Meichtry | »Du und ich - ewig eins.« | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Meichtry »Du und ich - ewig eins.«

Das Schicksal der Geschwister von Werra
1. Auflage, neue Ausgabe 2021
ISBN: 978-3-312-01202-2
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Das Schicksal der Geschwister von Werra

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-01202-2
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Nach dem Abschuss über England aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager zu fliehen, bis nach Deutschland zurückzukehren und dann bei einem erneuten Abschuss zu sterben - diese Geschichte machte Franz von Werra zum Helden, zum Mythos. Sie lieferte die Vorlage für den 1956 gedrehten Filmklassiker »Einer kam durch« mit Hardy Krüger in der Hauptrolle.
Was kaum jemand weiß: Franz von Werra stammte aus einer verarmten Schweizer Adelsfamilie, wurde 1915 als Kind zusammen mit seiner wenig älteren Schwester Emma in eine deutsche Adelsfamilie gegeben. Über ihre Herkunft im Unklaren gelassen, führten sie viele Jahre ein standesgemäßes Leben, bevor 1931 der wirtschaftliche Niedergang auch diese Familie erreichte und die Kinder erfuhren, dass sie adoptiert wurden. Eine Nachricht, durch die Beziehung zwischen Emma und Franz umso enger wurde.
In Dokumenten, Briefen und Tagebucheintragungen folgt Wilfried Meichtry ihren ungleichen Lebensspuren in einer sich dramatisch wandelnden Welt. Gnadenlose familiäre Machtkämpfe, Verschwörungen und Intrigen, aristokratischer Hochmut und der Niedergang des Adels, Kriegsbegeisterung, katholische Glaubenswelten und die Angst vor der Moderne - all dies findet sich in der bewegenden Geschichte einer außergewöhnlichen Geschwisterliebe.



Wilfried Meichtry, geboren in Leuk-Susten im Wallis, ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Bei Nagel und Kimche erschienen u.a. »Verliebte Feinde. Iris und Peter von Roten« (2012, verfilmt 2013), »Mani Matter. Eine Biographie« (2015), »Die Welt ist verkehrt, nicht wir. Katharina von Arx und Freddy Drilhon« (2015, verfilmt 2018) und »Nach oben sinken« (2023). Meichtrys Werk ist vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden.

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Wilfried Meichtry

Du und ich – ewig eins

Das Schicksal der
Geschwister von Werra

VORWORT
ZUR NEUAUFLAGE

Vielleicht ist Karl May schuld. Als Schüler habe ich meine Nase sehr tief in seine abenteuerlichen Schmöker gesteckt. Seite an Seite bin ich mit Winnetou und Old Shatterhand durch den Wilden Westen geritten und war beeindruckt von ihrem selbstlosen Kampf für das Gute auf dieser Welt. Abenteuerbücher und Heldengeschichten waren der Lesestoff meiner Kindheit und Jugend. Schade war nur, dass mein wirkliches Leben zwischen Familie, Schulhaus, Kirche und Fussballplatz auf keine Art und Weise mit meinem abenteuerlichen Lesestoff mithalten konnte. Früh schon war mir deshalb klar: Ich musste mein Leben so einrichten, dass mir möglichst viel Zeit zum Lesen blieb.

Als ich zum ersten Mal von Franz von Werra hörte, keimte neue Hoffnung auf. Obwohl er wie ich aus dem verschlafenen Walliser Städtchen Leuk stammte, hatte der jüngste Spross einer alten Walliser Adelsfamilie ein überaus abenteuerliches Leben geführt. Ein tollkühner Flieger sei er gewesen, erzählten die älteren Leute und verwiesen mich auf den Spielfilm »Einer kam durch«, der die verwegene Fluchtgeschichte Franz von Werras erzählte. Als ich den Film, in dem der junge deutsche Schauspieler Hardy Krüger den Jagdflieger Franz von Werra verkörpert, zum ersten Mal sah, war ich so begeistert, dass ich mehr über diesen Abenteurer wissen musste. Leider aber kam ich nicht sehr weit. Die Geschichte sei sehr heikel, munkelte man in Leuk. Franz von Werra sei zusammen mit seiner Schwester Emma als kleines Kind nach Deutschland verkauft worden und später ein Star in Hitlers Luftwaffe geworden.

