E-Book, Deutsch, 214 Seiten
Matthies Mortaler Ausgang
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-8483-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
13 bitterböse Geschichten
E-Book, Deutsch, 214 Seiten
ISBN: 978-3-7583-8483-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Eine Kuh hat mir die wichtigste Lehre meines Lebens erteilt«, sagt Staranwalt Stengler aus einer der Geschichten dieses Erzählungsbandes. »Sie stand im Straßengraben, und ich dachte noch: Nein, tu das nicht, als sie sich umdrehte. Doch da war sie mir schon vor die Maschine gesprungen. Und als ich wieder zu mir kam, sah ich sie liegen, mit dem Kopf an einem Baum, und wusste sofort, da ist nichts mehr zu machen.« Und er nimmt in Kauf, dass sein Gegenüber zu der Auffassung gelangen muss, er spreche von der Kuh. Spricht er aber nicht. Und dass sich dem Leser der Satz: »Manchmal kann von einer Sekunde auf die andere plötzlich alles ganz anders sein«, den er als diese wichtigste Lehre seines Lebens ausgibt, eher als tief verinnerlichte Lebenslüge erschließt, hat mit der Art dieser Geschichten zu tun. Geschichten, wie wir sie alle kennen. Geschichten, wie sie das Leben schreibt, bitterböse Geschichten zuweilen. Dreizehn davon hat Horst Matthies in diesem Band zusammengetragen. Bestechend gestrickt, packend erzählt, mit Gewinn zu lesen.
Horst Matthies wurde 1939 in Radebeul bei Dresden geboren, ging acht Jahre zur Schule, erlernte dann den Beruf des Bergmanns und diente, bis ihn das Schreiben unerwartet überfiel, nahezu elf Jahre bei der Bereitschaftspolizei. Danach Studium am »Literaturinstitut Johannes R. Becher« in Leipzig. Seit 1970 freischaffend als Autor, zunächst in Halle an der Saale, seit 1980 in Hohen Viecheln am Schweriner See. Geburtsjahr, Geburtsort und die weiteren Stationen seines Lebens weisen aus, dass er den überwiegenden Teil davon als Bürger des Staates DDR erfahren hat. Hier hat er seine Bildung erhalten, wuchs die Art seiner Hoffnungen, führte er seine Kämpfe, liebte er seine Lieben, hatte er Freunde und Leute, die ihn nicht mochten, Gründe für Zorn und Gründe, sich aus ganzem Herzen zu freuen. Dieser Erfahrungshorizont ist prägend für sein literarisches Schaffen, sowohl vor, wie auch nach dem »Schluckauf der Geschichte« vom Jahr 1990, wie er den Holterdiepolterwechsel von der sozialen Murkswirtschaft zur kapitalen Machtwirtschaft nennt. Dass er damit nicht ganz erfolglos war, weisen zahlreiche Veröffentlichungen (Hörspiele, Kinderbücher, Erzählungen für Erwachsene, Romane) und auch Literaturpreise nach. Er ist verheiratet mit der Malerin und Grafikerin Britta Matthies und hat mit ihr zwei Söhne.
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Klapp, machte die Tür
Klapp, machte die Tür und er stand draußen. Verwundert drückte er mit dem rechten Knie dagegen, versuchte auch noch an dem als Löwenkopf gestalteten, funktionslosen Knauf zu drehen, und schaute dann auf die Uhr. Sie war das Einzige, was er schon am Leibe trug. Vieruhrzweiunddreißig. ›Die Polizei‹, dachte er dann und ärgerte sich zugleich über diese unsinnige Idee. Wie er sich auch über seine Angewohnheit ärgerte, die Schuh vor der Wohnungstür stehen zu lassen, wenn er spät nach Hause kam, um den Teppichbelag des Korridors vor dem Straßenschmutz zu schützen. Der Zeiger rückte auf Vieruhrdreiunddreißig, und er wusste, wenn er nicht bald eine Lösung fand, war die Chance vertan, endlich eine Rolle in einer Fernsehserie zu bekommen. Und eine weitere würde sich so schnell nicht ergeben. Es war das erste Mal, dass er jemanden kannte, der beim Casting für eine Serie eine Stimme hatte. Also doch die Polizei oder die Feuerwehr oder einen Schlüsseldienst. Aber auch dafür brauchte er das Telefon. Und ob er dann noch rechtzeitig auf dem Flughafen eintreffen könnte, blieb trotzdem fraglich. Warum bloß