E-Book, Deutsch, Band 2, 459 Seiten
Reihe: Elya
Müller-Braun Elya 2: Das Bündnis der Welten
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-646-60479-5
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Packende Drachen-Fantasy voller Dramatik, Magie und Emotionen
E-Book, Deutsch, Band 2, 459 Seiten
Reihe: Elya
ISBN: 978-3-646-60479-5
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dana Müller-Braun wurde Silvester '89 in Bad Soden im Taunus geboren. Geschichten erfunden hat sie schon immer - mit 14 Jahren fing sie schließlich an ihre Fantasie in Worte zu fassen. Als das Schreiben immer mehr zur Leidenschaft wurde, begann sie Germanistik, Geschichte und Philosophie zu studieren. Wenn sie mal nicht schreibt, baut sie Möbel aus alten Bohlen, spielt Gitarre oder verbringt Zeit mit Freunden und ihrem Hund.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
»Deine Beine, Lya!«
Schwer atmend sehe ich hinab.
»Dein Ziel nie aus den Augen lassen!«
Ein Schlag trifft mich, als ich gerade wieder zu Myr aufschauen will. Ich stöhne und beuge mich vor, um das Blut auszuspucken. »Ich kann nicht mehr!«
»Willst du das deinen Feinden auch sagen?!« Er lacht herablassend.
»Meine Feinde kann ich anders töten!«, knurre ich voller Hass. Voller Mordlust.
Myr hebt seine Brauen. »Du kannst gar nichts, wenn du dich weiterhin nur verwandelst, wenn du wütend bist.«
»Wütend? So nennst du meinen Zustand nach Levyns Tod?!«
Er zuckt kurz zusammen. »Schluss für heute«, brummt er dann und löst die Handschuhe von seinen Fingern. »Denk an deine Beinarbeit, daran, dein Gesicht immer zu schützen. Und bitte, bitte behalt deinen Feind im Auge, Lya.«
»Warum? Weil Levyn mich hier in Acaris eingesperrt hat und demnächst Scharen von Boxkämpfern eintreffen werden?«
Ich mache eine wegwerfende Geste, woraufhin Arya leise lacht. Mein Blick wandert zum Fenster, wo sie sitzt und uns amüsiert zusieht.
»Glaub mir, Lya, hier in Acaris hast du mehr Spaß. Levyn sitzt in der Welt der Finsternis und liest ein altes Buch nach dem anderen, um herauszufinden, wie er dir dein Herz zurückgeben kann.«
»Kein Wunder, dass ihr ständig bei mir herumlungert«, maule ich, obwohl ich froh bin, dass sie hier sind. Froh, dass sie mich von Levyns Verschwinden, den Bildern seines toten Körpers in meinen Träumen und Tharys ablenken und mich normal behandeln. Nicht so, als wäre ich plötzlich ein Monster mit grauen Haaren.
»Was wirst du zur Krönungsfeier tragen?«, lenkt Arya ab.
Ich atme tief durch. »Tharys hat mir irgendein Kleid machen lassen.«
»Oh, in den passenden Farben zu seinem Outfit?« Sie zwinkert mir lasziv zu.
»Wohl kaum«, ist alles, was ich zurückgebe. Tharys wird dort mit seiner Verlobten auftauchen, also bin ich an dem Abend nicht mehr als eine Freundin, die bei ihm lebt. Eigentlich bin ich auch ohne diese Krönung nicht mehr als das. Außer der Tatsache, dass wir uns ab und zu von allem anderen ablenken. Er von seiner bevorstehenden Krönung und ich, ja ich …
»Ich dachte, ihr schlaft miteinander. Darf der Thronfolger seine Mätresse etwa nicht zur Krönung mitnehmen?« Arya schmunzelt, aber ich höre den Vorwurf in ihrer Stimme.
»Ich habe kein Herz. Schon vergessen? Ich darf also machen, was ich will. Auch wenn es auf euch herzlos wirkt«, zische ich und entledige mich des Tapes um meine Finger.