Franz von Werra rückte von Neuem in mein Bewusstsein, als ich viele Jahre später seine achtzigjährige Schwester Emma persönlich kennenlernte. Noch einmal sah ich mir deshalb »Einer kam durch« an und war erstaunt zu sehen, dass der englische Spielfilm sehr unpolitisch war und die Geschichte eines Mannes auf der Flucht erzählte. Als mir Emma von Werra bald darauf Bruchstücke aus dem Leben ihres Bruders erzählte, begann eine langjährige und abenteuerliche Recherche, die mich vom Wallis nach Deutschland und über England in die USA und nach Kanada führte. Ich stöberte in Archiven, interviewte Familienmitglieder, Jugendfreunde und Jagdfliegerkameraden und tauchte immer tiefer in eine längst versunkene Welt ein, die ich Stück um Stück zu rekonstruieren hoffte.

Auf dieser Reise verlagerte sich mein Interesse von der Heldensaga des »Escape Artist« Franz von Werra immer mehr auf die bewegende und bislang unbekannte Beziehungsgeschichte der Geschwister. Das stille und schwierige Leben der Emma von Werra, die ein Leben lang im Schatten ihres berühmten Bruders stand, wühlte mich auf und ließ mich an einen Satz von Philip Roth denken: »Geschichte«, sagte der große amerikanische Romancier einst in einem Interview, »stürzt zu einem ins Wohnzimmer wie ein verrücktes Pferd. Man ist vollkommen hilflos.«

Burgdorf & Leuk, Januar 2021

Wilfried Meichtry

Dieses Buch ist kein Roman.
Die hier erzählte Geschichte beruht auf verbürgten
Ereignissen. Alle Personen sind belegt,
ihre Namen sind unverändert, und bei den Text- und Bild-
dokumenten handelt es sich fast ausschließlich
um bislang unveröffentlichte Originale.

Der Erzähler dieser Geschichte ist kein klassischer Erzähler.
Sein einziges Bemühen ist die möglichst
originalgetreue Abbildung einer vergangenen Welt.
In diesem Sinne ist er jeder Fiktion geradezu spinnefeind.

Der wirkliche Phantast dieser Geschichte
ist die Realität.

Prolog

Mit zwölf Jahren kam ich ins Altersheim.

»Der Bub kriegt zweihundert Franken und freies Essen«, sagte der Heimleiter zu meinem Vater, und als die beiden Männer ihre Abmachung mit einem Handschlag bekräftigten, wusste ich, dass man mir in der Schule schon bald »Stallbub« nachrufen würde. Das Schlimmste war die Mittagszeit, die ich mit über fünfzig alten und gebrechlichen Menschen in diesem großen und immer leicht muffelnden Speisesaal verbringen musste. Ich weiß nicht, wie ich den Sommer auf dem Gutsbetrieb des Altersheims überstanden hätte, wenn nicht eines Tages Gentinetta mein Tischnachbar geworden wäre. Der alte Mann erinnerte sich an meinen Großvater, den ich kaum und er sehr gut gekannt hatte, und erzählte von früher. Für die Leute im Dorf war Gentinetta ein komischer Kauz. Immer trug er irgendwelche Bücher mit sich herum und sprach davon, Leuk, das Wallis und die Schweiz eines Tages für immer zu verlassen. Für mich stellte der alte Mann die Rettung dar. Mit seinen Geschichten eröffnete er mir jeden Mittag neue Welten, die zu meiner Zuflucht wurden, wenn meine Tollpatschigkeit den Stallmeister zur Weißglut trieb oder ich ganze Nachmittage auf den endlos weiten Kartoffel- oder Maisfeldern von der Sonne geröstet wurde.

Bei einem dieser Mittagessen fragte Gentinetta, ob ich wisse, dass das Altersheim früher das Schloss eines Barons war. Ich hatte keine Ahnung und glaubte ihm erst, als er mir das auf dem Eingangsportal eingeschnitzte Familienwappen mit den schwerttragenden Adlern zeigte und erzählte, dass die Kapelle einst der Ballsaal des Schlosses war und der Baron hier rauschende Feste gab. Als er mich auch noch zu einem großen steinernen Löwen führte, der früher im Schlosshof gestanden hatte und nun unter einer dicken Staubschicht verborgen in einer dunklen Ecke des Kellers lag, war ich sehr beeindruckt. Wie mochte es wohl gewesen sein, damals, als in diesem Haus noch vornehme Herrschaften ein- und ausgingen? Gentinetta begann zu erzählen: Der letzte Schlossherr, der mit seiner Familie hier residierte, war Baron Leo von Werra, der im Jahre 1912 auf einen Schlag seinen gesamten Besitz verlor. Um wieder zu Geld zu kommen, tat dieser Baron dann etwas sehr Schlimmes: Er verkaufte seine beiden jüngsten Kinder, Emma und Franz, für dreißigtausend Franken nach Deutschland!

