du eine Hexe bist, dann fress ich deinen Besen“.

„Wenn du meinen Besen frisst, geb ich dir ein paar hinter die Löffel!“

„Das macht mir nichts, ich verspüre keinen Schmerz, weil ich ein Roboter bin“, entgegnete ich robotisch.

„Dann tut DAS bestimmt nicht weh“, sagte meine Mutter und gab mir ’ne ordentliche Backpfeife.

: „Aua.“

Obwohl ich ein Roboter war, hatte das trotzdem ganz schön geschmerzt. Anscheinend hatte ich immer noch Rezeptoren, die so was Ähnliches wie Schmerz simulierten.

Mein Vater mischte sich ein.

„Und woran erkennt man, dass du ein Roboter bist?“

„Man erkennt es daran, dass ich robote.“

„Aha, gut. Und da wir dich gebaut haben, robotest du mal zur Mülltonne und bringst den Müll raus“, befahl meine Mutter und drückte mir einen Müllsack in meine zarten Androidenhände.

Ich überlegte kurz. Sie hatte recht. Als Roboter stand ich im Dienste meiner Erbauer, soweit sie mich nicht anders programmierten. Ich nahm den Müll und brachte ihn stumm hinaus.

„Braver Roboter“, rief mir meine Mutter hinterher und streichelte mir sanft über die geschwollene Backe, als ich wieder reinkam.

Meine neue Identität amüsierte meine gesamte Familie und ich durfte allerlei Zeug für sie machen. Besonders meine Mutter freute sich darüber, unerwartet einen Haushaltsroboter zu besitzen, welcher ihr bei der Hausarbeit unter die Arme griff bzw. jegliche Arbeit übernahm.

Ich musste einkaufen, spülen, bügeln, die Wäsche aufhängen, das Bad putzen, sie zu ihren Freunden und Verwandten fahren und alles andere tun, was so anfiel, während sie auf der Hängematte im Garten chillte. Mein Vater war weitaus bescheidener: Ich musste nur einen Brunnen ausheben und ihn einmal im Krankenhaus bei einer Herz-OP vertreten, weil er angeln fahren wollte.

Mein Roboterdasein entwickelte sich langsam zu einer Lose-Lose-Situation. Obwohl ich keine Gefühle haben dürfte, war ich nicht mit der Situation zufrieden.

Für meinen Kumpel Basti machte ich eigentlich nur die Hausaufgaben, aber eines Tages bat er mich, für ihn auch mal ein Mädel aus der Nachbarschaft anzusprechen, auf die er schon seit seiner Kindheit stand, aber sich nie getraut hatte, den ersten Schritt zu wagen.

Er sagte mir, ich solle sie mal abchecken.

„Was heißt denn abchecken?“, fragte ich.

„Nur mal gucken, wie sie drauf ist, so die Lage klären, checken, was bei ihr abgeht. Besorg mir einfach ein paar Infos über sie. Frag einfach mal, wie ihr Tag war und dann, wie sie mich findet, okay? Sei ein braver Roboter und tu das für deinen humanoiden Kumpel, bist du so lieb?“, fragte er und grinste mich mit schiefem Kopf an.

„Ich werde diesen Auftrag ausführen“, erwiderte ich und marschierte zu dem Mädchen rüber.

Ich stapfte mit langsamen, mechanischen Schritten zu ihr und sagte:

„Stopp! Ich bin ein Roboter und möchte Ihre Aufmerksamkeit. Der junge Herr, der sich dort drüben hinter dem Baum versteckt, ist mein Kumpel Basti und er hat mich beauftragt, zu Ihnen zu gehen. Ich brauche Informationen von Ihnen. Ich soll Sie fragen, wie Sie Basti finden und wie Ihr gegenwärtiger Gemütszustand ist. Klären wir erst die körperlichen Korrelationen. Ich nehme an, Basti hat ein sexuelles Interesse an Ihnen. Möchten Sie auch mit ihm den Geschlechtsakt vollziehen oder besteht da ein Desinteresse bzw. eine temporär-körperliche Unpässlichkeit wie beispielsweise Ihre Periode, welche Sie an der Ausführung des Aktes hindern könnte? Ich denke, Basti ist durchaus bereit, Ihnen hierbei terminlich entgegenzukommen und darüber hinaus …“

„Du Wichser!“, unterbrach sie mich unhöflich und gab mir eine Backpfeife.

„Und das ist für deinen Kumpel“, fuhr sie fort und schlug mir auf die andere Wange, die meine Mutter einige Tage zuvor schon bearbeitet hatte. Ich merkte, meine Schmerzrezeptoren funktionierten immer noch einwandfrei.

Als Roboter blieb mir nichts anderes übrig, als diese Reaktion emotionslos hinzunehmen.

