Myers | Mord im Pavillon | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 7, 316 Seiten

Reihe: Didier & Rose ermitteln

Myers Mord im Pavillon

Kriminalroman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8412-1243-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 7, 316 Seiten

Reihe: Didier & Rose ermitteln

ISBN: 978-3-8412-1243-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist schon seltsam für Auguste Didier, nicht in seiner Eigenschaft als Koch, sondern als frischgebackener Ehemann der russischen Prinzessin Tatjana Manjowskaja auf Tabor Hall in Yorkshire zu einer Verlobungsfeier geladen zu sein, an der auch der vor kurzem gekrönte König Edward VII. teilnehmen wird. Lady Priscilla Tabor hat allerdings eine befremdliche Sitte in ihrem Haus eingeführt: Um ihre kostbaren Tapisserien nicht zu beschädigen, müssen sich die Gentlemen zum Rauchen in einen Pavillon im Park zurückziehen. Es geht das Gerücht unter den Damen, dass die Herren dort auch recht pikante Gemälde bewundern könnten. Spätnachts stolpern Tatjana und ihr Vetter auf den Stufen des geheimnisvollen Bauwerks beinahe über eine Leiche. Wer ist der Tote?



AMY MYERS wurde 1938 in Kent geboren. Sie studierte an der Reading University englische Literatur, arbeitete als Verlagslektorin und war bis 1988 Direktorin eines Londoner Verlages. Seit 1989 ist sie freischaffende Schriftstellerin. Sie ist mit einem Amerikaner verheiratet und wohnt in Kent. Amy Myers schreibt auch unter dem Namen Harriet Hudson und Laura Daniels.In ihren ersten Ehejahren arbeitete ihr Mann in Paris, und sie pendelte zwischen London und der französischen Hauptstadt hin und her. Neben vielen anderen Dingen mußte sie nun lernen, sich auf französischen Märkten und den Speisekarten französischer Restaurants zurechtzufinden. Dabei kam ihr die Idee, einen französischen Meisterkoch zum Helden eines klassischen englischen Krimis zu machen: Auguste Didier war geboren. Alle Kriminalromane von Amy Myers erscheinen im Aufbau Taschenbuch Verlag.

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1. Kapitel


Besuche auf Landsitzen haben viele Schattenseiten, überlegte Auguste mißgestimmt, während er vor dem Bahnhof Settle nervös auf und ab ging. Eine dieser Schattenseiten war die Midland-Eisenbahn. Zweimaliges Umsteigen und die Notwendigkeit, auf dreißig Gepäckstücke aufpassen zu müssen, hatten diese ganze Yorkshire-Angelegenheit noch deprimierender gemacht. Es war trübe, kalt und regnerisch, und die grauen Steinwände ringsum trugen auch nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu heben.

Das tat nicht einmal der Anblick von Tatjanas strahlendem Gesicht, als sie, groß und schlank, in dunkelroter, von den Trauervorschriften gnädig gestatteter Zibeline, auf den Kofferberg zuschritt und wie durch ein Wunder Ordnung in das Chaos brachte.

»Alors, Auguste, du siehst aus wie der Bräutigam, dessen Wein sich in Wasser verwandelte.«

»Offenbar lebte der in Yorkshire«, erwiderte Auguste, während ein dicker Regentropfen, Hut und Mantelkragen geschickt ausweichend, triumphierend an seinem Hals hinunterlief.

»Du machst dir nichts aus Regen?« fragte Tatjana erstaunt. Interessiert betrachtete sie diese neue Umgebung, die keine Ähnlichkeit mit ihrem heimatlichen Paris hatte.

»Nein. Aber ich mache mir was aus Kochen. Der Status eines Gentleman verbietet mir offenbar, das zu tun, was ich gern tue, und zwingt mich, das zu tun, woran mir nichts liegt.«

»Es ist doch nur für vier Tage«, sagte Tatjana tröstend, als er ihr in die Kutsche der Tabors half. »Vier Tage hier.« Ihre Augen strahlten so begeistert wie die des Cortez, als er auf den Stillen Ozean blickte.

