Norton Die Borger
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7336-0200-0
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit farbigen Bildern von Emilia Dziubak
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Die Borger
ISBN: 978-3-7336-0200-0
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mary Norton wurde 1903 in London, England, geboren und wuchs in einer alten georgianischen Villa in der Grafschaft Bedfordshire auf, dem Manor House. Dieses Haus und die Erinnerung an seine Ecken und Winkel waren Ursprung und Schauplatz für Mary Nortons berühmte Geschichten über die Borger. 1952 erschien ?Die Borger?, der erste Band über Pod, Homily und Arrietty Clock, der noch im selben Jahr mit der begehrten Carnegie Medal ausgezeichnet wurde. Mary Norton zählt zu den führenden englischen Kinderbuchautorinnen der Nachkriegszeit. Sie starb 1992.
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Es war Pods Loch, das Tor seiner Festung, der Eingang zu seinem Heim. Sein Heim befand sich keineswegs in der Nähe der Uhr. Weit davon entfernt, könnte man sagen.
Es gab lange dunkle und staubige Gänge mit kleinen Holztüren zwischen den Balken und Metalltoren zum Schutz gegen die Mäuse. Pod benutzte alle möglichen Sachen für diese Tore: das flache Blatt einer zusammenschiebbaren Käsereibe zum Beispiel oder den Klappdeckel einer kleinen Geldkassette, Quadrate aus durchbohrtem Zinkblech von einem alten Fliegenschrank und eine Fliegenklatsche aus Draht. »Nicht, dass ich Angst vor Mäusen hätte«, sagte Homily immer, »aber ich kann nun mal ihren Geruch nicht ausstehen.« Arrietty hatte sich vergebens eine eigene kleine Maus gewünscht, eine kleine, blinde Maus, die sie eigenhändig großziehen konnte, »wie Eggletina sie besessen hatte«. Aber dann klapperte Homily mit den Topfdeckeln und rief: »Denk daran, was mit Eggletina passiert ist!«
»Was ist denn mit Eggletina passiert?«, fragte Arrietty dann. Aber niemand erzählte es ihr.
Nur Pod kannte den Weg durch die verschlungenen Gänge bis zu dem Loch unter der Uhr. Und nur er konnte die Tore öffnen. Da gab es komplizierte Verschlüsse aus Haarspangen und Sicherheitsnadeln, deren Geheimnis nur Pod allein kannte. Seine Frau und sein Kind lebten ein behütetes Leben in den gemütlichen Zimmern unter der Küche, weit weg von den Gefahren, die in dem gefürchteten Haus über ihnen lauerten. Aber es gab ein Gitter in der Backsteinwand des Hauses, genau unter dem Küchenfußboden, durch das Arrietty den Garten sehen konnte: ein Stück Kiesweg und eine Böschung. Dort blühten im Frühling die Krokusse, die Blüten eines unsichtbaren Baumes schwebten vorbei, und später blühte auch ein Azaleenbusch. Vögel kamen vorbei und pickten und schnäbelten, und manchmal kämpften sie miteinander. »Die vielen Stunden, die du mit diesen Vögeln verschwendest«, sagte Homily dann. »Und wenn dann mal etwas zu tun ist, hast du keine Zeit. Ich bin in einem Haus aufgewachsen«, fuhr Homily fort, »wo es überhaupt keine Gitter gab, und damit waren wir vollkommen zufrieden. Jetzt geh und hol mir die Kartoffel.«
An diesem Tag gab Arrietty der Kartoffel einen wütenden Tritt, als sie sie aus der Vorratskammer den staubigen Gang unter der Diele entlangrollte, so dass sie mit ziemlicher Geschwindigkeit in die Küche kullerte, wo Homily sich gerade über den Herd beugte.
»Du schon wieder!«, rief Homily und drehte sich ärgerlich um. »Du hast mich beinahe in die Suppe geschubst. Und wenn ich ›Kartoffel‹ sage, dann meine ich nicht die ganze Kartoffel. Nimm die Schere und schneid mir eine Scheibe ab.«
»Wusste ja nicht, wie viel du wolltest«, murmelte Arrietty, als Homily schnaufend und schnaubend eine halbe Nagelschere von ihrem Platz an der Wand nahm und anfing, damit die Kartoffel zu schälen.
