E-Book, Deutsch, 240 Seiten
McCabe Chris McCool
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8270-7538-3
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7538-3
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patrick McCabe wurde 1955 in Irland geboren, war mehrfach für den Booker Prize nominiert und zwei seiner Romane wurden erfolgreich von Neil Jordan verfilmt: »Breakfast on Pluto« (2000) und »Der Schlächterbursche« (1995). Für »Winterwald« erhielt er 2007 die Auszeichnung Irish Novel of the Year. Hans-Christian Oeser, geboren 1950, lebt seit 1980 in Irland und in Berlin. Er arbeitet als Übersetzer, Autor und Herausgeber.
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Bleib bei mir
Belebt durch die bescheidene Ruhe des Happy Club, habe ich es mir in jüngster Zeit zur Aufgabe gemacht, die Neuausstattung unserer hübschen Wohnung in der vierten Etage gewissenhaft voranzutreiben. Zu meinen jüngsten Anschaffungen zählen ein wunderbar reich verzierter marokkanischer Teppich, den ich im Internet bestellt, und ein Peter-Blake-Poster der Sängerin Alma Cogan, das ich – ob Sie’s glauben oder nicht – tatsächlich hier in Cullymore East aufgespürt habe, in einem kleinen Antiquitätenladen an der Plaza. Außerdem ein reizender Mahagonicouchtisch samt poliertem eingelassenem Schachbrett, das mir lange Stunden der Unterhaltung beschert, wenn ich nicht gerade Andy Williams höre oder die Carpenters, besonders einen ihrer Songs, der den perfekten Soundtrack für unser neues Leben bereitzustellen scheint.
– We’ve only just begun, singt Karen mit ihrer warmen, hypnotisierenden Stimme, einer Stimme wie geschmolzenes Karamell, während ich den Kopf an den tröstenden Busen meiner geliebten Vesna schmiege, genüsslich an meiner Peter Stuyvesant ziehe und verträumt zu den Sternen aufblicke.
– Can’t take my eyes off you, flötet Andy, während Vesna lächelt und ich ihr mit den Fingern durchs Haar fahre, ihre zierlichen Schultern und ihren blassen, sommersprossigen Arm küsse und ihr ins Ohr flüstere:
– In der Heiligen Stadt der Liebe umschlingen wir zwei einander für immer.
In der Regel gehen wir jetzt früh zu Bett, und ich kann mir nichts Gemütlicheres vorstellen, als in dieser behaglichen Stille, die wir eindeutig zu unserer gemacht haben, einfach so neben ihr zu liegen. Vesna sieht wie immer bezaubernd aus, und im Licht schimmert der Helm ihres Haares wie Platin. Mit ihrem Dreamland-Nachthemd und dem Max-Factor-Make-up gibt sie das perfekte Model ab. Genauso umwerfend wie, sagen wir, Grace Kelly oder wie die unnahbare, aber elegante Kim Novak in Hitchcocks Vertigo. Das war immer schon einer meiner Lieblingsfilme. Wir gehen kaum noch aus. Eheglück – unser ureigenster Club.
– To Sir With Love, singt Lulu – ebenfalls einer unserer Lieblingssongs »für ruhige Stunden«.
Dann lösche ich in unserem Happy-Club-Zuhause die Lichter, knabbere zärtlich an ihrem Ohrläppchen, beuge mich zu ihr und flüstere:
– Nacht, Vesna.
– Nacht, Nacht, Christopher. Chris, mein liebster, charmanter Kavalier.
Obwohl sie das Wort »Kavalier« natürlich nicht benutzt. Denn Vesna, das arme Ding, spricht ja kaum Englisch. Liebevoll lasse ich meine Hände durch ihr blondes Haar gleiten:
– Je t’aime, seufze ich mit meinem Serge-Gainsbourg-Akzent, während wir aufs Neue ein Fleisch werden – ein heilsames, trotziges Fest der Liebe, jener eigensinnig dauerhaften, nahezu unbezwinglichen Stadt. Dem heiligsten Ort auf Gott Jesu grüner Erde. Und ich muss es wissen, schließlich habe ich dort Nacht für Nacht meinen Wohnsitz.
– Die Heilige Stadt, wispere ich abermals.
Und drücke meine Lippen begierig auf die ihren.
Wenn ich mich dann doch dazu entschließe, in den Pub zu gehen, der sich gleich hinter der Plaza befindet, bemühe ich mich immer, so gut wie möglich auszusehen, als stehe alles zum Besten und es liege nichts Außergewöhnliches vor – denn ich möchte nicht, dass man einen falschen Eindruck bekommt. Und falls sich tatsächlich jemand nach Vesna und ihrem Wohlergehen erkundigt, habe ich immer die gleiche Ausrede parat: dass sie ihre Mutter in Dubrovnik besucht.
In der Zeit vor ihrem entsetzlichen Fehltritt – leider muss ich gestehen, dass sie Ehebruch beging – sind wir gelegentlich, nein: mindestens drei Mal in der Woche, ausgegangen.
– Chris, Lieblink, ich in Minute fertik, hörte man sie dann sagen.
– Tsss, oder – Wird auch langsam Zeit!, antwortete ich dann, und Hand in Hand schlenderten wir über die Plaza, um wieder mal ein bisschen zu »swingen« und uns den »duften« Mood-Indigo-Beat »reinzuziehen«.
