E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Maxwell Herz des Imperiums
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98666-452-7
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-98666-452-7
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Everina Maxwell wuchs in Sussex, Großbritannien, auf. Sie hatte das Glück, in der Nähe einer Bibliothek zu leben, die Lois McMaster Bujold, Anne McCaffrey und Terry Pratchett führte. So verbrachte sie ihre gesamte Freizeit damit, Science Fiction und Türstopper-Fantasy zu verschlingen, wobei die Georgette-Heyer-Sammlung ihrer Familie immer ein verlässlicher Freund war, wenn die Bücher der Bibliothek ausgingen. Sie lebt und arbeitet in Yorkshire.
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KAPITEL 1
»Nun ja, irgendjemand muss den Mann ja heiraten«, sagte Ihro Majestät.
Sie saß in ihrem Audienzsaal im Herzen des weitläufigen, verzweigten herrschaftlichen Palasts und wirkte in ihrem hochgeschlossenen Gewand ernst und ehrerbietig. Die Bogenfenster des Turms waren aufwendig bearbeitet worden, um den schwachen Schein des herbstlichen Lichts von Iskan V zu verstärken. Die warmen Strahlen hätten das von tiefen Falten gezeichnete Antlitz des Reichsoberhaupts weicher erscheinen lassen sollen. Doch selbst die Sonne schien dieses Unterfangen aufgegeben zu haben.
Ihr gegenüber saß in einer nur leicht verknitterten Uniform Kiem, Ihro Prinzliche Hoheit von Iskat und das unbeliebteste Enkelkind des Reichsoberhaupts. Es hatte ihm schlichtweg die Sprache verschlagen. Man rief ihn nur selten zu einer Audienz, es sei denn, ihm kam mal wieder sein gesunder Menschenverstand abhanden. Seit der Bedienstete seiner Großmutter ihn herzitiert hatte, zermarterte er sich das Hirn, aber ihm fiel nichts ein, was er nun schon wieder verbrochen haben sollte. Er dachte kurz darüber nach, ob es an der Delegation der Galaxier lag, die am Vortag eingetroffen war und den gesamten Palast in Aufruhr versetzte. Kiem kannte sich mit Politik nicht besonders gut aus – vielleicht wollte ihn Ihro Majestät nur auffordern, kein Aufsehen zu erregen.
Das hier war allerdings das genaue Gegenteil. Kiem hatte sich auf eine Standpauke vorbereitet, jedoch niemals damit gerechnet, dass er den Audienzsaal als Verlobter eines Diplomaten aus einem Vasallenstaat verlassen würde, den er noch nie getroffen hatte.
Er öffnete den Mund, um zu sagen: Ich verstehe gar nicht, warum ihn überhaupt jemand heiraten muss. Er besann sich jedoch eines Besseren – es war nie eine gute Idee, Ihro Majestät zu widersprechen, genau so brachte er sich immer in Schwierigkeiten. Er formulierte seinen Gedanken um. »Ihro Majestät, Ihro Prinzliche Hoheit Taam ist erst vor einem Monat gestorben.«
In dem Moment, als er es sagte, bemerkte er, wie schrecklich das klang. Immerhin war Taam Kiems Cousin gewesen und die kaiserliche Familie befand sich genau genommen immer noch in tiefer Trauer. Selbstverständlich war Kiem geschockt gewesen, als er von dem Unfall mit dem Flybug gehört hatte. Doch als er das letzte Mal durchgezählt hatte, befanden sich noch mehr als vierzig Personen vor ihm in der Thronfolge, hauptsächlich Cousinen und Cousins, und er hatte Taam nicht besonders gut gekannt.