Ich war entsetzt. Ein Vater, der seine eigenen Kinder verkauft! Das war schrecklich. Ich hatte nicht gewusst, dass es Väter gab, die ihren Kindern so etwas antun konnten. Emma und Franz taten mir leid. Ich wollte mehr über sie wissen. Gentinetta erinnerte sich nur, dass Franz von Werra im Zweiten Weltkrieg ein berühmter Flieger wurde. Als ich ihn nach dem verkauften Mädchen fragte, erzählte er, Emma von Werra habe Deutschland nach ihrer Pensionierung verlassen und wohne seither in Leuk. Offenbar war sie vor einigen Jahren – kurz nach ihrer Rückkehr in die Schweiz – oft ins Altersheim gekommen und hatte ganze Nachmittage in Gedanken versunken im Garten gesessen. Als Gentinetta die Frau eines Tages ansprach und nach ihrem Bruder fragte, holte er sich eine unmissverständliche Abfuhr. Damit hatte er gerechnet. Er wusste ja, dass Emma von Werra mit niemandem über ihren Bruder sprach, auch nicht nach dem Film, der ihn berühmt gemacht hatte.

Film? Welcher Film? Ich konnte kaum glauben, was Gentinetta erzählte: Ende der fünfziger Jahre war ein Spielfilm über die Kriegserlebnisse von Franz von Werra ins Kino gekommen, der dazu führte, dass man sich in Leuk wieder an die verkauften Kinder erinnerte. Die Familie von Werra verweigerte damals jede Auskunft und meldete sich selbst dann nicht zu Wort, als immer nur vom deutschen Fliegerass Franz von Werra die Rede war und man mit keinem Wort auf seine Schweizer Herkunft einging. Gentinetta hoffte, dass der Film eines Tages auch nach Leuk komme. Er könne es schon verstehen, räumte der alte Mann ein, dass die Behörden, die sich bislang gegen eine öffentliche Vorführung gestellt hatten, diesem Franz von Werra sehr kritisch gegenüberstanden. Schließlich war es kein Ruhmesblatt für Leuk, dass sein berühmtester Sohn für Hitler in den Krieg gezogen war.

Als der lange Sommer 1977 endlich zu Ende ging, hatte ich nicht nur mein erstes selbstverdientes Geld in der Tasche, sondern auch eine Geschichte im Kopf. Ich wollte wissen, an wen Franz von Werra verkauft worden war,
was er erlebt und ob er seinen Vater gehasst hatte. Ins Altersheim allerdings wollte ich kein zweites Mal; erst recht nicht, als ich erfuhr, dass Gentinetta krank geworden war und sein Zimmer nicht mehr verlassen konnte.

In den folgenden Jahren wurde die Kirche von Leuk renoviert. Das ganze Dorf war auf den Beinen, als die Wiedereinsegnung mit einem dreitägigen Fest begangen wurde. Als besondere Attraktion sollte dabei der Film über Franz von Werra gezeigt werden. Eine halbe Stunde vor Beginn saß ich bereits im alten Speisesaal des Restaurants »Krone«, der notdürftig in einen Kinosaal verwandelt worden war. Plötzlich – der Saal war inzwischen zum Bersten voll – richteten sich die Augen aller auf eine vornehme ältere Frau mit hochgestecktem weißem Haar, die allein den schummrigen Saal betrat und auf einem reservierten Stuhl in der ersten Reihe Platz nahm.

»Das ist die Schwester! Emma von Werra!«, flüsterte neben mir eine Frau.

»Sie ist mit ihrem Bruder nach Deutschland verkauft worden.«

Kurz darauf wurde das Licht ausgemacht, und ein alter...


Meichtry, Wilfried
Wilfried Meichtry, geboren 1965 in Leuk-Susten im Wallis, ist promovierter Historiker und Germanist. Nach dem Studium arbeitete er als Gymnasiallehrer, seit 2002 ist er selbstständiger Publizist. Meichtry konzipiert Ausstellungen und schreibt Drehbücher. Er lebt und arbeitet in Burgdorf.



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