Murat | Proust. Familienroman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Murat Proust. Familienroman

wie man seine Familie mit Hilfe von Marcel Prousts »Suche nach der verlorenenen Zeit« überlebt
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8270-8117-9
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

wie man seine Familie mit Hilfe von Marcel Prousts »Suche nach der verlorenenen Zeit« überlebt

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-8270-8117-9
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Seit meiner Kindheit hatte ich über Prousts Figuren und all ihre Vorbilder reden hören. Aber erst die Lektüre erlaubte mir, die Wirklichkeit in einem anderen Licht zu lesen. Prousts enorme Überlegenheit über die Aristokratie, die so eingebildete, ungebildete, gesellschaftliche Klasse aus der ich stammte, hat mich überaus beeindruckt: Die Menschen, die mich umgaben, waren, streng genommen, Prousts Gestalten. Und - noch besser - es war ihnen nicht einmal bewusst.« Ein Buch über die emanzipatorische Kraft der Literatur, die auch eine Kraft des Trostes und der Aussöhnung mit dem Leben ist. »Ein literarisches Juwel, das man jedem in die Hand drücken möchte.« Madame Figaro

Laure Murat wurde am 4 Juni  1967 in Neuilly-sur-Seine geboren. Sie ist Historikerin und lehrt als ordentliche Professorin an der UCLA in Kalifornien. Mit »Proust. Ein Familienroman« stand sie in Frankreich auf den Shortlists sämtlicher großer Literaturpreise und gewann den Prix Médicis in der Kategorie Essay.
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Wie der Kellner im Wirtshaus spielt der Aristokrat »mit seiner Bedingtheit, um sie zu verwirklichen«. Aber der fundamentale Unterschied besteht darin, dass der Kellner, sobald er seinen Dienst beendet hat, seine Schürze ablegt und ins gewöhnliche Leben zurückkehrt. »Sie können Ihren Fernseher jetzt ausschalten und wieder eine normale Tätigkeit aufnehmen«, wie es bei den hieß.[79] Der Aristokrat wird den Aristokraten auch noch im Schlaf spielen. Mit seiner Rolle verhält es sich wie mit dem Nessoshemd: Sie klebt ihm auf der Haut. Der Kellner, der Schneider, der Auktionator, weitere Beispiele, die Sartre nennt, sie alle können den Beruf wechseln und also auch ihre professionelle Mimik. Der Aristokrat ist unfähig, das Fach zu wechseln. Denn er ist Mimetismus erzogen worden. Sich davon zu lösen käme – so glaubt er – einem Wechsel seines Wesens in seiner tiefsten Natur gleich, als ob der Adel eine den Genen eingeschriebene Partitur wäre, die man jeden Tag aufzuführen hätte. Es gibt niemanden, der entfremdeter wäre, als der Aristokrat.

In diesem Milieu geboren und aufgewachsen zu sein bedeutet also ein ernsthaftes kognitives Handicap fürs Leben, denn es ist, wenn man von Anfang an in diesem niemals geschlossenen Theater erzogen wird, so gut wie unmöglich, einen Unterschied zwischen der Rolle und der Person zu machen, der Repräsentation und der Referenz, der Fiktion und der Wirklichkeit. Proust aber, der repräsentierende Menschen repräsentiert und in der Lage ist, die Geheimnisse ihrer Pantomime zu durchdringen, zeichnete sie gewissermaßen in ihrer wahren, ihrer positiven Natur. Wie in der Mathematik:

– x – = +

Der Passus, in dem der Erzähler unbemerkt beobachtet, wie Monsieur de Charlus sich von Madame de Villeparisis verabschiedet und wegen der Sonne im Hof des Stadtpalais der Guermantes die Augenlider senkt, besagt mehr als alle Erläuterungen. In der Annahme, unbeobachtet zu sein, hat der Baron die »Spannung in seinem Gesicht gelöst, [die] künstliche Kernigkeit abgelegt«, vergessen, seine »künstlich angenommene Brutalität« zur Schau zu tragen, um »die Freundlichkeit und die Güte […] ungekünstelt auf seinem Gesicht« sich ausbreiten zu lassen. Dieser Augenblick der unbewussten Atempause in der aufgesetzten Rolle des Baron de Charlus offenbart dem Erzähler eine Erkenntnis von kapitaler Bedeutung: Was er in diesem Gesicht »im Ruhe- und sozusagen im Naturzustand« liest, das, woran ihn der Baron denken lässt, »der sich so viel auf seine Männlichkeit einbildete«, ist eine Frau! Charlus ist ein Extrembeispiel.[80] Er überreizt nicht nur das Rollenspiel seiner Klasse, sondern auch eine Virilität, die seine sexuellen Neigungen verbergen soll. Auch wenn ein heimlich erhaschter Augenblick gereicht hat, seine »wahre [sexuelle] Natur« zutage zu fördern, auch wenn es ihm passiert, dass seine Stimme sich so sehr in die hohen Lagen schraubt, das sie seine Vorliebe für das starke Geschlecht nahelegt, so gibt es doch nicht einen Moment, in dem Charlus aus Unachtsamkeit aus seiner Rolle als Aristokrat fällt. Und doch ist es nur eine Rolle, genauso aufgesetzt wie die des Frauenliebhabers. Am Ende des Romans ist er bettlägerig und grüßt Madame de Saint-Euverte, der er sein ganzes Leben lang aus dem Weg gegangen ist und die er immer nur angepinkelt hat. Sein Stolz hat unter der Krankheit gelitten, aber die guten Manieren überleben auch die schlimmsten Aussetzer des Hirns.

