E-Book, Deutsch, 623 Seiten
Noble Die Farbe des Flieders
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-547-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman: Fünf Freundinnen, ein Buchclub und das Abenteuer, das man Leben nennt
E-Book, Deutsch, 623 Seiten
ISBN: 978-3-98690-547-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elizabeth Noble wurde 1968 in England geboren und studierte englische Literatur in Oxford. Danach arbeitete sie einige Jahre im Verlagswesen, bis sie die Liebe zum Schreiben schließlich dazu brachte, ihre eigenen Romane zu veröffentlichen, von denen viele zu internationalen Bestsellern wurden. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane: »Die Farbe des Flieders« »All die Sommer zwischen uns« »Für immer bei dir« »So wie es einmal war« »Das leise Versprechen des Glücks« »Wo die Liebe zu Hause ist«
Weitere Infos & Material
19.15 Uhr
Clare beobachtete die junge Frau, die im Flur an ihr vorbeiging. Eine Erstgebärende, keine Frage. Aufregung und Angst zeichneten sich auf ihrem blassen Gesicht ab, als sie in mädchenhaften Pantoffeln, die extra für den großen Tag gekauft worden waren, den Korridor entlangschlurfte und mit weichen Knien und hochgezogenen Schultern den Infusionsständer auf Rollen neben sich herschob. Ihr Seitenblick zu Clare sagte: »Hilf mir, wann wird es vorbei sein, wann wird er hier sein?« Ist wahrscheinlich mit einer Muttermunderweiterung von einem halben Zentimeter in die Klinik gekommen, nachdem sie zu Hause ein Weilchen mit dem Messgerät herumhantiert hatte, um dann ihre Mutter anzurufen und die Reisetasche mit all den winzigen weißen Strampelanzügen, Fäustlingen und Mützchen in Eierwärmergröße neu zu packen.
Die Doppeltür hinter der Frau schwang auf, und ein großer, kräftiger, dunkelhaariger Mann ging auf sie zu, nahm ihre Hand und legte ihr einen Arm um die Schultern. Er behandelte sie wie ein rohes Ei und war blasser als sie. Ein Typ X, dachte Clare. Die Männer vom Typ X waren die Tüchtigen, die Starken. Die vom Typ Y begannen meist schon bei der Epiduralanästhesie zu weinen. Sie waren ein paar Jahrzehnte zu spät dran und wären lieber mit einer Zigarre hinter jedem Ohr vor dem Kreißsaal auf und ab getigert. Clare mochte Typ Y lieber.
Elliot war vermutlich Typ X. Oder eine Hybridform: Typ Y, der sich als X ausgibt. Sie hielten ganz gut durch, solange es nicht wirklich brenzlig wurde. Ach was, wem wollte sie hier etwas vormachen – sie hatte keine Ahnung, welcher Typ er sein würde. Es war auch nicht wichtig. Nicht mehr.
Das Mädchen stöhnte und sackte vornüber. Clare eilte auf den flehenden Blick ihres Begleiters herbei. Sie konnte nie kühl und distanziert bleiben. Immer noch nicht. Jedes persönliche Drama, jedes neue Leben, das innerhalb dieser Mauern seinen Anfang nahm, ergriff sie. Immer noch.
»Okay, ganz ruhig, ich helfe Ihnen. Wie heißen Sie?«
»Lynne.«
»Gut, Lynne. Wir bringen Sie jetzt zurück auf Ihr Zimmer. Sie brauchen jetzt ein bisschen Ruhe. Wer kümmert sich um Sie?«
Eine Kollegin kam durch die Schwingtür.
»Tut mir Leid, Clare. Alles klar, Lynne, wir stützen Sie. Ich hab sie, Clare. Du hast doch Feierabend, oder?«
»Ja.«
»Schönen Abend dann.«
»Tschüss.«
Zum Glück hatte sie heute Abend einen Grund, nicht zu Hause zu sein. Elliot nicht sehen zu müssen. Sie würde bestimmt schon wieder weg sein, ehe er aus dem College kam, und er würde bereits schlafen, wenn sie sich später wohl oder übel zu ihm ins Bett legte.
Und die junge Lynne würde ihr Baby in den Armen halten.
