E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten
Reihe: Clare Hart-Romane
Orford Todestanz
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-14032-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 3, 416 Seiten
Reihe: Clare Hart-Romane
ISBN: 978-3-641-14032-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein kleines Mädchen. Ein Elite-Polizist. Im Schatten des Tafelbergs lauert das Böse ...
Freitagabend. Eine verlassenen Straße unterhalb des Tafelbergs. Ein sechsjähriges Mädchen wartet nach dem Ballettunterricht auf seine Mutter. Allein. Dann ist es verschwunden ...
Das Mädchen ist Yasmin, die Tochter von Riedwaan Faizal, Elite-Polizist in Kapstadt. Niemand weiß so gut wie er, dass die meisten vermissten Mädchen nicht lebend gefunden werden. Ihm bleiben 72 Stunden, um seine Tochter zu retten. Und seine Unschuld zu beweisen. Denn seine Exfrau ist überzeugt, dass er Yasmin entführt hat. Riedwaan hat allein keine Chance, und es gibt nur eine einzige Person, die ihm helfen kann: Profilerin Dr. Clare Hart ...
Margie Orford, als Tochter südafrikanischer Eltern in London geboren, zog im Alter von sechs Jahren nach Namibia, wo ihre Eltern im Estosha National Park Löwen erforschten. Margie wuchs in Windhoek auf und studierte in Südafrika. Auf dem Höhepunkt der Apartheid wurde sie als Redakteurin der kritischen Studentenzeitung 'Varsity' verhaftet und ein Jahr lang inhaftiert. Ihre Abschlussarbeiten in Philosophie und Englischer Literaturgeschichte schrieb sie im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses. Wieder auf freiem Fuß, wollte sie die Welt sehen und reiste per Anhalter von der iranisch-türkischen Grenze bis nach Amsterdam. Zurück in Südafrika studierte sie bei dem Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee. Sie verbrachte zwei Jahre in England und kehrte nach der Geburt ihrer ersten Tochter in das inzwischen befreite Namibia zurück. Dort arbeitete sie als Publizistin, Journalistin und Filmemacherin. Neben ihren preisgekrönten Zeitungsartikeln und Reportagen veröffentlichte sie Sachbücher und ein großes wissenschaftliches Werk über weibliches Schreiben in Namibia. 'Blutsbräute' ist ihr erster Roman, der Presse und Publikum im südlichen Afrika im Sturm eroberte. Die Idee zu ihm kam ihr, als sie für eine Reportage über Frauen- und Kinderhandel in Kapstadt recherchierte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Kapstadt.
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Zwei
Grün. Clare Hart zwängte ihren Wagen durch den Freitagmorgenverkehr, zwischen den Taxis und den »Bakkies« genannten Pick-ups hindurch, die in die Stadt drängten. An der Ampel pickten drei Glanzkrähen an einem Hundekadaver herum, hüpften vor und zurück, die schwarzen Augen fest auf den Verkehr gerichtet und mit unfehlbarem Timing. Eine Horde von Jungen, die um Kronkorken würfelten, starrte Clare an. In den müllübersäten Höfen bellten angekettete Hunde. Sie war auf der Suche nach einer namenlosen Straße – das Straßenschild war schon längst heruntergerissen und als Altmetall verkauft worden. Clare sah an den pockennarbigen Gebäuden hoch; dreistöckige Wohnhäuser ohne Aufzug, in denen es im Sommer glühend heiß und im Winter eisig kalt war. Typisch für die Flats. Die Gebäude waren nach längst vergangenen Schlachten benannt, die Menschen am anderen Ende der Welt ausgefochten hatten. Waterloo, Hastings, Agincourt, Trafalgar, Tobruk. Die Menschen, die hier lebten, nannten das Viertel Bagdad. Coke bringt Leben rein. Ein handgemalter Werbespruch in Rot und Weiß an der Wand eines Eckcafés, dessen kleines Ausgabefenster mit dickem Draht vergittert war. An der Ecke gegenüber die Grundschule, Müllfetzen an einem verrosteten Stacheldrahtzaun. Auf dem Spielplatz wimmelte es von Kindern in weißen Hemden und Blusen; die Mädchen mit flaschengrünen Röcken, die Jungen mit grauen Hosen. In