McCullough | Die Stadt der Hoffnung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 418 Seiten

McCullough Die Stadt der Hoffnung

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-208-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 418 Seiten

ISBN: 978-3-98952-208-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Manchmal muss man fallen, bevor man fliegen kann ... Sydney in den 1960er Jahren. Nach außen führt die junge Harriet als Tochter einer wohlhabenden Familie das perfekte Leben - doch insgeheim sehnt sie sich nach mehr als einer Zukunft als brave Ehefrau. Eines Tages wagt sie den Schritt ins Ungewisse: Sie lässt die Sicherheit ihres Elternhauses hinter sich und zieht in eine kleine Wohnung im Armenviertel der Stadt. Hier kämpft Harriet für ihr neues, selbstbestimmtes Leben und lernt auch nach und nach die Bewohner des Wohnhauses kennen - allen voran Flo, die kleine Tochter ihrer Vermieterin, die sie schon bald ins Herz schließt. Als ein schwerer Schicksalsschlag Flo in große Gefahr bringt, setzt Harriet alles daran, das Mädchen wiederzufinden - und muss dabei mehr Stärke beweisen, als jemals zu vor ... »Große Erzählkunst, Mrs. McCullough!« Bild am Sonntag Von der Autorin des Bestsellers »Die Dornenvögel«: Ein ebenso gefühlvoller wie mitreißender Roman für die Fans von Katharina Fuchs oder »Die Wunderfrauen«.

Colleen McCullough (1937-2015) wurde in Wellington geboren und wuchs in Sydney auf. Nach einem Studium der Neurologie arbeitete sie in verschiedenen Krankenhäusern in Australien und England, bevor sie einige Jahre nach Amerika ging, um an der Yale University zu forschen und zu lehren. Hier entdeckte sie auch ihre Liebe zum Schreiben, wobei ihre ersten beiden Romane, »Eine Liebe an der roten Küste« und »Die Dornenvögel«, direkt zu internationalen Bestsellern aufstiegen. Colleen McCullough veröffentlichte bei dotbooks Ihre Romane »Die Frauen von Missalonghi«, »Die Stadt der Hoffnung« und »Eine Liebe an der roten Küste«. Außerdem erschien von der Autorin das mitreißende Historienepos »Masters of Rome« mit den Einzeltiteln »Adler des Imperiums«, »Die Krone der Republik«, »Günstlinge der Götter«, »Das Blut des Spartacus«, »Caesars Frauen«, »Tochter des Adlers« und »Die Wasser des Rubikon«.
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Kapitel 7:
Samstag, 9. Januar 1960


Kings Cross war keinesfalls eine Enttäuschung. Ich stieg an der Haltestelle vor dem Taylor Square aus dem Bus und ging den Rest des Wegs zu Fuß, wobei ich mich an Pappys Wegbeschreibung hielt. Offenbar isst man am Kings Cross nicht besonders zeitig zu Abend, denn ich sollte erst um acht Uhr auftauchen, und so war es schon ziemlich dunkel, als ich aus dem Bus stieg. Als ich dann am Vinnie’s Hospital vorbeikam, fing es zu regnen an – nur ein Nieseln, nichts was mein pinkfarbener Rüschenschirm nicht abhalten konnte. Als ich die riesige Kreuzung erreichte, die meines Wissens das eigentliche Kings Cross darstellt, war dies zu Fuß bei nassen Straßen und den blendenden Neonlichtern und Autoscheinwerfern, die sich gebrochen im Wasser spiegelten, ein gänzlich anderer Anblick, als wenn man mit einem Taxi darüber hinweg sauste. Es ist wunderschön. Ich weiß nicht, wie die Geschäftsinhaber die Ladenschlussgesetze von Sydney umgehen, denn selbst an einem Samstagabend haben sie geöffnet. Ein wenig enttäuscht war ich, als ich entdeckte, dass mich meine Route nicht entlang der Geschäfte an der Darlinghurst Road führte – ich musste die Victoria Street hinuntergehen, an der DAS HAUS lag. So nennt Pappy es nämlich. »DAS HAUS«, und zwar mit Großbuchstaben. Als wäre es eine Institution. Und ich muss zugeben, dass ich zielstrebig an den Mietshäusern der Victoria Street vorbeiwanderte.