Ihro Majestät warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Meinst du etwa, das wüsste ich nicht?« Sie trommelte mit ihren Fingerspitzen auf die lackierte Oberfläche des niedrigen Tischs neben sich. Offenbar wollte sie ihm eine zweite Chance geben, sich an seine Manieren zu erinnern. Kiem war allerdings zu sehr durch den Wind, um diese Geste zu schätzen zu wissen. »Das Abkommen mit Thea muss hieb- und stichfest sein«, sagte sie. »Wir stehen unter immensem Zeitdruck.«
»Aber …«, begann Kiem. Sein Blick folgte der Bewegung ihrer Finger und er suchte nach einem Argument. Auf dem niedrigen Tisch stapelten sich Geschenke von offizieller Seite, die hauptsächlich von den Vasallenplaneten stammten: Teller aus Kristallglas, eine Schale mit bedeutsamen Moosen, eine fürchterliche goldene Uhr vom Parlament Iskats. Dazwischen glühte unter einer Glasglocke ein kleines Relikt der Galaxier. Es war von einer Farbe, die Kiem irgendwie nicht richtig wahrnehmen konnte – wie eine Glasscherbe, die aus einer anderen Dimension stammte. Allein dass es sich mit Kiem in einem Raum befand, bereitete ihm Unbehagen. Er zwang sich, den Blick abzuwenden. Unglücklicherweise bedeutete das, dass dieser nun auf Ihro Majestät fiel.
Er versuchte es noch einmal. »Aber Eure Majestät … Taams Partnermenschen zu heiraten …« Er hatte eine vage Vorstellung, um wen es sich handelte. Ihro Hoheit Taam und Graf Jainan, der Abgesandte von Thea, waren eines der Vorzeigepaare der kaiserlichen Familie gewesen. Sie wirkten beinahe so perfekt, als hätte das Reichsoberhaupt sie synthetisch herstellen lassen. Iskat besiegelte politische Abkommen stets mit Hochzeiten – das war immer schon so gewesen, seit die ersten Kolonisten den Planeten besiedelt hatten. Dies war auch einer der unausgesprochenen Gründe dafür, dass es auf Iskat derart viele niedere Adlige gab. So hatte man stets einen Repräsentanten zur Hand, wenn man einen brauchte. Prinzipiell sprach nichts gegen Kiem: Er hatte keine Kinder, war nicht besonders religiös, offen für Monogamie, nicht auf ein bestimmtes Gender festgelegt oder gerade an jemand anderem interessiert. Das bedeutete jedoch nicht, dass er Taam so einfach ersetzen konnte, schließlich hatten Jainan und er fünf Jahre lang in einer Partnerschaft gelebt. »Ma’am, Ihr braucht sicher jemanden, der etwas« – würdevoller – »passender ist. Ihro Prinzliche Hoheit Vaile vielleicht. Oder niemanden. Vergebt mir, aber mir ist nicht klar, warum wir überhaupt jemand Neues für ihn finden müssen.«
Seine Großmutter sah ihn an, als würde sie sich gerade in diesem Moment der Unterschiede zwischen ihm und Prinz Taam schmerzlich bewusst. »Augenscheinlich hast du dich in keiner Weise mit der aktuellen politischen Situation auseinandergesetzt.«
Kiem fuhr sich abwesend mit der Hand über die Stirn. Die Luft in den Räumen des Reichsoberhaupts fühlte sich immer trocken und etwas zu warm an. »Tut mir leid.«
»Selbstverständlich nicht. Wie ich hörte, warst du gestern wieder trinken. Auf dem Karneval?«
»Nein, ich …« Kiem bemerkte, dass er so klang, als wollte er sich verteidigen, und hielt inne. Er war nun schon lange nicht mehr blau gewesen. Doch die Entgleisungen seiner Studentenzeit, als sich jeder Ruf an den Hof als kaiserliche Maßregelung für seinen letzten Skandal entpuppte, schienen für sie in Stein gemeißelt zu sein. »Ich war nur nachmittags da.«
