E-Book, Deutsch, 381 Seiten
Noble Für immer bei dir
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-816-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 381 Seiten
ISBN: 978-3-98690-816-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elizabeth Noble wurde 1968 in England geboren und studierte englische Literatur in Oxford. Danach arbeitete sie einige Jahre im Verlagswesen, bis sie die Liebe zum Schreiben schließlich dazu brachte, ihre eigenen Romane zu veröffentlichen, von denen viele zu internationalen Bestsellern wurden. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane: »Die Farbe des Flieders« »All die Sommer zwischen uns« »Für immer bei dir« »So wie es einmal war« »Das leise Versprechen des Glücks« »Wo die Liebe zu Hause ist«
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Kapitel 3: HANNAH
Hannah starrte auf ihr Gesicht im Spiegel und fragte sich, ob es in Ordnung war, wenn sie sich die Wimpern tuschte. In der Schule durfte sie sich nicht schminken, aber am Wochenende und in den Ferien. Und in der Kirche? Sie konnte sich nicht an irgendwelche Verbote erinnern. Vielleicht würde sie mit getuschten Wimpern nicht weinen, weil sie dann verschmierte Augen bekäme. Vielleicht würde ihr das helfen, nicht zu weinen.
»Keiner war bei ihr, als sie starb.« Das war ein Zitat aus Wilbur und Charlotte, eines ihrer Lieblingsbücher, als sie noch jünger gewesen war. Und es war mit einer der schönsten Stellen, wenn die Spinne Charlotte ihr Netz zu Ende gesponnen und ihre Eier abgelegt hatte und sanft in das Vergessen hinüberglitt. »Keiner war bei ihr, als sie starb.« Es war so herrlich traurig. Man konnte sich diesem kleinen trockenen Schmerz in der Kehle und dem leichten Ziehen in der Herzgegend so wunderbar hingeben. Hannah liebte es, traurig zu sein, als sie noch jünger war, aber nur, solange die Trauer »künstlich« war. So nannte sie das, wenn der Auslöser der Trauer nicht real war. Wenn Leonardo di Caprio am Ende von Titanic in den eisigen Wellen versinkt, während Kate Winslet heiser flüsternd ihr Versprechen abgibt, ihn niemals zu vergessen. Oder wenn Charlotte im Buch stirbt. Nun, das hier war etwas anderes. Diese Trauer war echt, und der Schmerz war kein Genuss. Es kostete Hannah große Mühe, nicht zu weinen. Den ganzen Tag über strengte sie sich an, bis sie abends ins Bett gehen konnte und sich nicht mehr zusammenreißen musste. Vor allem heute. Sie alle hatten versprochen, sich zusammenzureißen. Sie hatten es Mum versprochen, auch wenn Hannah es nicht fair von ihr fand, sie darum zu bitten. Aber was war schon fair? Sie versuchte, nicht mehr an Charlotte zu denken. Nutzlose, dumme Spinne! Als Mum starb, waren jede Menge Leute bei ihr gewesen. Sie war inmitten vieler Menschen gestorben. Alle waren da gewesen und hatten sich um dieses schrecklich hohe Krankenhausbett versammelt, das man in das hübsche Zimmer geschoben und das dort so fehl am Platz gewirkt hatte. Ihre Schwestern Jen und Lisa ... Dad. Und der Pfarrer und der Arzt – beide mehr aus Zufall als geplant, überlegte Hannah. Dabei fiel ihr ein Gedicht von Philip Larkin ein, das sie in der Schule gelernt hatte – etwas über einen Priester und einen Arzt, die in ihren langen Mänteln querfeldein laufen und versuchen, Antworten auf die ewigen Fragen zu finden. Der Arzt kam jeden zweiten Tag, um nach Mum zu sehen, der Pfarrer, weil ihre Mutter nach ihm verlangt hatte. Was Hannah seltsam vorkam, da sie ihn ihrer Erinnerung nach in früheren Zeiten nur alle dreihundertfünfundsechzig Tage zu Gesicht bekommen hatte, und zwar am Weihnachtsmorgen, wenn er mit leuchtend roter, schnupfentriefender Nase O Little Town of Bethlehem schmetterte. Zu ihrem Vater sagte sie, dass ihre Mutter sich wohl nach allen Seiten absichere. Aber selbstverständlich nicht in Gegenwart des Pfarrers. Und im Erdgeschoß waren noch mehr Menschen anzutreffen, Freunde von Mum, die im regelmäßigen Turnus kamen und gingen, Tee kochten, den niemand trinken wollte, Sandwiches machten, die niemand essen wollte, und Anrufe entgegennahmen, die sonst keinen interessierten.
