E-Book, Deutsch, Band 8, 478 Seiten
Reihe: Fortune de France
Merle Das Königskind
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8412-0178-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 8, 478 Seiten
Reihe: Fortune de France
ISBN: 978-3-8412-0178-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fortune de France - Schicksal Frankreichs.
König Henri Quatre ist ermordet, und schon ist sein großes Werk, die Toleranz zwischen Katholiken und Protestanten, in Gefahr. Sein kleiner Sohn, gerade neun Jahre alt, wird beargwöhnt, isoliert, bespitzelt von der eigenen Mutter, der machtgierigen Maria von Medici und ihrem italienischen Günstling Concini. Robert Merle, der den Wortlaut des Edikts von Nantes ebensogut kennt wie die Dessous einer Hofdame, erzählt die dramatische Jugend Ludwigs XIII. Sieben Jahre braucht er - und verschwiegene Freunde wie sein Erster Kammerher Pierre-Emmanuel de Siorac - bis er durch einen Staatsstreich endlich König wird ...
Robert Merle (1908-2004) wurde in Tébessa (Algerien) geboren. Schulbesuch und Studium in Frankreich. 1940 bis 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft. 1949 Prix Goncourt für seinen ersten Roman 'Wochenende in Zuydcoote'. Merles umfangreiches literarisches Werk spannt sich in einem großen Bogen von seinem Welterfolg 'Der Tod ist mein Beruf' über die ironische Zukunftsvision von 'Die geschützten Männer' bis zur historischen Romanfolge 'Fortune de France', die im Aufbau Verlag vollständig in deutscher Übersetzung erschienen sind.
Weitere Infos & Material
1;VORWORT;6
2;ERSTES KAPITEL;10
3;ZWEITES KAPITEL;40
4;DRITTES KAPITEL;77
5;VIERTES KAPITEL;100
6;FÜNFTES KAPITEL;129
7;SECHSTES KAPITEL;155
8;SIEBENTES KAPITEL;187
9;ACHTES KAPITEL;207
10;NEUNTES KAPITEL;235
11;ZEHNTES KAPITEL;264
12;ELFTES KAPITEL;297
13;ZWÖLFTES KAPITEL;324
14;DREIZEHNTES KAPITEL;351
15;VIERZEHNTES KAPITEL;384
16;FÜNFZEHNTES KAPITEL;416
17;SECHZEHNTES KAPITEL;446
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ERSTES KAPITEL
Es war am siebenundzwanzigsten Mai, traurig und so gut wie stumm saßen wir in unserem Haus in der Rue du Champ Fleuri beim Mittagessen, da trat Franz herein und fragte, ob unser Gesinde freihaben könne, um zur Hinrichtung zu gehen.
»Das ganze Gesinde?« fragte mein Vater mit erhobener Braue.
»Außer Margot und Greta, Herr Marquis, die sind zu schwachmütig und können kein Blut sehen, auch wenn es das Blut des abscheulichsten Verbrechers ist, den je die Erde trug.«
Dieser schöne Satz hätte mich im Munde unseres Majordomus verwundert, hätte ich nicht gewußt, daß er ihn der jüngsten Predigt des Pfarrers Courtil verdankte.
»Und Louison?« fragte ich.
»Herr Chevalier«, sagte Franz mit einem Blick zu mir, woraufhin er aber sofort die Lider senkte, »Louison hält um diese Zeit Siesta.«
»Und du, Franz, gehst du hin?« fragte La Surie.
»Oh, nein, Herr Chevalier, ich bleibe hier.«
Zurückhaltend, wie er war, sagte er nicht, warum, und keiner von uns fragte ihn. Wenn mein Vater es nicht ausdrücklich befahl, trennte sich Franz nicht von seiner Greta, der er seit fünfzehn Jahren in großer Liebe anhing. Diese Anhänglichkeit gefiel meinem Vater sehr, ohne daß er aber gedachte, sie ihm nachzutun. »Bei einem Haushofmeister«, sagte er, »dem so viele hübsche Kammerfrauen unterstehen, ist eheliche Treue eine wunderbare Eigenschaft. Stellt Euch den Hickhack in diesem Hause vor, wenn dem nicht so wäre!«
»Geht der arme Faujanet auch?« fragte La Surie noch, wobei dieses ›arm‹ mehr Zuneigung als Mitleid bezeugte.