hatte er die Schuhe diesmal so weit vor dem Abtreter von den Füßen gestreift und sie auch noch so liegenlassen, als sei er nicht ganz bei sich gewesen? Vieruhrsiebenunddreißig. Wenn es einen Hausmeister gäbe oder so eine Concierge wie in französischen Appartmenthäusern, wo man klingeln konnte und um Hilfe bitten … Aber in diesem Haus gab es keinen Hausmeister und keine Concierge. Hier gab es nicht einmal Namensschilder an den Türen, nur Wohnungsnummern. Und um von der Straße bis zum Aufzug gelangen zu können, brauchte man schon zwei Schlüssel. Der Aufzug! Ja, der Aufzug. In dem gab es einen Alarmknopf. Den konnte man drücken, wenn er zwischen den Stockwerken stecken blieb. Aber was passierte dann? Noch nie hatte er irgendwen erzählen hören, was passiert, wenn man in einem Fahrstuhl stecken geblieben ist und den Alarmknopf drückt. Meldet sich dann eine Zentrale? Kommt ein Monteur mit Blaulicht? Schaltet sich ein Lautsprecher ein, aus dem beruhigende Musik ertönt und eine freundliche Frauenstimme rät, die Ruhe zu bewahren, es werde an der Behebung des Schadens gearbeitet? – Nein, eine Lösung war das auch nicht. Vieruhrvierzig. Dann fiel ihm die Balkontür ein. Ja, sicher, die hatte er wie jeden Morgen geöffnet, ehe er ins Bad ging, damit frische Luft in die Wohnung kam. Und die hatte dann wohl auch bewirkt, dass die Wohnungstür zuklappte, als ihm beim Umbinden der Armbanduhr eingefallen war, dass die Schuhe noch im Treppenhaus standen und geputzt werden mussten. Denn es war eine Arztserie, und da konnte er wohl schlecht mit ungeputzten Schuhen zum Casting erscheinen. Ja, die Balkontür, das war eine Möglichkeit. Sie war offen, und wenn er auf den Balkon gelangen könnte, würde er auch in die Wohnung zurückgelangen können. Also der Balkon. – Da hing einer über dem anderen an der Hausfassade. Und wenn man sich von dem darüber hängenden abseilte, konnte man auf den darunter hängenden gelangen. Und von diesem aus … Ja, das war die Lösung. Er musste bei den über ihm wohnenden Leuten klingeln und sie überzeugen, dass sie ihm zwei Laken liehen, die er zusammenknoten konnte und am Balkongeländer festbinden und als Seil benutzen. Halten würde ihn das. Und trainiert genug war er auch, um sich selbst halten zu können. Immerhin hatte er einmal im Geräteturnen brilliert, ehe er sich bei der Schauspielschule bewarb. Und hatte auch danach immer darauf geachtet, dass seine Oberarmmuskulatur eine Struktur behielt, die ihn eher für die Besetzung als junger Held, denn als einen mit Ödipuskomplexen geschädigten Psychopathen empfahl. Die Hauptrolle in einem Western- oder Indianerfilm, das war der höchste aller Träume, die er träumte. Mit dem Aufzug würde er nicht fahren. Das war klar. Er würde das Treppenhaus benutzen. Das fehlte noch, dass dann vielleicht der Aufzug stecken blieb. Und außerdem war die Gefahr geringer, dass er jemandem begegnete, wenn er das Treppenhaus benutzte. Hatte er doch immer noch nicht mehr am Leib als seine Armbanduhr. Vieruhrzweiundvierzig. Blieb dieses Problem. Der Abtreter schien ihm wenig geeignet. Er war aus Kokosfaser gefertigt, mit einem extra steifen, aufwärts gerichteten Faserflies, in dem der Schriftzug »Willkommen« zu erkennen war. Und ausgeklopft hatte er ihn außerdem schon seit einiger Zeit nicht mehr. Also nahm er einen der Schuhe. Vieruhrvierundvierzig. Es ertönte ein melodisches Klingklong, nachdem er seinen Finger auf den Klingelknopf gelegt hatte. Und dann wurde auch schon sofort geantwortet. »Puschel?«, fragte eine verunsichert klingende Frauenstimme hinter der Tür, und er antwortete, mit nun schon unüberhörbarer Gehetztheit: »Neinnein, ich bin der Mieter von unter Ihnen. Ich habe mich ausgesperrt. Aber bitte öffnen Sie nicht die Tür. Reichen Sie mir vielleicht erst ein Handtuch oder so etwas. Ich habe nämlich nichts an.