Mitchell Moore | Wir, im Sommer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Mitchell Moore Wir, im Sommer

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-2445-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2445-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein einzigartiger Sommer, der alles verändert.

Die alleinerziehende Bäckerin Joy betreibt auf Block Island ihr eigenes kleines Café. Die Frauen der Insel bewundern sie, weil sie es geschafft hat, sich und ihrer Tochter hier ein neues Leben aufzubauen. Doch insgeheim ist Joy am Ende mit ihren Kräften. Dann bekommt ihr Café auch noch unerwartet Konkurrenz, und ihre Tochter scheint sich immer mehr von ihr zu entfremden. Als sie Anthony begegnet, der den Sommer in einem Strandhaus auf Block Island verbringt, kehrt endlich ein wenig Leichtigkeit in Joys Leben zurück. Nur warum wird sie das Gefühl nicht los, dass auch Anthony ein Geheimnis verbirgt ...



Meg Mitchell Moore wuchs in Massachusetts auf, wo sie heute mit ihrem Mann, drei Töchtern und einem Border Collie in der schönen Küstenstadt Newburyport lebt. Bevor sie sich ganz auf das Schreiben von Romanen verlegte, arbeitete sie als Journalistin. Christine Strüh übertrug u.a. Gillian Flynn, Cecelia Ahern, Kristin Hannah und Natasha Lester ins Deutsche. Sie lebt in Berlin.
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Kapitel 2
Joy


www.DinnerByDad.com

Vielleicht fragt ihr euch jetzt: Chili im Sommer? Ich weiß. Aber vertraut mir. Dieses Gericht hat selbst für den längsten Tag des Jahres genug zarte Aromen und Sommergemüse (hallo, gelber Kürbis!). Und apropos lange Tage – wenn Jacqui nach einem langen Tag im Gericht nach Hause kommt, warten Charlie, Sammy und ich am liebsten mit einem fabelhaften Eintopf auf sie. Aufräumen ist danach ein Klacks, wir können sofort nach draußen und den Feierabend genießen. Auf den Sommer muss man in dieser Gegend lange warten, und wenn er endlich da ist, wollen wir natürlich keine Minute verpassen!

Jemand hatte in zweiter Reihe geparkt und blockierte Joys Platz mit einem abgewrackten Chrysler LeBaron. Mitte der Neunziger, vermutete sie.

»Das geht gar nicht, Mister«, sagte sie laut. Fing das jetzt schon im Juni an? Unmöglich! Sie hielt doch den langen, oft einsamen Winter hier nicht durch – wenn der Wind direkt von der Bucht kam und sie manchmal außer ihrer Tochter und dem Hund kein Lebewesen sah –, damit sich dann irgendein Sommergast ihres Parkplatzes bemächtigte. Joy drückte kräftig auf die Hupe.

Der Typ hing am Handy, natürlich, und drehte sich nicht mal um.

Joy hatte fünfundzwanzig Pfund Mehl hinten in ihrem Jeep, die arbeitsreichste Zeit des Jahres stand ihr bevor. Nichts in der Welt würde sie dazu bringen, irgendwo anders zu parken als auf ihrem angestammten Platz. »Komm schon, Pisser«, sagte sie. Das Leben als alleinerziehende Mutter und Besitzerin eines kleinen Geschäfts auf einer saisonalen Insel hatte sie ordentlich abgehärtet.

Ihr Handy summte. Eine Nachricht von ihrer Tochter Maggie. Möchtest du, dass ich Abendessen mache? Joy wurde warm ums Herz, nicht nur wegen Maggies Angebot, sondern auch, weil sie vor halb elf auf war, was bedeutete, dass sie sich noch nicht gänzlich wie ein Teenager verhielt. Joy war selbst ein wilder Teenager gewesen, mit der Tendenz zu dramatischen Stimmungsschwankungen und unpassenden Schwärmereien, die sie gelegentlich auf den Straßen von Fall Rivers ausgelebt hatte. Zum Glück waren ihre vier Brüder so voller Energie, dass es leicht gewesen war für Joy, unter dem Radar zu fliegen.

Maggie war dreizehn und kam demnächst in die achte Klasse der winzigen Schule von Block Island, in der sie acht Klassenkameraden haben würde. Vorausgesetzt, es zog nicht noch jemand in Maggies Alter in die Stadt, was höchst unwahrscheinlich war.

