Morgan Skorpion
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-14716-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-14716-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Erde des 22. Jahrhunderts gerät die politische Lage zunehmend außer Kontrolle. Der Konflikt zwischen den Religionen droht zu einem Weltkrieg zu werden. Da fehlt es gerade noch, dass ein mit gentechnischen Mitteln erschaffener Supersoldat aus dem Gefängnis ausbricht und dem genetisch modifizierten Kopfgeldjäger Carl Marsalis die Aufgabe zufällt, ihn wieder einzufangen. Denn dieser flüchtige Soldat trägt Informationen in sich, die die Zukunft der Menschheit entscheidend verändern werden.
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1
Am Ende fand er Gray in einem Mars-Präpcamp in Peru gleich hinter der Grenze zu Bolivien, wo er sich hinter einem bisschen billiger Gesichtschirurgie und dem Namen Rodriguez versteckte. An und für sich war es keine schlechte Tarnung und wäre einer Standardüberprüfung vielleicht entgangen. Sicherheitschecks in den Präpcamps waren notorisch lax, und in Wahrheit war es ihnen dort ziemlich gleichgültig, wer man vor der Unterzeichnung des Vertrags gewesen war. Aber es gab immer noch ein paar offensichtliche Anzeichen, nach denen man Ausschau halten konnte, wenn man nur wusste, wie, und Carl hatte seit Wochen mit einer methodischen Intensität gesucht, die allmählich Züge der Verzweiflung angenommen hatte. Er wusste, dass sich Gray irgendwo oben auf dem Altiplano aufhielt, weil die Spur von Bogota aus dorthin führte, und wo sonst sollte eine Dreizehner-Variante am Ende hinlaufen? Er wusste dies, und er wusste, dass es bloß eine Sache der Zeit wäre, bevor die Spuren sichtbar würden und jemand Bescheid gäbe. Aber weil die Mittel für die Einführungsprogramme an allen Enden gekürzt und die Programme als solche immer schneller abgearbeitet wurden, um der wachsenden Nachfrage zu begegnen, wusste er auch, dass die Zeit auf Seiten des anderen Mannes war. Etwas musste sich tun, und zwar bald, sonst wäre Gray auf und davon und Carl könnte seine Prämie in den Wind schreiben.
Als daher der Durchbruch erfolgte, als aus dem Netz der Kontakte, an dem er all die Wochen über gezupft hatte, die Rückmeldung über jenes winzige Datenbröckchen kam, fiel es ihm schwer, vor Freude keinen Luftsprung zu vollführen. Es fiel ihm schwer, nicht seine sorgfältig aufgebaute Tarnung fallen zu lassen, nicht seine Karte hervorzuholen, den Kredit bei der Agentur bis ins Letzte auszureizen und das schnellste allradgetriebene Geländefahrzeug zu mieten, das in Copacabana aufzutreiben war. Es fiel ihm schwer, nicht mit Agenturgeschwindigkeit über die Grenze zu jagen und Straßenstaub und Gerüchte aufzuwirbeln, bis er im Lager einträfe, wo Gray natürlich, sollte er nur die geringste lokale Unterstützung haben, längst auf und davon wäre.
Carl vollführte keinen Luftsprung.
