E-Book, Deutsch, 475 Seiten
Noble Das leise Versprechen des Glücks
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-768-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 475 Seiten
ISBN: 978-3-98690-768-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elizabeth Noble wurde 1968 in England geboren und studierte englische Literatur in Oxford. Danach arbeitete sie einige Jahre im Verlagswesen, bis sie die Liebe zum Schreiben schließlich dazu brachte, ihre eigenen Romane zu veröffentlichen, von denen viele zu internationalen Bestsellern wurden. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane: »Die Farbe des Flieders« »All die Sommer zwischen uns« »Für immer bei dir« »So wie es einmal war« »Das leise Versprechen des Glücks« »Wo die Liebe zu Hause ist«
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Kapitel 1:
NATALIE UND TOM
Silvesternacht. So ist es nun mal. Wirklich gut sieht man im Bikini nur einen einzigen Sommer lang aus (nachdem sich der Busen – vor dem Bauch – entwickelt hat), den allerersten Kuss kann man nur ein Mal erleben (pro Kerl, versteht sich), und jeder Mensch, nun, zumindest jeder aus Natalies Bekanntenkreis, hatte bisher in seinem Leben nur eine einzige wirklich fantastische, hundertprozentig gelungene Wahnsinnssilvesternacht erlebt. Die seltsamerweise in den meisten Fällen zeitlich in das Jahr fiel, in dem man wirklich gut im Bikini aussah und seinen allerersten Kuss bekam. Alle darauf folgenden Jahre schnitten im Vergleich dazu schlechter ab, getreu dem Prinzip »In unserer Jugend waren die Sommer heißer« – war nicht früher tatsächlich alles ein bissschen strahlender und lauter und lebendiger? War ich früher nicht ein bisschen schlanker und hübscher und witziger? War Silvester damals insgesamt nicht einfach schöner? Und der Valentinstag? Ganz ehrlich – wirklich super war dieser Tag nur, als man fünfzehn Jahre alt war und auf eine Valentinskarte von dem Typ im Schulbus in der hintersten Reihe wartete, der immer diese schmalen Krawatten trug und ununterbrochen Led Zeppelins »Stairway To Heaven« hörte. So etwas erlebt man nur in einem einzigen Jahr, ein Mal im Leben.
Silvesternacht, 23:15 Uhr, eigentlich eine fantastische Zeit, um im Auto unterwegs zu sein. Alle anderen waren bestimmt schon »dort«. In dem Lokal, in dem sie nun vorgeben würden, sich prächtig zu amüsieren, während sie in Wirklichkeit an die Hausparty damals 1988 in Cambridge dachten oder an die Zeit 1967, als sie so bekifft waren, dass sie nicht einmal mehr das Glockenläuten um Mitternacht mitbekamen, oder an die Silvesternacht 1992, als sie mitten auf dem Times Square einen Heiratsantrag bekamen, oder an irgendeinen anderen Silvesterabend früher, an dem dieselben zehn Personen, die am Esstisch versammelt saßen, nicht gar so langweilig erschienen waren oder so bissig oder so erpicht darauf, wieder nach Hause zu kommen, weil der Babysitter nach Mitternacht den doppelten Stundenlohn verlangte.
Niemand sonst war um diese Zeit unterwegs. »Dancing in the Moonlight« dröhnte aus dem Autoradio, und Natalie wechselte beschwingt in einer Art Corsa-Salsa auf der menschenleeren Straße mehrmals von einer Fahrspur auf die andere. Ihre Stimmung hob sich ein wenig. Gute Idee. Gute Idee von Tom.
