E-Book, Deutsch, Band 2, 500 Seiten
Neuhaus Mordsfreunde
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8437-2205-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leichenfund im Opelzoo: Die Fortsetzung der Bestseller-Serie
E-Book, Deutsch, Band 2, 500 Seiten
Reihe: Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi
ISBN: 978-3-8437-2205-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nele Neuhaus, geboren in Münster / Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus und schreibt bereits ebenso lange. Ihr 2010 erschienener Kriminalroman Schneewittchen muss sterben brachte ihr den großen Durchbruch, heute ist sie die erfolgreichste Krimiautorin Deutschlands. Außerdem schreibt die Pferdeliebhaberin Jugendbücher und Unterhaltungsliteratur. Ihre Bücher erscheinen in über 30 Ländern. Vom Polizeipräsidenten Westhessens wurde Nele Neuhaus zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ernannt.
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Freitag, 16. Juni 2006
Um kurz vor acht betraten Bodenstein und Pia das Gebäude des Friedrich-Schiller-Gymnasiums. Obwohl offiziell ein Brückentag, wurde der Freitag nach Fronleichnam vom Lehrerkollegium für eine Gesamtkonferenz genutzt. Gleich links vom Eingang befand sich hinter einer Milchglastür das Sekretariat, und dort trafen Bodenstein und Pia das halbe Kollegium in erregter Diskussion an.
»… unmöglich, dass er sich nicht einmal meldet«, empörte sich ein Mann mit Schnauzbart und altmodischer Kassenbrille. »Ich habe auf jeden Fall keine Lust, seinen ganzen Unterricht zu übernehmen.«
»Es ist gar nicht seine Art, einfach nicht zu erscheinen und nicht Bescheid zu sagen.«
»Zu Hause geht niemand ans Telefon, und sein Handy ist ausgeschaltet«, verkündete die Sekretärin von ihrem Schreibtisch aus.
»Vielleicht taucht er noch auf«, ein anderer Lehrer regte sich nicht besonders auf, »es ist erst Viertel vor acht.«
»Falls Sie über Ihren Kollegen Pauly sprechen«, sagte Bodenstein, nachdem sein höflicher Gruß zweimal ignoriert worden war, »er wird heute nicht kommen.«
Alle verstummten und blickten auf. Bodenstein stellte sich und Pia vor, dann räusperte er sich. »Herr Pauly wurde gestern Morgen tot aufgefunden.«
Mit einem Schlag verstummten alle Gespräche; eine Welle kollektiver Betroffenheit ging durch den kleinen Raum.
»Nach ersten Ermittlungen gehen wir davon aus, dass er einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist.«
»O mein Gott«, murmelte eine Frau mit erstickter Stimme und begann zu schluchzen. Die anderen schwiegen. Bodenstein blickte in die Runde, sah schockierte und erschütterte Gesichter. Die Direktorin, eine energische Mittfünfzigerin mit kurzem eisgrauem Haar und runder Brille, bat Bodenstein und Pia in ihr Büro. Auch Ingeborg Wüst war sichtlich betroffen, als sie von Bodenstein erfuhr, was mit ihrem Kollegen geschehen war. Pauly war seit sechzehn Jahren Lehrer am Schiller-Gymnasium, er hatte Biologie, Deutsch und Politikwissenschaften unterrichtet.
»Wie war er so, als Mensch und als Lehrer?«, fragte Pia.
»In fachlicher Hinsicht über alle Zweifel erhaben«, erwiderte die Direktorin. »Die Schüler respektierten ihn, er hat seine Arbeit ernst genommen und für die Probleme der Schüler immer ein offenes Ohr gehabt.«
Pia dachte an Lukas van den Berg, der durch Paulys Einfluss an die Schule zurückgekehrt war und sein Abitur gemacht hatte.
»Hatte er in der letzten Zeit Probleme mit Kollegen oder Schülern?«, wollte Bodenstein wissen.
