E-Book, Deutsch, 361 Seiten
Neuffer Das Glück ist eine Baustelle
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95520-421-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 361 Seiten
ISBN: 978-3-95520-421-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sabine Neuffer wurde 1953 in Hannover geboren. Nach dem Studium arbeitete sie als Lehrerin und für eine PR-Agentur, bevor sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte. Bei dotbooks erschienen bereits Sabine Neuffers Romane »Eine Liebe zwischen den Zeiten«, »Sommerblumenküsse«, »Sommerrosenträume«, »Unter weitem Frühlingshimmel« und »Was uns nach diesem Sommer bleibt« (auch als Sammelbände erhältlich).
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Was für ein wunderschöner Morgen, dieser Montagmorgen im April. Die Luft prickelte im Sonnenlicht. An Bäumen und Büschen klebte zartes Grün wie hingehaucht.
Ich trat lustvoll in die Pedale, spürte den Fahrtwind auf meinem Gesicht und in den Haaren. Ich freute mich am Leben und auf meinen Laden. In diesem Sommer wollte ich dort ein großes Fest feiern – zehn Jahre gab es mein kleines Goldschmiedeatelier nun, das war doch was.
Ich fuhr etwas gemächlicher, atmete tief, ließ mich rollen, genussvoll in dem Gefühl vollkommener Sorglosigkeit. War es mir je in meinem Leben besser gegangen? Hatte ich mich nicht prächtig berappelt? Wenn ich zehn Jahre zurückdachte ... Frisch geschieden, verstrickt in eine leidenschaftliche Affäre, die in noch leidenschaftlicheren Tränen geendet hatte, Ilka erst vierjährig und quengelig: Ich hatte mich mit meinen achtundzwanzig Jahren uralt gefühlt.
Und heute? Erholt nach einem Skiurlaub, den Kopf voller Ideen für eine neue Schmuckkollektion, das Herz an niemanden verloren. Wirklich, das Leben war großartig einfach ...
... bis ich um die Ecke zu meinem Laden bog. Ich bremste so abrupt, dass ich fast über den Lenker geflogen wäre. Im letzten Moment fing ich mich, sprang auf beide Füße, umkrallte die Lenkstange und glaubte nicht, was ich sah.
Was für ein Morgen, dieser Montagmorgen im April. Hatte ich gerade noch von prickelnder Luft, Lebenslust und Sorglosigkeit gefaselt? Jetzt war ich bereit, einen Mord zu begehen, einen hübsch langsamen Lynchmord. Bloß – an wem? Wer tat mir so etwas an?
Mein schönes Schaufenster – den Rahmen hatte ich eigenhändig dunkelrot gestrichen – war hinter einem riesigen Schuttcontainer verschwunden, das liebe, kleine Fachwerkhaus hatte man eingeschnürt in ein Baugerüst, von dem hässliche, hellblaue Planen flatterten, die böse auf meinen goldenen Schriftzug klatschten. »Goldladen« – Pustekuchen! Staubbutze traf es wohl eher. Im zweiten Stock kreischte eine Säge. Oder ein Boschhammer. Oder was weiß ich. Jedenfalls war es laut.
Auf wackeligen Beinen schob ich mein Fahrrad die letzten zwanzig Meter bis zum Radständer, riss meine Tasche vom Gepäckträger und fegte durch die offenstehende Tür neben dem Ladeneingang ins Treppenhaus. Die Wohnungen oben standen seit einiger Zeit leer. Wenn sie wieder vermietet worden wären, hätte ich das doch mitgekriegt! Was hier geschah, musste illegal sein. Hausbesetzer? Eine Bürgerinitiative zur Beseitigung historischen Fachwerks? Ein Kreissägenmörder?
Da kam er mir schon entgegen. Und – ich hatte es immer geahnt, solche Typen sahen absolut harmlos aus. Derbe Breitcordjeans, Holzfällerhemd (das passte ja), Lederweste, Westernhut. Etwas angestaubt. Knallblaue Augen, Dreitagebart, scheinheiliges Lächeln. Hi, Terence Hill, wo ist die Knarre?