Hannah entschied sich gegen die Wimperntusche und griff nach der Bürste, mit der sie durch ihr langes, kastanienbraunes Haar fuhr. Mums Haar. Dads Haare waren an den Schläfen silbrig grau und oben am Kopf noch erstaunlich dunkel. Das wäre auch in Ordnung gewesen – die dunkle Farbe, nicht das Graue. Aber sie hatte nun mal Mums Haare geerbt. Als sie mit dem Bürsten fertig war, setzte Hannah sich an das Ende ihres Betts, faltete die Hände auf dem Schoß, presste sie zusammen und wartete.
Jennifer wollte keinen Kaffee, aber sie nahm den Becher trotzdem, damit ihre Hände etwas zu tun hatten, und wanderte damit durch das große Wohnzimmer. Das Haus war tadellos aufgeräumt. Im Sommer war es ein wunderbarer Ort. Mark hatte das Haus gebaut. Nicht mit eigenen Händen, doch er war Architekt und hatte es für sich und Mum in dem Jahr ihrer Hochzeit entworfen, kurz bevor Hannah zur Welt kam. Auf einem wunderschön gelegenen, drei Morgen großen Grundstück hatten die beiden einen grässlichen Bungalow, von dem bereits die senfgelbe Farbe abblätterte, erworben und umgehend vor den Augen der staunenden Nachbarn abgerissen, die sich kopfschüttelnd zuraunten, welche Mühe sich das ältere Paar, das ihn verkauft hatte, noch damit gemacht habe, jeden Nagel zu entfernen und jeden Riss in der Wand zu verputzen. Ein halbes Jahr hatte es gedauert, das neue Haus zu bauen, und diesen ganzen Sommer über hatten Mark und Barbara in einem Wohnwagen auf dem Bauplatz gewohnt. Jennifer sah ihre Mutter wieder vor sich, wie sie, schwanger mit Hannah, auf den Stufen des Wohnwagens stand und allen Tee anbot, den sie auf dem Campingkocher zubereitet hatte. Sie erinnerte sich bestens daran, wie schamlos ihr das damals erschienen war. Jennifer war zweiundzwanzig Jahre alt gewesen. Sie hatte seit ihrem achtzehnten Lebensjahr nicht mehr zuhause gewohnt und kannte Mark kaum. Irgendwie gehörte sich das nicht: Ihre Mutter, fünfundvierzig Jahre alt, die mit ihrem dicken, nicht zu übersehenden Babybauch mit einem zehn Jahre jüngeren Mann übergangsweise in diesem Chaos hauste. Jennifer hatte sich geschämt für sie. Oder für sich selbst?
Als sie jetzt dastand und in den Garten hinaussah durch die hohen Glastüren, die über die gesamte Rückseite des Erdgeschosses verliefen, fragte sie sich, ob sie nicht einfach nur eifersüchtig gewesen war. Sie hatte nie in diesem Haus hier gewohnt; sie war nie wirklich Teil des glücklichen, von Lachen erfüllten Familienlebens gewesen, das hier stattgefunden hatte, bevor ihre Mutter erkrankt war. Jede Ecke barg eine andere Erinnerung: Hannah als Baby auf einer karierten Decke unter diesem Apfelbaum, wie sie zufrieden mit ihren glatten, runden Ärmchen und Beinchen fuchtelte und strampelte. Ihre Mutter, die in ihrem geliebten Kräutergarten kniete und an den aromatischen Pflanzen zupfte. Mark, der die Hamburger auf dem Grill wendete; Mum, strahlend vor Glück und Zufriedenheit. Sie war stets nur eine Besucherin gewesen.