»Probleme gibt es immer«, Ingeborg Wüst sann eine Weile über eine passende Formulierung nach. »Herr Pauly konnte Menschen begeistern – aber auch genau das Gegenteil erreichen. Man liebte oder man hasste ihn. So kann man es wohl ausdrücken.«
Die schlimme Nachricht hatte sich schon im Lehrerkollegium herumgesprochen, als Bodenstein und Pia das Lehrerzimmer betraten. Chantal Zengler, die Frau, die vorhin im Schulsekretariat in Tränen ausgebrochen war, berichtete, dass Pauly Ärger mit einem Schüler gehabt hatte. Patrick Weishaupt, ein Schüler aus der dreizehnten Jahrgangsstufe, behauptete, Pauly habe ihn durchs Abitur fallen lassen, weil er ihn nicht leiden konnte. Mit Tränen in den Augen berichtete sie von einer Auseinandersetzung, deren Zeugen sie und ihr Kollege Dr. Gerhard am Dienstag nach der Schule geworden waren. Sie hatten zu dritt das Schulgebäude verlassen, Chantal Zengler und Dr. Gerhard waren zu ihren Autos, Pauly zu seinem Fahrrad gegangen, als ein Auto angerast kam und Pauly beinahe überfahren hätte. Sie hielt inne und presste die Lippen zusammen.
»Es sah nach Ärger aus. Deshalb haben wir gewartet.«
»Warum? Wer war der Fahrer des Autos?«
»Patrick Weishaupt. Er hat Herrn Pauly beschimpft. Dr. Gerhard und ich sind näher hingegangen. Patrick hat geschrien: ›Das nächste Mal fahre ich dich über den Haufen! Ich mach dich fertig‹ und Ähnliches. Als er uns gesehen hat, ist er wie ein Wahnsinniger mit quietschenden Reifen weggefahren. Pauly war ganz außer sich. Er sagte, dass Patrick ihn dafür verantwortlich machen würde, weil er durchs Abitur gefallen sei.«
»Halten Sie den Jungen für fähig, Herrn Pauly tatsächlich etwas anzutun?«, forschte Pia. Die Lehrerin zuckte die Schultern.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie, »aber er war wirklich sehr aufgebracht.«
Dr. Peter Gerhard, der Oberstufenleiter der Schule, bestätigte die Geschichte. Patrick Weishaupt hatte fest damit gerechnet, das Abitur zu bestehen, und sich deshalb bereits an einer Universität in den USA angemeldet. Die Enttäuschung des Jungen war nachvollziehbar.
Die Adresse in Schlossborn, die Pia von der Schulsekretärin erhalten hatte, entpuppte sich als eine Villa im mediterranen Stil mit Säulen vor der Eingangstür. Vor einer Doppelgarage stand ein schwarzer Chrysler Crossfire. Pia drückte auf die Klingel. Erst nach einem zweiten, nachdrücklichen Läuten wurde die Tür von einem jungen Mann geöffnet, der verschlafen ins helle Tageslicht blinzelte.
»Sind Sie Patrick Weishaupt?«, fragte Pia.
»Wer will das wissen?«, erwiderte der junge Mann unhöflich. Er sah aus, als sei er gerade erst aus dem Bett gekrochen, seine Haare standen in alle Richtungen ab, und er war nur mit einem grauen T-Shirt und einer schmuddeligen Jogginghose bekleidet. Seine Gesichtshaut war fettig und unrein, er roch nach abgestandenem Alkohol und altem Schweiß.
»Die Kripo«, Pia hielt ihm ihre Marke vor die Nase.
»Ja, ich bin Patrick Weishaupt. Um was geht es?«
»Gestern Morgen wurde die Leiche von Hans-Ulrich Pauly gefunden«, begann Bodenstein. »Er wurde erschlagen.«
»Oops«, Patrick Weishaupt zuckte unbeeindruckt die Schultern, »so ’n Pech. Und was hab ich damit zu tun?«
»Im besten Fall gar nichts«, erwiderte Bodenstein. »Uns wurde allerdings erzählt, dass Sie Herrn Pauly am Dienstagmittag vor der Schule beschimpft und massiv bedroht haben.«
»Pauly war’n Idiot«, der junge Mann machte keinen Hehl aus seiner Abneigung. »Der konnte mich nicht leiden, weil ich nicht auf seine bekloppte Öko-Masche abgefahren bin. Um mir eins reinzuwürgen, hat er mir das Abi versaut. Klar, dass ich sauer war.«
»Sauer sein und jemanden bedrohen ist ein Unterschied«, sagte Pia.
