Merburg | Sommerflimmern | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 415 Seiten

Reihe: Rügen-Reihe

Merburg Sommerflimmern

Ein Ostsee-Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-6090-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Ostsee-Roman

E-Book, Deutsch, Band 3, 415 Seiten

Reihe: Rügen-Reihe

ISBN: 978-3-7325-6090-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ariane lebt auf Rügen, doch das, was sie am meisten brauchen könnte, ist Urlaub! Sie muss nicht nur ihrer Freundin bei der Hochzeitsplanung helfen, sondern auch noch den Verkupplungsversuchen ihrer Mutter entgehen. Schließlich kann sie eins im Moment überhaupt nicht gebrauchen: einen Mann. Erst als der Schriftsteller David auf der Ostseeinsel auftaucht, um sich um seine kranke Großmutter zu kümmern, bringt er Arianes Haltung ins Wanken und ihr Herz zum Klopfen. Aber dann merkt sie, dass ihr David etwas verheimlicht. Was hat er in seiner Heimat Usedom zurückgelassen, von dem sie nichts erfahren darf?



Marie Merburg ist im Süden Deutschlands aufgewachsen und lebt auch heute noch mit ihrer Familie in Baden-Württemberg. Für ihre Romane über die Liebe, den Sommer und das Meer hat sie sich aber die deutsche Ostseeküste als Schauplatz ausgesucht, weil sie von der Landschaft und den Menschen dort fasziniert ist. Als Janine Wilk schreibt sie auch erfolgreich Kinder- und Jugendbücher.
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1. Kapitel


In meinem Laden ›Schönheit kommt von Rügen‹ ließ sich ungefähr so selten ein Kunde blicken, wie der Halleysche Komet die Erde passierte. Ich war schon derart an das Alleinsein gewöhnt, dass ich mich in meinem Verkaufsraum zuweilen verhielt wie in meinem eigenen Wohnzimmer. Vor einer Stunde hatte ich mir hinter dem Tresen beispielsweise die Fußnägel lackiert. Wäre ein Kunde gekommen, hätte er mich mit hochgerollten Hosenbeinen und babyblauen Zehenspreizern zwischen den Fußzehen erwischt. Somit hatte ich dem Leben eine Steilvorlage für eine echt peinliche Situation geliefert – und was hatte es daraus gemacht? Nix. Ich hatte meine Fußnägel völlig ungestört in der Farbe ›Honolulu-Pink‹ lackieren können.

Ich stieß frustriert die Luft aus und stellte noch einen ›Sommer-Special‹-Korb zusammen. In meinem Laden verkaufte ich handgesiedete Seifen und Bio-Kosmetikprodukte aus Rügener Manufakturen. Die ›Sommer-Special‹-Körbe, mit denen ich die Touristen anzulocken versuchte, enthielten zum Beispiel Bio-Sonnenmilch, ein modernes Strandtuch aus fair gehandelter Bio-Baumwolle und eine handgesiedete Seife mit sommerlichem Kokos-Ananas-Duft.

Dieser Laden war schon immer mein Traum gewesen, und ich hatte nicht nur all meine Ersparnisse investiert, sondern auch einen Kredit aufnehmen müssen. Doch all meine Leidenschaft, die Risikobereitschaft und die vielen Arbeitsstunden zahlten sich offenbar nicht aus. Dabei brachte ich eigentlich die besten Voraussetzungen mit: ein abgeschlossenes BWL-Studium und eine Zusatzausbildung als Kosmetikerin mit einer Spezialisierung auf natürliche Produkte. Allerdings hätte ich kein Studium benötigt, um zu erkennen, wo das eigentliche Problem lag: Ich hatte meinen Laden unbedingt in Sellin eröffnen wollen, da die Touristen in Massen zu der berühmten Seebrücke strömten. Doch aufgrund meines knapp bemessenen Startkapitals hatte ich mir leider keine Geschäftsräume in der belebten Wilhelmstraße leisten können. Bedauerlicherweise auch nicht in der näheren Umgebung. Mein Laden war so weit von den üblichen Laufwegen entfernt, dass sich kaum Touristen hierher verirrten. Dabei hatte der Makler mir damals versichert, es wäre ein aufstrebendes Viertel, und schon bald würden sich Galerien und Modelabels in der Gegend niederlassen. Von wegen! Nach mir hatte lediglich ein thailändischer Schnellimbiss mit Lieferservice aufgemacht.

