E-Book, Deutsch, 80 Seiten
Naubert Egyptische Märchen (Alme)
1. Auflage 2015
ISBN: 978-80-268-3458-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historische Erzählungen aus Ägypten: Labyrinth, Pyramiden, Isis und Rache - mit dynamischem Inhaltsverzeichnis
E-Book, Deutsch, 80 Seiten
ISBN: 978-80-268-3458-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Egyptische Märchen (Alme)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Christiane Benedikte Naubert (1752 - 1819) war eine deutsche Schriftstellerin, die - überwiegend anonym - über 50 historische Romane veröffentlichte. Sie gilt als eine der Begründerinnen des historischen Romans in Deutschland. Inhalt: Athyrtis König Remphis, oder das Labyrinth Das Todtengericht oder Geschichte der Pyramiden von Dsyse Suchis oder der Isisschleyer Sam und Siuph, oder die Rache Die Geschichte von Pythicus und der Prinzessin Save
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König Remphis, oder das Labyrinth.
Oberhalb des Sees Möris, in der Landschaft Fejuma hatte sich Motherud ein Haus gebaut, welches fast zu schön war, in dieser wüsten Gegend zu stehen. Es waren die letzten Trümmern seines Glücks die er auf diesen Bau wandte. Anlage und Ausführung kosteten ihm, dem größten Architekten seiner Zeit, wenig oder nichts; so konnte ihm die Welt ja wohl verzeihen, daß er königlich wohnte, ob er gleich übrigens ein Bettler war.
Einen Bettler schalten ihn seine Nachbarn, ob er gleich seine Zuflucht noch nie zu der kalten Hand der Mildthätigkeit hatte nehmen dürfen. Seine Armuth war die Armuth des Weisen, welcher wenig bedarf, und der selbst von diesem Wenigen immer noch etwas zu entbehren sucht. Ihm ward dieses leicht, aber seine Familie konnte die glücklichere Vergangenheit nie ganz vergessen, und verbarg man ihm die Thränen über das dürftige Heute, so flossen sie in der Stille desto heißer, desto reichlicher.
Mutter, sagte Thasus, der älteste von Motheruds Zwillingssöhnen in einer dieser thränenvollen Stunden, ich erinnere mich noch wohl der Zeit, da Sklaven uns bedienten, da köstlich besetzte Tafeln, wie durch Zauberwerk, auf jeder Stelle gedeckt standen, wo wir winkten, da dich köstlichen Wohlgeruch duftende Schleyer und uns königliche Gewänder von Gold und Seide umwehten. Jetzt wohnt in diesen Mauern mit uns der Hunger, und in diesem Gewande von groben blauen Linnen mag ich mich nicht mehr dem Spotte unsrer Nachbarn Preis geben. Als ich gestern ausging Wasser zu schöpfen, da nannten mich die Kinder eine nackende Schnecke, welche in einem bunten Marmorhause wohnte. Es war später Abend, doch war man mich gewahr geworden. Ich glaube die dicksten Schatten der Mitternacht könnten mich nicht vor dem Schlangengezisch dieser Elenden schützen. O fänd ich einst am See meinen Tod unter den Zähnen eines der heiligen Thiere, und denn nebst ihm mein Grab unter den Gräbern der Könige,1 rühmlich wär denn wenigstens mein Ende, da mein Leben so schimpflich ist.
Bruder, antwortete Thonis, der jüngste der Söhne des Baumeisters, verzage du nicht! Siehe, wir wachsen heran. Besseres Glück blüht in der Zukunft; mir ahndet, ich werde es genießen. Wüßte ich nur wo es zu suchen ist! – Mutter, du weißt mehr als wir, erzähle du uns wer wir sind, und was wir einst waren, damit ich sehe was wir wieder werden müssen, um glücklich zu seyn.
Butis hatte ähnliche Bitten ihrer Söhne zu oft unbefriedigt zurückgewiesen, sie mußte zu sehr fürchten, daß diese Geheimnisse ihnen endlich von andern Lippen, zu ihrem Nachtheil möchten eröffnet werden, als daß sie nicht endlich des langen Weigerns hätte müde werden sollen.