Eine Ewigkeit! fand Auguste. Vom Freitag, dem 27. September, bis zum Montag, dem 30. September, würden sie sich auf Tabor Hall aufhalten, das irgendwo in diesen wilden dunklen Bergen lag, die sich drohend gegen einen bewölkten Himmel abzeichneten, um die Verlobung der Ehrenwerten Miss Victoria Tabor mit Tatjanas Cousin Alexander Tully-Rich zu feiern. Tatjana war offenbar mit dem größten Teil des im Gotha aufgeführten Adels verwandt. Als sie ihm zuerst von der Einladung erzählt hatte, war ihm das Ganze völlig harmlos erschienen. Eine böse Vorahnung war ihm erst gekommen, als er erfuhr, daß auch der König anwesend sein würde, denn er war sich bewußt, daß dieser Besuch sehr wohl die Probe dafür sein könnte, ob er der Ehre würdig sei, als Gentleman bezeichnet zu werden. Einem Chefkoch, selbst wenn ihn Monsieur Escoffier in höchsteigener Person ausgebildet hatte, konnte natürlich nicht automatisch Zugang zu einem so gehobenen Status gewährt werden. Jedenfalls nicht in England.

Mit einiger Befriedigung dachte er an seinen Sieg in der Küchenschlacht mit Seiner Majestät zurück – oder, wenn er aufrichtig war, das Unentschieden. Ganz vorsichtig hatte er Seine Majestät an die in Armagnac geschmorten Ortolane erinnert, an die poularde Derby und die zahllosen anderen Gourmet-Gerichte, die er in der Vergangenheit für ihn zubereitet hatte. Der König hatte den springenden Punkt sehr scharfsinnig erfaßt. Auguste durfte zu wohltätigen Zwecken kochen, durfte Galadinners in den Häusern von Freunden überwachen, und er mußte kochen, wenn der König erscheinen würde. Im Ausland, außerhalb des Reichs Seiner Britischen Majestät, durfte er ohnehin tun, was er wollte. Das war nicht viel, aber es war immerhin etwas.

»Ich könnte sagen, ich will dich bei mir haben«, überlegte Tatjana hoffnungsvoll, »dann brauchst du nicht mit zur Jagd.«

»Das ist keine Entschuldigung«, sagte Auguste mit dumpfer Stimme. »Kein englischer Gentleman würde lieber bei seiner Frau bleiben, als zur Jagd gehen.«

»Du bist nur zur Hälfte Engländer«, erinnerte ihn Tatjana. »Denk doch an die Wildpasteten, die du zubereiten wirst.«

Auguste zog es vor, nicht daran zu denken. Brillat-Savarin hatte zwar erklärt, der Fasan sei ein Rätsel, dessen Köstlichkeit nur ein wahrhaft geschulter Gaumen zu würdigen vermöge, doch er hatte zu viele Erinnerungen an Stockbery Towers, wo die Speisekammer von abgehangenen Wildvögeln, Fasan à la financière, Fasanenpastete, Fasanensuppe, Fasan à la Marena, Fasanensülze, Fasanenfilet und allen anderen Fasanengerichten überquoll, bis es in seinen Träumen von hämisch glotzenden Fasanen wimmelte, die in seiner geliebten Küche Amok liefen und sich in seiner Speisekammer vermehrten.

Seine Abneigung, an der unvermeidlichen Jagd auf Tabor Hall teilzunehmen, hatte jedoch andere, weniger edle Gründe. Seine bisherigen Jagderfahrungen beschränkten sich auf einen gelegentlichen Hasen in den Bergen seiner heimatlichen Provence, und das befähigte ihn wohl kaum, es mit den besten Schützen unter Lord Tabors Gästen aufzunehmen. Der plötzlichen glücklichen Erinnerung, daß die Saison für Fasanenjagden ja erst am 1. Oktober begann, folgte sogleich der weniger erfreuliche Gedanke, daß Rebhühner, Hasen, Kaninchen und Wasservögel den Gästen der Tabors als Jagdziele sicher durchaus annehmbar erscheinen würden, während alles dem großen Tag entgegensah.

»Ich könnte ja sagen, daß Mr. Marx etwas gegen die Jagd hatte«, schlug Tatjana vor, der plötzlich diese Erleuchtung kam.

Auguste war nicht so begeistert über ihren Vorschlag. Karl Marx stand für Tatjanas jüngste Exkursion in neue Welten, die ihr als russischer Prinzessin in Paris bisher versperrt geblieben waren.

»Stimmt das?«

»Nein, aber die Tabors wissen das ja nicht.«

Er zwang sich zu einem Lachen. »Ich werde sagen, daß mich die Vorbereitungen für die cuisine Seiner Majestät den ganzen Tag in Anspruch nehmen.«

»Und stimmt das?«

»Nein, aber die Tabors wissen das ja nicht.«

Wieder gutgelaunt, verzichtete er darauf, sich wie ein englischer Gentleman zu benehmen, und hielt die Hand seiner Frau in seiner, während die Kutsche schließlich losrollte.

