E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
Merkel Wunsch Kind
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-03875-592-0
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alles, was Sie wissen müssen, wenn (noch) kein Baby kommt
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
ISBN: 978-3-03875-592-0
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Karen Merkel ist Journalistin und schreibt über gesellschaftskritische Themen und Gesundheit. Seit 2022 arbeitet sie für das Digitalmagazin «Republik», wo sie das Ressort «Porträts & Reportagen» leitet. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich an Menschen, die ihre Finanzen mit praktischen Tools, kreativen Methoden und motivierenden Tipps strukturiert und stressfrei organisieren möchten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vom Mut, sich ein Kind zu wünschen
Wer sich dafür entscheidet, ein Kind bekommen zu wollen, begibt sich auf eine Reise ins Unbekannte. Bei (noch) unerfülltem Kinderwunsch müssen Paare oft eine zentrale Frage immer wieder beantworten: «Wie weit wollen wir gehen?»
Ein bisschen schwanger gibt es nicht, heisst es so schön. Dem möchte ich aus tiefster Überzeugung widersprechen.
Vordergründig erscheint die Sache eindeutig: Entweder bekommt man ein Kind oder man bekommt keins. 0 oder 1. Doch wer an der Oberfläche kratzt, erkennt schnell: Es ist viel komplizierter. Schon allein die Entscheidung, es mit dem Kinderkriegen zu versuchen, umfasst ein ganzes Spektrum an Haltungen, Emotionen und Erfahrungen. Es ist wichtig, gleich zu Beginn festzuhalten: Ambivalenz gehört zum Kinderwunsch.
Erstmals in der Geschichte braucht es heute vielfach eine bewusste Entscheidung, um Eltern zu werden. Wir führen die Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen im Zusammenhang mit dem Kinderwunsch unter Vorzeichen, die innerhalb weniger Jahrzehnte doppelt revolutioniert wurden. Die Entwicklung der Anti-Baby-Pille Anfang der Sechzigerjahre machte es erstmals möglich, eine Schwangerschaft zuverlässig zu verhindern und entsprechend aktiv über die Familienplanung zu entscheiden.
Knapp 20 Jahre später entstand jene Technologie, die völlig neue Möglichkeiten der Reproduktion in die andere Richtung schuf: Die künstliche Befruchtung per In-vitro-Fertilisation hilft Paaren, Eltern zu werden, die andernfalls wahrscheinlich ohne Kinder geblieben wären. In gut 45 Jahren hat IVF mehreren Millionen Paaren ermöglicht, Kinder zu bekommen.
Das erste IVF-Baby
Neun Jahre lang hatten Lesley Brown und ihr Mann John vergeblich versucht, schwanger zu werden. Schliesslich investierte das britische Paar das Geld aus einem Fussball-Lotto-Gewinn in einen letzten Versuch. Und tatsächlich gelang dem Genetiker Robert Edwards und dem Gynäkologen Patrick Steptoe bei den Browns zum ersten Mal, eine Eizelle im Reagenzglas zu befruchten und den Embryo in die Gebärmutter zu pflanzen – die Befruchtung per In-vitro-Fertilisation. Das erste IVF-Baby, Louise Joy Brown, wurde am 25. Juli 1978 in Oldham bei Manchester gesund geboren und weltweit als Sensation gefeiert. Für ihre Errungenschaften in der Reproduktionsmedizin erhielten Edwards und Steptoe 2010 den Nobelpreis für Medizin.
Selbst wenn es mit einer Schwangerschaft reibungslos klappt, bringt sie für werdende Eltern häufig Momente der Ambivalenz mit sich: Schaffen wir das? Wollten wir das wirklich? Ein gewisser Respekt vor der eigenen Courage ist verständlich, denn auch ohne Komplikationen gibt es wenig, was das Leben so sehr verändert wie ein Kind.
Doch wenn der Kinderwunsch (zunächst) unerfüllt bleibt, beginnt für viele Paare ein Weg mit ganz eigenen Herausforderungen. Ein möglicherweise noch diffuser Wunsch nach einem Baby wird zur Leerstelle im eigenen Leben. Es beginnt ein Ringen um das eigene Gleichgewicht und um die Verbindung als Paar. Es folgt der schmerzliche Prozess, sich den Ursachen zu stellen, soweit sie denn festzustellen sind. Sich zu informieren, welche Möglichkeiten der Unterstützung denkbar sind, und gleichzeitig zu erfahren, dass die Behandlung teuer ist und ein Erfolg längst nicht garantiert. Zu erleben, dass persönliche Extremsituationen wie eine Fehlgeburt oder eine ausbleibende Schwangerschaft für die behandelnden Ärzte Routine sind. Immer aufs Neue abwägen zu müssen: Wie weit gehen wir, damit es doch noch mit einem Kind klappt?
Der Weg durch den unerfüllten Kinderwunsch ist oft alles andere als linear, er kennt Hochs und Tiefs und viele Neuanläufe. Er ist persönlich und intim, und zugleich ein medizinisches Standardprozedere. Die Erfüllung des Kinderwunsches wird eine ziemlich technische und teure Angelegenheit, sobald künstliche Befruchtung ins Spiel kommt. Die Belastungen bleiben der Umwelt dabei oft verborgen. Familie, Freunde und Arbeitskollegen können nur dann unterstützen, wenn das Kinderwunschpaar darüber spricht. Und auch dann muss das Paar seinen eigenen Umgang mit einem so existenziellen Thema letztlich selbst finden.