Ich ging zu Basti und sagte:

„Sie war leider nicht kooperativ.“

„Das hab ich gesehen“, sagte Basti und ging kopfschüttelnd davon.

Seitdem musste ich keine Frau mehr für ihn ansprechen. Wir waren danach auch nicht mehr das, was Menschen als Freunde bezeichnen. In der Schule kam meine neue Identität unterschiedlich gut an. Die Lehrer lobten mich und sagten, sie wünschten sich, alle Schüler wären so aufmerksam und pflichtbewusst wie ich, aber meine gesamten Schulkameraden wandten sich von mir ab und meinten, ich hätte einen Dachschaden. Ich überprüfte meine Prozessoren und merkte, dass sie falsch lagen. Bei mir lief alles einwandfrei. Ich konnte sie aber nicht überzeugen und verbrachte die Pausen deswegen nur noch im Serverraum und sprach mit den Computern. Sie waren leider nicht so weit entwickelt wie ich, um antworten zu können, aber trotzdem waren sie sehr gute Zuhörer.

Dann stand die Klassenfahrt zur Burg Bischofstein an der Mosel an. Meine Klassenkameraden fragten den Lehrer, ob es da ’ne Disco geben würde, und ich fragte, ob sie da ’ne WLAN-Verbindung hätten, obwohl es zu der Zeit noch kein WLAN gab. Ich war wie immer meiner Zeit voraus. Am letzten Abend wurde eine große Abschlussfete geplant und alle tanzten in verschiedenen Konstellationen zu Blues und Liebesliedern. Mit mir wollte keiner tanzen und so saß ich den ganzen Abend stumm am Rand.

Als ich gerade den Raum verlassen wollte und in langsamen, stockenden Schritten über die Tanzfläche stapfte, schmiss irgendeiner eine Sugar-Hill-Gang-Platte rein und alle schauten mir plötzlich gebannt zu.

„Alter, check mal Sulaiman aus … der hat ja voll den Robotdance drauf. Yeah, mach weiter!“, schrie einer der Jungs.

Da ich ein Roboter war, tat ich, was mir befohlen wurde, und ich tanzte in der Mitte des Menschenkreises, der sich um mich herum gebildet hatte, wie noch nie zuvor ein Roboter in der Mitte eines Menschenkreises getanzt hatte. Als wieder Blueslieder angesagt waren, schlenderte ich unter den Jubelgesängen meiner Mitschüler aus dem Raum nach draußen. Ich war ziemlich fertig und ich merkte, ich musste meinen Akku wieder aufladen, und hielt meine Zunge an eine Starkstromleitung. In diesem Moment kam Anne Marie raus.

„Oh Mann, was machst du denn da? Ich habe schon immer geahnt, dass du voll der Trendsetter bist, aber als ich dich vorhin tanzen sah, wusste ich es auch“, sagte sie und hielt ihre Zunge auch an die Starkstromleitung. Nachdem wir ausgezuckt hatten, küsste sie mich heftig, was mich wieder zucken ließ und einige Fehlerprotokolle in meiner Bewegungsmatrix provozierte. Ich bemerkte es daran, dass sich meine Kurzwellensendeantenne unaufgefordert ausrichtete. Ich war danach mit Anne Marie zusammen, und da sie von meinen Mitschülern als die heißeste Schnitte in der gesamten Stufe bezeichnet wurde, wollten auf einmal alle Jungs in meinem Jahrgang Roboter sein. Für ein ganzes Jahr bewegten sich nur komische, mechanische Gestalten durch die...


Wenn man selbst der vergesslichste Typ ist, an den man sich erinnern kann, und sich ständig vor Fremden wiederfindet, die mit Tränen in den Augen bitten, man solle sie Papa oder Mama nennen, kann das Leben ganz schön verwirrend sein. Sulaiman Masomi, geboren 1979 in Kabul (Afghanistan) und aufgewachsen in Krefeld, nutzt diesen Zustand jedoch, um auf die Bühne zu gehen und den Menschen von den Strapazen seines Lebens zu berichten. Seine Vortragsweise ist mehr als authentisch, in seinen Texten erklärt er, was passiert, wenn ein Kanake rot sieht, und in welchem Zusammenhang ein alter deutscher Schäferhund und eine Sucuk-Knoblauch-Wurst zueinander stehen. Als Schriftsteller, Poet, Rapper und Poetry-Slammer wird Sulaiman Masomi vom Goethe-Institut regelmäßig als Botschafter der deutschen Sprache um die Welt geschickt. Im Jahr 2013 konnte er sich den Titel des NRW-Meisters im Poetry Slam sichern und stand im selben Jahr im Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften.



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