Thasus und Thonis waren jetzt funfzehn Jahr, sie konnten, ihres Bedünkens, nun schon Anspruch auf die Kunde der geheimen Geschichte ihres Hauses machen, und dieselbe zu verschweigen wissen.
Schon war die Beantwortung der wichtigen Frage auf ihren Lippen, als Motherud, welcher das Gespräch belauscht hatte, herein trat.
Ich zürne nicht mit euch, sagte er, als er sahe wie alle vor ihm verstummten, ich zürne nicht, meine Söhne, über das, was ich aus eurem Munde vernahm. Eure Mutter möchte vielleicht eher meinen Unwillen verdienen, denn schon wollte sie sprechen, wo nur Schweigen ihr ziemt. Doch mir glückte es noch, ihrem Fehler zuvorzukommen. Was übrigens den Inhalt eurer Reden betrifft, so wisset: Zuweilen waltet ein geheimes Verhängniß über den Worten, die uns in einer leidenschaftlichen Stunde entschlüpfen, und wir sprechen uns selbst unser Urtheil, so ists mit euch, und dem, was ihr sagtet. Der stolze und ungedultige Thasus wird leider sein Grab unter den Gräbern der Könige finden, die Götter wissen auf welche Weise. Der ruhige Thonis wird glücklichere Zeiten erwarten und genießen; daß ihn nur nicht die Liebe zu dem Bruder, den er so schön zu trösten wußte, in Fallstricke verlocke, aus welchen ihn nichts, als die äußerste Anstrengung seines schlauen Kopfes retten kann. Die schwatzhafte Butis hat gehandelt wie die Frau des Patriarchen, welche den Leuten von Sodom den Feuerregen verrieth, der morgen fallen sollte, und sie darüber zur Salzseule ward; die Götter verhüten ihr ein ähnliches Schicksal.
Die ertappten Dreye waren sehr bestürzt über die Strafrede des weisen Motherud, doch erholten sie sich, so wie seine Stirne die Zornfalten verlohr und heiterer ward, und vertraulich setzten sie sich um den Ausgesöhnten herum, als er Stillschweigen winkte, und folgendermaßen anhub. Butis wollte sich entfernen, aber ihr ward zu bleiben geboten.
Meine Kinder, fing Motherud an, was eure Mutter euch von Dingen gesagt haben würde, welche zu wissen ihr nun wirklich alt genug seyd, das weiß ich nicht. Hört meine Geschichte, welche die Befriedigung eurer Neugier enthält, lieber aus meinem eigenen Munde, so könnt ihr wenigstens sicher seyn, daß man euch nichts verhelen, oder euch durch daraus gezogene falsche Lehren die Wahrheit vergiften wird.
Ich bin in den Gegenden von Elephantine geboren, und wenn ihr, meine Söhne, aus der Pracht, die uns ehemals umgab, überspannte Vorstellungen von eurer Herkunft schöpftet, so seyd ihr ganz irrig, denn wisset, euer Großvater war nichts als ein Baumeister von gemeinen Gaben, welcher mich zu der nämlichen Wissenschaft erziehen ließ, und den ich niemals an Glück und Talenten übertroffen haben würde, wenn nicht Unglück mich auf höhere Pfade geleitet hätte.
Ich war in eurem Alter, als Zeiten über mein Vaterland kamen, von welchen noch die späte Nachwelt sagen wird.2 Längst hatte Elephantine den Zorn des Himmels durch gehäufte Verschuldungen gereizt, und seine Strafen herbeygerufen, die nun endlich hereinbrachen. Hagel, Ueberschwemmung und Ungewitter hatten bereits unsere Gegenden zum Untergang vorbereitet. Die Mächte, welche die Luft und das Wasser beherrschen, sahen, daß sie alle Kräfte verschwendet hatten, uns aufzureiben, ohne daß wir noch ganz vernichtet waren, da boten sie ihre Brüder, die Geister der Erde und des Feuers auf, das Letzte an uns zu thun. Es bebete in ihren Innersten die Erde, und Flammen fuhren herauf zu verzehren was noch lebte. Man würde heut zu Tage nicht mehr wissen, wo jene Gegenden lagen, hätte nicht die Macht, die alles regiert, dem Wüthen jener Dämonen Gränzen gesetzt.
