E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Nygårdshaug Der Fliegenfischer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-87-26-79187-7
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-87-26-79187-7
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein neuer Fall für den weinliebenden Restaurantbesitzer und Amateurdetektiv Fredric Drum: Kaum hat Drum eine Fährkollision, bei der er selbst über Bord ging, sowie einen möglichen Mordanschlag überlebt, als er zu einem archäologischen Sensationsfund zweier alter Moorleichen ins abgelegene Gebirgstal in Nord-Østerdal als Dechiffrierungsexperte gerufen wird. Doch auch hier scheint es jemand auf ihn abgesehen zu haben, wie er beim Fliegenfischen feststellen muss...-
Gert Nygårdshaug, geboren 1946 in Tynset, ist ein norwegischer Schriftsteller, der vor allem für seine Kriminalromane um den Hobbydetektiv und Gastronomen Fredric Drum bekannt ist, jedoch hat er auch Lyrikbände, Erzählungen, Romane und Kinderliteratur veröffentlicht. Zum Schreiben kam Nygårdshaug 1966, nachdem er zunächst als Zimmermann gearbeitet hatte. Ab 1980 konzentrierte er sich hauptberuflich auf die Schriftstellerei. Sein Öko-Thriller 'Mengele Zoo' (1989) wurde 2007 auf dem Literaturfestival in Lillehammer zum 'besten norwegischen Buch aller Zeiten' gekürt.
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Ein kleiner Eskimo verbeugt sich und verschwindet, und Fredric Drum sucht sich Jungle Cock,
Black Gnat und Verre enn minken aus Torbjørn Tinderdal putzte gründlich seine Brille, und sein freundliches Mondgesicht lauschte interessiert. Sie hatten noch eine Stunde bis zur Öffnung der »Kasserolle«, und die beiden Freunde saßen an ihrem privaten kleinen Tisch hinter den Weinregalen. In der Küche war der Kochlehrling WackradaisanWickramashingshe,ein Einwandereraus Nordindien in der zweiten Generation, mit dem letzten Abschmecken einer ganz besonderen Estragonsauce beschäftigt. »Sie trieb also im Wasser«, fuhr Fredric fort, »und ich kann dir sagen, Tob, sie ist eine exakte Kopie von der Eskimomumie, die du hier siehst. Ein Baby.« Fredric Drum zeigte Tob ein Bild in einer archäologischen Zeitschrift. »Hmmm«, sagte Tob und setzte seine Brille auf. »Ein kleiner Jäger, der nie zu einem Jäger wurde. Haben die Inuit ihre Toten im Eis bestattet?« »Nein«, antwortete Fredric, »die Inuit, die Eskimos, haben Steingräber angelegt. Sie haben in der Regel über dem Toten Steine aufgehäuft und ihn mit verschiedenen praktischen Gegenständen ausgerüstet, die er im jenseitigen Leben gebrauchen könnte. Diese Babymumie wurde 1973 von einem Schneehuhnjäger gefunden, der zufällig unter einer Klippe ein paar merkwürdige Steinformationen bemerkte. Nachdem er einige flache Steinplatten entfernt hatte, blickte er direkt auf die außergewöhnlich gut erhaltene Mumie einer Frau hinunter. Im Laufe der weiteren Untersuchungen stellte man fest, dass das Grab noch mehr Leichen enthielt, darunter dieses kleine Baby. Die C14-Datierung hat ergeben, dass die Leichen um das Jahr 1470 bestattet worden sein müssen.« Tob blieb mit dem Bild der Mumie in der Hand sitzen und betrachtete es genau. »Schön«, sagte er, »in den Zügen dieses jungen Gesichts hat sich eine elegante Selbstsicherheit erhalten. Selbstsicherheit und Trotz. Als ob der Tod keine Rolle gespielt habe, als ob die blinden Augenhöhlen die innerste Wahrheit und tiefste Bedeutung des Universums enthielten. Das vollkommene Verständnis eines Jägers von der Natur, in der er jagen will. Niemand kann diese Mumie anschauen, ohne in tiefes Nachdenken über ein ungelöstes Rätsel zu verfallen.