»Oh, nein, Herr Chevalier«, sagte Franz, »sein Bein wird doch immer schlimmer, außerdem fürchtet er sich vor dem Pariser Gewühl. Ihr wißt doch, ohne seinen Brunnen und seinen Gemüsegarten fühlt er sich nicht wohl.«
»Gut, Franz«, sagte mein Vater, »wenn du nicht mitgehst, soll Poussevent die kleine Truppe anführen. Schick ihn mir her, die anderen auch.«
So kamen sie ihrer sieben: unser riesiger Kutscher Lachaise mit seinem Pferdeknecht, unser Koch Caboche mit seinem Lehrjungen, Jeannot, unser kleiner Laufbursche, und zum Schluß des Aufzugs unsere zwei starken Soldaten Pissebœuf und Poussevent, beide mit Bauch und Vollbart.
»Meine guten Kinder«, sagte mein Vater, »ich denke, daß euch keine Bosheit treibt, wenn ihr zusehen wollt, wie der Elende unter Qualen den Tod erleidet, sondern daß ihr euch nur in dem tiefen Kummer stärken wollt, in den euch die Ermordung unseres guten Königs Henri gestürzt hat. Nur wird es um das Rad einen gewaltigen Volksauflauf geben, mit all den Übergriffen und Ausschreitungen, die eine erhitzte Menge mit sich bringt. Hütet euch also, euch in Händel einzulassen, nehmt euch in acht vor Beutelschneidern und Mantelschnäppern und schützt mir unsere Kammerfrauen vor unverschämten Kerlen.«
»Wir geben acht, Herr Marquis«, sagte Poussevent mit entschlossener Miene.
»Und bleibt mir dort auch selbst besonnen«, fuhr mein Vater fort. »Ich möchte nicht, daß sich morgen jemand bei mir über meine Leute beschwert. Und noch eines: sobald der Delinquent Wind und Atem gelassen hat, macht ihr kehrt, kein Schlendern, keine Schenkenbesuche. Greta wird euch hier mit einem guten Happen erwarten.«
Obwohl unsere Leute uns so ergeben und zugetan waren, konnte meine liebe Patin, die Herzogin von Guise, sich nie genug über deren geringe Anzahl aufhalten. »Ganze zwei Dutzend!« mäkelte sie eines Tages. – »Siebzehn, um genau zu sein«, sagte mein Vater. – »Siebzehn! Eine solche Knickerei ist Eures Ranges unwürdig.« – »Ich messe meinen Rang nicht nach solcher Elle«, gab mein Vater zurück. »Nicht die Anzahl der Leute gilt, sondern wie sie mir dienen. In Eurem Palais, wenn Ihr mir das Beispiel erlaubt, kann man keine zwei Schritte gehen, ohne auf einen langen Lümmel in Livree zu stoßen, der da mit müßigen Händen zur bloßen Schau herumsteht. Ihr könntet zwanzig dieser Nichtstuer entlassen und wäret nicht schlechter bedient.« – »Zwanzig meiner Lakaien entlassen!« entrüstete sich die Herzogin. »Was Ihr Euch denkt! Soll es überall heißen, daß ich ruiniert bin?« – »Das seid Ihr doch!« – »I bewahre! Die Königin gibt mir, wenn meine Mittel erschöpft sind.« – »Eure Schulden sind Euch eben gleichgültig. Ich wette, Ihr wißt nicht einmal, wie hoch Ihr verschuldet seid!« – »Richtig, und da Ihr mich daran erinnert, will ich es Monsieur de Réchignevoisin gleich heute abend fragen.« – »Einen schönen Sachwalter habt Ihr an dem! Er bestiehlt Euch vorn und hinten, um seinem geliebten Zwerg die Taschen zu stopfen. Unter uns, Madame, wie könnt Ihr unter Eurem Dach eine solche Unzucht dulden?« – »Oh, Monsieur, was macht das? Der Zwerg ist so klein!«
Weil Louison sich zu meiner Siesta verspätete, beobachtete ich von meinem Kammerfenster, wie unsere Leute sich im Hof sammelten. Die Männer fanden sich als erste ein und witzelten, wenn auch gedämpft, daß unsere Kammerfrauen sich offenbar wie für einen Ball herausputzten, weil sie so lange auf sich warten ließen. Dabei entging mir nicht, daß sie sich alle Mühe gaben, in ihren Festkleidern so düster und entschlossen auszusehen, wie es loyalen Untertanen geziemt, die sich zur Urteilsvollstreckung an einem Königsmörder begeben. Gleichzeitig vermochten sie aber nicht ganz zu verhehlen, welche Lustbarkeit sie sich von diesem denkwürdigen Ereignis versprachen, natürlich auch davon, es gebührend ausgeschmückt ihren Kindern und Enkeln zu erzählen.
