Noack | Rolltreppe abwärts | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Reihe: Reality

Noack Rolltreppe abwärts


2. Auflage 2014
ISBN: 978-3-473-47609-1
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Reihe: Reality

ISBN: 978-3-473-47609-1
Verlag: Ravensburger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jochen weiß, dass er die Zuneigung von Axel und Elvira nicht umsonst bekommt. Er beginnt zu stehlen - und wird erwischt. Zuhause gibt es Ärger, in der Schule wird er mehr denn je gemobbt. Jochen schlägt zurück. Die Konsequenz: Der 13-Jährige muss ins Heim.

Hans-Georg Noack wurde am 12. Februar 1926 in Burg bei Magdeburg geboren. Nach der Schule und einem abgebrochenen Lehrerstudium wurde er zur Wehrmacht einberufen. Von 1944 bis 1947 arbeitete er als Kriegsgefangener bei der YMCA (CVJM) in Brüssel, war anschließend als als Dolmetscher und Privatsekretär tätig und gründete dann eine eigene Konzert- und Gastspieldirektion. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Jugendbücher. Von 1959 bis 1973 arbeitete Noack als Schriftsteller und Übersetzer. 1973 übernahm er die Leitung des Herrmann-Schaffstein-Verlags in. Von 1980 bis 1992 war Hans-Georg Noack Verlagsleiter im Arena-Verlag. Hans-Georg Noack beschäftigte sich in seinen Büchern mit zeitgeschichtlichen, politischen und sozialen Fragen. Er schrieb bewusst für junge Leute und hat immer offen zugegeben, dass er beim Schreiben von pädagogischen Zielvorstellungen ausging. Hans-Georg Noack verstarb am 15. November 2005 in Würzburg.
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1

Neben dem Mann mit dem dreieckigen Gesicht und dem geübten Lächeln ging Jochen über den katzenkopfgepflasterten Hof zum Haus Nr.9. Das Rasenstück in der Mitte war grau wie der Anzug des Hausvaters, und die fünf Geranien darin erfüllten ihren Zweck so wenig wie die grellrote Krawatte. Sie heiterten nicht auf.

Jochen hielt den Blick auf die Steine gesenkt. Wenn ich bis zur Haustür noch zwölfmal, nein, zehnmal Papier auf dem Weg liegen sehe, dachte er, dann wird alles halb so schlimm. Zehnmal, das ist nicht zu viel und nicht zu wenig. Zehnmal, das ist fair.

Der Pappverschluss einer Milchflasche: Nummer eins. Dann nichts mehr. Doch, da! Silberpapier von einem Kaugummi: zwei. Gleich daneben eine verwitterte Zigarettenschachtel, kaum noch zu erkennen: drei. Aber bis zum Haus blieben nur noch ein paar Schritte. Die Tüte auf der untersten der fünf Stufen galt nicht mehr. Außerdem bückte sich Herr Katz auch noch, hob sie auf, knüllte sie zusammen und warf sie in den Papierkorb gleich hinter der Tür. Drei anstatt zehn. Kein gutes Ergebnis oder vielleicht gerade gut. Es weckte keine Hoffnungen, die ja doch trügen mussten. Jawohl, mussten!

Die Hecke dort draußen war eine Mauer; das Lindgrün der Wände verkapptes Gefängnisgrau. Die Fenster heuchelten Offenheit, sie verbargen tückisch ihre Gitterstäbe. Der Mann mochte noch so freundlich tun; das lautlose Klappern des unsichtbaren Schlüsselbundes blieb. Alles war Lüge! Auch das Schild am Eingang. Besonders das Schild! Warum stand dort Heim und nicht Kerker, Zuchthaus, Anstalt oder sonst ein ehrliches Wort? Warum Fürsorge und nicht Besserung, Strafe, Zwang oder gar Erziehung? Warum für Jungen und nicht, wie es doch gemeint war, für Strolche, Lumpen, Gauner, kurz, für den Abschaum?

