E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Neff Eindringlinge
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0856-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-6951-0856-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Neff, zweimaliger Preisträger des Marburg-Awards, hat Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Außerdem sind folgende Erzählbände von Klaus Neff erhältlich: * An derselben Stelle des Flusses * Der Auserwählte * Schuldner der Zeit
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1
Der Major hatte einen grauen Schnurrbart. Trotz seines Alters funkelten seine Augen in einem kristallenen Grün. Er hinkte in letzter Zeit immer öfter. Die Hüfte schmerzte. Seine langsamen Bewegungen setzte er trotzdem voller Würde. Der Major hörte schlecht. Die Narbe, die sich quer über seinen Schädel zog, kündete von einem lang vergangenen Unfall. Der Major war vierzehn Jahre alt und kastriert.
Die Gespräche seiner Familie, der Lottmanns, verfolgte der Major mit nachlassendem Interesse. Schläfrig äugte er umher, wenn sich alle am Esstisch versammelten. Seinen Platz neben der Verandatür hatte er über die Jahre hinweg erfolgreich verteidigt. Die Sonne fiel dort nachmittags wärmend auf seinen Rücken. Das Fell des Majors war etwas ausgedünnt.
Elke Lottmann, Frau des Hauses und Mutter zweier Kinder, fühlte sich nie wohl, wenn sie der Major mit giftgrünem Blick betrachtete. Sprach sie mit ihrem Mann, den Kindern oder auch nur mit sich selbst, dann schielte sie manchmal prüfend zu dem Major hinüber, ob sein Blick wieder starr und strafend auf ihr lag. Sie fühlte sich dabei wie unter einem Brennglas, als wären die klargrünen Augen ihres Katers eine Art Kristall, das jedes ihrer Worte auf Wahrheit hin durchleuchtete. Jetzt, da das Interesse des Majors im Allgemeinen nachließ, schien sie erleichtert, denn sein sezierender Blick traf sie nicht mehr allzu oft. Seit der Kater das Geschmeidige seiner Bewegungen eingebüßt hatte, beschwichtigte sie sich damit, dass er eigentlich ein dummes Tier sei, lahm und senil, und wer wusste schon, ob er in seiner Jugend, als er wachsam umherschlich und mit sich tollen ließ, mehr darstellte als eine lustige, aber dumme Puppe. Natürlich hatte sie früher darüber anders gedacht. Als sie sich das Katerchen gekauft hatte, damals vor bald vierzehn Jahren, war sie ganz vernarrt in ihn. Sie konnte sich nicht satt sehen an seinem rätselhaften Blick - aber wuchs man nicht heraus aus diesen Sentimentalitäten?
„Er liegt da wie tot”, sagte sie manchmal zu ihrem Mann und wies auf den reglos dahingestreckten Leib des Katers. Die Augen, wie in großer Anstrengung zusammengepresst, die Krallen im Teppich verankert, als wolle ihn etwas von seinem Platz vertreiben, so verbrachte der Major ganze Nachmittage. Aber Elke Lottmann hatte auch ihre warmherzigen Momente, und auch darin spielte der Major eine Rolle. „Wie die Zeit vergeht”, dachte sie dann und ließ ihren Blick umherstreifen. Und wenn alles an seinem Platz stand (die monströse Wohnzimmerschrankwand, das ererbte Klavier und draußen, vor der Verandatür, auch der Zaun, der das Grundstück von dem des Nachbarn trennte), dann empfand sie eine heimliche Zuneigung für den Major. Sah er nicht aus wie ein Requisit, das sich gar nicht mehr wegdenken ließ? Und war es nicht drollig, wie er sich sogar jetzt noch, hinkend, durch die liebgewonnenen Kulissen des Lottmannschen Hauses schob und mal hier, mal dort auftauchte, um prätenziös zu schnüffeln und an den Möbeln entlangzustreifen?
Die jahrelange Nähe zu dem Kater hielt sie jedoch nicht davon ab, schon zu seinen Lebzeiten darüber nachzudenken, ob denn ein anderes Haustier seinen Platz einnehmen sollte. „Er ist kein schöner Anblick mehr”, flüsterte sie ihrem Mann zu, wenn sie glaubte, der Major schlafe und höre sie nicht. „Bald wird er sterben”, fügte sie verstohlen hinzu - aber kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als es ihr grauste. „Er kann ja kaum noch laufen. Die Hüfte wird immer schlimmer. Die Operation war teuer. Die Spritzen kosten auch Geld. Und hat der Tierarzt nicht erwähnt, dass seine Nieren kaputt seien?” Ihr Mann nickte dazu, aber kümmerte sich nicht weiter darum. Der Major war ihr Tier. „Ich glaube”, verkündete sie, „wir schaffen uns ein Kätzchen an! Eines mit geflecktem Fell wäre mir am liebsten. Das vergraut nicht so sehr mit den Jahren. Oder denkst du, es würde zu sehr der Katze von den Rohmers ähneln? Das wäre mir unangenehm.” Sie grübelte lange darüber nach, äußerte sich auch vage gegenüber ihren Kindern, aber weder den Jungen noch das Mädchen schien das Thema zu interessieren. „Wie sind diese Kinder doch treulos!”, rief sie aus. „Da haben sie ihr ganzes Leben den Major als Spielkamerad, und nun scheren sie sich nicht mehr um ihn. Keine Verantwortung zeigen sie. Mir graut schon davor, im Alter von ihnen abhängig zu sein. Wenn es mich nicht gäbe, wäre der Major völlig vernachlässigt.” Und wenn er in Reichweite war, rief sie ihn zu sich, um ihm das Fell zu kraulen.