»Ich hab den doch nicht bedroht«, Patrick Weishaupt fuhr sich mit der rechten Hand durch sein ungewaschenes Haar. »Ich wollte mit ihm reden. Mein Vater hat einen Anwalt eingeschaltet. Es geht um einen einzigen lächerlichen Punkt.«
»Sie hatten fest damit gerechnet, das Abitur zu bestehen, und bereits einen Studienplatz in Aussicht. Ist das so?«, fragte Pia.
»Ja«, Patrick Weishaupt musterte sie abschätzend. »Für einen Studienplatz in den USA muss man sich rechtzeitig bewerben.«
»Ohne Abitur wird nichts daraus«, sagte Bodenstein. »Was werden Sie jetzt machen?«
»Mein Anwalt meint, dass ich eine Nachprüfung machen kann«, antwortete Patrick Weishaupt. »Bei einer Notendifferenz von mehr als sechs Punkten zum vorhergehenden Halbjahr ist das möglich. Deswegen wollte ich mit Pauly reden.«
»Zeugen Ihrer Unterredung mit Herrn Pauly hatten aber einen ganz anderen Eindruck als den, dass Sie nur mit Ihrem Lehrer reden wollten«, Pia hätte dem jungen Mann am liebsten geraten, sich so schnell wie möglich unter die Dusche zu stellen, so stark roch er nach Schweiß.
»Sie meinen den Gerhard und die Zengler«, Patrick Weishaupt verzog das Gesicht. »Ist doch logisch, dass die zu ihrem Pauker-Kollegen halten. Ich war vielleicht ein bisschen aufgebracht, mehr nicht.«
»Na ja«, Bodenstein lächelte, »was haben Sie am Dienstag gemacht, nachdem Sie mit Herrn Pauly gesprochen haben?«
»Ich war bei ’nem Kumpel«, der junge Mann dachte nach. »Später haben wir uns im San Marco getroffen und das Fußballspiel Frankreich gegen die Schweiz geguckt.«
»Was ist mit Ihrer Hand passiert?« Pia wies auf den Verband, den Weishaupt um seine linke Hand gewickelt hatte.
»Hab mich an ’nem kaputten Glas geschnitten.«
»Das sieht übel aus. Sie haben einen Bluterguss bis über das Handgelenk«, stellte Pia fest. »Und mit Ihrem linken Bein ist auch irgendetwas nicht in Ordnung. Sie können kaum auftreten. Haben Sie deshalb seit Dienstag nicht mehr geduscht?«
»Wie bitte?« Patrick Weishaupt klappte beinahe der Mund auf.
»Sie riechen stark nach Schweiß«, Pia rümpfte die Nase. »Ziehen Sie doch mal bitte das linke Hosenbein hoch.«
»Warum denn das?« Der junge Mann versuchte, seine Unsicherheit mit Aggressivität zu überspielen. »Was soll das eigentlich? Ich muss mich von Ihnen hier nicht so anmachen lassen!«
Bodenstein warf seiner Kollegin einen raschen Blick zu. Er konnte sich auch nicht ganz erklären, was sie damit bezweckte.
»Wie haben Sie sich am Bein verletzt? Etwa auch durch ein Bierglas?« Pia merkte, dass der Junge etwas zu verbergen hatte. »Oder sind Sie vielleicht von einem Hund gebissen worden?«
»So’n Quatsch! Was für’n Hund denn?«
»Zum Beispiel ein Hund von Herrn Pauly.«
»Ey, jetzt reicht’s mir aber«, fuhr Patrick Weishaupt auf. »Wollen Sie mir was anhängen?«
»Nein, natürlich nicht«, Pia lächelte. »Gute Besserung. Falls Ihnen noch etwas zum Dienstag einfällt, rufen Sie mich an.«
Sie drückte dem jungen Mann ihre Visitenkarte in die unverletzte Hand und wandte sich zur Haustür. Bodenstein folgte ihr hinaus. In dem Augenblick fuhr ein silberner Porsche neben den Crossfire, eine dunkelhaarige Frau in den späten Vierzigern blickte zu ihnen hinüber.
»Kann ich Ihnen helfen?«, rief sie, angelte nach...