Wer seinem Gegner einen Hieb in die Magengrube versetzen will, darf nicht weit ausholen. Ein angekündigter Schlag ist halb so wirksam. Plötzlich, unerwartet, ansatzlos muss ein Stoß kommen, dann erreicht er, was er erreichen soll. Aber die Leute hier verstanden ihr Geschäft. Sie sorgten dafür, dass nichts bedrohlich aussah. Niemand sollte sich gedrängt fühlen, auf der Hut zu sein.

Dann war er leichter zu packen. Das freundliche Bild war Heimtücke, nichts sonst. Alles war Lüge!

Nein, nicht alles. Die fünfzehn Gesichter logen nicht. Ihre Neugier war ungespielt und unverhohlen.

Jochen sah fünfzehn Jungen, die ihre Blicke von den Tellern zur Tür wandten. Sie schätzten den Neuen ab, den sie erwartet hatten, denn auf seinem Bett lagen schon frische Überzüge bereit, und sie wussten im Voraus jedes Wort, das Kater jetzt sagen würde. Jedes Wort, bis auf den Namen. Das war die einzige Abwechslung.

»Na, schmeckt es euch, Jungs?«

»Jawohl, Herr Katz, na ja, es geht, frag nicht so blöd, danke, Herr Katz, Schlangenfraß …« Alles zusammen ergab zum Glück unverständliches Gemurmel.

»Fein! Mir hat es jedenfalls sehr gut geschmeckt. Hier bringe ich euch einen Neuen. Jürgen-Joachim Jäger heißt er.«

Dreimal Jot, das fiel auf. Schon verzogen sich einige Gesichter grinsend.

»Ich habe mich ausführlich mit ihm unterhalten und ich muss sagen: ein feiner Kerl! Mir gefällt er und euch wird er bestimmt auch gefallen. Helft ihm, dass er sich schnell bei uns einlebt. Seid nett zu ihm! Nun, ihr seid ja unsere Veteranen, ihr wisst Bescheid. Herr Hamel, Sie haben doch sicher einen Platz für unseren neuen Freund freigehalten? Ach ja, ich sehe schon! Setz dich dorthin, Jäger, und lass es dir schmecken! Ist erst der Magen satt, wird auch das Herze fröhlich. Morgen sehen wir dann weiter. Guten Abend, Jungs! Guten Abend, Herr Hamel! Ich bin noch in meinem Büro, falls Sie die Akte einsehen wollen …«

Herr Hamel blieb an seinem Platz hinter dem bereits leeren Teller. »Setz dich, iss!«, sagte er mit einer hohen Stimme, die nicht zu seiner breiten Brust passte. »Und beeil dich, damit wir nicht zu lange auf dich warten müssen! Pudel, du bist sein Babysitter!«

»Jawohl, Herr Hamel!« Ein aufgeschossener Junge mit straff und nass zurückgekämmtem blondem Haar schob mit dem Fuß den freien Stuhl zurück. »Komm, Neuer! Hier kannste sitzen!«

Auf dem Teller lag ein Brathering.

»Wurst und Käse waren auch noch da«, erklärte der Lange. »Muss einer weggefressen haben. Na, heute Abend brauchste nicht so viel. Kommst ja von draußen, und am ersten Abend vergeht einem hier sowieso der Appetit. Biste Schiffer? … Ob du Pipi ins Bettchen machst, will ich wissen! Nee! Dann kannste Tee trinken. Deutsche Apfelschale, echt langweilig und sehr gesund. Na, los doch, wir wollen fertig werden!«

Jochen aß hastig. Die anderen drei am Tisch sahen ihm zu.