Ursprünglich hatte sie zu Hause bleiben und den Abend in denkbar mieser Laune allein verbringen wollen. Rose, wahrscheinlich die einzige ihrer Freundinnen, die sie aus dieser üblen Stimmung hätte reißen können, hatte bedauernd verkündet, ihr Freund Peter habe ein Silvesterangebot von Eurostar gebucht – zwei Übernachtungen, Drei-Sterne-Hotel in Lille (nicht Paris, das kostete zweihundert Pfund mehr, und schließlich war er ja noch Doktorand). Würde Natalie zurechtkommen? Auch du, Brutus, hatte sich Natalie gedacht (und ein stummes gemeines Gebet zum Himmel geschickt, dass Rose nicht mit einem Verlobungsring am Finger zurückkommen möge, was jedoch wiederum umgehend Schuldgefühle in ihr wachrief), ehe sie ihre Freundin umarmt, ihr mit einem ironischen Schulterzucken angeboten hatte, sich aus ihrer Wäschekommode zu bedienen – Negligés, versteht sich, keine String-Tangas –, und ihr versichert hatte, es sei natürlich okay und sie werde eben auf irgendeine Party gehen. Natürlich hatte Natalie anschließend bei den zwei Partys, zu denen sie eingeladen war, abgesagt. Sie hatte den Gastgebern vorgeflunkert, sie hätte leider schon etwas anderes vor, und so war es ihr gelungen, vom Radarschirm zu verschwinden (was sie gleichermaßen erleichterte und beunruhigte – es war so leicht gewesen).
Ihre beiden Schwestern konnte sie vergessen. Susannah, die Glückliche, weilte in Marrakesch wegen irgendeiner kombinierten Silvester-Abschluss-Party für den Film, in dem Casper unlängst mitgespielt hatte. Und Bridget war ungefähr im zehnten Monat schwanger, ein Umstand, der es eher unwahrscheinlich machte, dass sie an diesem Abend eine Quelle der Heiterkeit für Natalie sein würde. Bridget und Karl lagen jetzt bestimmt schon im Bett, zwischen sich ihr engelsgleiches achtzehn Monate altes Töchterchen Christina, blätterten in dem Buch der Vornamen und stießen mit Apfelsaftschorle auf das neue Jahr an.
Zu Hause bei Mum und Dad? Dann schon lieber allein. Eine Fünfunddreißigjährige, die am Silvesterabend daheim bei ihren Eltern hockte, diese Vorstellung war zu jeder Zeit schlimm genug, doch nach diesem letzten Jahr, in Anbetracht der Umstände ... Nein, so einen Abend hätte sie nicht ausgehalten. Wenn man sich vorstellte, was dort derzeit ablief.
Sie hätte sich, nachdem Susannah endgültig ausgezogen war, eine neue Mitbewohnerin suchen sollen. Die beiden Schwestern hatten es genossen, die Wohnung für sich allein zu haben, nachdem Bridget vor drei Jahren ausgezogen war, um zu heiraten, und auch die Bezahlung der monatlichen Hypothekenrate war ihnen nicht schwerer gefallen. Bridget wusste es zu schätzen, dass ihr ehemaliges Zimmer ihr nach wie vor zur Verfügung stand: Es ermöglichte ihr die gelegentliche kleine Flucht aus dem Alltag mit Karl und Christina, wenn, sie mal abends ausging und es später wurde und sie in der Stadt blieb. Doch dann war Susannah ganz plötzlich ausgezogen, und bei Natalie hatte sich eine gewisse Lethargie breitgemacht. Nein, nicht Lethargie, eher eine Art Erwartungshaltung. Eigentlich sollte auch sie nicht mehr lange dort wohnen bleiben. Eigentlich sollte auch in ihrem Leben irgendetwas passieren.
Nichts war, wie es sein sollte.
Gerade jetzt etwa sollte sie nicht im Auto die M4 entlangbrettern und Radio hören, unterwegs zu der Kneipe, in der sie als Teenager ihre Silvesterpartys gefeiert hatte. Sie sollte auf den Malediven sein, sollte, nach einem aufregenden Tag, den sie mit der Erkundung der Unterwasserwelt verbracht hatte, duftend und sonnengeküsst, gekleidet in hauchfeines weißes Leinen, in die Hotelbar schweben und sündteuren importierten Bollinger trinken. Sie sollte in Simons Armen liegen.
Dieser Mistkerl.
Dieser verdammte Mistkerl.