Das Glockenspiel über der Tür ertönte, und sofort richtete ich mich kerzengerade auf. Zwei Frauen traten ein. Ihre schlichten Blusen waren bis obenhin zugeknöpft, ihre dunkelbraunen Röcke reichten bis zu den Waden, und jede von ihnen trug ein Buch mit der Aufschrift ›Der wahre Glaube – Die Kinder des natürlichen Odems‹ wie den heiligen Gral vor sich her. Ach du meine Güte, die beiden kamen garantiert von irgendeiner obskuren Sekte! Schon überlegte ich, wie ich die zwei so schnell wie möglich loswerden konnte, doch dann bremste ich mich. Die beiden waren schließlich in meinem Laden und somit potentielle Kundinnen. Diese Chance durfte ich mir nicht entgehen lassen!

»Einen schönen guten Morgen«, begrüßte ich sie freundlich. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Mein strahlendes Lächeln prallte an ihren ernsten Mienen ab wie ein Glitzerflummi an einer Betonwand.

»Haben Sie in letzter Zeit mal über Ihr Leben nachgedacht?«, fragte mich die ältere Frau, die offenbar die Wortführerin war, mit Grabesstimme.

Ich nickte eifrig. »Habe ich. Zum Beispiel wie dankbar ich dafür bin, dass es in meinem Leben dieses grandiose und rein biologische Stutenmilch-Shampoo gibt.« Ich eilte um den Tresen herum und hielt den beiden eine Shampoo-Flasche vor die Nase. »Es ist für alle Haartypen geeignet.«

»Aber wir …«, wollte die Frau mich unterbrechen.

Doch ich fuhr ungerührt fort: »Für Kopfhaut und Haar ist es wichtig, möglichst schonende Tenside zu verwenden, die nicht reizen oder austrocknen. Dafür ist dieses Shampoo ideal. Wenn Ihre Kopfhaut gesund ist, werden Ihre Haare automatisch glänzend und wunderbar seidig nachwachsen.«

Die ältere Frau hob herrisch die Hand. »Hören Sie, wir haben wirklich kein Interesse an Schönheitsprodukten! Wir wollten eigentlich …«

»Das sollten Sie aber!«, fiel ich ihr verzweifelt ins Wort.

Ich dachte an den Ratgeber ›Verkaufen Sie. Jedem. Alles.‹, den ich kürzlich gelesen hatte. Er riet dazu, sich in die Bedürfnisse der Kundschaft einzufühlen – und genau das würde ich jetzt tun.

»Gerade bei Ihrer missionarischen Tätigkeit müssen Sie auch ein wenig an Ihr Aussehen denken, werte Damen! Meinen Sie nicht, dass die Leute offener für ein Gespräch wären, wenn Sie optisch einen ansprechenderen Eindruck machen würden?«

Die Jüngere der beiden Frauen nickte. »Das habe ich mich auch schon gefragt.« Sie streckte zaghaft die Hand aus und griff nach dem Shampoo.

»Judith!«, zischte die ältere Frau streng.

»Aber ihr Argument ist einleuchtend, Erika. Überall werden wir hinausgeworfen, oder die Haustüren werden uns vor der Nase zugeschlagen. Vielleicht könnten wir unserer Sache besser dienen, wenn wir nicht herumlaufen würden wie zwei Vogelscheuchen.«

»Eitelkeit ist eine Sünde, Judith!«, wies Erika sie zurecht, entriss ihr das Shampoo und stellte es auf den Tresen.

Sie strich sich über ihre gestärkte Bluse und hielt mir ihr obskures Buch direkt vors Gesicht. »Wir sind hier, um mit Ihnen über unsere Glaubensgemeinschaft ›Die Kinder des natürlichen Odems‹ zu reden!«

»Und ich bin hier, um meine Bio-Produkte zu verkaufen!«, konterte ich. Meine kämpferische Herangehensweise überraschte mich selbst. Die ›Kinder des natürlichen Odems‹ hatten anscheinend meinen Widerspruchsgeist zum Leben erweckt.