»Wie heißte?«, fragte Pudel. »Das hab ich vorhin nicht richtig mitgekriegt.«

»Jürgen-Joachim Jäger. Einfach Jochen.«

»Achjottachjottachjott! Jürgen gibt’s schon, Achim auch, Jochen auch. Du heißt Jojo, ist das klar?«

Na schön, also Jojo. Darauf kam es nicht an. Manche Eltern waren wirklich zu dumm. Sie konnten noch nicht einmal einen Namen aussuchen. Jürgen-Joachim Jäger, das war kein Name, sondern eine Aufforderung zum Spott. Ob der Pastor sich wohl bei der Taufe erkundigt hatte, ob da auch bestimmt kein Irrtum vorlag, oder ob der Vater vielleicht ein Glas zu viel getrunken hatte? Zuzutrauen war’s ihm immerhin. Zu Hause hatte kein Mensch jemals Jürgen-Joachim gesagt. Dort hieß er Jochen und hier also Jojo. Warum auch nicht? Wenn der lange Kerl Pudel hieß. Er sah eigentlich eher nach einem Windhund aus.

Herr Hamel stand auf und schob den Stuhl unter den Tisch. Die Jungen kamen schurrend und polternd auf die Beine und stellten sich hinter ihre Stühle. Jochen spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Tee hinunter.

»Wer hat Tischdienst?«, fragte der Erzieher, und als sich ein Junge mit einem kahl geschorenen Kugelkopf meldete, sagte er: »Terrier! Das hab ich mir doch gleich gedacht! Heute Früh haben die Tische nur so geklebt! Mehr Sorgfalt bitte ich mir aus! An kleinen Dingen erkennt man einen Menschen. Anschließend ist Freizeit im Haus. Pudel, du gehst und erklärst dem Neuen, was er wissen muss, dann bringst du ihn zu mir. Dackel betet!«

Achim verzog das Gesicht. Ob der Dackel jetzt die Pfötchen faltete?

Sein Gegenüber senkte andächtig das Gesicht und zischelte etwas mit Speistrankdank, dann murmelten alle und es klang wie ’n Abend oder auch wie Amen.

»Los, komm!«, sagte Pudel. »Dass wir’s bald hinter uns haben. Ich habe heute noch was andres vor.«

Viel war nicht zu zeigen und zu erklären. Schuheputzen im Keller. Für jeden ein Fach. Gleich daneben Duschraum, Waschraum, Toiletten. »Wenn du ’n bisschen was angestellt hast, kannste putzen, bis du schwarz wirst!« Dann wieder die Treppen hinauf. Im Tagesraum scheuerte der glatzköpfige Terrier die Tische mit Sand, zwei andere warteten, ein Halmaspiel in der Hand, dass sie sich endlich setzen konnten. Eine Tür führte auf einen Flur mit zwei Nischen. In der einen wucherten Kakteen, in der anderen stießen bunte Fische in grünlichem Wasser die Mäuler an Glaswände. Auf der gegenüberliegenden Seite führten zwei Türen in die beiden Schlafräume.

An der Wand zwischen Tür und Fenster waren acht schmale Schränke aufgereiht. Genau in gleicher Höhe klebte an jeder Holztür ein großes, farbiges Bild aus einem Hundekalender.

»Das hier ist deiner«, sagte Pudel und deutete auf die Schranktür mit dem Bild eines Boxerrüden vor rotem Samt. »Wie Hammel dich nennen wird, siehste ja. Boxer. Immer noch besser als Pudel. Und da drüben, das ist dein Bett. Das untere. Über dir liegt Dackel, und ich schlafe rechts von dir. Hoffentlich redest du nicht im Schlaf, und wenn du schnarchst, schlage ich dir die Rippen blau, ist das klar?«

Auf dem Bett lag bereits alles aufgestapelt, was Jochen vorhin im Koffer mitgebracht hatte. Er setzte sich auf den Bettrand, zog die Sonntagshose aus dem Stapel, griff in die Tasche. Die Zigaretten waren nicht mehr da.