Da der Pisser immer noch am Handy war, nahm Joy sich eine Sekunde, um ihrer Tochter zu antworten. Heute ist alles geregelt, ich mache Veggie-Chili. Sie achtete auf die korrekte Zeichensetzung, sie konnte nicht anders, und außerdem schüttelte Maggie immer streng den Kopf, wenn Joy zu viele Abkürzungen benutzte. Abkürzungen waren der Jugend vorbehalten.

Dinner by Dad?, schrieb Maggie.

Dinner by Dad war Joys liebster Koch-Blog. Auch heute hatte sie zwischendurch ihren Laptop hochgefahren, um den neuesten Post zu lesen. Auf Dinner by Dad hielt Leo, der Hausmann, immer eine frische Kanne Kaffee für seine Frau Jacqui bereit, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit in die Stadt machte. Manchmal verließ sie das Haus schon vor der Morgendämmerung, wenn sie zum Beispiel an einem wichtigen Fall arbeitete, und trotzdem hatte Leo Kaffee für sie gemacht. Überhaupt leistete Leo Erstaunliches. Wenn die Sonne aufging, joggte er vier Meilen, hatte immer ein Lächeln auf den Lippen und eine Scheibe Vollkorntoast im Toaster. Joy hoffte, dass seine Frau ihn angemessen zu schätzen wusste.

Genau, antwortete sie.

Chili im Sommer?

Ich weiß, simste Joy zurück. Jede Menge Sommergemüse. Ich vertraue ihm. Ach wirklich. Sie war geradezu verknallt in Leo. Gestern war sie auf dem Bauernmarkt hinter dem Spring House Hotel gewesen, der immer mittwochs stattfand, und hatte Unmengen Gemüse gekauft. Den Rest des Chilis konnte sie ja einfrieren.

Von früheren Posts wusste Joy, dass Leo mit seiner Familie irgendwo im Mittleren Westen lebte und dass sie Zugang zu einem See hatten. Manchmal fing Leo nämlich einen Fisch zum Abendessen, entgrätete ihn direkt auf dem Boot und so weiter. Vielleicht Michigans Upper Peninsula? Joy wusste es nicht genau – mit persönlichen Details war Leo äußerst sparsam. Mit den Rezepten nicht.

Ich auch, schrieb Maggie zurück. Es lebe DBD! Das war eine untypisch euphorische Reaktion, deshalb ließ Joy es dabei bewenden und drückte stattdessen noch einmal auf die Hupe, und der LeBaron setzte sich tatsächlich in Bewegung.

Während Joy auf ihren Parkplatz wartete, reckte sie dem Fahrer den Stinkefinger entgegen, denn die Sommergäste mussten lernen, sich zu benehmen. Doch der Typ war immer noch am Telefon und sah nicht mal in ihre Richtung.

»Hey!«, knurrte sie, hupte erneut, und jetzt drehte er sich endlich um. Als er zu ihr herübersah, verließ sie jedoch der Mut, sie zog den Finger ein und deutete nur wütend auf das Schild PRIVATPARKPLATZ: WIDERRECHTLICH GEPARKTE FAHRZEUGE WERDEN KOSTENPFLICHTIG ABGESCHLEPPT.

Er winkte ihr mit der freien Hand zu, aber es war nicht klar, ob es ein Gruß, eine Entschuldigung oder einfach allgemeines Pissertum war. »Pisser«, brummte Joy noch einmal. Der Parksünder kam ihr eindeutig wie ein New Yorker vor, obwohl sein Auto ein Rhode-Island-Nummernschild hatte und überhaupt nicht aussah, als würde ein New Yorker es fahren wollen. Ein uralter LeBaron, schätzungsweise aus dem Jahr 1995. Joys Vater hatte eine Autowerkstatt, in der Joy in ihrer Highschool- und Collegezeit hin und wieder ausgeholfen hatte, daher verfügte sie über eine gewisse Erfahrung in der Materie.

Sie beobachtete, wie der LeBaron in der Dodge Street parkte. Gut, das waren öffentliche Stellplätze.