Ich nahm die letzten drei Stufen bis zum Treppenabsatz, denn ich wollte zumindest auf gleicher Höhe sein. Wenn man dem Feind gerade mal bis zum Bauchnabel reicht, hat man schon von vornherein verloren.
Nun waren wir wenigstens auf Augenhöhe – fast. Ich mogelte mich noch eine Stufe höher.
»Können Sie mir mal verraten, was das hier soll?«, schrie ich gegen den ohrenbetäubenden Lärm an, der kein bisschen nachgelassen hatte.
Terence lächelte verbindlich, staubte seine Hand an der Hose ab und streckte sie mir entgegen. »Frau Lages, endlich! Ich habe seit zwei Wochen versucht, Sie zu erreichen!«, brüllte er. »Kommen Sie, lassen Sie uns hinausgehen, hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht!«
Ich hatte automatisch seine Hand ergriffen – blöd wie der Pawlow'sche Hund, der halt nicht anders kann, als mit dem antrainierten Reflex auf einen Schlüsselreiz zu reagieren. (»Hannah, Schatz, gib schön das Händchen, nein, das andere. Und nicht die Zunge rausstrecken!«) Nun zog der Mensch mich einfach die Treppe hinab, ließ mir ritterlich den Vortritt ins Freie und lehnte sich dann nonchalant an den dreckigen Container.
»Es tut mir leid, dass Sie nun so überrumpelt worden sind, aber wirklich, ich habe tausendmal versucht, Sie anzurufen.« Er betrachtete mich interessiert. »Sie waren im Urlaub, stimmt's?«
Nach zwei Wochen in den Dolomiten hob sogar ich mich etwas von den norddeutschen Bleichgesichtern ab, das musste selbst einem verstaubten, verstoppelten Lederwestencowboy auffallen. »Wer sind Sie überhaupt?«, blaffte ich. »Was soll das ganze Theater hier?«
Er lächelte. Charmant, dachte er wohl, aber ich fand's bloß selbstgefällig. »Ich gebe ja zu, wir sind uns erst einmal begegnet, doch ich hatte gehofft, einen etwas nachhaltigeren Eindruck auf Sie gemacht zu haben.« Er zwinkerte mir vertraulich zu. »Ich bin Dirk Mainwald, Ihr Vermieter.«
Ach, du große Güte. Dann hatte er ja alles Recht der Welt, dieses Haus auf den Kopf zu stellen! Aber – ich musterte ihn misstrauisch – war das wirklich Dirk Mainwald? Irgendwie hatte ich den total anders in Erinnerung. Zugegeben, wir hatten uns vor zehn Jahren nur einmal kurz gesehen, als ich den Mietvertrag abgeschlossen hatte, aber so täuschen konnte mich meine Erinnerung doch nicht, oder? Dirk Mainwald war ein Schnösel. Nadelstreifen, farblose Krawatte, pingelig rasiert, akkurater Kurzputz, ein aalglatter Unsympath. Ich war so froh gewesen, zu hören, dass er in Zürich lebte und ihn das Haus hier, das er von seiner Mutter geerbt hatte, keinen Deut zu interessieren schien. Er hatte, fand ich damals, mit einer Art nachsichtiger Arroganz auf uns provinzielle Kleinstädter herabgeblickt. Was also wollte er hier jetzt – ein Duell im Morgengrauen?
»Was ist denn mit Ihnen passiert?«, erkundigte ich mich irritiert. »Sind Sie auf der Karriereleiter ausgerutscht?« Höflich war das nicht, aber immer noch besser, als ihn vors Schienbein zu treten, was ich lieber getan hätte.
Er lachte, völlig entspannt. »Ach, wissen Sie, das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls habe ich beschlossen, nun hier zu leben.« Er deutete mit einer vagen Handbewegung auf die zwei Stockwerke über meinem Laden. »Aber keine Sorge, den Laden können Sie behalten, da ändert sich nichts.«
»Aha. Und wie lange soll der Umbau dauern?«, fragte ich.