Für die alten viktorianischen Mietshäuser, welche das Innenstadtbild von Sydney prägen, kann ich mich immer wieder begeistern – obwohl sie heutzutage nicht mehr gut in Stand gehalten sind. All das hübsche Gusseisengitterwerk hat man abmontiert und durch Fiberglasplatten ersetzt, um aus den Balkonen zusätzliche Räume zu gewinnen, und die stuckierten Mauern sind schmuddelig. Aber auch so sind sie sehr geheimnisvoll. Die Fenster sind mit Manchester-Spitzenvorhängen und Packpapierrollos verhängt und sehen aus wie geschlossene Augen. Sie haben so viel gesehen. Unser Haus in Bronte ist erst zweiundzwanzig Jahre alt, Papa hat es gebaut, als die schlimmste Phase der Depression vorbei war und sein Laden langsam was abwarf. Außer uns ist nichts darin passiert, und wir sind langweilig. Unsere größte Krise war die mit Willies Teller – jedenfalls war dies das einzige Mal, dass die Polizei bei uns auftauchte.

DAS HAUS lag im hinteren Teil der Victoria Street, und auf meinem Weg fiel mir auf, dass hier noch einige der Häuser ihre Gusseisenverzierungen behalten hatten, frisch gestrichen und gut erhalten waren. Ganz am Ende, hinter der Challis Avenue, weitete sich die Straße zu einem halbkreisförmigen Wendekreis. Offenbar war der Stadtverwaltung hier der Teer ausgegangen, denn die Straße war mit kleinen Holzblöcken gepflastert, und mir fiel auf, dass im Wendekreis keine Autos parkten. Dadurch wirkte der Halbmond mit den fünf Mietshäusern wie aus einer anderen Zeit. Sie hatten alle die Nummer 17 – 17a, b, c, d und e. Das in der Mitte, 17 c, war DAS HAUS. Seine fabelhafte Eingangstüre war aus rubinrotem Glas, in das ein Lilienmuster bis auf die durchsichtige Glasfläche darunter geätzt war, dank der Innenbeleuchtung glitzerten die Kanten bernsteinfarben und violett. Die Tür war nicht abgeschlossen, also stieß ich sie auf.

Aber die Märchentür führte in eine Wüste. Ein schmuddeliger Flur in schmutzigem Cremeton, eine rote Zederntreppe, die nach oben führte, ein paar mit Fliegendreck gesprenkelte nackte Glühbirnen an langen, verdrehten braunen Kabeln, fürchterlich altes braunes Linoleum mit Pfennigabsatzmuster. Von den Scheuerleisten bis zu einer Höhe von etwa einem Meter dreißig war jedes Stückchen Wand, das ich sehen konnte, von Gekritzel bedeckt, ziellosen Bögen und Wirbeln in den verschiedensten Farben, wächsern wie von Malkreide.

»Hallo!«, rief ich.

Hinter der Treppe tauchte Pappy auf und lächelte einladend. Ich glaube, ich starrte sie ziemlich unverschämt an, sie sah so anders aus. Anstatt ihrer wenig schmeichelhaften malvenfarbenen Uniform und der Kappe, unter der sich das Haar verbarg, trug sie ein hautenges Schlauchkleid aus pfauenblauem Satin, bestickt mit Drachen, und über dem linken Bein so hoch geschlitzt, dass ich ihren Strumpfsaum und einen rüschenbesetzten Spitzenstrumpfhalter sehen konnte. Ihr Haar ergoss sich in einer üppigen, glatten, glänzenden Masse über ihren Rücken – warum habe ich nicht solche Haare? Meins ist genauso schwarz, aber es ist so stark gelockt, dass es, würde ich es lang wachsen lassen, wie ein Besen bei einem epileptischen Anfall abstehen würde. Deshalb stutze ich es mit einer Schere immer ziemlich kurz.

Sie führte mich durch die Tür am Ende des Durchgangs neben der Treppe, und wir tauchten in einen weiteren, weitaus kürzeren Flur ein, der seitwärts abbog und im Freien zu enden schien. Er hatte nur eine Tür, und diese öffnete Pappy.

Es war, als betrete man eine Traumlandschaft. Der Raum war so vollgestopft mit Büchern, dass man keine Wände mehr sah, nur Bücher, Bücher, Bücher, vom Fußboden bis zur Decke, und dann noch stapelweise herumliegende Bücher, die sie vermutlich von den Stühlen und dem Tisch heruntergeräumt hatte, um mich empfangen zu können. Im Verlauf des Abends versuchte ich sie zu zählen, aber es waren zu viele. Ihre Lampensammlung warf mich um, eine fantastischer als die andere. Zwei Libellen aus Buntglas, eine beleuchtete Weltkugel auf einem Ständer, elektrifizierte Kerosinlampen aus Indonesien, eine Lampe, die wie ein zwei Meter hoher weißer Kamin aussah, überzogen mit geschlitzten violetten Ausbuchtungen. Die Deckenlampe war ein chinesischer Papierlampion mit seidenen Quasten.