Die Definition von Unfruchtbarkeit
Die World Health Organisation (WHO) benennt es sachlich: Wer ein Jahr lang ungeschützten Sex hat, ohne schwanger zu werden, gilt als unfruchtbar. 85 Prozent der Paare sind innerhalb dieses Zeitraums schwanger. Das bedeutet, 15 Prozent der Paare sind es nicht. In der Schweiz ist jedes fünfte Paar von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen.
HINWEIS | Oft geht es nicht um das erste Kind Wenn wir über unerfüllten Kinderwunsch sprechen, meinen wir oft, dass es um Paare geht, die bislang kinderlos sind. Aber sekundäre Unfruchtbarkeit ist genauso häufig: Etwa die Hälfte aller Kinderwunschpatientinnen sind bereits Mutter und wünschen sich ein weiteres Kind.
Die Belastungen bleiben unsichtbar
Was viele Paare im Kinderwunsch eint, ist die Hoffnung: Das nächste Mal klappt es. Diese Hoffnung kann motivieren, auch extreme Herausforderungen auf sich zu nehmen, aus dem inneren Antrieb heraus, bloss nicht zu früh aufzugeben. Sie kann aber auch die eigenen Grenzen verschwimmen lassen. Für viele Paare wird der Kinderwunsch zu einer starken Belastung, die die Lebensqualität mindern und zu Depressionen führen kann. Es kann schwer sein, sich selbst eine Pause zuzugestehen, wenn man fürchtet, die fruchtbare Zeit könnte knapp werden. Noch schwerer fällt es vielen, die Entscheidung zu treffen, sich vom Kinderwunsch zu verabschieden.
Über die Herausforderungen während der Kinderwunschreise zu sprechen, ist darum eine wichtige Motivation für dieses Buch. Denn es hilft nach meinem Dafürhalten, die psychischen Strapazen zu benennen, die mit einer Kinderwunschgeschichte verbunden sind, und auch die finanziellen und rechtlichen Hürden sichtbar zu machen.
Wenn wir über Kinderwunsch sprechen, konzentriert sich der Diskurs häufig auf das erwünschte Ergebnis – ein Baby. Das ist verständlich. Allerdings ist es eben nicht die Realität einer jeden Frau und eines jeden Mannes, dass sie am Ende (biologische) Eltern werden. Ein erheblicher Teil der Kinderwunschpaare muss sich von dieser Vorstellung trennen und es ist mir wichtig, diese oft verborgene Seite sichtbar zu machen.
Ausserdem ist mein Fokus ein anderer: Mir geht es (nicht nur) um das Ergebnis, sondern um den Weg dorthin. Um die Momente, in denen Paare schwierige Nachrichten zu verarbeiten haben. Um die Begegnung mit Fachpersonen, denen es manchmal an Einfühlungsvermögen mangelt. Um die Notwendigkeit, immer aufs Neue Entscheidungen zu treffen, deren Folgen teils die eigene Vorstellungskraft sprengen.
Denn der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema Kinderwunsch und die Begleitung in diesem Prozess hinken den medizinischen Möglichkeiten oft hinterher. Nicht selten bleiben Paare noch immer allein mit ihren Sorgen und Bedürfnissen. Auch wenn die Möglichkeiten in der Schweiz, Unterstützung zu finden, ausbaufähig sind, so gibt es doch bereits zahlreiche Angebote. Man muss aber wissen, wo man sie findet. Das ist wichtig, denn ich bin überzeugt, dass mit der richtigen Unterstützung und einem guten Gespür für die eigenen Grenzen auch eine komplexe Kinderwunschgeschichte tragbar werden kann.
Urbedürfnis und Menschenrecht
Der Kinderwunsch ist für viele ein Urbedürfnis. Nicht umsonst gilt die «reproduktive Autonomie» als Menschenrecht. Es verwundert nicht, dass die Bereitschaft vieler gross ist, für die Erfüllung ihres Wunsches weit zu gehen.
HINWEIS | Das Menschenrecht, Kinder zu bekommen Die Abschlusserklärung der UN-Menschenrechtskonferenz von 1968 in Teheran verbrieft: «Paare haben ein grundlegendes Menschenrecht, über die Zahl und den Altersabstand ihrer Kinder frei und verantwortlich zu entscheiden.»
«Die meisten Menschen haben mindestens unterbewusst einen Lebensentwurf. Bei vielen gehört dazu, eine Familie zu gründen und Kinder zu haben», sagt Christa Dold, die als Psychologin in Bern viele Frauen und Paare während der Kinderwunschbehandlung begleitet.
Christina hat als Kind erfahren, dass eine genetische Veranlagung ihr erschwert, Mutter zu werden: «Meine Mutter hat mir im Alter von acht Jahren gesagt, dass ich wahrscheinlich auf natürlichem Weg keine Kinder haben werde. Sie hat mir erklärt, dass nicht alle Menschen Kinder bekommen können, aus verschiedenen Gründen. Ich erinnere mich genau an den Tag. Sie hat mich auf den Schoss genommen und mit mir gesprochen und ich habe fest geweint. Denn ich habe häufig Mama und Kind gespielt mit meinen Puppen. Eigentlich war mir schon damals klar, dass ich einmal eine Familie haben wollte.»
Ana war ihr Kinderwunsch ebenfalls früh bewusst. Sie ist heute Mutter von zwei Töchtern dank IVF: «Ich habe eigentlich von klein auf gedacht, dass ich Kinder möchte. Es gab später zwar mal eine Phase, in der ich doch eher...