« »Ein ungelöstes Rätsel«, wiederholte Fredric. »Auf jeden Fall ist es ein ungelöstes Rätsel, warum eine solche Puppe im Inneren Oslofjord treibt. Und die Augen, Tob, du hättest die Augen sehen müssen: In die leeren Augenhöhlen sind gelbe Katzenaugen eingesetzt, die intensiv glühen.« »Der Jäger verschmolz mit seiner Beute«, sagte Tob kryptisch. Fredric war mit seinen Gedanken an einem ganz anderen Ort. Die schockierende Begegnung mit der Puppe hatte drei Phasen gehabt: das tragische Unglück, das dazu geführt hatte, dass er sie gefunden hatte, der Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, als er sie aus dem Handtuch gewickelt und begriffen hatte, um was es sich handelte, und last but not least, die Entdeckung, dass sich die Puppe oben auf dem Bücherregal in eine sitzende Position erhoben hatte. Es hatte eine Weile gedauert, bis er in seinem leichten Rotweinrausch begriffen hatte, dass es dafür eine völlig natürliche Erklärung gab: Die Wärme, die von der Heizung hinter dem Regal aufgestiegen war, hatte die nassen Ledersachen, in die die Puppe gekleidet war, sehr rasch getrocknet. Diese hatten sich ein bisschen zusammengezogen, genug, um die Stellung der Puppe so zu verändern, dass es wirkte, als ob sie sich gegen die Wand aufgesetzt hätte. Aber ihre Augen hatten noch lebendiger gewirkt, als sie so dasaß. Sie hatten ihn bis weit in den Schlaf verfolgt. Tob erhob sich, als Wack aus der Küche rief. Fredric begann, in einem Stapel Papiere zu kramen, der auf einem Regal hinter dem Tisch lag. Ihm war plötzlich etwas eingefallen, etwas, woran er vor mehr als drei Jahren gearbeitet und wofür er einige Anerkennung bekommen hatte. Dabei handelte es sich um die Deutung einer alten Runeninschrift, die damals gerade auf Grönland gefunden worden war. Ursprünglich war Fredric ein vom Militär ausgebildeter Entschlüsselungsexperte. Schon seit der Grundschule hatte er sich leidenschaftlich für Geheimschriften und das Entziffern von Codes interessiert. Bei der Armee hatte er eine gründliche Ausbildung erhalten, es aber allmählich immer langweiliger gefunden, militärische Codes zu knacken. Es erschien ihm ziemlich sinnlos. Er sehnte sich nach anderen Aufgaben, die ihm größere Herausforderungen bieten würden. Nach mehrjährigen Sprachstudien an der Universität glaubte er, für eine besondere Arbeit gerüstet zu sein: Er nahm sich vor, bisher nicht entschlüsselte Ursprachen zu deuten. Angefangen hatte er mit der subtilen Bilderschrift der Maya, aber bei diesem Projekt musste er sich geschlagen geben. Vorläufig. Es gab zwar seriöse Gerüchte, dass es den Forschern nun endlich gelungen sei, die Maya-Schrift zu entschlüsseln, aber Fredric war skeptisch. Die Auszüge, die ihm zugeschickt worden waren, wirkten nicht überzeugend. Als Nächstes hatte er mit einer neuen Deutung der Linear B, der merkwürdigen Schrift der kretischen Minos-Kultur, begonnen. Hier hatte er einen wichtigen Durchbruch erreicht, was dazu geführt hatte, dass er jetzt in kryptologischen und piktologischen Kreisen als eine gewisse Autorität betrachtet wurde, wennauchseineabschließendeArbeitüberdieLinear Bimmer noch nicht offiziell abgesegnet