E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Nöstlinger Lumpenloretta
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7074-5719-3
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7074-5719-3
Verlag: G&G Verlag, Kinder- und Jugendbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Querkopf liebt Traumtänzerin Christine Nöstlingers neuer Roman trifft mitten ins Herz Glatze und Loretta, kann daraus was werden? Hier der schweigsame Typ, der sich aus purer Sturheit wöchentlich seine Glatze neu schert. Da die quirlige angehende Zirkusprinzessin, die notgedrungen zu viele Grenzen überschreitet. Dann ist da auch noch Locke, die Verwirrung stiftet. Eine Dreiecksliebe ohne Zukunft, sollte man meinen. Aber, wie gesagt: Glatze ist ein sturer Bock ... Die traurige und zarte, wunderbar hoffnungsvolle Liebesgeschichte von Glatze und Loretta überrascht durch einen völlig neuen Ton und setzt einen Meilenstein in Christine Nöstlingers umfangreichem Schaffen. "Wenn dir das Schicksal eine Liebe aufhalst, bist du dagegen machtlos, da brauchst du gar nicht versuchen, dich zu wehren! Du musst es hinnehmen!" ... Es ist schwer zu glauben, dass einer wie Glatze, der nicht gern redet, und schon gar nicht über so Gefühlskram, das gesagt haben soll. Und da es die Loretta mit der Wahrheit nie hundertprozentig genau genommen hat, könnte es leicht sein, dass sie es erfunden hat. Was aber nicht heißen muss, dass es falsch ist."
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ANGEFANGEN HAT IM GRUNDE ALLES damit, dass die alte Frau Berger und der noch ältere Herr Berger, die im Nachbarhaus von Glatze, auf Hausnummer 19, gewohnt haben, in ein Senioren-Heim übersiedelt sind. Weil der Herr Berger schon seit langer Zeit im Rollstuhl gesessen ist und die Frau Berger es nicht mehr geschafft hat, ihn zu versorgen und auszuhalten. Er ist nämlich auch im Kopf total meschugge worden und hat geglaubt, dass sie ihn abmurksen will und er sich gegen sie mit dem großen Fleischmesser verteidigen muss. Aber das Senioren-Heim hat den beiden nicht wirklich gutgetan. Im Frühling drauf waren sie tot. Und alle in der Siedlung haben darüber gerätselt, wer nun das Berger-Haus erben wird. Kinder haben die beiden keine gehabt, von Freunden oder Bekannten, die Erbschleicher hätten sein können, sind sie auch nie besucht worden. Und alle Verwandten, von denen sie den Nachbarn irgendwann einmal erzählt hatten, waren längst tot.
Die Glatze-Mutter hat zur Locke-Mutter oft gesagt: „Hoffentlich hat das Haus jemand geerbt, der zu uns herpasst!“
Und die Locke-Mutter, die auf der anderen Seite vom 19er-Haus wohnt, hat vermutet: „Also, wie ich diese zwei schrulligen Zausel einschätze, haben sie ihr Haus garantiert der Caritas oder der Kirche vermacht, damit sie in den Himmel kommen!“
Und drauf hat die Glatze-Mutter gejammert: „Da sei Gott im Himmel vor, sonst macht die Caritas glatt noch ein Obdachlosen-Wohnheim daraus oder ein Asylanten-Quartier!“
Aber die Locke-Mutter hat behauptet: „Das wagt die Caritas nicht, die will keinen Unfrieden in eine gutbürgerliche Wohngegend tragen. Die verkauft das Haus sicher, falls sie es geerbt haben sollte!“
Gegen Ende der Sommerferien dann, an einem Donnerstag, am frühen Nachmittag, hat vor dem 19er-Haus ein echtes Wahnsinnsgefährt eingeparkt. Ein uralter schlammgrau-senfgelb-kackebraun gefleckter Autobus, militärisch tarnfarben für Wüstengegenden. So einer mit Teddybärschnauze und dickem Hinterteil. Unter den Seitenfenstern ist auf beiden Seiten mit großen, ziemlich krummen Blockbuchstaben in allen Regenbogenfarben aufgepinselt gewesen: PATSYS ALTWAREN-PARADIES. Und eine Mobil-Telefonnummer dahinter.