»Levyn denkt vielleicht, du seiest herzlos. Wir wissen es besser. Und Myr und mir ist durchaus bewusst, wie du am nächsten Tag aussiehst, wenn du mit Tharys das Bett geteilt hast. Voller Schuld.«
Aryas Blick lastet argwöhnisch auf mir. Sie will mich aus der Reserve locken.
»Schuld wem gegenüber? Levyn? Jemandem, der mich nie wollte und mich dann hier zurückgelassen hat? Sicher nicht.«
»Nicht ihm gegenüber. Dir gegenüber, Lya. Damit verrätst du dich selbst. Aber es ist nicht meine Aufgabe, dir zu sagen, mit wem du in die Kiste springen sollst.«
Myr beißt sich unruhig auf seiner Unterlippe herum. Ihm ist dieses Thema mehr als unangenehm. Nicht nur, weil Tharys sein Bruder ist und Levyn sein bester Freund. Nein, vor allem, weil es hier um mich und mein Sexleben geht. Vor ein paar Wochen hat er mir diese kleinen Pillen gegeben, die Drachen nehmen, wenn sie nicht schwanger werden wollen. Aber gesagt hat er dazu nichts.
»Richtig. Es ist nicht deine Aufgabe!«
Ich wende mich ab, um in mein Zimmer zu gehen. Arya aber erhebt sich und kommt auf mich zu. Ihre hellen Haare fallen wie weiche Wellen um ihr Gesicht und bedecken Teile ihrer zarten Haut. Doch ich weiß mittlerweile, so elfenähnlich, wie Arya wirkt, so kantig und brutal ist sie in ihrer Seele.
»Hör endlich auf, dich selbst zu bestrafen!«, sagt sie dicht neben meinem Ohr. Myr hört nicht mehr zu oder tut zumindest so.
»Womit sollte ich mich selbst bestrafen? Und weshalb?«
»Indem du jemanden bei dir hast, den du nicht liebst, um zu verhindern, dass du dir selbst eingestehen musst, dass du immer noch fühlst, Lya. Dass du mit Tharys schläfst, weil du ihn gerettet hast und nicht Levyn. Und das vor dir selbst begründen willst.«
»Tharys bedeutet mir etwas!«, gebe ich zwischen zusammengepressten Zähnen zurück.
Arya nickt und schenkt mir ein engelsgleiches Lächeln. »Ich weiß, dass er dir etwas bedeutet, sonst würdest du das nicht tun. Aber du liebst ihn nicht.«
Ich presse meine Lippen aufeinander und nehme allen Mut zusammen, zu gehen. Ich will nicht über mein Liebesleben oder meine Gefühle reden. Darüber, dass ich immer noch fühle. Dass ich es fast schon mehr tue als zuvor.
Während ich gehe, lege ich meine Hand auf die Brust. Nichts. Nur Leere. Grausame Leere, die mir beweist, dass etwas nicht stimmt. Aber eine Sache hat Levyn übersehen, als er mich hier zurückgelassen hat. Mein Herz mag aufgehört haben zu schlagen. Aber meine Seele … Meine Seele lebt.
Ich verbringe den Rest des Tages, wie ich sie in den letzten drei Monaten auch verbracht habe. Essen. Lesen. Schlafen. Hauptsache, keine Sekunde übrig lassen, in der ich mir Gedanken machen könnte. In der ich an ihn denken könnte.
Als ich abends auf meinem Bett liege und halbherzig in einem Buch lese, klopft es an meiner Tür. Ich ziehe meine Brauen zusammen. Tharys wird morgen gekrönt. In Acaris steht dem zukünftigen König in der Nacht davor eine Salbung und danach der Geschlechtsverkehr mit seiner Frau bevor, damit er als echter Mann zum König wird. Er kann es also nicht sein.
»Ja?«, frage ich, lasse das Buch aber nur ein wenig sinken.
Und trotz allem ist es Tharys, der in meiner Tür steht und mich mit seinen grellgrünen Augen anfunkelt.
»Was machst du hier?«, frage ich irritiert.
»Na ja, der Brauch besagt, dass ich heute Nacht das Bett mit meiner Zukünftigen teilen soll«, raunt er und kommt näher.
