Matthies | Lehmann, Erdmann, Liebermann | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 246 Seiten

Matthies Lehmann, Erdmann, Liebermann

Geschichten aus einer abgewählten Welt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-9038-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichten aus einer abgewählten Welt

E-Book, Deutsch, 246 Seiten

ISBN: 978-3-7557-9038-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Stasi-Diktatur und Unrechtsastaat oder Feldversuch einer auf sozialere Beziehungen der Menschen gerichteten Lebensweise? - Hort ewigen Leidens oder Raum für ein lustvolles, von den Widersprüchen zwischen Ideal und Wirklichkeit bestimmtes Leben? - Was war das für eine Welt, die am 18. März 1990 von einer Mehrheit der wahlberechtigten Bewohner der DDR abgewählt wurde? Horst Matthies hat in seinen Schubladen gekramt und bisher unveröffentlichte Texte sowie Geschichten aus Büchern zusammengetragen, die vor dem Schluckauf der Geschichte erschienen sind, wie er die Ereignisse von 1989/90 nennt. Mancher dieser Texte könnte heute manchen Lesern weh tun, mancher ihnen ein nachsichtiges Lächeln abnötigen, mancher auch Anlass für ein bauchkrümmendes Gelächter geben. Erhellend aber dürften sie in jedem Fall sein.

Horst Matthies wurde 1939 in Radebeul bei Dresden geboren, ging acht Jahre zur Schule, erlernte dann den Beruf des Bergmanns und diente, bis ihn das Schreiben unerwartet überfiel, nahezu elf Jahre bei der Bereitschaftspolizei. Danach Studium am "Literaturinstitut Johannes R. Becher" in Leipzig. Seit 1970 freischaffend als Autor, zunächst in Halle an der Saale, seit 1980 in Hohen Viecheln am Schweriner See. Geburtsjahr, Geburtsort und die weiteren Stationen seines Lebens weisen aus, dass er den überwiegenden Teil davon als Bürger des Staates DDR erfahren hat. Hier hat er seine Bildung erhalten, wuchs die Art seiner Hoffnungen, führte er seine Kämpfe, liebte er seine Lieben, hatte er Freunde und Leute, die ihn nicht mochten, Gründe für Zorn und Gründe, sich aus ganzem Herzen zu freuen. Dieser Erfahrungshorizont ist prägend für sein literarisches Schaffen, sowohl vor, wie auch nach dem "Schluckauf der Geschichte" vom Jahr 1990, wie er den Holterdiepolterwechsel von der sozialen Murkswirtschaft zur kapitalen Machtwirtschaft in einer seiner Erzählungen nennt. Dass er damit nicht ganz erfolglos war, weisen zahlreiche Veröffentlichungen (Hörspiele, Kinderbücher, Erzählungen für Erwachsene, Romane) und auch Literaturpreise nach. Er ist verheiratet mit der Malerin und Grafikerin Britta Matthies und hat mit ihr zwei Söhne.