Sie war gerade im Begriff, ihm Sonnenbrand dritten Grades und geschwollene Lymphknoten nach einer Kollision mit einer Giftqualle zu wünschen, als die Tränen kamen. Verflucht. Sie schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad. DIESE BEFRIEDIGUNG GÖNNE ICH IHM NICHT. ICH HABE IHM SIEBEN JAHRE MEINES LEBENS GESCHENKT – NEIN NEIN NEIN VON MIR BEKOMMT ER NICHTS MEHR.
Ihre Silvesternacht – DIE EINE – war jene erste gemeinsame Silvesternacht mit Simon gewesen. Skiurlaub in der Schweiz, in einem Chalet, das den Eltern irgendeiner Bekannten gehörte. Eine schnee- und schnapsreiche Fete auf dem Dorfplatz eines malerischen Bergdorfes. Tausend Menschen, die zu den unterschiedlichsten Melodien tanzten, die aus offenen Fenstern ins Freie drangen, über ihnen der Himmel, aus dem Millionen Schneeflocken fielen. Diese Atmosphäre, die ausgelassene Stimmung einer betrunkenen, sich verbrüdernden Menge. Simon küsste sie, seine Lippen so heiß in der eiskalten Luft. Sie liebten sich im Trockenraum, weil es draußen im Schnee zu kalt war (sie hatten es probiert), leise, damit niemand aufwachte.
Das war »ihre« Silvesternacht gewesen.
Sie hatte Tom ganz vergessen gehabt. Nun, vergessen nicht gerade. Tom war immer da. War all die Jahre immer irgendwie präsent gewesen. Aber sie hatte nicht daran gedacht, dass er sie nicht vergessen hatte.
Natalie und Tom hatten sich im August 1977 kennengelernt, in jenem Sommer, in dem Elvis Aaron Presley gestorben war, in dem Natalie mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern in das übernächste Haus eingezogen war. Bridget war die Nestbauerin gewesen, schon damals. Sie hatte zusammen mit ihrer Mutter die Umzugskisten ausgepackt, ihre gigantische Whimsies-Sammlung, kleine Tierfiguren aus Porzellan, ans Tageslicht befördert und sie auf der weißen Melanin-Kommode arrangiert, die ihr schmales Einzelbett von dem Natalies trennte, in dem Kinderzimmer, das sich die beiden Schwestern teilen sollten. Susannah hatte tagelang nur ferngesehen – man hatte im Andenken an Elvis alle seine Spielfilme gesendet: Viva Las Vegas, King Creole, Love Me Tender. Die neue dreiteilige Couchgarnitur war noch nicht eingetroffen, also hatte Susannah reichlich Platz, um hingebungsvoll dazu zu tanzen und mitzusingen. Sie hätte Natalie gern in ihre Show einbezogen, als Chor im Hintergrund, wenn es ihr möglich gewesen wäre, aber Natalie schmollte und war nicht ansprechbar. Sie hatte nicht umziehen wollen. Sie hatte ihr altes Haus geliebt. Susannah kritisierte sie, sie sperre sich gegen jegliche Veränderungen, statt sie bereitwillig anzunehmen. Solche und ähnliche Sätze gab Susannah des Öfteren von sich, wobei sie das Gesagte mit weitausholenden, anmutigen Gesten ihrer langen schlanken Arme unterstrich und dabei ihre silbernen Armreifen zum Klirren brachte.
Dad wurde zum Filialleiter ernannt, und aus diesem Grund hatte die ganze Familie umziehen müssen. Es war eine Beförderung und somit eine gute Sache, und außerdem war Natalie ohnehin nicht gefragt worden.
Sie hatte auf dem Ziegelmäuerchen vor ihrem neuen Haus gesessen und mit einem Zweig im Boden gestochert, als sie Tom zum ersten Mal sah. Ihre Mutter war mit ein paar leeren Umzugskisten aus dem Haus getreten, gerade als seine Mutter vorbeiging – sie seien auf dem Weg in die Stadt, erzählte sie, weil ihr Sohn neue Schuhe brauche, ehe die Schule wieder anfinge, und dass seine Füße wie verrückt wachsen würden, sodass sie praktisch jedes halbe Jahr neue Schuhe kaufen müsse, was schon an sich teuer genug sei, aber dann müsse man ja noch an Fußballschuhe denken und...