Doch laßt mich von dem allgemeinen Schicksal auf mein besonderes zurückgehen, damit ich die Befriedigung eurer Neugier nicht zu lang verschiebe.
An einem Tage, da ich nebst zwanzig andern Jünglingen, die sich den bildenden Künsten gewidmet hatten, mit unserm Lehrer, nach einem der Tempel ging, wo wir gewohnt waren, unsere Lehrstunden zu halten, geschah das große Unglück davon ich euch oben gesagt habe. Die Erde verschlang auch uns, die Trümmern des stolzen Gebäudes, an welchen wir die Wunder der höhern Architektur lernen sollten, stürzten über uns zusammen, und bildeten uns ein Grab, welches nur von demjenigen, welches Thasus sich gewünscht hat, an Pracht und Größe übertroffen wird.
Ob einer von meinen Unglücksgefährten gerettet ward, weiß ich nicht; ich zweifle, denn nie habe ich wieder etwas von ihnen vornommen. Mich schützte ein gestürzter Marmorbogen, welcher, wie absichtlich, ein Gewölbe über mir formirte, vor der Zerschmetterung und vorm Ersticken in der zusammengepreßten Luft. Nicht einmal das Bewußtseyn oder die Gegenwart des Geistes, verlohr ich bey dem jähen Sturz in die Tiefen der Erde, und, daß es mir auch nicht an Licht gebreche, mußte eine hangende Ampel sich, sonderbar genug, am Kranz einer Säule verwickelt haben, um ihre Flamme zu retten. Ich ließ es mein erstes seyn, Mittel zu suchen, wie ich sie erreichen, und, indem ich ihr eine bessere Stellung gab, und ihr mehr Nahrung aus dem Oelbehälter herauf pumpte, ihre verlöschende Flamme erhalten könnte. Es gelang mir sie zu retten, und meinem düstern Grabe in ihr einen tröstenden Schimmer zu sichern. Ich würde umgekommen seyn, hätte sich zu allen meinen Bedrängnissen auch noch Dunkelheit gesellt.
Diese Handlung, in welcher ich eigentlich nur mir selbst gedient hatte, sollte das Mittel werden, mich höchst glücklich zu machen. Ich hatte lange, gewiß den Zeitraum von Morgen bis zu Mitternacht beym Schimmer meiner Gefährtin, der Lampe, auf einem eingestürzten Gesims gesessen, und mir mein ganzes Elend und die Nähe des schrecklichsten Todes, des Hungertodes gedacht, ohne ob diesen Gedanken ganz zu verzagen, als ein Licht, welches die Ampel zur Nacht machte, mich umleuchtete. Es ging von einer Strahlengestalt aus, welche ich nicht beschreiben kann, weil ich, so oft sie mir in der Folge erschien, doch stets die Augen vor ihrem blendenden Lichte niederschlagen mußte.
Ich danke dir, sagte sie, daß du mir in diesen düstern Regionen mein Reich erhieltest. Ich bin einer der Geister des Feuers. Mein Daseyn ist an jene heilige Flamme gebunden, mit ihr wäre es auf Jahrhunderte verloschen, und wer wüßte, ob alsdann noch eine wohlthätige Hand einen Funken aus der alten Nacht herausgeschlagen hätte, um mich wieder zu beleben. Du bist mein Retter, und ich will dir danken. Fordre von mir, und es soll dir augenblicklich gewährt werden.
Herr, antwortete ich, ich würde dich bitten, mich aus dieser Gruft zum Anschauen der Sonne zurück zu bringen, wenn mir nicht mein inneres Gefühl sagte, ich könne höhere Wohlthaten von dir fordern. Unterweise du mich selbst, was ich bitten soll, und denn gewähre, wie du willst.
Das darf ich nicht, erwiederte der Geist, du mußt wählen; doch höre, was ich dir zur Wahl vorlege: Die Geister des Feuers sind die Mächte des Untergangs und...