19.20 Uhr
Wie jeden Abend stieg Harriet die Treppe mit einem wackeligen Stapel aus einzelnen Socken, liegen gelassenen Pullovern und verstreuten Spielsachen auf dem Arm hinauf – dem Treibgut des Tages. Unten gab es gewöhnlich ein bis zwei Kaffeetassen aufzusammeln, Plastikbecher, die sie unter den Betten fand, ausgelesene Zeitungen und klebrige Plastiklöffel zum Einnehmen von Medizin. Oben das bereits Erwähnte. Tja, dachte sie mit einem schiefen Lächeln, Abwechslung ist die Würze des Lebens. Ha, ha. Ihre häusliche Idylle erinnerte sie immer an einen blöden Film, den sie mal gesehen hatte – Und täglich grüßt das Murmeltier –, in dem dieser Reportertyp immer wieder denselben Tag erleben musste und nie die Frau bekam, in die er sich verliebt hatte, weil der Tag immer gleich ablief. Auf etwas höherem kulturellem Niveau gab es da noch diesen Typen aus der griechischen Mythologie – Sissi irgendwas, Sisyphus, genau –, der wegen irgendeines Vergehens von den Göttern dazu verdammt worden war, bis in alle Ewigkeit einen Felsbrocken einen Hügel hinaufzurollen, um dann zusehen zu müssen, wie er gleich wieder hinunterkullerte. Einen Felsbrocken einen Hügel hinaufzurollen wäre zumindest eine gute Übung gegen diese weichen Fledermausflügel, die sie anstelle der Oberarme bekommen hatte, sinnierte Harriet. Viermal am Tag den Küchenfußboden zu wischen, dreimal die Waschmaschine zu be- und entladen und zweiundvierzig Fragen über Dinosaurier zu beantworten, warum es sie nicht mehr gibt und wie groß ihr Aa wäre, wenn es sie noch gäbe, forderte sie offensichtlich nicht genug.
Oben war alles ruhig, zum ersten Mal seit sechs Uhr früh. Harriet folgte dem Klang von Tims Stimme in ihr gemeinsames Schlafzimmer. Er saß auf dem Sofa unter dem Fenster, und seine Kidnapper hatten ihm immerhin gestattet, Schuhe und Jackett auszuziehen und seine Krawatte zu lockern. Die Kinder, noch feucht und glänzend von ihrem Bad, hatten sich zu beiden Seiten in seine Arme geschmiegt und lauschten der Geschichte. Tim las langsam, verlieh jeder Figur die richtige Sprechweise und gestikulierte manchmal angeregt. Harriet spürte wie immer einen Anflug von schlechtem Gewissen. Sie suchte meistens die kürzeste Geschichte aus, die sie dann im Eiltempo herunterlas, und bei der Mühe, die sie sich mit Aussprache und Dialekt gab, konnte es ihren Kindern niemand vorwerfen, wenn sie glaubten, jeder Charakter in der Literatur sei in der Mittelschicht Südenglands aufgewachsen. Aber er hatte es auch einfacher, oder? Er kam erst abends nach Hause, wenn der Rotz, die Spaghettisoße und die Tränen schon abgewischt worden waren, wenn das Gezeter um das Zähneputzen sich erledigt und sie die Spielsachen in zu kleine Schränke zurückgestopft hatte. Dann fiel es leicht, die überschwängliche Begrüßung mit liebevoller Zuwendung und rundfunkreifer Lesestunde zu belohnen. Die Kleinen hatten ihre Energie während des langen Tages bei Harriet ausgetobt und waren jetzt nicht mehr aufsässig und ungebärdig, sondern sanft und friedlich. Und sie war am Ende ihrer Kräfte.
Harriet blieb an der Tür stehen, weil sie dieses perfekte Bild des treusorgenden Vaters mit seinen Kindern nicht stören wollte. Irgendwie gehörte sie nicht dazu in diesen Momenten. Sie legte ihr Bündel von Krimskrams auf dem Gästebett ab und ging ins Bad. Dort übersah sie geflissentlich den Schaumrand in der Wanne und die achtlos über den Wasserhahn des Waschbeckens gespritzte Zahncreme, zupfte ergebnislos vor dem Spiegel an ihren wirren Haaren und bestäubte Nase und Kinn schnell mit etwas Puder. Sie zog hastig den Lippenstift über die Oberlippe und presste beide Lippen konzentriert aufeinander. (Keine Zeit für diese Prozedur von Konturieren, Kolorieren, Nachtupfen, wie es ihr von den Frauenzeitschriften alle drei Monate mal beim Frisör nahe gelegt wurde.)