Die Genugtuung in ihren feierlichen Mienen erhöhte sich noch, als endlich unsere Kammerfrauen sich so schmuck in ihren frischen Kotillons, den ausgeschnittenen Miedern und kurzen Ärmeln über den hübschen bloßen Armen zu ihnen gesellten.
»Alsdann!« sagte Poussevent mit ernster Stimme, aber blitzenden Augen. »Bis zur Conciergerie ist es ein gutes Stück. Machen wir uns stracks auf die Beine.«
Wie bezeichnend, dachte ich, daß sie dorthin wollten! Denn natürlich hätten unsere Leute gleich zum Rathaus gehen können, wo ja das Blutgerüst errichtet war mit dem solide vertäuten Rad darauf, damit es dem Zug der vier starken Gäule standhalte, die dem Elenden seine vier Gliedmaßen vom Leibe reißen sollten. Aber nein! Nichts wollten sie auslassen, schon gar nicht die gräßliche Prozession versäumen, die Ravaillac von der Conciergerie (wo man ihn mit anderen Gefangenen eingesperrt hatte, die ihn, auch wenn sie noch so schlimme Verbrecher und manche davon schon zum Galgen verurteilt waren, mit Schimpf und Schande überschüttet hatten), die gräßliche Prozession, sage ich, die Ravaillac im Henkerskarren nach Notre-Dame führen würde, wo er öffentliche Abbitte leisten sollte, und von dort zum Platz vor dem Hôtel de Ville, wo man alles daran setzen würde, ihn so lange wie möglich zu quälen.
»Wahrlich, Herr Marquis!« sagte Poussevent, als er drei Stunden später mit seiner kleinen Truppe wieder bei uns eintraf, »es ist ein Wunder, daß der Elende aus der Conciergerie überhaupt herausgekommen ist, ohne zerfleischt zu werden! So viele Wachen und Arkebusiere ihn auch schützten – die Masse hätte ihn ums Haar in Stücke gerissen; sowie er erschien, stürzte alles auf ihn los, manche entfesselten Weiber kratzten und bissen ihn sogar, und das bei einem Gebrüll der Menge, das Hunderte Löwen nicht reißender gekonnt hätten. Schließlich setzte sich der Karren in Gang, aber da wurde es noch schlimmer: aus den Fenstern beugten sich alte Weiblein und warfen unter greulichem Gekreisch wer weiß wie viele Thymian-, Majoran- und Basilikumtöpfe auf Ravaillac. Und diese alten Pariserinnen, Herr Marquis, müssen schon eine heiße Wut im Leibe haben, wenn sie ihre geliebten Kräutertöpfe opfern, den einzigen Garten, den sie haben, wie der gute Faujanet sagt. Jedenfalls wäre der Mörder auf der Stelle hingewesen, hätten die Henker ihn nicht mit großen Schilden geschützt.«
»Und sich schelber auch, Möschjöh le Marquis«, sagte Mariette, die ihre redselige Auvergnatenzunge nicht länger im Zaum halten konnte. »Wo die Kräutertöpfe doch keine Augen haben, ob sie einem Henkerschknecht oder diesem Höllenmonschter den Schädel einschlagen.«
»Kurz und gut!« sagte Poussevent, den Ton anhebend, »der Karren, so sehr er hin und her schaukelte unterm Ansturm des heulenden Volks, langte schließlich vor der Kirche an, wo der Elende mit einer Fackel in der Hand, im Hemd und auf nackten Sohlen Abbitte tun mußte.«
»Alscho, was mich...