In der Tat erfuhr der Major von den Kindern nicht die Zärtlichkeiten, die ihm seine Herrin schenkte - das lag allerdings nicht in der Kaltherzigkeit der Kinder begründet, sondern in der Eifersucht der Mutter.
Der Major verspürte selbst keine Lust mehr, in das Zimmer von Anni zu gehen. Anni wurde nun Anna gerufen und ihre helle Stimme hatte dank Pubertät und Zigarettenkonsum eine kratzige Färbung angenommen. Während sie früher gemeinschaftlich durch den Garten gestreift waren und sich an Grillen und andere Insekten herangeschlichen hatten, hörte der Major nun kaum mehr als kurze Befehle: „Geh weg da!” --- „Wie dein Fell stinkt!”
Der Junge hatte sich früher einen Spaß daraus gemacht, den Major vor den Monitor seines Spielecomputers zu setzen. Dann ruckte der Kopf des Katers roboterhaft hin und her, und die Pupillen öffneten und verengten sich im raschen Wechsel. Ein Zucken glitt in wiederkehrenden Wellen durch die Muskeln seiner Vorderbeine, aber der Major vergaß sich nie und hätte nie seine Tatzen nach dem flimmernden Monitorbild ausgestreckt. Nun spielte der Junge immer noch, aber allein, denn der Kater störte ihn nur.
2
Elke Lottmann war im Allgemeinen nicht sehr entschlussfreudig. Sie fürchtete sich gelegentlich sogar vor Entscheidungen. Böse Zungen, darunter die ihrer eigenen Mutter, behaupteten, sie fühle sich nur dann wohl, wenn es etwas zu bereden gibt. Elke Lottmann konnte viel Zeit und Energie darauf verwenden, Dinge abzuwägen und auszudiskutieren. Sie störte sich nicht daran, abwechselnd Fürsprecher und Gegner ein- und derselben Sache zu sein. Mit der gleichen Vehemenz, mit der sie etwas in Grund und Boden redete, konnte sie keine Minute später das genaue Gegenteil verteidigen. Sie schien dabei recht zufrieden mit sich zu sein, verwirrte jedoch ihre Umgebung.
Manchmal mussten dennoch Entscheidungen getroffen werden, und das lag dann meistens in der Verantwortung des Mannes. Solche Entscheidungen konnten aber in Elke Lottmann einen Aktionismus auslösen, so dass sie sich geradezu getrieben sah, in möglichst kurzer Zeit weitere Weichen für die Zukunft zu stellen.
So kam es, dass eine Angelegenheit, die den Major überhaupt nicht betraf, einen Mechanismus in Gang setzte, in dessen Folge er sich einer tiefgreifenden Veränderung seines Katerlebens ausgesetzt sah. Der Stein, der alles ins Rollen brachte, war Elke Lottmanns Mutter. Sie lebte im Obergeschoss des Lottmannschen Hauses und hatte dieses seit Jahren nicht mehr verlassen. Auf Krücken angewiesen humpelte sie immer seltener durch ihr Zimmerchen, und das Tock-Tock ihrer Gehhilfe wurde im Erdgeschoss kaum noch als störend empfunden. Ihr Gesundheitszustand verbesserte sich nicht; im Gegenteil, es war eine langsame, aber beständige Verschlechterung festzustellen. Von den vielen Übeln, die das Alter über die Greisin sandte, schreckte eines die Familie besonders: dass die Alte bald im Rollstuhl sitzen würde. Diese Vorstellung hatte etwas geradezu Unheimliches - insbesondere Elke Lottmann erschauerte innerlich, sobald auch nur eine Andeutung gemacht wurde -, ja es brauchte oft nicht einmal eine konkrete Erwähnung. Das bloße Tock-Tock über ihr genügte, um ihre Überlegungen von selbst darauf zu lenken. Und sogar abends, vor dem Einschlafen, wenn schon seit Stunden alles still war im Obergeschoss, blieb ihr Denken wie gefesselt von diesem einen Umstand. „So kann es nicht weitergehen”, murmelte sie, und tatsächlich war sie dann ganz bleich und blickte verstört zu ihrem Mann. „So kann es nicht weitergehen.”
Es ging zwar eine ganze Zeit lang „weiter”, aber irgendwann schien dann auch diese Entscheidung herangereift zu sein: An einem Montag im Mai, sehr früh am Morgen, geleitete man die Alte die steile Treppe ins Erdgeschoss hinab, nur um sie sogleich zur Haustür hinaus und in ein Auto mit hellgrünem Schriftzug zu befördern. Und dieses brachte sie in ein Altenheim.
3
Der Major saß hinter dem Küchenfenster und blickte dem fahrenden Auto (oder was er dafür hielt) hinterher. Das ungewohnt frühe Öffnen der Türen zum Obergeschoss ließ den muffigen Geruch des Alters die Treppen hinabsickern. Etwas, das an Mottenduft erinnerte, wehte durch die Zimmer, und der Major schüttelte wie missbilligend den Kopf. Dann nieste er und spitzte sogleich die Ohren.
Er war zwar beinahe taub, doch Geräusche, die er aus seiner Jugend kannte, konnte er immer noch genau zuordnen. Das tiefe, holprige Grollen, das er jetzt mühsam erlauschte,...




