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E-Book, Deutsch, 326 Seiten

Münch Wissenschaft im Wettbewerb

Die Universität im akademischen Kapitalismus
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-593-46085-7
Verlag: Campus Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Universität im akademischen Kapitalismus

E-Book, Deutsch, 326 Seiten

ISBN: 978-3-593-46085-7
Verlag: Campus Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Universitäten stehen seit gut zwei Jahrzehnten in einem verschärften Wettbewerb um Exzellenz. Sie konkurrieren um Forschungsmittel, erfolgreiche Forschende, begabte Studierende und Machtpositionen, mit denen sie sich Vorteile in diesem Wettbewerb verschaffen können. Dieser institutionelle Wettbewerb überlagert den individuellen Wettbewerb zwischen den Forschenden um Erkenntnisfortschritt und Anerkennung durch die wissenschaftliche Gemeinschaft. Die Universität wird so zur treibenden Kraft eines akademischen Kapitalismus, der auf die zirkuläre Akkumulation von ökonomischem und symbolischem Kapital zielt. Richard Münch untersucht in diesem Buch drei Wesenszüge der Universität im akademischen Kapitalismus und ihre Wirkung auf die wissenschaftliche Praxis sowie die Offenheit der Wissensevolution: die nach Wettbewerbsvorteilen strebende unternehmerische Universität, die auf Drittmitteleinwerbung im großen Stil ausgerichtete strategisch planende Universität und die auf betriebswirtschaftliches Qualitätsmanagement fokussierte Audit-Universität.

Richard Münch ist Seniorprofessor für Gesellschaftstheorie und komparative Makrosoziologie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Emeritus of Excellence an der Universität Bamberg.
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1.Was ist und wie entsteht wissenschaftliche Exzellenz?


Im Kontext der Agenden der OECD und der EU, die auf den Aufbau der sogenannten wissensbasierten Wirtschaft – oder allgemein: der Wissensgesellschaft – abzielen, wurde die Wissenschaft zur wesentlichen Quelle für Innovation und Wirtschaftswachstum. Die Universität wurde zu einer tragenden Säule der Wissensgesellschaft (Berman 2012; Stehr 2022, 2023; Frank und Meyer 2020). Die theoretische Grundlage dafür ist die Rolle von Wissen und Humankapital in der neuen ökonomischen Wachstumstheorie (vgl. Becker 1964/2009; Acemoglu 2008; Lewis 2013). Im Zuge dieser gewachsenen wirtschaftlichen Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung wurden die Gesetze des wirtschaftlichen Wettbewerbs auch der wissenschaftlichen Suche nach Wahrheit übergestülpt. Das gilt insbesondere für die Suche nach Exzellenz in der Wissenschaft. Diese Suche folgt dem Skript einer erfolgsversprechenden Wettbewerbsstrategie von Unternehmen. Die hier versammelten Texte konzentrieren sich auf die Veränderungen der wissenschaftlichen Praxis, die aus der Übertragung des Wettbewerbs um Exzellenz zwischen Unternehmen auf die Wissenschaft resultieren. Aus diesem Blickwinkel sind der Wandel von Universitäten in strategisch operierende Unternehmen, ihr externes Streben nach Wettbewerbsvorteilen und ihre interne Konzentration auf totales Qualitätsmanagement im Kontext einer Art von akademischem Kapitalismus von entscheidender Bedeutung (Münch 2007a; 2011, 2014; 2020a; Wieczorek und Muench 2023). Die Frage, die es hier zu untersuchen gilt, richtet sich auf den Wandel der Erkenntnisproduktion im Wettbewerb zwischen unternehmerisch agierenden Universitäten, wie weit dieser Wettbewerb den Erkenntnisfortschritt befördert, die Evolution des wissenschaftlichen Wissens offenhält und für dessen stetige Erneuerung sorgt (vgl. Jessop 2017; Reitz 2017; Schulze-Cleven 2020; Schulze-Cleven und Olson 2017; Schulze-Cleven et al. 2017).

Wissenschaft zwischen Diversität und Uniformität

Wie wird in der wissenschaftlichen Praxis gewährleistet, dass ein stetiger Erkenntnisfortschritt stattfindet, Irrtümer aufgedeckt und neue Erkenntnisse gewonnen werden? Die alltägliche Arbeit in der Wissenschaft besteht in einem hohen Maße in Routinen. Das vorhandene Wissen wird rezipiert, neu geordnet, durchdacht und dokumentiert. Es werden Gedanken entwickelt und geordnet. Experimente werden durchgeführt, um zu prüfen, ob das vorhandene Wissen auch bestätigt werden kann. In diesen Routinen kommt das zum Ausdruck, was Thomas Kuhn (1962) in seiner Studie über die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen als Normalwissenschaft bezeichnet hat. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass diese wissenschaftliche Praxis große Bedeutung für die Sicherung des Bestandes an wissenschaftlichem Wissen hat. Diese Arbeit ist mit besonderer Sorgfalt zu erledigen. Es ist das, was wir von jedem Wissenschaftler und jeder Wissenschaftlerin erwarten. Das sichert die »Qualität« wissenschaftlicher Erkenntnis. Niemand käme aber auf den Gedanken, besondere Sorgfalt schon als exzellent und damit preiswürdig zu bezeichnen. Das gilt schon für die Auszeichnung von Dissertationen mit dem Prädikat »summa cum laude«. Um diese Auszeichnung zu verdienen, muss eine Dissertation aus der Reihe üblicher Leistungen herausragen. Das wird auch von allen anderen wissenschaftlichen Arbeiten erwartet. Sie müssen etwas Besonderes hervorbringen, zu neuen Erkenntnissen führen. Das ist die »Originalität« wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dabei gibt es zwischen den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Verständnis von Originalität (vgl. Barlösius 2019).