Pappy machte sich wieder an die Zubereitung des Essens, das überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Katzenfraß von Hoo Flung oben an der Bronte Road hatte. Meine von Ingwer und Knoblauch gekitzelte Zunge verführte mich dazu, dass ich mir drei Mal Nachschlag holte. Mit meinem Appetit ist alles in Ordnung, aber es will mir nicht gelingen, genügend zuzunehmen, um von Cup B in einen Cup-C-BH zu wachsen. Zu doof. Jane Russell füllt einen ausgewachsenen D-Cup, aber bei Jayne Mansfield finde ich, dass sie nur einen B-Cup auf einem riesigen Brustkorb herumträgt.

Als wir zu Ende gegessen und eine Kanne duftenden grünen Tee getrunken hatten, verkündete Pappy, es sei an der Zeit, nach oben zu gehen und Mrs Delvecchio Schwartz kennen zu lernen. Die Vermieterin.

Als ich bemerkte, dass dies ein eigenartiger Name sei, grinste Pappy. Sie geleitete mich zurück zum vorderen Flur und über die rote Zederntreppe nach oben. Als ich ihr voller Neugier folgte, fiel mir auf, dass das Kreidegekritzel kein Ende nahm. Im Gegenteil, es nahm noch zu. Die Treppe führte hoch in den ersten Stock, dann gingen wir weiter, bis wir einen riesigen Raum im vorderen Teil des Hauses erreichten, und Pappy schubste mich hinein. Suchte man nach einem Raum, der das genaue Gegenteil von Pappys Zimmer war, dann war es dieser. Kahl. Bis auf das Gekritzel, das hier so dicht war, dass für mehr kein Fitzelchen Platz wäre. Wohl aus diesem Grund war ein Abschnitt grob überstrichen worden, offenbar um den Künstler mit frischem Malgrund zu versorgen, denn ein paar Schnörkel schmücken ihn bereits. Man hätte in diesem Raum sechs Wohnzimmergarnituren und einen Esstisch für zwölf Personen untergebracht, aber er stand fast leer. Ein Küchentisch mit verrostetem Chromgestell und einer roten Resopalplatte, vier rostige Stühle, deren Sitzpolsterung aus dem roten Plastik hervorquoll wie Eiter aus einem Karbunkel, eine Samtcouch, die an einem schlimmen Anfall von Alopezie litt, und eine ganz moderne Kühl/Gefrierschrankkombination. Ein Paar Glastüren führten hinaus auf den Balkon.

»Hier draußen, Pappy!«, rief jemand.

Wir traten hinaus auf den Balkon, wo zwei Frauen standen. Diejenige, die ich zuerst sah, kam ganz eindeutig aus einem der östlichen Vororte von Harbourside oder von der oberen Nordküste – blau gefärbtes Haar, ein Kleid Pariser Mode, passende Schuhe, Tasche und Handtasche in burgunderfarbenem Ziegenleder, und ein winziges Hütchen, das sehr viel schicker war als alles, was Queen Elizabeth normalerweise trug. Dann trat Mrs Delvecchio Schwartz nach vorne, und ich vergaß sämtliche Modepüppchen mittleren Alters.

Mann! Was für ein Berg von einer Frau! Nicht dass sie fett gewesen wäre, sie war vielmehr gigantisch. Gute eins neunzig in diesen schmutzigen alten Slippern mit heruntergetretenen Hacken, und ein regelrechtes Muskelpaket. Keine Strümpfe. Ein verblasstes, ungebügeltes, altes, vorne durchgeknöpftes Hauskleid mit einer Tasche auf jeder Hüfte. Ihr Gesicht war rund, faltig, stupsnasig und wurde voll und ganz von ihren Augen beherrscht, die mir direkt in die Seele blickten, hellblau mit dunkler Irisumrandung, kleine Pupillen so scharf wie Zwillingsnadeln. Ihr dünnes graues Haar trug sie kurz geschnitten wie ein Mann, die Augenbrauen hoben sich kaum von ihrer Haut ab. Alter? Weit über fünfzig meiner Schätzung nach.

Sobald sie den Blick von mir abließ, meldete sich meine medizinische Erfahrung. Akromegalie? Cushing-Syndrom? Aber sie hatte nicht den übergroßen Unterkiefer oder die vorspringende Stirn eines an Akromegalie Erkrankten und auch nicht die Physiognomie und Behaartheit eines Cushing-Patienten. Bestimmt stimmte was nicht mit der Hirnanhangdrüse oder dem Mittelhirn oder dem Zwischenhirn, aber was, das hätte ich nicht sagen können.

Das Modepüppchen nickte mir und Pappy höflich zu, drückte sich an uns vorbei und entfernte sich mit Mrs Delvecchio Schwartz in ihrem Gefolge. Weil ich in der Tür stand, sah ich die Besucherin in ihre Tasche greifen und ein dickes Bündel ziegelfarbener Banknoten – Zehner! – hervorholen und jeweils ein paar gleichzeitig...



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