»Das ist ein Abenteuer, nicht wahr, mon brave?« sagte Tatjana entzückt, als sie die zum Bahnhof führende Straße hinunterrumpelten und bald darauf die Hauptstraße der Stadt entlangfuhren, in der sich buntgekleidete Einwohner drängten. Auguste erspähte in der Ferne lebhaftes Jahrmarktstreiben, und plötzlich erschien ihm Settle als der reizvollste Ort auf Erden. Aber bald bogen die Pferde auf einen Weg ein, der zwischen den Kalksteinhäusern und Läden von Over Settle steil bergan führte. Er wurde immer schmaler, die Zivilisation blieb hinter ihnen zurück, und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

»Es geht alles glatt, George. Wie könnte es anders sein?« versicherte Priscilla, Lady Tabor, im Brustton der Überzeugung. »Ich habe alles für den Besuch Seiner Majestät vorbereitet.« Sie gab damit zu verstehen, und das durchaus zu Recht, daß nur ein tollkühner, böswilliger Gott es wagen könnte, ihre Vorkehrungen zu vereiteln. Ihr dunkelrotes Seidenkleid umrauschte beifallspendend ihre junonische Gestalt.

»Bitte erinnere dich, Mutter, das Ganze war nicht meine Idee«, sagte Victoria lebhaft. Eine Verlobungsfeier, bei der verstaubte Hofetikette herrschte und, was noch schlimmer war, Schwarz getragen werden mußte aus Rücksicht auf die Trauer des Königs um seine Mutter und seine Schwester – übrigens war auch der amerikanische Präsident McKinley kürzlich ermordet worden –, war weit entfernt von dem idyllischen Rosenfest, das sie und Alexander sich erträumt hatten.

Lady Tabor wandte sich an ihre Tochter. »Die meisten jungen Damen wären außer sich vor Glück, wenn Seine Majestät bei ihrer Verlobungsfeier anwesend wäre, Victoria.«

»Wenn Alexander bei mir ist, kümmert mich doch das alles nicht.«

»Deine Mutter hat recht, Victoria«, warf Lord Tabor mit einem Seitenblick auf seine Frau nervös ein.

»Aber George, sei doch nicht so altmodisch.« Georges Mutter Miriam legte es wie gewöhnlich darauf an, ihre Schwiegertochter zu ärgern. »Victoria hat ganz recht. Liebe bedeutet mehr als Kronen.«

Priscilla Tabor erstarrte. Ihr war klar, daß sie sich auf gefährlich glattem Parkett bewegte. Sie war eine der vielen reichen amerikanischen Erbinnen gewesen, die nach England gekommen waren, um dort Liebe zu finden, vorausgesetzt, daß diese Liebe mit einem Titel und, wenn möglich, auch mit Brillanten einherging. Der große Festsaal von Tabor Hall konnte zwar nicht mit der Kuppeldecke und den Wandgemälden von Marlborough House konkurrieren, doch Priscilla Tabor hatte ihr Bestes getan, die fünfhundertjährige Geschichte der Tabors in Wandteppichen, altersdunklen Ölgemälden und Aquarellen solchen Gästen vorzuführen, die ihre belehrenden Ausführungen zu diesem Thema bei Gesprächen bisher überhört hatten.

»Ich habe sehr, sehr schwer gearbeitet, Victoria«, sagte sie vorwurfsvoll zu ihrer Tochter, »um deine gesellschaftliche Stellung mit diesem Triumph zu krönen.«

»Und deine, Mutter.« Alfred, der sich auf einem Chesterfield-Sofa rekelte, war stets geneigt, auf den Wagen der siegreichen Partei aufzuspringen, vorausgesetzt, er konnte einigermaßen sicher sein, daß dieser nicht plötzlich umstürzte und ihn unter sich begrub.

»Mutter, es hat drei Monate gedauert, den ganzen Westflügel für den Besuch des Königs zu renovieren und neu einzurichten. Und das alles für zwei Nächte«, sagte ihre Tochter ein wenig gereizt. »Was wäre denn gewesen, wenn sich die Königin entschlossen hätte, ebenfalls zu kommen?«

»Dann hätte ich ein blasseres Rosa gewählt«, erwiderte ihre Mutter ernst. Niemand getraute sich zu lachen. Man lachte nicht...



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