Weil neue Erkenntnisse besondere Anerkennung mit sich bringen, gibt es immer auch einen Wettlauf um die Generierung neuer Erkenntnisse. Die ersten Forscher, die eine Entdeckung gemacht haben, erlangen größte Anerkennung, während alle nachfolgenden Forscher leer ausgehen. Das impliziert, dass es immer wieder Prioritätsstreitigkeiten hinsichtlich wissenschaftlicher Entdeckungen gegeben hat (Merton 1957). Neue Erkenntnisse hervorbringen zu müssen, um den Erwartungen an die Rolle des Wissenschaftlers gerecht zu werden, setzt hohe Ziele, die nicht von allen in gleicher Weise und zu jeder Zeit erreicht werden können. In der Wissenschaft ist deshalb die Diskrepanz zwischen gesetzten Zielen und verfügbaren Mitteln zu ihrer Erreichung ein Dauerzustand, den Robert Merton (1949/1968d) als Anomie bezeichnet hat. Nur wenige Wissenschaftler erlangen Elitestatus, indem sie die Mittel haben, um die hohen Ziele zu erreichen und für neue Erkenntnisse bekannt zu werden. Die meisten von ihnen leisten mit den ihnen zugänglichen Mitteln kleine Beiträge zur Verbesserung des Erkenntnisstandes und betreiben »Ritualismus«, d. h. Normalwissenschaft. Einige geben auf und ziehen sich zurück. Andere versuchen es mit illegitimen Mitteln und täuschen die Kollegenschaft mittels Plagiats oder gefälschter experimenteller Befunde. Und es gibt auch das Phänomen der Rebellion derjenigen, die sich gegen die Vormachtstellung der Wissenschaft oder bestimmter Paradigmen auflehnen und alternativen Formen der Wissensgenerierung zum Durchbruch verhelfen wollen. Das sind die von Merton (1949/1968d, 1957: 649-658) identifizierten Typen des abweichenden Verhaltens.

Neues hervorzubringen, verlangt schöpferische Kraft. Es ist also besondere Kreativität, die wir auszeichnen, wenn wir für wissenschaftliche Leistungen Preise vergeben. Was bedeutet aber Kreativität in der Wissenschaft? Kreativität verlangt immer, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Pfade zu erschließen. Das können neue Entdeckungen sein, neue theoretische Sichtweisen, neue Methoden, neue Instrumente und Durchbrüche in einem Forschungsfeld, neue Kombinationen von Ideen und Methoden, die neue Perspektiven für die Forschung eröffnen (Heinze und Münch 2012). Es ist das, was Joseph Schumpeter als »schöpferische Zerstörung« bezeichnet hat (vgl. Schumpeter 1942/1980; Uzzi et al. 2013; Wang et al. 2017; Koppman und Leahey 2019; Fontana et al. 2020; Leahey et al. 2023; Falkenberg und Fochler 2024). Um Exzellenz in der Wissenschaft zu fördern, bedarf es also eines möglichst großen Spielraums für die Entfaltung von Kreativität. Kontrollen, die auf Qualitätssicherung zielen, können dabei hinderlich sein. Diese für den Erkenntnisfortschritt hinderliche Seite der Qualitätssicherung in der Wissenschaft hat insbesondere Paul Feyerabend (1976) in seiner fulminanten Kritik an der methodischen Uniformität der wissenschaftlichen Praxis beleuchtet. Dieser Praxis hat er das Credo »Wider den Methodenzwang« entgegengestellt. Nach diesem Credo ist theoretischer und methodischer Pluralismus die Voraussetzung für Fortschritte der Erkenntnis.

Würde sich die gesamte wissenschaftliche Praxis nach den Vorstellungen von Paul Feyerabend vollziehen, dann wäre Chaos das Alltägliche in der Wissenschaft. Niemand wüsste, was wahr ist und was nicht wahr ist. Das ist sicherlich auch kein für den Erkenntnisfortschritt förderlicher Zustand der Wissenschaft. Um Fortschritte der Erkenntnis bestimmen zu können, müssen wir zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden können. Diese Aufgabe fällt der Qualitätssicherung zu. Wir können deshalb sagen, dass sich Wissenschaft zwischen zwei Polen entwickelt. Auf der einen Seite ist der Pol der Kreativität und des theoretischen und methodischen Pluralismus, auf der anderen Seite der Pol der Qualitätssicherung und der Uniformität. Die genuin wissenschaftliche Qualitätssicherung besteht in der allgegenwärtigen Kritik, der jede wissenschaftliche Arbeit ausgesetzt ist. Voraussetzung dafür, dass es dabei zu keinen Verzerrungen kommt, ist die ideale Sprechsituation nach Jürgen Habermas (1971). Es muss Gleichberechtigung herrschen, jeder und jede kann Behauptungen aufstellen, jeder und jede kann Behauptungen kritisieren, und es gilt nur das bessere Argument. Die Beseitigung von Irrtümern durch Kritik ist der entscheidende Antrieb des wissenschaftlichen Fortschritts auf der Seite der Qualitätssicherung (Popper 1934/1966, 1963). Kritik ist deshalb allgegenwärtig in der wissenschaftlichen Praxis. Nichts kann behauptet werden, ohne dass von irgendeiner Seite Widerspruch eingelegt wird. Nur diejenigen Behauptungen, die der Kritik standhalten, bleiben im Bestand des wissenschaftlichen Wissens erhalten. Diese Art der Qualitätssicherung findet in der Wissenschaft immer und überall statt. Sie beginnt in der Diskussion im Seminar, geht...



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