Der natürlich auf uns als Zielgruppe zugeschnitten ist, auf die sogenannten »Babyboomer«. Mit unserem Überhang an Knete und unserer hartnäckigen Weigerung, das Verrinnen der Zeit hinzunehmen, sind wir die idealen Kunden. Wir schnippen mit den Fingern und schwofen bis zum Umfallen, unsere Haare silbergrau wie das unseres Helden Burt Bacharach. Ja, so sind wir: die »groovy Typen«, die »Bussi-Bussis« von früher. Ja, da kommen sie, mit ihren Glasperlen und Bluejeans – Pops und die ganze Bande –, tanzen unter Sternen den Watusi.
Nicht, dass in dem Städtchen, wo ich aufgewachsen bin, allzu viele Watusis stattfanden. Um ehrlich zu sein, gab es in dem kleinen und nicht gerade bemerkenswerten Dorf namens Cullymore nur einen, der auch nur annähernd den Status eines Trendsetters erreichte, einen wilden Schlingel, den ich aus der Schule kannte: ein exzentrischer Freigeist, der auf den Namen Teddy »der Hippie« Maher hörte. Teddy hatte eine Zeit lang in Amerika gelebt und war besessen von Kalifornien und dem »Summer of Love«.
– Mann, Christy, ich sag’s dir, pflegte er loszulegen, da draußen ist echt was los. Eine Revolution, Kumpel – und nichts anderes. Total verrückt, Chris! Sobald ich meinen Scheiß hier geregelt hab, fahr ich zurück – zurück nach Haight-Ashbury und zum Groove!
Etwa um die Zeit, als Teddy tatsächlich zurückfuhr, erstand ich meine erste »Ausstattung« im Carnaby-Street-Stil: ein blousonartiges Hemd, ein psychedelisches Paisley-Ensemble mit passendem Schlips und Kragen in wirbelndem Pink. »Yeah, crazy, groove – Thangs!«, leierte ich mit einem breiten amerikanischen Akzent, den ich für modisch hielt, und stolzierte großspurig vor dem Schlafzimmerspiegel auf und ab.
Doch bevor ich abschweife, möchte ich lieber auf das eigentliche Thema zurückkommen und Ihnen ein paar Fakten über den Mood Indigo Club an die Hand geben, diesen verglasten, blau beleuchteten Tempel musikalischer Wonnen, den ich wiederholt beifällig erwähnen werde. In seiner Blütezeit gab es wahrhaftig nichts Vergleichbares. Er war einfach fantastisch, ja, das war er – kein Wunder, dass wir uns immer darauf freuten. Damals tat ich nichts lieber, als mich zurechtzumachen und an der Hand meiner »exotischen« Freundin (denken Sie an Elke Sommer, denken Sie an Daliah Lavi!), der kultivierten, majestätischen, atemberaubend schönen Vesna, zur Tür hinauszugehen.
Wie ich mich immer darauf freute, ihr beim Schönmachen zuzusehen! Da sie so viel Wert auf ihr Äußeres legte, konnte sie eine halbe Ewigkeit damit zubringen – sich aufzumotzen und aufzubrezeln, an ihrem Häkel-Mini zu zupfen, in ein kariertes A-Line-Kleid zu schlüpfen. Das Haar trug sie immer (eigentlich mehr Kim als Elke oder Daliah) zu einer fixierten, fantastisch hohen blonden Turmfrisur.
Manchmal vollführte sie dabei – nur so zum Spaß – ein kleines Tänzchen, das sie sich ausgedacht hatte, und wackelte mit den Fingern, während sie Lulu oder vielleicht auch Clodagh Rodgers vor sich hinsäuselte. Zu denen tanzten wir auf der bunten, blinkenden Tanzfläche des Mood Indigo immer gern Twist. Nach einem Daiquiri oder ein paar Manhattans.
– Come back and shake me, take me in your arms!, sang ich dann. Während Vesna ihrerseits das Beste tat, die winzige rothaarige Soulröhre aus Glasgow zu imitieren, ziemlich hysterisch mit den Hüften wackelte und sang:
– My heart goes boom bank a bank when you is near!
Ungefähr so weit entfernt von Lulus Stimme, dachte ich damals, wie das Dorf Cullymore von den kriegsgebeutelten Straßen des leidgeprüften alten Kroatien.
Eines Abends kamen wir in den Club, Pops der Groover mit seiner »Mieze« am Arm. Der MC, mein alter Kumpel Mike, hatte schon mehr als die Hälfte seines Programms abgespult. Kaum sah er uns durch die Tür kommen, setzte er natürlich gleich zu seiner absurd albernen Version eines wahllosen Beatles-Medleys an. I Am the Walrus brachte er wie immer auf seine ganz eigene, unnachahmliche Art. Mit seiner Hasenscharte – es war wirklich zum Schießen:
– I am the Eggmah!, grölte er, entlockte der Gitarre noch ein paar Noten und zog eine Grimasse. I am the Walnut!
– Was für eine Type, sagte ich zu Vesna, als wir unseren Stammplatz am Fenster einnahmen.
– Whisky mit Soda, verlangte ich fingerschnippend, und für die Dame wohl eine Margarita.
– Gewiss, Sir, aber natürlich, Sir. Schön, Sie wiederzusehen, Mr McCool.
– Nennen Sie mich einfach Pops, strahlte ich, C. J. Pops, internationaler Playboy, ha ha.
Ich muss schon sagen, damals in St. Catherine’s war Mike Corcoran ein regelrechter Rettungsanker für mich gewesen. Er war einfach zum Totlachen: Witze, verrückte Pointen und dumme Sprüche ohne Ende. Jetzt nennt er sich Mike Martinez, und sein Bühnenoutfit muss man gesehen haben.
– Du musst der Kundschaft immer einen Schritt voraus sein, Pops, sagt er immer zu mir.
Direkt aus Vegas steht auf seinem Poster, und bei seiner lächerlichen Solariumsbräune passt das genau zu ihm....




