1
Das Schicksal wendet sich
Dein Cousin Alexander schreibt, dass er eine Frau sucht«, sagte James Drummond und sah von einem Blatt Papier hoch.
Von ihrem Vater in die gute Stube beordert zu werden, hatte Elizabeth einen Schlag versetzt, denn das konnte nur bedeuten, dass er sie wegen eines Vergehens tadeln und entsprechend bestrafen würde. Nun, sie wusste, was sie getan hatte – sie hatte heute Morgen seinen Haferbrei versalzen – und wie ihre Strafe aussehen würde: für den Rest des Jahres ungesalzenen Haferbrei essen. Der Vater ging sehr sparsam mit seinem Geld um, würde es nie für ein Salzkorn mehr als nötig ausgeben. Und so stand Elizabeth, die Hände auf dem Rücken, mit offenem Mund vor dem schäbigen Ohrensessel und konnte kaum glauben, was sie da hörte.
»Er hält um Jean an, was wirklich dämlich ist – denkt er vielleicht, die Zeit steht still?« Empört fuchtelte James mit dem Brief herum und ließ dann den Blick zu seinem jüngsten Kind wandern, das im hellen, durch das Fenster hereinfallenden Licht stand, während er im Schatten saß. »Du bist wie jede andere Frau, also wird er mit dir vorlieb nehmen müssen.«
»Mit mir?«
»Bist du taub, Mädchen? Ja, mit dir. Oder ist sonst noch jemand hier im Raum?«
»Aber Vater! Wenn er um Jean bittet, wird er mich nicht wollen.«
»Nach den Zuständen zu urteilen, die dort herrschen, von wo aus er schreibt, wird er sich mit jeder ehrbaren, anständig erzogenen jungen Dame zufrieden geben.«
»Von wo aus schreibt er denn?«, fragte sie, denn sie wusste, dass sie den Brief nicht würde lesen dürfen.
»Neusüdwales.« James grunzte zufrieden. »Dein Cousin Alexander scheint erfolgreich zu sein – sieht so aus, als hätte er ein kleines Vermögen auf den Goldfeldern gemacht.« Er runzelte die Stirn. »Oder zumindest genug verdient, um sich eine Frau leisten zu können.«
Der erste Schock war jetzt Bestürzung gewichen. »Wäre es nicht einfacher für ihn, dort eine Frau zu finden, Vater?«
»In Neusüdwales? Was Frauen angeht, gibt’s dort nur Huren, ehemalige Gefängnisinsassinnen und englische Snobs, schreibt er. Nein, er hat Jeannie gesehen, als er das letzte Mal zu Hause war, und einen Narren an ihr gefressen. Hat damals um ihre Hand angehalten. Aber ich war dagegen – warum hätte ich für Jeannie einen unsteten Kesselschmiedlehrling aus den Elendsvierteln von Glasgow akzeptieren sollen, wo sie zudem gerade mal sechzehn war? Dein Alter, Mädchen. Deswegen bin ich sicher, dass er mit dir zufrieden sein wird – er mag es, wenn sie jung sind. Er will eine schottische Frau, deren Tugend über jeden Vorwurf erhaben ist, die das gleiche Blut in den Adern hat wie er und der er vertrauen kann. Sagt er zumindest.« James Drummond stand auf und marschierte an seiner Tochter vorbei in die Küche. »Mach mir einen Tee.«
Während Elizabeth Teeblätter in die vorgewärmte Kanne warf und kochendes Wasser darüber goss, kam die Whiskyflasche auf den Tisch. Der Vater war Presbyter und somit kein Trinker, geschweige denn Säufer. Er trank seinen Tee nur dann mit einem Schuss Whisky, wenn er eine besonders gute Nachricht erhalten hatte, wie etwa die von der Geburt eines Enkels. Aber warum war dies hier eine so besonders gute Nachricht? Was würde er tun, wenn er keine Tochter mehr hatte, die für ihn sorgte?
Was stand wirklich in diesem Brief? Vielleicht, dachte Elizabeth, die das Aufbrühen des Tees beschleunigte, indem sie ihn mit einem Löffel umrührte, sorgt ja der Whisky dafür, dass ich eine Antwort bekomme. Wenn er einen kleinen Schwips hatte, war der Vater ziemlich redselig. Vielleicht ließ er sich dann ja etwas entlocken. »Schreibt mein Cousin Alexander sonst noch was?«, wagte sie zu fragen, nachdem ihr Vater die erste Tasse Tee getrunken und sie ihm die zweite eingegossen hatte.
»Nicht viel. Er ist genauso wortkarg wie alle anderen Drummonds.« James schnaubte verächtlich. »Drummond, dass ich nicht lache! Es ist unglaublich, aber so heißt er gar nicht mehr. In Amerika hat er seinen Namen in Kinross geändert. Du wirst also nicht Mrs Alexander Drummond, sondern Mrs Alexander Kinross sein.«
Weder in diesem Moment noch später, als sie die Dinge klarer sehen konnte, wäre es Elizabeth in den Sinn gekommen, diese willkürliche Entscheidung über ihr Schicksal infrage zu stellen. Denn abgesehen von einer Strafpredigt des Pfarrers Dr. Murray gab es in ihrer Vorstellung nichts Angsterregenderes, als sich ihrem Vater in einer so wichtigen Angelegenheit zu widersetzen. Nicht dass es Elizabeth Drummond an Mut mangelte. Aber von klein auf war sie, das mutterlose jüngste Kind der Familie, von zwei bösartigen alten Männern, ihrem Vater und seinem Herrn Pfarrer, tyrannisiert worden.