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Ein Bäcker im Bergbau Eigentlich wollte ich nur ein Jahr bleiben »Als ich neunzehnhundertsechsundvierzig aus Gefangenschaft kam, war erst einmal das Essen wichtig. Hier im Bergbau gab es Schwerstarbeiterlebensmittelkarten. Inzwischen sind es dreiundzwanzig Jahre geworden. Hier ist Bewegung in der Arbeit. Man sieht, wie es vorangeht, und man merkt, dass es etwas nützt, wenn man schieben hilft.« Alfred Athner, 58 Jahre alt, von Beruf Bäcker, inzwischen Gleismeister im Tagebau, achtfacher Aktivist, »Verdienter Bergmann«. Die Brigade, die er im Jahre neunzehnhundertdreiundsechzig als leistungsschwaches Kollektiv übernahm, wurde neunzehnhundertfünfundsechzig, neunzehnhundertsiebenundsechzig und neunzehnhundertachtundsechzig mit dem Titel »Brigade der sozialistischen Arbeit« ausgezeichnet. »Mit den Verbesserungsvorschlägen ist das so eine Sache«, sagt er. »Manchmal sind sie ganz einfache Lösungen eines schwierigen Problems! Man muss sie nur sehen können. Natürlich muss man auch das Problem sehen. Manche geben sich einfach zufrieden. – ›Das war schon immer so und so wird es auch bleiben. Der Gleisbau ist eben Knochenarbeit.‹ – Bei mir ist das anders. Wenn mich etwas stört, dann suche ich, das lässt mir dann keine Ruhe, das bohrt und bohrt, bis ich einen Weg gefunden habe.« Das Ding mit der Weiche Athner hockt auf der Mittelstrosse1, zeichnet mit dem Zollstock Linien in den Schnee und erklärt: »Mein erster Verbesserungsvorschlag, das war das Ding mit der Übersetzweiche. Das war noch in der alten Brigade auf der Kippe, ganz am Anfang. Wir hatten dort eine Gleisaushebemaschine zum Auflockern der Baggergleise. Wenn wir die von dem einen auf das andere Gleis umsetzen wollten, war das eine ziemlich komplizierte Sache. Wir mussten den Zwischenraum zwischen den Gleisen mit Schwellen auslegen und die Maschine auf das andere Gleis ziehen. Ich habe immer überlegt, wie man das anders machen könnte, ohne so viel Aufwand. Und dann habe ich eines Tages bei einer Straßenbahnbaustelle eine Übersetzungsweiche gesehen. Das ist ein gebogenes Gleis, das auf die Gleiskronen aufgelegt wird und so eine Verbindung zwischen den beiden parallelen Gleisen herstellt. So ein Ding habe ich dann bauen lassen, und wir konnten mit unserer Maschine einfach auf das andere Gleis fahren. Der jährliche Nutzen betrug wohl so um 21 000 Mark.« »Als Meister brauchte ich nur Anweisungen zu geben. Aber ich frage immer die Kollegen. Da macht sich auch jeder Gedanken. Wenn ich nur anweisen würde, würde mancher nur auf die nächste Anweisung warten. So fühlt er sich aber mitverantwortlich.« Morgens 6.15 Uhr treffen sich die Gleisbaumeister beim Abteilungsleiter zur Arbeitsbesprechung. Hier wird der Wochenplan mit der konkreten Lage abgestimmt, werden Arbeitskräfte und Mittel verteilt. Es ist ein wirres Treiben in diesen fünfzehn Minuten. Laut und eng geht es zu. Namen werden aufgerufen, irgendwelche monatlich in vierfacher Ausfertigung zu beantragenden Genehmigungen unterschrieben, Berichte gegeben. Dazwischen klingelt immer wieder einmal einer der beiden Telefonapparate, die im Zimmer stehen, oder einer der Anwesenden ruft selbst an. Athner telefoniert: »Ja, Otto, pass auf. Wir kriegen gleich früh einen Zug Kies für die beiden schlechten Stellen. Wie meinst du? An der Siebenhundert vier Wagen und die anderen fünf an der Dreiundfünfzig? – Was, an der Elfhundert? – Aber dann nur einen. – Ja, so machen wir das. Einen an der Elfhundert, drei an der Siebenhundert und fünf an der Dreiundfünfzig. – Richtig, der ist gedreht. Der kippt Innenklappe. – Noch eins, Otto. Der Erich bringt die Raupen mit, eine große und eine kleine. Die große kann schon immer an der Dreizehnhundert Planum schieben und die kleine schickst du an den Kies. – Gut. Bis dann also.« Als er auflegt, klingelt der Apparat sofort wieder. Der Abteilungsleiter horcht einen Augenblick hinein, tastet mit den Augen die Gesichter ab, spricht dann. Athner steckt einen Packen Zeitungen in seine Tasche und geht. Auf dem Flur klappern zwei Sekretärinnen mit ihren Absätzen. Draußen nieselt es. Das Wetter schlägt Kapriolen in diesem Jahr. »Wenn das so weitergeht, müssen wir noch mehr Kies anfordern«, sagt Athner. Er steigt die Treppe zur Mittelstrosse hinab. In der linken Hand schlenkert er die braune Aktentasche, die rechte steckt in der Wattejoppe. Plötzlich bleibt er stehen. – »Ach, jetzt hab ich vergessen, ... Der Erich hätte doch mit den Raupen gleich die Fünfundzwanzigmeterschiene an die Dreizehnhundert ziehen können. – So was Dummes.