Glatze ist gerade beim Tor vom Vorgartenzaun gestanden, weil ihn seine Mutter zum Briefkasten um die Post geschickt hatte. Klarerweise ist er mit den zwei Briefen und dem Post-wurf-Kram nicht ins Haus zurück, sondern hat sich an den Zaun gelehnt und getan, als ob er die knalligen Angebote in den Werbeprospekten studieren würde. Wer aus dem Autobus aussteigt, hat er sehen wollen, und lange warten hat er nicht müssen. Zuerst ist eine Frau ausgestiegen. Eine im Mama-Alter, sehr klein und ein bisschen pummelig, Haare knallrot, streichholzkurz. Reingezwängt in eine hellblaue Lederjacke mit jeder Menge Lederfransen und silberner Nieten an allen erdenklichen Nähten, einer hellblauen Jeans mit absichtlich ausgefransten Löchern, die ihr leicht um drei Nummern zu eng gewesen ist, und Cowboystiefeln aus hellblauem Schlangenleder mit schief getretenen Absätzen.
Dann ist ein Mann im Papa-Alter aus dem Bus gesprungen. Lang und dünn. Ebenfalls in Fransenlederjacke, Jeans und Schlangenleder-Cowboystiefeln. Aber alles in dunkelgrau und ohne absichtliche Löcher. Speziell witzig hat Glatze dem seine Frisur gefunden. Kahlkopf mit Zopf! Oben glänzende, sonnenbraune Platte, und die spärlichen blonden Federn vom Haarkranz rundherum zu einem langen, dünnen Zopf geflochten, der unten mit einem Gummiringerl zusammengehalten wird. Bis zur Taille ist der Zopf gebaumelt. Der Kahlkopf mit Zopf hat einen Schlüssel aus der Hosentasche geholt, die Vorgartentür von Nummer 19 aufgemacht und ist zur Haustür. Die Pummelfrau hinter ihm her. Er hat die Haustür aufgesperrt und ist ins Haus rein. Die Pummelfrau wieder hinter ihm her.
Glatze hat sich vom Anblick der zwei Typen noch nicht wirklich erholt gehabt, da ist ein Mädchen aus dem Bus geklettert. Wenn du mich fragst, ein recht durchschnittliches Girl. Mittelgroß, dünn, Storchenbeine mit Kamelknien, braune Schnittlauchhaare bis zu den Schultern, sehr kleine Nase, riesige Augen, abstehende Flügelohren und ein viel zu langer Hals. Nur klamottenmäßig absolut nicht durchschnittlich, sondern noch irrer als die zwei Cowboy-Imitate. Von oben nach unten gesehen: weiß-grau-braun geflecktes, räudiges Hasenfelljackerl bis knapp über die Taille, lappiger, wadenlanger, gardinendurchsichtiger Rock und keine Strümpfe und keine Schuhe an den Füßen. Nichts gegen barfuß gehen und Hasenfell! Aber es war ein ziemlich kühler Sommertag ohne Sonne, mit viel Wind und zwischendurch Nieselregen, also wirklich kein Barfußtag, aber noch lange kein Pelzjackerltag.
Niemand kann sich aussuchen, in wen er sich verknallt. So etwas passiert dir einfach, ob du willst oder nicht. Glatze hat sicher nicht gewollt. Mit Liebe hat er nie etwas am Hut gehabt. Der hat doch nicht einmal bemerkt, dass Locke seit dem Kindergarten unsterblich in ihn verliebt ist, und wenn ihm das Zecke oder Zahn gesagt haben, hat er grantig geknurrt: „Pflanzt gefälligst einen anderen!“
Aber trotzdem knallt es irre in ihm, wie er das komische Girl sieht! Ob im Hirn, im Bauch oder in der Brust, das kannst du dir aussuchen. Wie der totale Volltrottel steht er da und starrt. Bringt es nicht einmal fertig, „Guten Tag!“ oder etwas in der Preislage zu sagen.