»Dackel, zeigst du dem Neuen, wie er den Schrank einräumen muss? Ich will noch mal an die Hecke.«

»Ist gut«, stimmte Dackel zu und sprang polternd vom oberen Bett, während Pudel ein Weilchen in seinem Schrank kramte und eilig verschwand, noch einmal zurückkam und sagte: »Bring ihn zu Hammel! Der will ihn noch massieren!«

Dackel war auf den Zentimeter so groß wie Jochen und ebenso schlank, nur sein Haar war blond und viel kürzer. Er betrachtete Jochen prüfend. »Deine schwarze Lockenpracht werden sie dir hier noch ganz schön stutzen«, prophezeite er. »Am besten ist, du gehst jetzt gleich zu Hammel, dann hast du’s hinter dir. Ich helfe dir nachher, dann wird der Schrank auch noch vor dem Duschen fertig.«

Dackel klopfte an, öffnete auf das Herein! von drinnen die Tür des Erzieherzimmers und schob Jochen mit sanftem Druck hinein. Er selbst ließ sich nicht sehen. Wenn Hammel merkte, dass nicht Pudel, sondern er den Neuen brachte, gab es nur unangenehme Fragen.

Herr Hamel hatte eben die Akte aus der Hand gelegt, als Jürgen-Joachim Jäger sein Zimmer betrat. Die Unterlagen der Zugänge sah er sich nach Möglichkeit immer vor dem ersten Gespräch an. Es wurde verlangt und es konnte auch hilfreich sein; aber im Grunde verließ er sich viel lieber auf seinen geübten Blick. Wenn man seit zweiundzwanzig Jahren in diesem Geschäft arbeitete, so meinte er, wusste man von der ersten Minute an, was von einem Jungen zu halten war. Im Laufe der Zeit hatten hunderte von Jungen so vor ihm gestanden, und oft genug hatte...


Noack, Hans-Georg
Hans-Georg Noack wurde am 12. Februar 1926 in Burg bei Magdeburg geboren. Nach der Schule und einem abgebrochenen Lehrerstudium wurde er zur Wehrmacht einberufen. Von 1944 bis 1947 arbeitete er als Kriegsgefangener bei der YMCA (CVJM) in Brüssel, war anschließend als als Dolmetscher und Privatsekretär tätig und gründete dann eine eigene Konzert- und Gastspieldirektion. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Jugendbücher. Von 1959 bis 1973 arbeitete Noack als Schriftsteller und Übersetzer. 1973 übernahm er die Leitung des Herrmann-Schaffstein-Verlags in. Von 1980 bis 1992 war Hans-Georg Noack Verlagsleiter im Arena-Verlag. Hans-Georg Noack beschäftigte sich in seinen Büchern mit zeitgeschichtlichen, politischen und sozialen Fragen. Er schrieb bewusst für junge Leute und hat immer offen zugegeben, dass er beim Schreiben von pädagogischen Zielvorstellungen ausging. Hans-Georg Noack verstarb am 15. November 2005 in Würzburg.

Hans-Georg Noack wurde am 12. Februar 1926 in Burg bei Magdeburg geboren. Nach der Schule und einem abgebrochenen Lehrerstudium wurde er zur Wehrmacht einberufen. Von 1944 bis 1947 arbeitete er als Kriegsgefangener bei der YMCA (CVJM) in Brüssel, war anschließend als als Dolmetscher und Privatsekretär tätig und gründete dann eine eigene Konzert- und Gastspieldirektion. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Jugendbücher. Von 1959 bis 1973 arbeitete Noack als Schriftsteller und Übersetzer. 1973 übernahm er die Leitung des Herrmann-Schaffstein-Verlags in. Von 1980 bis 1992 war Hans-Georg Noack Verlagsleiter im Arena-Verlag. Hans-Georg Noack beschäftigte sich in seinen Büchern mit zeitgeschichtlichen, politischen und sozialen Fragen. Er schrieb bewusst für junge Leute und hat immer offen zugegeben, dass er beim Schreiben von pädagogischen Zielvorstellungen ausging. Hans-Georg Noack verstarb am 15. November 2005 in Würzburg.



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