einer Ecke stand einsam ein kleines Mädchen unter einem von Schüssen durchlöcherten Schild. Ihre Nachbarschaftswache wacht über Sie. Das Mädchen hielt seine Brotbox umklammert. Die großen, dunklen Augen folgten Clare, als sie vorbeifuhr. Wie aus dem Nichts erschienen ein paar ältere Jungen, umstellten das kleine Mädchen, schlugen ihr das Sandwich aus der Hand und schubsten sie herum. Das Mädchen wehrte sich nicht. Ein Junge schob die Hand rücksichtslos und forschend unter ihren Rock. Tränen rollten über die ausgezehrten Wangen des Mädchens. Clare drückte auf die Hupe, und die Jungen – zehn, elf Jahre alt – drehten sich nach ihrem Auto um. Sie war auf der einen Seite des Zaunes; sie waren auf der anderen. Sie gaben dem Mädchen einen letzten, festen Schubs und verschwanden im Rudel, um sich in ein Fußballmatch auf dem staubigen Sportplatz zu stürzen. Das Mädchen rappelte sich auf und verschwand, ohne ihr zertrampeltes Mittagessen aufzuheben, strich sich im Weglaufen den Rock glatt und steckte die weiße Bluse wieder in den Bund, um die ihr angetane intime Berührung vergessen zu machen. Die Ampel schaltete um, und Clare fuhr weiter. Die Hoekstanders nahmen sie ins Visier, und der kleinste verschwand in einem Durchgang, sobald sie vorbeigefahren war. Die Nachricht von ihrer Ankunft eilte ihr voraus. Sie warf einen Blick auf die Anzeige für die Zentralverriegelung. Orange. Clare bremste ab. Die schäbigen Bauten waren von Narben zerfressen. Innerhalb von vierzehn Tagen waren bei einem plötzlich aufflammenden Bandenkrieg fünf Kinder getötet worden. Bei den Beisetzungen wurden die kleinen weißen Särge von grimmig dreinblickenden Onkeln und Rache schwörenden Brüdern getragen; dahinter folgten die resignierten Mütter, die schluchzend in ihre Häuser zurückkehrten, um auf den nächsten Gewaltausbruch, die nächsten Kriegsopfer zu warten. Noch war es nicht dazu gekommen. Noch nicht. El Alamein. Zu Schatten ausgeblichene Buchstaben kennzeichneten den Block, nach dem Clare suchte. Ein frisch gemalter Hammer mit Sichel kennzeichnete ihn als Territorium der Afghanen. Sie hielt an. Ein Junge löste sich von einer Wand, kam mit tief sitzenden Jeans angeschlendert. Clare war auf seinem Territorium, das wusste er; und er wusste, dass sie es wusste. Ihr Puls beschleunigte sich, während sie den vereinbarten Text in ihr Handy eintippte. Ein zweiter Junge, ausgemergelt wie ein Straßenköter, tauchte unversehens an der Ecke auf. Zwei weitere lösten sich von der Wand und gesellten sich zu den anderen. So dicht beisammenstehend verschmolzen ihre Körper zu dem einer vielgliedrigen Kreatur. Sie blickte auf das Display ihres Handys. Noch keine Antwort. Sie sah zu den Fenstern des Sozialbaus auf. Alle geschlossen. Im dritten Stock senkte sich ein Vorhang. Vor ihr bewegte sich etwas. Die Jungen an der Ecke kamen langsam auf sie zu. Der Junge an ihrem Fenster hatte beide Hände auf die Scheibe gelegt. Er beugte sich vor und starrte sie mit überraschend grünen Augen an. Clare ließ das Fenster herunter. Nach dem Zischen eines Zündholzes breitete sich ein stechender Tabakgeruch aus. »Sie rauchen nicht?« Er hatte bemerkt, wie ihre Nasenflügel gebebt hatten. »Nein.« »Dann sind Sie die Ärztin, die meine Mutter gerufen hat?« Clare nickte. Das war nicht der Zeitpunkt, ihm den Unterschied zwischen einer Doktorarbeit in Medizin und einer über Vergewaltigung und mehrfachen Frauenmord zu erläutern. »Mach das aus.« Sein Tonfall änderte sich kaum hörbar – mehr Autorität brauchte es nicht. Der scharfe Geruch verwehte. »Sie wartet schon auf Sie.« Ein Minibus-Taxi rumpelte durch die Straße, die Musikanlage so weit aufgedreht, dass der Rhythmus der Bässe durch den Teer und Clares Rückgrat vibrierte. Sie hängte sich die Kameratasche über die Schulter und stieg aus. »Sie können ganz ruhig sein. Sie sind mit Lemmetjie zusammen.