Das komische Girl hüpft zu Glatze hin und teilt ihm mit, dass sie Loretta heißt und nebenan wohnen wird, und Glatze bringt noch immer kein Wort raus, bloß wie der Blöde nickt er. Und dann fällt ihm glatt noch der Postkram aus den Händen und platscht zu Boden. Er bückt sich, um ihn aufzusammeln, die Loretta will ihm dabei helfen und – päng! – knallen ihre Köpfe zusammen.
„Du hast aber einen harten Schädel“, sagt die Loretta, richtet sich wieder auf und reibt sich die Stirn.
„Sorry!“, sagt Glatze und ist glücklich, wieder bei Stimme zu sein. Er will sagen, dass er Konrad heißt, weil er selber nennt sich ja nicht Glatze, doch da brüllt es kreischlaut aus dem tarnfarbenen Bus.
Die Loretta sagt: „Unser Hank ist munter geworden“, drückt Glatze die Zettel, die sie aufgehoben hat, in die Hände, rennt zum Bus und klettert rein. Kaum ist sie drin, hört das Gebrüll auf, und gleich drauf steigt sie mit einem Sabberbaby in den Armen aus dem Bus, ruft Glatze zu, dass das Baby ihr kleiner Bruder ist, und geht durch den Vorgarten vom Nachbarhaus der offenen Haustür zu.
Glatze hat gewartet, bis die Loretta im 19er-Haus ist, dann hat er die ganze Post in den Briefkasten zurückgestopft und ist langsam die Straße rauf. Nach dem letzten Haus ist er noch ein Stück weiter gegangen und zwischen den Büschen am Straßenrand durch und die Böschung runter und hat sich auf seinen Stein gesetzt. Der Stein gehört nicht wirklich ihm. Der Bauer, dem das Grünzeugfeld an der Böschung gehört, hat den babybadewannengroßen Granitbrocken vor ein paar Jahren aus der Erde gebaggert und am Feldrand abgelegt.
Glatze ist oft auf diesem Stein gesessen, und jeder hat gewusst, dass man ihn dann besser nicht anredet. Und jeder hat auch gewusst, dass es Glatze nicht mag, wenn sich jemand anderer auf dem Stein breitmacht. Da hat er echt biestig werden können. Stur hat er behauptet, dass ihm der Bauer den Stein geschenkt hat. Was natürlich nicht gestimmt hat. Aber jeder hat einen Tick, und weder Locke, noch Zecke oder Zahn haben es der Mühe wert gefunden, mit ihm deswegen lang und breit herumzustreiten.
Dass Glatze den Granitbrocken für sich allein hat haben wollen, ist aber schon erstaunlich gewesen, weil er keiner ist, der ungern mit anderen teilt. Im Gegenteil. Du kannst von seinem Schulbrot abbeißen, seine Buntstifte benutzen, seine Bücher und CDs ausborgen, von seinem Taschengeld etwas abkriegen, sogar sein Fahrrad und sein Handy leiht er dir, ohne mit einer einzigen Wimper zu zucken.
Als seinen „Denkstein“ hat er den Granitbrocken immer bezeichnet. Erklärt hat er, dass der Granit auf sein Hirn eine positive Wirkung hat und dass er auf dem Stein Gedanken kriegt, die ihm anderswo nie kommen würden. Granit, hat er behauptet, strahlt, und das strahlende Zeug heißt Radon, und dieses Radon flutscht durch seinen Hintern, sein Gedärm und seine Brust ins Hirn rauf und macht es superfit.
Zecke hat seine Mutter gefragt, ob sie das für möglich hält. Seine Mutter ist nämlich Chemie-Lehrerin. Sie hat gesagt, dass das völlig unmöglich ist, aber wenn sich Glatze das einbildet, soll man ihn ruhig bei seinem Glauben lassen, weil der Glaube Berge versetzen kann. Hauptsache, hat sie gesagt, er hat dort vernünftige Gedanken.
Glatze ist an die zwei Stunden auf seinem Denkstein gehockt, obwohl es zu regnen angefangen hat und der Wind sich angefühlt hat, als wäre nicht August, sondern November. Und die supertollen Gedanken, die ihm das Radon diesmal ins Hirn raufgeflutscht hat, waren angeblich folgende: Wenn dir das Schicksal eine Liebe aufhalst, bist du dagegen machtlos, da brauchst du gar nicht...