Als der Erzähler vermeint, den Baron in der Oper erkannt zu haben, und ihm sein Irrtum bewusst wird, ordnet er, allein aufgrund einer bestimmten Art, sich an die Logenschließerin zu wenden, den Unbekannten trotzdem in derselben sozialen Klasse ein. Dort, wo ein Großbürger »geglaubt hätte, seinen Schick durch einen barschen und hochmütigen Ton einem Untergebenen gegenüber zu beweisen, schien es der Grandseigneur mit seiner milde lächelnden Art als Privileg seiner guten Erziehung zu betrachten, gespielte Demut und Geduld walten zu lassen oder sich als irgendein beliebiger Zuschauer zu geben«.[81] So zu tun, als ob, vorgeben, vortäuschen: Die aristokratische Show kennt keine Pause und ist über jeden Zweifel erhaben. Proust gebraucht in diesem Zusammenhang und an mehreren anderen Stellen den Begriff der Fiktion, wie zum Beispiel in der Episode, wo Robert de Saint-Loup in einer Kalesche vorbeifährt und den Erzähler mit einem ganz unpersönlichen Gruß bedenkt, eine distanzierte Geste, für die der Erzähler umgehend die Kurzsichtigkeit seines Freundes verantwortlich macht. Robert aber wird ihm bald schon gestehen, dass er ihn sehr wohl erkannt habe. Verdutzt über dieses Geständnis, analysiert der Erzähler die Schnelligkeit des aristokratischen Reflexes, für jeden Umstand eine Haltung bereitzuhaben:

Ich hatte schon in Balbec bemerkt, dass neben der naiven Aufrichtigkeit seines Gesichts, durch dessen durchscheinende Haut man das jähe Aufströmen gewisser Gefühlsregungen so deutlich erkennen konnte, sein Körper durch die Erziehung perfekt darauf dressiert war, aus Gründen der Schicklichkeit eine gewisse Zahl von Täuschungsmanövern auszuführen, und dass er wie ein vollkommener Schauspieler im militärischen oder gesellschaftlichen Leben abwechselnd verschiedene Rollen spielen konnte. In einer dieser Rollen liebte er mich sehr und verhielt sich mir gegenüber beinahe wie ein Bruder; er war mein Bruder gewesen und wurde wieder mein Bruder, inzwischen aber war er einen Augenblick lang eine andere Figur, die mich nicht kannte und die, während sie die Zügel hielt, mit dem Monokel im Auge, ohne einen Blick oder ein Lächeln, die Hand an den Schirm des Käppis hob, um mir einen korrekten militärischen Gruß zuteil werden zu lassen![82]

Selbst der aufrichtigste Bruder ist nur eine Rolle in diesem »von der Erziehung dressierten« Körper, diesem Körper eines Zirkustiers, das zwischen seinen verschiedenen Persönlichkeiten keinen Unterschied mehr macht. Robert hat eine gute Schule durchlaufen. Ist er nicht der Sohn der Comtesse de Marsantes, dieser »vollkommenen Christin«, die an nichts anderes denkt als daran, ihrem Sohn eine »kolossal reiche« Heirat anzubahnen, und über die Proust uns sagt: »Eine große Dame sein, heißt die Rolle einer großen Dame spielen, und das heißt zu einem Teil Schlichtheit spielen«?[83]

Das heißt auch, und vielleicht vor allem, Natürlichkeit spielen. Die Princesse de Guermantes, die sich auf ihren Empfängen wie zufällig von einer Gruppe zur anderen durch ihren Salon bewegt, ist darin eine wahre Künstlerin, denn sie schafft es wie durch Zauberhand, innerhalb einer Dreiviertelstunde alle ihre Gäste zu grüßen. Die verblüffende Leichtigkeit, mit der sie diese Übung absolviert, hat, so der Erzähler, »vor allem den Zweck, ins rechte Licht zu setzen, mit welcher Natürlichkeit ›eine große Dame einen Empfang zu gestalten weiß‹«.[84] Anders gesagt, die dergestalt gespielte Natürlichkeit hat nicht den Zweck, dass man sie nicht wahrnimmt und für authentisch hält. Sie hat, im Gegenteil, ihren Wert als Inszenierung. Proust ist ganz gewiss derjenige, der mit der größten Scharfsicht und Luzidität die ganz charakteristische Perversität des aristokratischen Auftretens herausgearbeitet hat, dem an nichts mehr gelegen ist als daran, seine Diskretion, seine Natürlichkeit, seine Bescheidenheit, seine Einfachheit, wenn nicht gar seine Großherzigkeit als unterschwelliges Spektakel aufzuführen, womit freilich das eigentliche Prinzip all dieser Qualitäten ausgehöhlt wird, während es von »wahrem« Adel wäre, all dies unkenntlich zu machen und all die Nähte dieser Inszenierung altruistischer Gesten oder Gedanken zu verwischen. Diese Schwäche für Spiegeleien trägt einen großen Anteil an dem, was Proust mit Recht für die Vulgarität der Aristokratie hält.

Was mich wieder aufs erste Kapitel dieses Buches zurückkommen lässt, auf den Majordomus in und seine gleich bemessenen Abstände zwischen den Gedecken. Ich frage mich, worauf ich da angesprungen bin: auf die mutmaßlich unsichtbare Ästhetik oder, im Gegenteil, auf die Zeichen ihrer Inszenierung? Denn im Grunde war das, was ich auf meinem Bildschirm sah, eine Zeremonie, die zwar im Verborgenen spielte (es war niemand da, der dem Majordomus bei seinen Verrichtungen zusehen konnte), aber doch sichtbar für die betroffene Zuschauerin, die ich...



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