E-Book, Deutsch
McCaffrey Drachenwege
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-21005-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Drachenreiter von Pern, Band 17 - Roman
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-641-21005-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Kindan lebt mit seiner Familie in einem Bergarbeitercamp auf Pern. Dort wird im riskanten Untertagebau Kohle gewonnen, das geläufigste Brennmaterial auf Pern. Den Arbeitern zur Seite stehen Wachwhere, kleine Drachen mit photosensitiven Augen, die selbst im Dunkeln noch perfekt sehen können. Obwohl er lieber einer jener Harfner wäre, fahrende Sänger, deren Aufgabe es ist, die Traditionen der Drachenreiter zu pflegen, scheint es beschlossene Sache, dass Kindan ebenfalls in den Minen arbeiten wird. Doch als sein Vater bei einem Grubenunglück stirbt, wird klar, dass das Schicksal Kindan für einen gänzlich anderen Weg ausersehen hat …
Anne McCaffrey wurde am 1. April 1926 in Cambridge, Massachusetts, geboren, und schloss 1947 ihr Slawistik-Studium am Radcliffe College ab. Danach studierte sie Gesang und Opernregie. In den Fünfzigerjahren veröffentlichte sie ihre ersten Science-Fiction-Kurzgeschichten, ab 1956 widmete sie sich hauptberuflich dem Schreiben. 1967 erschien die erste Story über die Drachenreiter von Pern, „Weyr Search“, und gewann den Hugo Award im darauffolgenden Jahr. Für ihre zweite Drachenreiter-Story „Dragonrider“ wurde sie 1969 mit dem Nebula Award ausgezeichnet. Anne McCaffrey war die erste Frau, die diese beiden Preise gewann, und kombinierte die beiden Geschichten später zu ihrem ersten Drachenreiter-Roman „Die Welt der Drachen“. 1970 wanderte sie nach Irland aus, wo sie Rennpferde züchtete. Bis zu ihrem Tod am 21. November 2011 im Alter von 85 Jahren setzte sie ihre große Drachenreiter-Saga fort, zuletzt zusammen mit ihrem Sohn Todd.
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Kapitel 1
Am Morgenhimmel, stolz und leise,
Zieht ein Drache seine Kreise.
Kindan war so aufgeregt, dass er mit jedem Schritt, den er bergauf rannte, beinahe in die Luft sprang. Er konnte es kaum erwarten, die Anhöhe zu erreichen, auf der Camp Natalon die große Nachrichtentrommel, das Signalfeuer und den Wachposten stationiert hatte.
»Sie sind da! Sie sind da!«, schrie Zenor zu ihm hinunter. Mehr bedurfte es nicht, um Kindan zu noch größerer Eile anzuspornen.
Außer Atem erreichte er seinen Freund, der auf dem Gipfel, der als Beobachtungsposten ausgebaut war, schon auf ihn wartete. Wenn er ins Tal hinabspähte, sah er ganz deutlich die großen Lastkarren, die schwerfällig auf das Hauptcamp zurollten. Die Spitze bildeten die kleineren, in knallbunten Farben bemalten Wohnwagen, in denen die Reisenden hausten.
Von der Bergkuppe aus ging der Blick ungehindert über den See bis hin zu der Wegbiegung, an der sich die Karawane der Sicht entzog. Kindan vermochte sogar die frisch gepflügten Felder an der anderen Seite des Sees auszumachen, auf der in Kürze das erste Saatgut ausgestreut werden sollte.
In der Nähe des Aussichtspostens gabelte sich der Pfad. Die wesentlich ausgefahrenere Abzweigung führte zu dem Depot, in dem die geförderte und in Säcken abgefüllte Kohle lagerte; auf dem schmaleren, flacheren Weg gelangte man zu den am diesseitigen Seeufer gelegenen Hütten der Bergleute.
Die meisten dieser kleinen Häuser säumten in Dreierreihen einen zu einer Seite hin offenen Platz, so dass ihre Anordnung ein U bildete. Am nördlichen Ende, wo sich die Lücke befand, führte die Straße vorbei. Dort hatte man kleine Gewürzgärten angelegt. Und just vor dieser Gartenanlage waren Hochzeitsvorbereitungen im Gange – für Kindans Schwester, die im Begriff stand, sich zu vermählen.
Keines der Häuschen war so solide gebaut, dass es einem Fädenfall hätte standhalten können. Doch bis zum Dritten Vorbeizug des Roten Sterns mussten noch sechzehn Planetenumläufe vergehen, und die Kumpel waren froh, bis dahin in ihren behaglichen Privatquartieren weilen zu können, die bequem nahe an der neuen Zeche lagen.