Wir maßen uns aus zusammengekniffenen Augen. Zwei Frauen mit einem erklärten Ziel. Ich deutete auf meine handgesiedeten Seifen. Sie waren meine Passion und mein ganzer Stolz. Die Seifen gab es in den unterschiedlichsten Duftrichtungen, und ich hatte sie in Rügen-typische Formen gegossen. Manche sahen aus wie eine Möwe oder ein Schiff, andere wie eine Muschel oder ein Leuchtturm. Im Inneren der durchscheinenden Seifen befanden sich entweder kleine Bernsteinbrocken oder getrocknete Wiesenblumen, die ich selbst gesammelt hatte. Eine meiner wenigen Kundinnen hatte mal gesagt, dass die dekorativen Seifen eigentlich viel zu schade zum Benutzen waren.

»Diese handgesiedeten Seifen machen nicht nur sauber, sondern pflegen gleichzeitig ihre Haut, versorgen sie mit wichtigen Nährstoffen und duften traumhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr Glaube so etwas verbietet.«

»Doch«, beharrte die ältere Frau und presste die Lippen zusammen.

Ich seufzte auf. Das führte wohl zu nichts. Ich würde den beiden überhaupt nichts verkaufen.

Meine Kontrahentin schien meine Schwäche zu wittern. »Vielleicht können wir uns zu einem Gespräch irgendwo hinsetzen?«, fragte sie mit einem listigen Lächeln. »Wir erzählen Ihnen, wie Sie Ihre Seele vor der ewigen Verdammnis retten können, und Sie erfahren ein wenig mehr über unsere Sek… äh … Glaubensgemeinschaft.«

Bloß nicht! Ich schüttelte vehement den Kopf. »Das geht leider nicht, weil …« Ich stockte und suchte fieberhaft nach einer Ausrede. Eigentlich war ich ein höflicher Mensch, und es widerstrebte mir zutiefst, andere Menschen vor den Kopf zu stoßen oder anzulügen. Aber auch meine Gutmütigkeit kannte Grenzen, und ich wollte mich nur ungern einer Gehirnwäsche unterziehen lassen.

»Weil ich schon Mitglied einer anderen Glaubensgemeinschaft bin«, schwindelte ich aus dem Stegreif. »Nämlich bei der ›Gemeinde der absolut sicheren Seelenerlösung‹.«

Sie wirkte irritiert. »Von dieser Gemeinde habe ich noch nie gehört. Welche Glaubensgrundsätze verfolgt sie?«

Ach, verflixt! Hätte sie es nicht auf sich beruhen lassen und einfach gehen können? Jetzt war meine Fantasie gefragt!

»Wir sind … äh … Anhänger sämtlicher Hauptreligionen.« Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und kratzte mich am Hinterkopf, um etwas Zeit fürs innere Brainstorming zu gewinnen. »Bei all den vielen Göttern und Propheten, die gemeinhin angebetet werden, glauben wir vorsichtshalber mal an alle. Immerhin geht es um unsere unsterbliche Seele, und da will man doch nicht das Risiko eingehen, aufs falsche Pferd zu setzen.«

Sie wurde blass um die Nasenspitze. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!«

Das war es natürlich nicht, aber ich fand Gefallen an meiner Idee. »Vielleicht wollen Sie einmal einen Blick in unsere Infobroschüre ›Mit Vollgas ab ins Paradies!‹ werfen?«

»Mit Sicherheit nicht!«, rief sie entsetzt.

Die beiden wandten sich fluchtartig Richtung Tür. Ich startete einen letzten verzweifelten Verkaufsversuch und rief ihnen hinterher: »Ich weiß zwar nicht genau, was mit ›Kinder des natürlichen Odems‹ gemeint ist, aber ich hätte auch noch ein gutes biologisches Mundwasser im Angebot …«

Doch schon waren sie weg, und ich stellte unverrichteter Dinge das Stutenmilch-Shampoo zurück ins Regal. Das war mal wieder ein absoluter Fehlschlag gewesen! Ich ließ mich auf meinen Stuhl hinter dem Tresen sinken und fuhr mir über die brennenden Augen.

Im Grunde war es Ironie des Schicksals: Obwohl ich auf einer Insel lebte, auf der so viele Menschen Urlaub machten und ihre Freizeit genossen, fühlte ich mich chronisch erschöpft und überarbeitet. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal einen Tag am Strand verbracht und mich dem süßen Nichtstun hingegeben hatte. Um meinen Laden halten zu können und...



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