Ihro Majestät warf einen Blick auf die sich verändernden Fotos in der Pressemappe auf dem Tisch. »Die Pressestelle hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass du ein Trollkostüm angezogen und dich einer Karnevalsgruppe angeschlossen hast und schließlich mitten in der Parade in den Kanal gefallen bist.«
»Das war eine Kindergruppe«, verteidigte sich Kiem. Normalerweise wäre er bei dem Versuch, die Fotos im Newslog zu erklären, in Panik ausgebrochen. Allerdings war nach der überraschenden Verlobung mit einem Fremden keine Panik mehr übrig. »Ihr Troll ist im letzten Moment abgesprungen. Und das mit dem Kanal war ein Unfall. Ihro Majestät, ich … ich bin«, er rang verzweifelt um die richtigen Worte, »noch viel zu jung, um zu heiraten.«
»Du bist Mitte zwanzig«, erwiderte sie. »Mach dich nicht lächerlich!« Sie erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung, die regelmäßige Behandlungen mit lebensverlängernden Maßnahmen erahnen ließ, und trat ans Fenster des Turms. Kiem stand zeitgleich mit ihr auf, aber da er nichts zu tun hatte, verschränkte er die Hände hinter dem Rücken. »Was weißt du über Thea?«
Kiem versuchte, seine rasenden Gedanken auf irgendwelche relevanten Fakten zu fokussieren. Iskat herrschte über sieben Planeten. Es handelte sich um ein loses Bündnis föderalistischer Reiche: Iskat mischte sich nicht in die internen Angelegenheiten seiner Vasallenstaaten ein. Im Gegenzug hielten die Vasallen die Handelsrouten aufrecht und zahlten Steuern. Thea war das neueste und kleinste Mitglied. Es war vor etwa einer Generation friedlich eingemeindet worden – was man nicht von allen Planeten des Imperiums sagen konnte. Es tauchte nicht oft in den Schlagzeilen auf und Kiem schenkte politischen Themen ohnehin kaum Beachtung.
»Es hat … eine schöne Küste?«, versuchte Kiem. Ihm fielen nur ein paar Schnappschüsse aus einer längst vergessenen Dokumentation ein – grüne, sonnenbeschienene Hügel trafen auf einen kobaltblauen Ozean. Und eine eingängige Melodie einer theanischen Band. »Ich kenne mich ein wenig mit ihrer, äh …« – Ihro Majestät hörte mit Sicherheit keine Musik – »Popkultur aus?« Er zuckte unwillkürlich zusammen, als ihm bewusst wurde, wie das klang. Das war keine Basis für eine Beziehung.
Ihro Majestät betrachtete ihn, als ob sie versuchte herauszufinden, wie aus den Genen seiner Eltern jemand entstanden sein konnte, der so viel weniger darstellte als die Summe ihrer Eigenschaften. Sie wandte den Blick ab und schaute wieder hinaus. »Komm her.«
Kiem folgte der Aufforderung und trat ans Fenster. Vor seinen Augen erstreckte sich unter einer winterlichen Wolkendecke die Stadt Arlusk. Selbst durch das lichtoptimierende Glas hindurch wirkte die Stadt blass. Die ausladenden Regierungsgebäude ragten wie marmorne Venen aus dunklem Gestein empor. Sie waren rund zweihundert Jahre älter als alles andere in diesem Sektor. Rings um sie befand sich ein Wirrwarr aus neueren Häuserblöcken. Gestern war in diesem langen Winter der erste Schnee gefallen und wurde auf den Straßen bereits zu Matsch.
Doch Ihro Majestät schenkte alledem keine Beachtung. Ihr Blick richtete sich auf die andere Seite der Stadt, wo sich der Raumhafen einem Ameisenhügel gleich über die Seite eines Berges ausbreitete. Silberglänzende Shuttles landeten und flogen darüber hinweg, während andere Schiffe in großen Docks lagen, die man tief in den Berg hineingetrieben hatte. Kiem kannte das geschäftige Treiben des hiesigen Raumhafens bereits sein ganzes Leben lang. Wie die meisten Iskaner hatte er die etwa ein Jahr währende Reise zum weit entfernten galaktischen Link – dem Tor zu den entlegeneren...