»Dann solltest du jetzt wohl bei deiner Verlobten sein«, entgegne ich kühl. Und auch das, was ich da sage, lässt mich kalt. Etwas, das mir Aryas Worte nur noch bewusster macht.
»Lya, du weißt, dass ich diese Verlobung löse, sobald ich König bin.«
Ich verkrampfe mich. In den letzten Monaten habe ich immer wieder gehofft, er würde nicht darüber reden. Nicht etwa, weil ich gern eine Ehebrecherin bin, nein. Sondern weil ich Tharys niemals geben könnte, was er will.
»Ich …«, stammle ich und lege das Buch zur Seite, während er vor meinem Bett stehen bleibt.
»Du willst nicht meine Zukünftige sein?«, hakt er nach. Seine Augen werden hart.
»Ich will einfach nichts sein«, entgegne ich wahrheitsgetreu.
»Lya, hör auf damit. Das Thema hatten wir schon so oft. Du bist so viel mehr, als du dir selbst einzureden versuchst.«
»Und du hast etwas Besseres verdient.«
Er verzieht den Mund, bevor er sich neben mich auf das Bett schmeißt. Seine Hose rutscht ein wenig hoch und erlaubt mir einen Blick auf seinen Knöchel, um den sich das Ende eines Tattoos schlängelt. Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Ich bin einfach blind für Tharys. Etwas, das meine Aussage nur bestätigt.
»Es gibt nichts Besseres.«
Ich schnaufe. »Können wir nicht einfach wieder zu dem Punkt zurückgehen, an dem wir abgemacht haben, dass das nur … Zeitvertreib ist?«
»Das ist es für dich?«
Ich nicke, obwohl das natürlich nicht ganz stimmt. Aber auch Tharys ist nicht wirklich ehrlich. Ja, er mag mich. Er mag mich sogar sehr. Aber ich sehe es in seinen Augen. Spüre es in der Art, wie er danach neben mir liegt und seine Arme um mich schlingen will. Er will mehr. Das mit mir, das, was er von mir bekommt, ist nicht das, was er sich wünscht. Nicht das, wovon er träumt.
»Du gibst mir die Schuld, oder?«, fragt er vorsichtig.
»Wofür?«
»Dafür, dass du mich und nicht ihn gerettet hast. Dafür, dass ich der Herrscher der Welt des Lichts bin, und dafür, dass du ihm dein Herz gegeben hast.«
Ich presse meine Zähne zusammen. Ich weiß, dass er keinerlei Schuld an all dem trägt. Ich weiß es, weil ich allein schuld daran bin.
»Tharys«, murmle ich, beuge mich zu ihm und streiche ihm eine dunkelblaue Strähne aus dem Gesicht. »Ich gebe dir nicht die Schuld.«
»Aber du willst, dass sich deine Entscheidung richtig anfühlt.«
Na super. Noch einer. Soll er sich doch mit Arya zusammentun.
»Möchtest du … Also … Lässt es dein Brauch zu, dass wir heute Nacht einfach nur … beieinander sind?«, frage ich mit belegter Stimme.
»Soll das heißen, dass du kuscheln willst?« Er hebt belustigt einen Mundwinkel.
»Nebeneinander liegen«, korrigiere ich ihn.
Er lächelt, nickt dann und zieht mich in seine Arme.
Diese Momente, in denen wir uns einfach so, ohne Sex, nah sind, gibt es nur selten. Vor allem, weil ich es nicht kann, wenn wir davor intim waren.
Levyn sieht mich herablassend an. Er sitzt auf einem schwarzen Thron, lacht und blickt auf mein Halsband.
»Dachtest du, dass du mich derart hintergehen kannst und ungeschoren davonkommst?«, fragt er mit bitterkalter Stimme, die von den schwarzen Wänden widerhallt.
Ich sage nichts. Ich versuche es, ja. Aber es ist, als wäre meine Zunge zentnerschwer.
»Du hast also nichts zu deiner Verteidigung zu sagen?« Er hebt eine Braue. »Tötet sie!«
Eine Klinge legt sich an meinen Hals. Eine kalte, metallene Klinge, die mir den Verstand raubt.
»Nein!«, schreie ich, doch es ist zu spät. Die Klinge zieht...