« Vieruhrfünfundvierzig. Es dauerte etwas, bis auf diese Mitteilung eine Reaktion erfolgte. Offenbar musste die Frau hinter der Tür erst mit der Vorstellung fertig werden, was sich da vor der Tür tat. Dann sagte sie: »Einen Moment.« Wieder schaute er auf die Uhr. Aber er registrierte nicht, welche Zeit sie anzeigte. Er lauschte, was sich hinter der Wohnungstür tat, bis ein Schlüssel gedreht wurde und eine schmale Hand ein Bündel Kleider durch den sich öffnenden Spalt schob und die ihm schon bekannte, nun aber weniger beunruhigt klingende Stimme dazu sagte: »Ich denke, das dürfte passender sein als ein Handtuch.« Es war ein knallgelber Jogginganzug, genau der gleiche knallgelbe Jogginganzug, wie auch er ihn besaß, wenn auch um eine Konfektionsgröße zu klein. Das war aber für das Vorhaben, sich vom Balkon dieser Wohnung auf den Balkon seiner Wohnung abzuseilen, vollkommen ohne Bedeutung. Und so fühlte er sich, nachdem er ihn angezogen hatte, schon wieder ganz als Herr der Lage, und rief: »Ich stehe jetzt vor ihrem Spion. Und wenn Sie meinen, dass ich vertrauenswürdig aussehe, können Sie öffnen.« Vieruhrsiebenundvierzig. Sie erwies sich als jung, sehr jung, vielleicht zehn Jahre jünger als er. Und er bedauerte seit Langem wieder einmal, dass er sich nicht für Frauen interessierte, denn sie war nicht nur jung, sondern auch schön. Und er hatte sie offenbar aus dem Bett geklingelt. Denn sie war mit einem Morgenmantel bekleidet, und ihr Haar wallte in einer Weise von ihrem Scheitel auf die Schultern herab, dass man sah, es war an diesem Morgen noch nicht mit einem Kamm in Berührung gekommen. Weshalb es noch den Duft entspannter Glieder zu atmen schien. Ja, ob eine Frau schön war oder nicht, war er durchaus in der Lage zu beurteilen. Wenn es ihn auch nicht berührte. Zwei Laken brauche er, erklärte er, oder besser noch drei, um sie zusammenknoten zu können. Das Weitere wäre dann kein Problem mehr. Seine Balkontür sei offen. Deshalb sei ja auch die Wohnungstür zugeschlagen. Auf einen Schlüsseldienst warten zu müssen, könne er sich aber nicht leisten. Er müsse zum Flughafen. Ein Casting. Eine unwiederbringliche Chance. Und die Kosten für die Reinigung würde er dann selbstverständlich übernehmen, beziehungsweise könne er auch den Kauf neuer Laken bezahlen. Vieruhrachtundvierzig. Das war auch der Zeitpunkt, in dem der als »Puschel« erwartete Mann der jungen Frau aus der U-Bahn stieg und auf den Treppenausgang zuging, von dessen obersten Stufe aus er immer einen ersten Blick zum achten Stock des gegenüberstehenden zehngeschossigen Hauses gleiten ließ, hinter dessen Fensterfront er die Wärme eines zartgliedrigen Körpers wusste, in die er sich einschmiegen konnte, sobald er die Tür hinter sich geschlossen, den Schmutz vom Körper gewaschen und die Zähne geputzt haben würde. Er war Gleisbauer bei den örtlichen Nahverkehrsbetrieben. Weshalb er hauptsächlich nachts arbeitete. Denn die nötigen Reparaturarbeiten am Gleiskörper mussten während der verkehrsarmen Nachtstunden ausgeführt werden. Ersatzverkehr am Tage war zu kostenaufwändig. Und zu reparieren gab es immer etwas. So war für ihn die einzige, wirklich schöne Stunde des Tages die Stunde zwischen seiner Heimkehr und dem leisen Fiepen des Küchenherds, an dessen Uhr seine Frau die Zeit einstellte, die ihnen blieb, bis sie sich aus der Klammer seiner Glieder lösen und ins Bad schlüpfen musste. Sie arbeitete als Kindergärtnerin und hatte in »der Einrichtung« zu sein, wie sie ihre Arbeitsstelle nannte, wenn die im nahe gelegenen Glühlampenwerk arbeitenden Mütter ihre Kinder anlieferten. Wo sie dann auch meistens so lange blieb, bis das letzte wieder abgeholt worden war. Die Zeit zwischen ihrer Rückkehr und dem für ihn eingestellten mahnenden Fiepen reichte dann meist nur für ein gemeinsames Abendessen und die zwei, drei Worte, die es...