»Kinross ist der Name unserer Stadt und unserer Grafschaft und nicht der eines Clans«, sagte sie.
»Er hatte sicher seine Gründe, den Namen zu ändern«, meinte James ungewöhnlich nachsichtig und nahm einen weiteren Schluck seines mit Whisky vermischten Tees.
»Ein Verbrechen, Vater?«
»Das bezweifle ich, denn dann würde er jetzt nicht so offen darüber reden. Alexander war immer eigensinnig, immer ein bisschen größenwahnsinnig. Dein Onkel Duncan hat vergeblich versucht, mit ihm fertig zu werden.« James seufzte tief und glücklich. »Alastair und Mary können bei mir einziehen. Sie werden ein hübsches Sümmchen erben, wenn ich unter der Erde bin.«
»Ein hübsches Sümmchen?«
»Ja. Dein Zukünftiger hat einen Wechsel geschickt, um die Kosten für deine Reise nach Neusüdwales abzudecken. Tausend Pfund.«
Elizabeth schnappte nach Luft. »Tausend Pfund?«
»Richtig gehört. Aber dass du nicht auf falsche Ideen kommst, Mädchen. Du kannst zwanzig Pfund haben, um deine Aussteuerkiste zu füllen, und fünf für deinen Hochzeitsstaat. Er sagt, wir sollen dich erster Klasse und mit einer Zofe schicken – aber ich werde solche Extravaganzen nicht unterstützen! Bah, schrecklich! Morgen werde ich als Erstes an die Zeitungen in Edinburgh und Glasgow schreiben und eine Anzeige aufgeben.« Er schloss die Augen, ein Zeichen dafür, dass er angestrengt nachdachte. »Was ich suche, ist ein ehrbares verheiratetes Paar, das der Kirche angehört und vorhat, nach Neusüdwales auszuwandern. Wenn sie bereit sind dich mitzunehmen, zahle ich ihnen fünfzig Pfund.« Er öffnete wieder die Augen. »Das werden sie sich nicht entgehen lassen. Und ich stecke neunhundertfünfundzwanzig Pfund in meine Tasche. Ein hübsches Sümmchen.«
»Denkst du denn, Alastair und Mary sind bereit, bei dir einzuziehen, Vater?«
»Wenn nicht, hinterlasse ich mein Geld eben Robbie und Bella oder Angus und Ophelia«, meinte James Drummond selbstgefällig.
Nachdem sie ihm an diesem Sonntag zum Abendbrot zwei dick mit durchwachsenem Speck belegte Brote serviert hatte, warf sich Elizabeth ihr Plaid um die Schultern und machte sich unter dem Vorwand davon, sie wolle nachsehen, ob die Kuh nach Hause gekommen sei.
Das Haus, in dem James Drummond seine große Familie aufgezogen hatte, lag am Rande von Kinross, einem Dorf, dem man als Zentrum der Grafschaft Kinross den Status einer Marktstadt verliehen hatte. Mit zwölf mal zehn Meilen war Kinross die zweitkleinste Grafschaft Schottlands, machte ihren Mangel an Größe jedoch durch einen gewissen Grad an Wohlstand wett.
Aus der Wollspinnerei, den beiden Getreidemühlen und der Brauerei quoll schwarzer Rauch, denn kein Fabrikbesitzer ließ seine Dampfkessel ausgehen, nur weil Sonntag war. Es war billiger, als sie montags wieder von neuem in Gang zu bringen. Im südlichen Teil der Grafschaft gab es genügend Kohle für diese bescheidenen lokalen Industriezweige, und so war James Drummond dem Schicksal so vieler Schotten entgangen, sein Heimatland verlassen zu müssen, um andernorts Arbeit zu finden und zu leben oder aber im Schmutz eines stinkenden Großstadtslums dahinzuvegetieren. Wie sein älterer Bruder Duncan, Alexanders Vater, hatte James fünfundfünfzig Jahre lang in der Wollspinnerei gearbeitet und, nachdem die Königin das Schottenmuster in Mode gebracht hatte, kilometerweise karierten Stoff für die Engländer produziert.
Die heftigen schottischen Winde bliesen den Schornsteinrauch fort, so als hätte ein Künstler ihn mit seinem Daumen verwischt, und enthüllten das blasse Blau des unendlich weiten Himmels. In der Ferne erhoben sich die Hügelketten der Ochils und Lomonds mit ihrem dunkelrot leuchtenden Heidekraut, hohe, wilde Berge, in denen kleine Bauernhäuschen standen, deren morsche Türen im Wind quietschten, und wohin schon bald die Grundbesitzer von weit her kommen würden, um Rotwild zu jagen und in den Seen zu fischen – was die Grafschaft Kinross, eine fruchtbare Ebene voller Rinder, Pferde und Schafe, wenig kümmerte. Die Rinder waren dazu ausersehen, das beste Londoner Roastbeef zu werden, die Pferde dienten als Zuchtstuten für Reit- und Kutschpferde und die Schafe produzierten Wolle für die Spinnerei und dienten als Nahrung für die Einheimischen. Es gab auch Feldfrüchte, denn der moosige Boden war vor fünfzig Jahren trockengelegt worden.
Vor dem Städtchen Kinross lag der Loch Leven, ein breiter, sich kräuselnder, stahlblauer See, in den bernsteinfarbene Moorbäche mündeten. Elizabeth stand am Ufer, nicht weit vom Haus entfernt (sie hütete sich, außer Sichtweite zu gehen), und blickte über den See hin zu der grünen Ebene, die sich bis zum Firth of Forth erstreckte....