An der Straße, die vom Platz zum Hügel führte, standen auf halber Strecke ein einzelnes Haus und ein großer Schuppen. In dem Haus wohnte Kindan, und der Schuppen beherbergte Dask, den einzigen noch verbliebenen Wachwher des Camps. Dask war mit Kindans Vater, Danil, verbunden.
Von der Wachstation auf der Bergkuppe nicht zu sehen, hinter einer Wegbiegung, erhob sich ein weitaus stattlicheres und massiveres Gebäude, eine Art Festung aus Stein, die Natalon, dem Obersteiger{4} des Camps gehörte. Nördlich davon, getrennt durch einen von einer Mauer umfriedeten Kräutergarten, lag eine kleinere, aber beinahe ebenso stabil gebaute Unterkunft, in der der Harfner des Camps lebte.
Gleich hinter der Behausung des Harfners, von der vom Aussichtspunkt aus gerade noch eine Wand zu sehen war, machte der Bergrücken – ein Ausläufer des mächtigen Gebirges im Westen – einen jähen Knick. Die sich davor erstreckende Ebene wurde von einem zwei Kilometer weiter liegenden Gebirgssporn begrenzt und bildete ein breites, flaches Tal. Einhundert Meter westlich des Aussichtspostens befand sich der Eingang zur Zeche.
Die Jungen kannten sich bestens in dem Tal aus, obwohl sich das Landschaftsbild ständig änderte; selbst Kindan war ortskundig, dabei weilte er erst seit sechs Monaten im Camp. Die herrliche Aussicht von der Bergkuppe hatte heute für sie keinen Reiz. Nicht einmal die Hochzeitsvorbereitungen interessierten sie. Die beiden Knaben hatten nur Augen für die Handelskarawane, die sich am Seeufer entlang schlängelte.
»Wo ist Terregar?«, fragte Zenor. »Kannst du ihn sehen?«
Kindan blinzelte und beschattete die Augen mit der Hand, doch die Geste diente lediglich der Effekthascherei. Die Entfernung war viel zu groß, als dass er eine bestimmte Person hätte erkennen können.
»Noch nicht«, entgegnete er gereizt. »Aber irgendwo da drunten muss er ja sein.«
Zenor lachte. »Das kann man nur hoffen. Falls nicht, bringt deine Schwester ihn um.«
Kindan funkelte ihn wütend an. »Solltest du nicht zu Natalon laufen und ihm Bescheid sagen?«
»Ich?«, wehrte Zenor ab. »Ich stehe Wache, ich bin kein Kurier.«
»Splitter und Scherben!«, stöhnte Kindan. »Ich bin ganz außer Puste.« Mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: »Außerdem weißt du, wie Natalon auf diese Nachricht reagieren wird.«
Zenor riss die Augen auf. »Und ob ich das weiß! Er hat sich so sehr gewünscht, dass deine Schwester bei uns im Camp bleibt. Darüber ist hier jeder informiert.«
»Genau«, pflichtete Kindan ihm bei. »Stell dir vor, wie wütend er sein wird, wenn ich ihm die Botschaft überbringe.«
»Ach, komm schon, Kindan«, wiegelte Zenor ab. »Es gibt auch eine gute Nachricht – eine ganze Handelskarawane ist zu uns unterwegs. Das wiegt die Hiobsbotschaft, dass es eine Hochzeit gibt, wieder auf.«
»Eine Hochzeit, die Natalon ausrichten muss«, hielt Kindan ihm entgegen. Er seufzte. »Na ja, wenn du darauf bestehst, spiele ich den Kurier.« Er legte eine theatralische Pause ein und fasste seinen kleineren Freund lauernd ins Auge. »Sis{5} hat gesagt, dass ich heute Abend Dask baden soll.«
Zenor kniff leicht die Augen zusammen und dachte kurz nach. »Willst du damit sagen, dass ich dir helfen darf, den Wachwher zu baden, wenn ich den Kurierdienst übernehme?«
Kindan grinste. »Richtig geraten!«
»Tatsächlich?«, vergewisserte sich Zenor hoffnungsvoll. »Und dein Dad hätte auch nichts dagegen?«
Kindan schüttelte den Kopf. »Er darf es nur nicht herausfinden.«
Die Vorstellung, nicht nur etwas Besonderes, sondern gleichzeitig etwas Unerlaubtes zu tun, brachte Zenors Augen zum Strahlen. »Abgemacht. Ich lauf runter.«
»Toll!«
»Einen Wachwher zu baden ist natürlich nicht dasselbe, wie einen Drachen einzuölen«, fuhr Zenor fort. Jedes Kind auf Pern hegte insgeheim den Wunsch, einen Drachen für sich zu gewinnen und mit einem dieser gigantischen, feuerspeienden Wesen, die den Planeten verteidigten, telepathisch verknüpft zu sein. Aber die Drachen schienen Kinder zu bevorzugen, die aus einem Weyr stammten. Nur wenige Drachenreiter kamen aus Burgen oder einer der Gildehallen. Und bis jetzt hatte sich noch kein einziger Drache in Camp Natalon blicken lassen.