Tim erschien mit einer schläfrigen Chloe auf dem Arm in der Tür. »Sag Mummy gute Nacht.« Den Daumen fest im Mund, winkte Chloe stumm mit ihrer Schnabeltasse voll warmer Milch in Harriets Richtung. »Gute Nacht, mein Schatz, schlaf schön.«
Hinter Tim ließ sich Josh vernehmen: »Gehst du weg, Mummy?«
»Ja, Josh, Daddy wird auf euch aufpassen, bis ich wieder zurück bin.«
»Kommst du rein und deckst mich zu, wenn du zurück bist? Auch wenn es schon richtig spät ist? Versprichst du’s mir?«
»Natürlich, Liebling. Gib mir einen Kuss, bevor ich gehe.«
Harriet brachte ihren Sohn in sein Zimmer und wartete, bis er in sein niedriges Bettchen gekrabbelt war.
»Daddy kommt noch mal, Mum. Mach das Licht nicht aus. Er hat versprochen, mir noch ein Kapitel Harry Potter vorzulesen, wenn Chloe im Bett ist.«
»So, hat er das? Zwei Geschichten an einem Abend? Daddy will mich wohl ausstechen.«
Sie sagte es leichthin.
Auf einmal stand Tim hinter ihr. »Würde mir doch nie gelingen«, sagte er grinsend und küsste sie im Vorbeigehen auf die Wange. »So, jetzt sag mir, wo wir stehen geblieben waren, Josh.«
Bald waren sie wieder ganz in ihre Geschichte vertieft. Tim sah noch einmal vom Buch auf, als er sie gehen hörte, und zwinkerte ihr zum Abschied zu.
Harriets Schritte auf der Treppe waren schwer. Es ist alles so verdammt perfekt, dachte sie. Nur glaube ich wirklich, dass ich ihn nicht mehr liebe. Falls ich es je getan habe.
19.25 Uhr
Das Gefühl ballte sich genau unter Nicoles Brustkorb zusammen, schien ihre Lungenflügel einzuengen und sich bis hinauf in ihre Kehle zu pressen. Es war ein hochprozentiger und gehaltvoller emotionaler Cocktail, bestehend aus Wut, Verletztheit, Frustration, Demütigung und, immer noch, einem Schuss erstickender Liebe. Mit den Jahren hatten sich die Anteile verändert, aber das Ergebnis blieb stets dasselbe. Eine lähmende Benommenheit.
Sie hatte den ganzen Tag in diesem seltsamen, von sich selbst abgetrennten Zustand verbracht, den sie perfektioniert hatte, indem sie das Gefühl in eine bestimmte, mit einem Vorhängeschloss gesicherte Kammer ihres Kopfes sperrte und sich nicht in seine Nähe begab. Es herauszulassen und sich den Empfindungen zu überlassen würde es ihr unmöglich machen, wie gewohnt zu funktionieren. In ihrem abgetrennten Zustand war sie ein Derwisch an straffer Organisation und Tüchtigkeit. Kleider wurden zur Reinigung und Schuhe zum Schuster gebracht, Schmortöpfe mit raffinierten Kräutern wurden zum langsamen Garen in den Ofen gestellt, lehrreiche Spiele mit den Kindern gespielt und Cecile, dem Aupairmädchen, präzise Anweisungen gegeben.
Obendrein sah sie toll aus. Frisur, Make-up, Figur, Kleidung, alles tipptopp wie immer. Andere Frauen mochten sich in Krisensituationen vor Verzweiflung die Haare ausreißen – Nicole föhnte ihre zu schwungvollen Wellen. Nur ihr Herzschlag verriet sie, wie in der Erzählung von Edgar Allan Poe, und sie war sicher, dass alle, denen sie mit ihrem gewohnt charmanten Lächeln begegnete, ihr Herz hörten, wie es lauter und lauter schlug und ihr fast aus der Brust sprang.
Sie stellte die Platte mit...