Langsam stieg sie aus dem Jeep, öffnete die hintere Tür, um an das Mehl zu kommen, behielt den Mann in dem LeBaron jedoch sicherheitshalber im Auge und sah, wie er die Arme aufs Lenkrad und den Kopf auf die Handrücken legte. Lachte er? Schlief er? Oder weinte er womöglich?

Neugierig geworden, ließ sie das Mehl im Auto und näherte sich dem Wagen. Tatsächlich, der Typ weinte, seine Schultern zuckten. Unwillkürlich wich Joy zurück.

Doch dann hielt sie inne. Wie er da ins Lenkrad schluchzte, sah er aus wie ein armer Kerl, und einem armen Kerl hatte sie noch nie widerstehen können. In der vierten Klasse war sie als Einzige freundlich gewesen zu Oliver Wheeler mit seinem Pferdegebiss, seinen X-Beinen und der dicken Brille, die ihm jedes Mal von der Nase gehauen wurde, wenn er Four Square spielte. In der Highschool hatte sie einmal pro Woche ehrenamtlich im Tierheim Forever Paws in der Lynnwood Street in Fall River gearbeitet, nachdem sie hinter einer verlassenen Lagerhalle einen Boxermischling gefunden und auf der Stelle ins Herz geschlossen hatte. Ihre Mutter erlaubte nicht, dass sie den Hund behielt – fünf Kinder in der Wohnung waren genug! –, also brachte Joy ihn ins Tierheim und kam mit einem unbezahlten Job zurück. Und heute brachte sie ihre ehemalige Nachbarin Mrs Simmons einmal im Jahr zum Friedhof, damit sie am Todestag ihres geliebten Ehemannes sein Grab besuchen konnte.

Doch diesmal würde sie nicht auf die Mitleidstour hereinfallen. Sie hatte eine Tochter, einen Hund und ein Geschäft. Das reichte. Zwar hatte sie viele Fehler gemacht – dabei dachte sie natürlich vor allem an Dustin, ihren Exmann –, aber Joy Sousa war überzeugt, dass sie gelernt hatte, solcher Art von Ärger aus dem Weg zu gehen.

Als sie sich umwandte und zu ihrem Jeep zurückkehren wollte, wäre sie fast mit ihrer besten Freundin Holly Baxter zusammengestoßen, die wahrscheinlich zu ihrer Arbeitsstelle bei der Handelskammer von Block Island unterwegs war.

»Wir prüfen gerade eine neue Bewerbung«, erklärte Holly ohne weitere Einleitung. »Einen Imbisswagen.«

»Ooooh!«, rief Joy. »Hoffentlich einer mit Tacos.«

Aber Holly schüttelte den Kopf. »Nein, keine Tacos. Ich wollte das mit dir persönlich besprechen«, meinte sie mit einem vielsagenden Blick zu »JOY BOMBS«, ihrem kleinen Café.

»Warum? Was verkaufen sie denn?« In den letzten Jahren hatten auf der Insel verschiedene Imbisswagen ihr Glück versucht.

Zwischen Hollys Augen erschien eine Sorgenfalte. »Kaffee«, sagte sie »Salate. Verschiedenes.«

»Na und?«, entgegnete Joy. »Kaffee verkauft doch jeder. Und Salate auch.« Aber es sah ganz danach aus, als wolle noch ein anderes Wort aus Hollys Mund kommen.

»Und«, sagte sie, »Macarons.«

»Macarons?«

»Na, du weißt doch, diese kleinen französischen Plätzchen mit einer Unmenge verschiedener Geschmacksrichtungen, es gibt sogar …«

»Ich weiß, was Macarons sind«, sagte Joy.

»Ich habe versucht, mir etwas einfallen zu lassen, um es zu verhindern«, fuhr Holly fort und fügte mit leiser Stimme hinzu: »Dir zuliebe, weißt du.«

»Mir zuliebe?«

»Ja. Aber ich hab es nicht geschafft, also bedank dich lieber nicht.«

»Wieso hast du es denn zu verhindern versucht?«

»Denk mal drüber nach, du Genie«, sagte Holly. »Du möchtest doch nicht, dass ein Imbisswagen praktisch gegenüber von deinem Laden irgendwelches Gebäck verkauft, oder?«

»Gegenüber von meinem Geschäft ist sowieso kein Platz für einen Imbisswagen«, erwiderte Joy und gestikulierte zur anderen Straßenseite.

...



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