»Du hast diese Kartoffel ruiniert«, grummelte sie. »Man kann sie nicht mehr durch den Staub zurückrollen, wenn sie erst mal angeschnitten ist.«
»Es gibt ja noch so viele andere«, sagte Arrietty.
»Das ist ja eine reizende Art zu reden: ›Noch so viele andere!‹ Weißt du eigentlich«, fuhr Homily ernst fort und legte die halbe Nagelschere nieder, »dass dein armer Vater jedes Mal sein Leben riskiert, wenn er eine Kartoffel borgt?«
»Ich meinte doch nur«, sagte Arrietty, »dass im Vorratsraum noch so viele andere liegen.«
»Nun geh mir aus dem Weg«, sagte Homily und fing wieder an, in der Küche herumzuhantieren, »was auch immer du meintest, lass mich das Essen kochen.«
Arrietty war durch die offene Tür ins Wohnzimmer geschlendert. Das Feuer brannte, und das Zimmer sah hell und gemütlich aus. Homily war stolz auf ihr Wohnzimmer. Die Wände waren mit Papierstreifen tapeziert, die aus alten Briefen gerissen worden waren. Pod hatte sie aus einem Papierkorb oben im Haus geborgt. Homily hatte sie so angeklebt, dass die Schrift von unten nach oben verlief. An den Wänden hingen Bilder von Königin Viktoria in verschiedenen Farben. Es waren Briefmarken, die Pod vor ein paar Jahren aus dem Briefmarkenkästchen im Morgenzimmer geborgt hatte. Ein lackiertes Schmuckkästchen diente ihnen als Sofa. Es war ausgepolstert, und der aufgeklappte Deckel bildete die Rückenlehne. Daneben stand ein besonders nützliches Möbelstück: eine Kommode mit Schubladen aus Streichholzschachteln.
Es gab einen runden Tisch mit einer roten Samttischdecke, den Pod hergestellt hatte, indem er den hölzernen Boden einer Pillendose auf dem Sockel eines Springers aus einem Schachspiel befestigt hatte. (Der Verlust dieser Figur hatte oben eine Menge Aufregung verursacht, als Großtante Sophys ältester Sohn während eines kurzen Besuchs mitten in der Woche den Vikar zu einer Partie Schach nach dem Essen eingeladen hatte. Rosa Pickhatchet, das damalige Hausmädchen, hatte gekündigt. Nicht lange danach wurden noch andere Dinge vermisst, und seit dieser Zeit führte Mrs Driver die Oberaufsicht.) Der Springer selbst, seine Büste sozusagen, stand auf einer Säule in der Ecke, wo er sich sehr gut machte und dem Zimmer ein gewisses Flair verlieh, wie es eben nur Statuen können.
Neben dem Kamin, in einem schiefen hölzernen Bücherschrank, befand sich Arriettys Bibliothek. Sie bestand aus einer Sammlung bekannter Bücher in Miniaturausgaben, welche in der viktorianischen Zeit ausgesprochen beliebt waren. Für Arrietty hatten sie die Größe riesiger Kirchenbibeln. Da gab es Bryces mit den Zahlen der letzten Volkszählung; Bryces mit kurzen Erklärungen wissenschaftlicher, philosophischer, literarischer und technischer Ausdrücke; Bryces mit einem Vorwort über den Autor. Ein anderes Buch, das nur leere Seiten enthielt, trug den Titel . Am liebsten aber mochte Arrietty ein Buch mit einem Spruch für jeden Tag des Jahres und der Lebensgeschichte eines kleinen Mannes namens General Tom Thumb, der ein Mädchen heiratete, das Mercy Lavinia Bump hieß. Ein Holzschnitt zeigte die beiden mit ihrem Zweispänner, der von kleinen Pferden gezogen wurde, die nicht größer als Mäuse waren. Arrietty war nicht dumm. Sie wusste, dass Pferde nicht so klein wie Mäuse sein konnten, aber sie begriff nicht, dass Tom Thumb, der etwa einen halben Meter groß war, einem Borger wie ein Riese vorkommen musste.