« Er schüttelt den Kopf und geht weiter. Von der Westkurve aus, wo die Fünfundzwanzigmeterschiene liegen müsste, zieht sich eine tiefe Schleifspur zwischen den Abdrücken der Raupenketten in Richtung der Dreizehnhundert. Athner stochert ein bisschen mit der Stiefelspitze in der Spur, lächelt, gibt dann die Tasche aus der linken Hand in die rechte Hand und lässt die Linke außerhalb der Joppe. Das gibt ihm einen ganz anderen Gang. »Als ich neunzehnhundertdreiundsechzig die Brigade übernahm, war es nicht einfach für mich. Ich musste erst einmal eine andere Arbeitsatmosphäre schaffen. Jetzt gibt es kaum noch Probleme. Jeder weiß über den anderen Bescheid. Bis auf zwei sind schon alle Aktivist. In einer anderen Atmosphäre wächst eben jeder auch ganz anders.« Auszug aus dem Brigadetagebuch2 2.6.1966 Warum verspricht Kollege Tämmler immer so viel und hält so wenig? Als es darum ging, Blut für Vietnam zu spenden, war Kollege Tämmler sofort bereit. Als Sanitäter für das Pfingsttreffen der Jugend gebraucht wurden, meldete er sich ebenfalls. Aber am Tage der Blutentnahme drückte er sich, und auch für das Pfingsttreffen fand er eine Ausrede. Am Freitag, dem 17.5. meldete er sich bei mir zum Schulbesuch ab, als er aber dringend gebraucht wurde, mussten wir feststellen, dass er gar nicht zur Schulung gegangen war. Er hatte mich also belogen. Am nächsten Morgen fand er nicht einmal eine Ausrede. Wir sprachen im Kollektiv mit ihm und erwarten, dass er im Tagebuch eine Erklärung einträgt, warum er immer so viel verspricht und so wenig hält. Fritz Walter Stellungnahme, 5.6.66 Vier Wochen vor dem Pfingsttreffen bat mich Kollege Bernd vom DRK, als Sanitäter teilzunehmen. Ich sagte zu. Zur gleichen Zeit hatte ich aber den Auftrag übernommen, in Pegau ein Haus abzuputzen. Nach einer Rücksprache mit dem Hauswirt erfuhr ich, dass das Gerüst nur über Pfingsten frei war. Mir blieb also nur die Möglichkeit, in Pegau zuzusagen. Drei Tage vor dem Pfingsttreffen gab ich dem Kollegen Bernd Bescheid, dass ich nicht teilnehme. Ich sehe ein, dass ich nicht ganz richtig gehandelt habe, aber meine persönlichen Angelegenheiten stehen für mich im Vordergrund. Außerdem bin ich niemandem über meine Angelegenheiten Rechenschaft schuldig. Ich habe daraus gelernt und werde in Zukunft zu jedem Treffen meine Absage geben. Gerald Tämmler Stellungnahme gegen eine Stellungnahme, 7.6. 66 Als das Kollektiv die Stellungnahme des Kollegen Tämmler las, waren die meisten Kollegen nicht gerade erfreut. Wir befassten uns eingehend mit ihm, aber er blieb bei seiner Stellungnahme. Am nächsten Tag sprachen einzelne Kollegen nochmals mit ihm und zeigten ihm, was er falsch gemacht hat. Ob wir ihn überzeugt haben oder ob er nur klein beigegeben hat, wissen wir nicht, aber er ist bereit, eine neue Stellungnahme zu schreiben. Fritz Walter Stellungnahme, 12.6.66 Vier Wochen vor dem Pfingsttreffen bat mich der Kollege Bernd vom DRK, als Sanitäter teilzunehmen. Ich sagte zu. Zur gleichen Zeit hatte ich den Auftrag übernommen, in Pegau ein Haus abzuputzen. Nach einer Rücksprache mit dem Hauswirt erfuhr ich, dass das Gerüst nur über Pfingsten frei war. Mir blieb also nur die Möglichkeit, in Pegau zuzusagen. Drei Tage vor dem Pfingsttreffen gab ich dem Kollegen Bernd Bescheid, dass ich nicht teilnehme. Ich sehe ein, dass ich nicht richtig gehandelt habe, und habe daraus gelernt. Gerald Tämmler Gleislaufen mit Gerald Die Gleise liegen nicht wie auf einem Brett, und Braunkohle ist kein Schotterdamm. Es gibt Stellen, da sinken sie ein bis an die Gleiskronen. Dort muss man sie wieder herausholen, sonst entgleisen die Züge. – Herausholen, das heißt, freischaufeln, mit Winden anheben, Kies unterstopfen, die Schwellen verziehen. Man kommt ins Schwitzen dabei, sogar bei acht Grad unter null. Auch andere Tücken hält es noch bereit, das Gleis, vor allem im Winter. Da sind lockere Bolzen, Schienenbrüche, Laschenbrüche, Gleisverwerfungen. Deshalb muss es ständig kontrolliert werden. Vorbeugen ist besser als vierzig Tonnen schwere Kohlewagen wieder eingleisen. Ich bin mit Gerald auf einem Vorbeugungsmarsch. Gleislaufen nennt man das. Gerald Tämmler ist siebenundzwanzig Jahre alt, Parteigruppenorganisator für drei Meisterbereiche und Leiter des Parteilehrjahres, an dem alle Kollegen der Brigade...



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