Stattdessen forderte er vor Ort ein paar ausstehende Gefallen ein und konnte so eine Fahrt über die Grenze mit einer militärischen Verbindungseinheit organisieren – in einem altersschwachen Transporter mit dem sonnengebleichten, fast verblassten Logo der Kolonisier ungsgesellschaft auf den gepanzerten Seiten. Die Besatzung bestand aus peruanischen Soldaten, Söhne armer Familien der Küstenprovinzen, die zum Militär gegangen und dann für Sicherheitsaufgaben der Gesellschaft abkommandiert worden waren. Dafür kassierten sie kaum mehr als den üblichen Sold, aber das Innere des Transporters war vergleichsweise üppig ausgestattet, zumindest nach militärischen Standards, und er hatte anscheinend sogar eine Klimaanlage. Und sie waren sowieso robust und jung, auf eine Art jung, wie man es in der westlichen Welt nicht mehr häufig zu sehen bekam. Unschuldig und zufrieden mit ihrer im harten Drill erworbenen körperlichen Leistungsfähigkeit und dem Prestige, das sie dem billigen Khaki zu verdanken hatten. Alle hatten ein breites Grinsen für ihn übrig, das ihre schlechten Zähne zeigte, und keiner war älter als zwanzig. Carl sah in der guten Laune ein Zeichen für ihre Unbedarftheit. Man konnte so gut wie sicher darauf wetten, dass diese Kinder keinen Schimmer davon hatten, wie viel ihr Oberkommandierender für ihre Dienste von seinen Firmenkunden abzockte.
Eingeschlossen in dem ruckelnden, nach süßlichem Schweiß stinkenden Bauch des Fahrzeugs, brütete Carl darüber, welche Chancen er bei Gray hätte, und von daher wäre es ihm wirklich lieber gewesen, er hätte keine Gespräche führen müssen. Er redete nicht gern, hatte es nie getan. Hatte tatsächlich das Gefühl, es sei eine viel zu sehr überschätzte Freizeitbeschäftigung. Aber es gab eine Grenze dafür, wie schweigsam man sein durfte, wenn man eine kostenlose Mitfahrgelegenheit ergattert hatte. Also sammelte er ein wenig seichtes Geschwätz über die Play-Off-Runde kommende Woche zwischen Argentinien und Brasilien zusammen und warf so wenig in die Unterhaltung ein, wie er sich glaubte, erlauben zu können. Einige Bemerkungen über Patricia Mocatta und ob es ratsam war, weibliche Mannschaftskapitäne in Teams einzusetzen, die nach wie vor männlich dominiert waren. Überprüfung von Spielernamen. Taktische Vergleiche. All das kam anscheinend gut an.
»Eres Marciano?«, fragte ihn einer schließlich und unausweichlich.
Er schüttelte den Kopf. Zwar war er einmal Marsianer gewesen, aber das war eine lange, komplizierte Geschichte, und er verspürte kein Bedürfnis, sie zu erzählen.
»Soy contable«, sagte er ihnen, weil er sich manchmal tatsächlich so fühlte. »Contable de biotecnologia.«
Alle grinsten. Er wusste nicht genau, ob sie glaubten, dass er nicht wie ein Biotech-Buchhalter aussehe, oder ob sie ihm einfach generell nicht glaubten. Wie dem auch sein mochte, sie verfolgten die Sache nicht weiter. Sie waren an Männer mit Geschichten gewöhnt, die nicht so recht zu ihren Gesichtern passen wollten.
»Hablas bien el español«, beglückwünschte ihn jemand.
Sein Spanisch war gut, obwohl er während der vergangenen beiden Wochen zumeist Quechua gesprochen hatte. Mit marsianischem Akzent, jedoch nach wie vor eng angelehnt an das ursprüngliche Peruanisch, aus dem es hervorgegangen war. Die überwiegende Masse der Bewohner des Altiplano sprach es, und aus ihnen bestand umgekehrt der größte Teil der Hilfsarbeiter in den Präpcamps ebenso wie auch auf dem Mars. Dessen ungeachtet war die Sprache der Behörden hier oben immer noch Spanisch. Abgesehen von einem Amenglisch, das sie sich aus dem Netz zusammengesucht hatten, sprachen diese Burschen von der Küste nichts anderes. Aus Sicht der Gesellschaft wahrhaftig kein Idealzustand, aber die Regierung in Lima war eisern gewesen, als die COLIN-Verträge unterzeichnet worden waren. Die Übergabe der Gewalt an die Gringo-Gesellschaften war eine Sache, dafür gab es historische, von der Oligarchie befürwortete Präzedenzfälle. Aber den Bewohnern des Altiplano zu gestatten, kulturell die Küstenherrschaft abzuschütteln, nun ja, das wäre schlicht inakzeptabel. Da hing einfach noch zu viel schlimme Geschichte dran. Die ursprünglichen Inkas vor sechshundert Jahren und ihre starrsinnige, dreißig Jahre währende Weigerung, sich wie ein erobertes Volk zu verhalten, dann die blutige Wiederholung des Ganzen durch Túpac Amaru im Jahr 1780, die Maoisten vom sendero luminoso kaum einhundert Jahre zuvor sowie die Aufstände jüngeren Datums der familias andinas. Diese Lektionen hatte man gelernt, und es hieß allgemein: nie wieder. Spanisch sprechende Uniformierte und Bürokraten stellten die Sache nachdrücklich klar.