war. Das zog sich hin. Es dauerteJahre,dasträgeundkonservativeMilieuzudurchdringen, das die klassische Archäologie prägte. Aber Fredric hatte Zeit, jede Menge Zeit, und es machte ihm Spaß. Er betrachtete seine Beschäftigung mit diesen Dingen als ein anregendes Hobby, das sein Gehirn auf Trab hielt und ihm größtmögliche Entspannung ermöglichte. Neben der Arbeit in der »Kasserolle« und seiner Leidenschaft für gute Weine war dieses Hobby gerade richtig. Es rundete die Ganzheit seiner Existenz ab. Fredric stieß auf die Runeninschriften, an denen er vor einigen Jahren gearbeitet hatte. Auf dem höchsten Gipfel der Insel Kingittorsuaq auf Grönland hatte man einen kleinen Stein gefunden. Der hatte zwischen drei Steinpyramiden gelegen. Den Forschern war es gelungen, das Folgende zu entschlüsseln: »Erling Sigvatson und Bjarne Thordson und Enride Odson errichteten am Samstag vor dem Prozessionstag diese Steinpyramiden und …« Den letzten Teil der Inschrift konnten die Forscher nicht deuten. Fredrics Interesse war erwacht. Was verbarg sich hinter dem letzten »und«? Das Entscheidende an der Runenbotschaft schien in dem zu liegen, was noch nicht entschlüsselt war. Nach dreimonatigen intensiven Studien mit einer Neuanordnung des Runenalphabets hatte er ein eindeutiges Resultat vor sich liegen. Der Text lautete als Ganzes: »Erling Sigvatson und Bjarne Thordson und Enride Odson errichteten am Samstag vor dem Prozessionstag diese Steinpyramiden und erbaten Schutz vor dem in Leder gekleideten Jägergott der Skrælinge, der das Wild dorthin führte, wo die Skrælinge es wollten.« Der Runenstein war mit einiger Unsicherheit auf das dreizehnte Jahrhundert datiert worden. Man hatte Fredrics Deutung akzeptiert. Skræling war der Name, den die Skandinavier den Eskimos gegeben hatten. In der späteren Literatur konnte man sehen, dass dieser Jägergott der Eskimos, dessen Unterstützung sie bei der Jagd in Anspruch nahmen, von den Skandinaviern mit Furcht und Respekt beschrieben wurde. Als Papst Innozenz im Jahr 1492 den Benediktiner Martin Knudsen zum Bischof von Grönland ernannte, schickte dieser einige merkwürdige Berichte, die mit zierlicher Handschrift auf polierte lange Tafeln aus Walrossknochen geschrieben waren. Die Berichte enthielten ausführliche Beschreibungen dieses Jägergottes, der eine vollkommen unerklärliche heidnische Kraft und Magie zu besitzen schien und gegen den die Skandinavier nicht ankommen konnten. Wie der Bischof mitteilte, trug jeder Skræling, wenn er auf die Jagd ging, einen heimlichen Talisman bei sich, der im Kontakt mit diesem gefürchteten Jägergott stand. Der Portugiese João Vaz Corte-Real, der zusammen mit Didrik Pinning und Hans Pothorst auf Wunsch von König Christian I. Ende des fünfzehnten Jahrhunderts eine Expedition nach Grönland unternahm, beschrieb den Jägergott noch konkreter, als er nach Hause berichtete: »Es gibt da eine starke Kraft, die die Beute zum Jäger treibt und sie von uns Weißen fortlockt. Diese Kraft trägt jeder Skræling an einer Schnur aus gewundenen Vogelfedern unter seinem Anorak. Es ist eine kleine Puppe in Lederkleidung mit gelben, leuchtenden Katzenaugen.« (Codex Reale, Lissabon 1507) Eine kleine Puppe in Lederkleidung mit gelben, leuchtenden Katzenaugen. Fredric las seine alten Notizen durch und wurde immer neugieriger. Das war merkwürdig, wirklich sehr merkwürdig. Wack und...