Stephen liebte das Haus. Als er das erste Mal hier gewesen war, war er stundenlang mit Mark herumgewandert und hatte Details bewundert, die Jennifer zuvor nie aufgefallen waren. Seine Fragen hatten jedoch nicht darauf abgezielt, dem Hausherrn zu schmeicheln, auch wenn Mark stets gern jede Gelegenheit nützte, mit dem Haus anzugeben. Jennifer wusste, dass Stephen sich eines Tages selbst so ein Haus wünschte. Natürlich konnten sie es sich noch nicht leisten. Doch ihre jetzige Wohnung – richtiges Viertel, hohe, sonnendurchflutete Räume – war immerhin ein guter Anfang. Sie war modern und schick eingerichtet, mit viel dunklem Wenge-Holz und Edelstahl. Mit dem Haus war sie jedoch nicht zu vergleichen, und das hatte nichts mit Geld zu tun. Es fehlte einfach die Atmosphäre.
Mark stellte sich neben sie und schaute ebenfalls in den Garten hinaus. »Müsste dringend mal gegossen werden. Alles stirbt.« Er schien nicht zu bemerken, was er gesagt hatte.
Sie lächelte ihn an. »Du hattest genug zu tun. Gönn dir eine kleine Verschnaufpause.«
»Sie wäre sauer.«
»Nein, bestimmt nicht.«
Mark schenkte ihr ein verhaltenes Lächeln, und Jennifer schmunzelte.
»Okay, vielleicht ein bisschen.«
»Wo ist Hannah?«
»Oben. Lisa hat gebadet – ich glaube, Hannah ist in ihrem Zimmer.«
»Kein Andy?«
»Nein. Ich habe sie nicht danach gefragt. Sie ist gestern Abend gekommen. Wir haben zusammen ein Curry gegessen und zu viel Rotwein getrunken. Aber sie hat ihn nicht erwähnt.«
Jennifer nickte. Sie überlegte, ob sie anbieten sollte, nach oben zu gehen und nach Hannah zu schauen. Aber eigentlich wollte sie nicht. »Wie geht es Hannah?«
»Sie ist sehr still. Seit Tagen schon. Kein Musikgedudel aus ihrem Zimmer. Sie hat auch kaum mit ihren Freundinnen telefoniert, und Besuch hatte sie auch nicht. Ich vermute mal, dass sie gern gekommen wären, wenigstens ein paar von ihnen, aber ich glaube nicht, dass sie mit jemandem gesprochen hat. Ich bin nicht einmal sicher, ob sie es ihnen überhaupt erzählt hat, obwohl sie es mittlerweile eigentlich wissen müssten. Nicht einmal Coronation Street hat sie sich angeschaut, und das macht mir wirklich Sorgen.« Er versuchte, unbekümmert zu klingen, aber das misslang ihm gründlich.
»Es ist noch so frisch, Mark. Sie hat ihre Mum verloren. Und sie ist erst fünfzehn.«
»Ich weiß. Es ... es ist hart. Ich bemühe mich ja, doch ich habe nicht mehr viele Reserven. Ich weiß, dass sie mich braucht. Aber ich ... ich brauche Barbara. Ich brauche sie, damit sie mir hilft. Aber sie ist nicht da.«
Oben klopfte jemand leise an Hannahs Tür.
»Herein.«
Es war Lisa, in ein Badetuch gehüllt, noch feucht von ihrem Schaumbad.
»Hast du was zum Schminken, Hannah? Ich habe alles vergessen. Ist das zu glauben? Darf ich reinkommen?«
Hannah nickte und deutete auf ihren Frisiertisch. »Aber nicht viel, nur ein bisschen – Wimperntusche, Lipgloss und so was. Nimm dir, was du willst.«
»Wunderbar.« Lisa schloss die Tür hinter sich und ließ das Handtuch zu Boden fallen. Darunter trug sie einen trägerlosen BH und einen Stringtanga, beides aus beigefarbener Spitze, die sehr teuer und hübsch aussah. Hannah reagierte verlegen, und Lisa sah, wie sie den Blick abwandte.
»Entschuldige meinen schamlosen Aufzug, aber mir ist so warm. Das Badewasser war viel zu heiß, und draußen hat es bestimmt schon fast dreißig Grad. Ich hätte lieber kalt duschen sollen.« Sie war ziemlich...