Der Patrouillentransporter kam ruckartig zum Stehen, und die Hecktür schwang schwer nach außen auf. Hartes Hochgebirgs-Sonnenlicht ergoss sich ins Innere, und mit ihm kamen auch die Geräusche und Gerüche des Camps herein. Jetzt hörte er Quechua, die vertrauten un-spanischen Kadenzen, wie sie über dem Lärm der Maschinen hin und her flogen, niedergewalzt von der Stimme eines importierten Roboters, der auf Amenglisch Fahrzeug fährt rückwärts Fahrzeug fährt rückwärts trötete. Von irgendwoher ertönte Musik, gesungener Huayno, neu abgemischt zu einem Bloodbeat-Tanzrhythmus. Unter dem Geruch nach Maschinenöl und Kunststoff lag der durchdringende Duft dunklen Fleischs. Jemand grillte antecuchos über einem Holzkohlenfeuer. Carl glaubte, das Geräusch von Rotoren zu vernehmen, die sich irgendwo in der Ferne erhoben.
Die Soldaten drängten hinaus, wobei sie Packen und Waffen hinter sich herzogen. Carl überließ ihnen den Vortritt, folgte ihnen und sah sich um, ihre Geschäftigkeit als Deckung nutzend. Der Transporter war auf einer Rampe aus Evercrete gegenüber von ein paar staubigen Bussen mit dem Ziel Cuzco und Arequipa stehen geblieben. Der Busbahnhof war nicht mehr als eine offene Balkenkonstruktion, und dahinter erstreckte sich das Garrod-Horkan-9-Camp den Berg hinauf. Es bestand aus eingeschossigen vorfabrizierten Baracken, die an dem sterilen, rechteckig angelegten Straßennetz standen. Die weißen Fahnen der Gesellschaft flatterten alle paar Blocks an Pfählen, darauf ein ineinander geschlungenes G und H, umringt von Sternen. Durch die glaslosen Fenster des Busbahnhofs entdeckte Carl Gestalten, deren Overalls vorn und hinten dasselbe Logo zierte.
Verdammte Gesellschaftsstädte!
Er warf sein Gepäck in ein Schließfach im Bahnhof, fragte einen Straßenfeger im Overall nach dem Weg und ging hinaus in die Sonne, auf die ansteigende Straße zu. Unten im Tal schimmerte der Titicacasee schmerzhaft grell und blau. Er setzte sich die intelligente Cebe-Sonnenbrille auf, rückte seinen mitgenommenen peruanischen Lederstetson auf dem Kopf zurecht und machte sich auf den Weg den Hang hinauf, wobei er der Musik folgte. Die Maskerade war eher Tarnung als wirklich nötig – seine Haut war dunkel und wettergegerbt genug, dass er sich wegen der Sonne keine Sorgen machen musste, aber die Gläser und der Hut würden seine Züge zum Teil verdecken. Schwarze Gesichter waren in den Camps des Altiplano nicht gerade Alltag, und so unwahrscheinlich es auch war, so konnte es doch sein, dass Gray den Bahnhof durch jemanden überwachen ließe. Je weniger auffallend Carl war, desto besser.
Ein paar Blocks die Straße hinauf fand er, was er suchte. Einen Fertigbau, doppelt so groß wie...