Arrietty hatte mit Hilfe dieser Bücher lesen gelernt. Schreiben hatte sie geübt, indem sie ihren Kopf so geneigt hatte, dass sie die Schrift auf der Tapete abschreiben konnte. Fast jeden Tag las sie in dem kleinen Buch und fand dort so manches tröstliche Wort. Heute hieß es da: ›Du kannst vom Regen in die Traufe kommen‹ und darunter: ›Der Hosenbandorden, gegründet 1348‹. Sie trug das Buch zum Kamin, setzte sich hin und stellte ihre Füße auf den Sims.
»Was machst du, Arrietty?«, rief Homily aus der Küche.
»Tagebuch schreiben.«
»Oh!«, rief Homily kurz aus.
»Was wolltest du denn?«, fragte Arrietty. Sie fühlte sich sicher. Homily mochte es, wenn sie schrieb; Homily förderte bei ihr jede Art von Bildung. Sie selbst, das arme, unwissende Geschöpf, kannte noch nicht einmal das Alphabet. »Nichts, nichts«, sagte Homily verstimmt und klapperte weiter mit den Topfdeckeln. »Es hat Zeit bis nachher.«
Arrietty holte ihren Bleistift hervor, einen kleinen weißen Stift mit einem Stückchen Seidenschnur daran. Er hatte einmal zu einer Tanzkarte gehört, aber in Arriettys Hand wirkte er wie ein Nudelholz.
»Arrietty!«, rief Homily wieder aus der Küche.
»Ja?«
»Leg doch ein bisschen Holz nach, ja?«
Arrietty spannte ihre Muskeln an, hievte das Buch von ihren Knien und stellte es aufrecht auf den Boden. Das Feuerholz, die Kohlen und das zerkrümelte Kerzenwachs wurden in einem Senftopf aus Zinn gesammelt und mit einem Löffel herausgeschaufelt. Arrietty streute nur ganz wenig auf das Feuer, um die Flammen nicht zu ersticken. Dann stand sie da und wärmte sich. Es war ein schöner Kamin. Arriettys Großvater hatte ihn gebaut. Er bestand aus einem Zahnrad, das einmal zu einer alten Apfelpresse gehört hatte. Die Speichen des Zahnrades standen wie ein Sternenkranz ab, während das Feuer selbst in der Mitte brannte. Die Abzugshaube darüber war ein kleiner, umgedrehter Metalltrichter. Er hatte zu einer Petroleumlampe gehört, die früher auf dem Tisch oben in der Halle gestanden hatte. Über ein System von Röhren wurde der Rauch von der Abzugshaube bis zum oberen Küchenabzug geleitet. Um Feuer zu machen, schichteten sie Streichhölzer auf und nährten es mit Kohlestücken. Wenn es brannte, wurde das Eisen heiß, so dass Arrietty darauf Nüsse rösten und Homily in einem silbernen Fingerhut die Suppe kochen konnte. Wie gemütlich diese Winterabende sein konnten! Arrietty las manchmal aus ihrem großen Buch vor, das sie auf den Knien hielt. Pod saß an seinem Leisten (er war Schuster und konnte Knöpfstiefel aus Kinderhandschuhen machen, jetzt allerdings nur noch für seine Familie), und Homily beschäftigte sich, wenn sie endlich zur Ruhe gekommen war, mit ihrem Strickzeug.
Homily strickte Jacken und Strümpfe auf schwarzköpfigen Stecknadeln und manchmal auch auf Stopfnadeln. Ein großes Knäuel Seide und Baumwolle stand tischhoch neben ihrem Stuhl, und wenn sie zu heftig daran zog, rollte das Knäuel zur offenen Tür hinaus in den staubigen Gang. Arrietty wurde dann hinterhergeschickt, um es vorsichtig wieder hereinzurollen. Der Fußboden des Wohnzimmers war mit dunkelrotem Löschpapier ausgelegt. Das sah warm und gemütlich aus und saugte die...