« Lemmetjie, dünn wie die scharfe Klinge, der er die Narbe am Hals und seinen Spitznamen verdankte, hob beide Arme in einer Kreisbewegung, die sie und die Straße einschloss. »Hier tut Ihnen keiner was.« Er ging neben ihr zum Eingang des Hauses. Die mit Graffiti beschmierte Tür ging auf, bevor Clare anklopfen konnte. Vor ihr stand eine winzige Frau. Sie sah aus wie fünfzig und war wahrscheinlich fünfunddreißig. Sie nahm Clares Hand. »Dr. Hart?« »Clare.« »Ich bin Mrs Adams«, sagte sie. »Kommen Sie herein.« Clare folgte ihr ins Wohnzimmer, wo ein Vorhang die Kochnische gegen die dicht vor dem Fernseher aufgestellten Sofas abschirmte. Über dem Bildschirm eine Studioaufnahme von einem kleinen Mädchen. Mit fleckenlosem weißem Kleid, einem für den Fotografen gezähmten Lockenkranz und klaren grünen Augen, die Clare anzusehen schienen. »Das ist sie, Frau Doktor.« Sie zündete sich eine Zigarette an. Ein ferner Nachhall dieses perfekten Gesichts schwebte noch in den ausgezehrten Zügen der Frau, die ansonsten von der Geschichte dieses Ortes gezeichnet war. Die Narbe an der Lippe war eine Hinterlassenschaft der Faust ihres Mannes. Ihre Augen waren scharf und grün. Genau wie Lemmetjies, genau wie die ihrer vermissten Tochter. »Wo ist sie?« »Ich möchte, dass Sie das aufnehmen«, sagte sie. »Damit die Wahrheit festgehalten wird.« Clare holte die Kamera heraus und schwenkte von dem Foto des kleinen Mädchens zu der Frau an ihrer Seite. »Verschwunden. Gestern.« »Sie haben sie gestern noch gesehen?«, fragte Clare nach. »Da war sie hier?« Die Frau ließ den Kopf in die Hände sinken. »Ich habe gedacht, sie ist bei meiner Mutter.« »Aber da ist sie nicht?« »Meine Mutter hat sie Zigaretten holen geschickt. Danach ist sie nicht mehr zurückgekommen. Sie haben gedacht, die Kleine wäre nach Hause gegangen und schon hier. Lemmetjie und seine Tjommies haben sie gesucht, aber sie war nirgendwo zu finden.« Clare spürte eine bleierne Last. »Und ihr habt überall gesucht?« »Bei allen ihren Freundinnen und meinen Tanten«, sagte Lemmetjie. »Und meiner anderen ouma.« »Und niemand hat sie gesehen?« »Niemand.« »Habt ihr auch im Laden nachgefragt?«, hakte Clare nach. »War sie dort?« »Ja. Die Frau hat ihr die Zigaretten gegeben.« »Und niemand hat sie mit jemandem zusammen gesehen?« Lemmetjie schüttelte den Kopf. »Mehr weiß man nicht?«, fragte Clare. »Sê vir haar«, sagte Mrs Adams. »Auf der Straße war ein Auto. Mit getönten Fenstern«, sagte Lemmetjie. »Jemand anders hat gesagt, dass ein Onkel mit ihr geredet hätte.« »Ich habe Sie gestern Abend im Fernsehen gesehen. In Missing, dieser Sendung von Ihnen über diese Gangstertochter, diese Pearl. In der Cape Sun war auch was über Sie. Die haben geschrieben, Sie hätten ein paar vermisste Mädchen gefunden«, sagte Mrs Adams. »Sie ist mos vermisst, eine – wie haben Sie sie genannt? – Persephone, die in die Hölle gezerrt worden ist. Sie haben behauptet, Sie würden genau das machen mit Ihrem Projekt. Nach vermissten Mädchen suchen und sie zu ihren Müttern zurückbringen.« »Ich versuche herauszufinden, was mit ihnen passiert ist.« Clare setzte die Kamera ab. »Die Mädchen, die ich gefunden habe« – da gab es nichts zu beschönigen –, »waren schon tot.« Mrs Adams schlang die Arme um ihren ausgemergelten Leib. »Wenn sie tot ist, dann will ich wenigstens ihren Leichnam haben. Finden Sie mir irgendwas, das ich begraben kann.« Mrs Adams schüttelte eine weitere Zigarette aus dem Päckchen auf dem Tisch, zündete sie an, schlängelte sich zwischen Wand und Couch zum Fenster durch und hob den Vorhang an. Sie zog an ihrer Zigarette, als wäre es der letzte Strohhalm. »Harry Oppenheimer hat seine Goldminen. Voëltjie Ahrend und seine Gangster haben das hier.« Sie schwenkte ihre Hand über das Gewirr von kleinen Häuschen und Hinterhofschuppen. »Das hier ist auch eine Goldmine. Ihnen gehört die Polizei. Wenn ich zur Polizei...