»Ich habe schon welche gesehen«, trumpfte Zenor auf.
Jeder in Camp Natalon wusste, dass Zenor Drachen gesehen hatte; es war sein Lieblingsthema. Kindan unterdrückte ein gelangweiltes Stöhnen. Stattdessen gab er ermutigende Laute von sich, derweil er hoffte, Zenor möge seine Geschichte nicht zu sehr ausmalen; andernfalls konnte Natalon sich wundern, wieso kein Kurier eintraf, und sich den Namen des Jungen merken, der mit einer wichtigen Nachricht trödelte.
»Sie waren wunderschön! Und sie flogen in einer perfekten V-Formation. Ganz hoch am Himmel. Die Farben konnte man deutlich unterscheiden – bronze, braun, blau, grün ...« Zenors Stimme ebbte ab, als er sich den Vorfall ins Gedächtnis zurückrief. »Sie sahen so weich aus ...«
»Weich?«, fiel Kindan ihm ins Wort. Seine Stimme klang skeptisch. »Wie konnten sie weich aussehen?«
»So war es aber! Sie waren ganz anders als der Wachwher deines Vaters.«
Kindan, der sich bemüßigt fühlte, Dask zu verteidigen, hütete jedoch seine Zunge, denn er wollte ja, dass Zenor den Kurierdienst für ihn übernahm.
»Ist die Handelskarawane schon näher gekommen?«, lenkte er ab.
Zenor spähte hinunter, nickte und sprintete los. »Du wirst unsere Verabredung aber nicht vergessen, oder?«, rief er über die Schulter zurück.
»Natürlich nicht!«, erwiderte Kindan. Er freute sich schon darauf, den einzigen Wachwher der Zeche zu baden. So kurz vor einer bedeutenden Hochzeitsfeierlichkeit musste die Pflege sehr gründlich ausfallen.
Nach dem langen, schweißtreibenden Abstieg blieb Zenor am Fuß des Berges stehen und schaute zum Gipfel empor, auf dem Kindan nun Wache schob. Hier drunten im Tal herrschten wärmere Temperaturen als oben auf den Höhen; die Luft war übersättigt mit der von den Feldern aufsteigenden Feuchtigkeit und dem Rauch der Campfeuer. Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, begab er sich auf die Suche nach Natalon. Er steuerte auf die größte Gruppe von Leuten zu, die er entdeckte, in der Annahme, dort könnte sich der Leiter des Camps aufhalten. Er hatte Recht.
Natalon war ein groß gewachsener, stattlicher Mann. Zenors Vater, Talmaric, hatte ihn einmal einen »jungen Schnösel« genannt, aber nur mit verhaltener Stimme. Zenor, der dies hörte, hatte versucht, sich Natalon als jung vorzustellen, doch vergeblich. Obwohl Talmaric fünf Planetenumdrehungen älter war als Natalon, kam der Leiter des Camps Zenor, der erst zehn Lenze zählte, uralt vor.
Zenor überlegte, ob er Natalon rufen sollte, doch er wusste nicht recht, wie er ihn anzusprechen hatte. Noch herrschte eine beträchtliche Unklarheit über dessen Titel. Wenn das Camp sich bewährte und den Status einer regulären Zeche erhielt, wäre er »Lord Natalon«; doch bis jetzt war in dieser Hinsicht noch nichts geschehen, und infolgedessen hatte er noch keinen Anspruch auf einen Titel. Also entschloss sich Zenor, sich durch die Menschentraube zu schlängeln und einfach nach Natalons Arm zu greifen.
Steiger Natalon war alles andere als erfreut, als jemand mitten in einer Diskussion an seinem Rockärmel zerrte. Er senkte den Blick und schaute in das verschwitzte Gesicht von...