»Zwei, drei Monate, dann ist ...«
»Zwei, drei Monate?«, kreischte ich gegen den Bulldozer im ersten Stock an. »Sollen meine Kunden ein Vierteljahr lang über diesen Schutt robben, um in mein Geschäft zu kommen?«
Er grinste bloß. »Der Schutt und der Container sind nächste Woche weg. Spätestens übernächste.«
Also frühestens in vier. »Was machen Sie denn da oben eigentlich?«, wollte ich wissen.
Er strahlte. »Ich lasse alle Wände herausreißen. Nur die Balken bleiben stehen. Die Räume werden phantastisch, Sie werden sehen! Und nach hinten raus lasse ich die Zwischenräume des Fachwerks verglasen.«
Na prächtig. Dann war es wohl vorbei mit unseren Mittagspausen in dem kleinen verwilderten Gärtchen, wenn der uns von oben auf die Teller gucken konnte. »Ist ja herrlich«, bemerkte ich süffisant und wandte mich zum Gehen. »Dann viel Spaß dabei. Ich muss jetzt den Laden aufmachen. Falls sich doch noch ein Kunde hierher verirrt.«
Ich ließ ihn stehen, kramte nach meinem Schlüssel und knallte scheppernd die Ladentür hinter mir zu. Am liebsten hätte ich geheult. Der Boschsägenhammer dröhnte markerschütternd durch das ganze Haus. Ich meinte sogar, ein leichtes Vibrieren zu spüren, als ich mich auf meinen Arbeitshocker fallen ließ. Ich fühlte mich wie im Maschinenraum eines Containerschiffs – der Blick aus dem Fenster machte den Eindruck perfekt.
Eine halbe Stunde später kam Susi. Ich war geneigt, sie als Freundin zu bezeichnen, aber das ist ein bisschen heikel, wenn man selbst die Chefin ist. Außerdem war Susi zwölf Jahre jünger als ich, Single, kinderlos und immer auf der verzweifelten Suche nach Mr. Glorios. Oder, wie sie nach einem völlig verkorksten Date einmal festgestellt hatte, wenigstens nach Mr. Akzeptabel. Ich hatte mir die Bemerkung verkniffen, dass sie erst einmal in meine Jahre kommen solle, dann würde sie einsehen, dass es nicht einmal Mr. Tolerabel gab. Nicht auf Dauer.
Susi blickte verstört, als sie den Laden betrat. »Was ist denn hier los?«
Ich erklärte ihr, was hier los war.
»Das willst du dir bieten lassen?«, fragte sie fassungslos. »Und wenn das Geschäft den Bach runtergeht, weil kein Mensch auf einer Baustelle einkauft?«
Ich versuchte, sie zu beruhigen. »Ach, ein paar Wochen Flaute überstehen wir schon. Wenn keine Kunden kommen, haben wir wenigstens Zeit, etwas Neues zu machen«, sagte ich wesentlich munterer, als ich mich fühlte.
Susi stieß verächtlich die Luft aus. »Und wenn wir alles fertig haben, haben sich die Leute längst nach Hamburg orientiert. Sie kommen nie wieder!«
Genau darüber hatte ich in der letzten halben Stunde ununterbrochen nachgedacht. Genau das konnte passieren.
»Quatsch«, sagte ich fest. »Unser Atelier hat seine ganz eigene Note. Und vergiss nicht die Touristen. Wenn die im Sommer kommen, ist hier alles wieder okay.«
Susi schnaubte. »Die paar Touristen! Unsere Stammkunden sind viel wichtiger!«
»Ja«, sagte ich niedergeschlagen. »Du hast ja recht. Aber was sollen wir tun? Der Möchtegerncowboy da oben«, ich deutete mit dem Daumen an die Decke, »ist im Recht. Er kann hier machen, was er will.«
»So?« Susi funkelte böse. »Kann er? Vielleicht sollten wir mal die Bauaufsichtsbehörde auf ihn hetzen? Oder diese Typen von der Denkmalspflege. Die rasten doch schon aus, wenn jemand 'nen falschen Türgriff anbringt. Und was der hier plant, ist doch wohl so eine Art Schickimicki-Loft mitten in unserer geheiligten Altstadt, wenn ich dich recht verstanden habe. Das ist ja...




