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E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Ortese Iguana
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-7518-8030-5
Verlag: Friedenauer Presse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein romantisches Märchen
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7518-8030-5
Verlag: Friedenauer Presse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Den jungen Mailänder Grafen Aleardo verschlägt es bei seiner Suche nach zum Verkauf stehenden Ländereien auf eine einsame Insel vor der Küste Portugals, die nicht einmal auf den Landkarten zu finden ist. Eine Insel des Bösen, wie sein Matrose glaubt. Tatsächlich tragen sich auf Ocaña seltsame Dinge zu: Drei verarmte Brüder eines portugiesischen Aristokratengeschlechts halten in einem heruntergekommenen Herrenhaus ein mysteriöses Wesen als Dienstmädchen, das Mensch und Echse, geschundene Kreatur und verwunschene Prinzessin zugleich ist – Iguana. Der Graf gerät in den Bann des schönen Geschöpfs, das unter den Menschen ein elendes Dasein fristet. Bei seinem leidenschaftlichen Versuch, das Geheimnis der Insel zu ergründen und Iguana zu retten, versinkt Aleardo immer mehr in eine verhängnisvolle Welt von Traum und Wahn, in der alles aus den Fugen gerät.
Iguana untersucht das gestörte Verhältnis zwischen Kultur und Natur, den Missbrauch von Macht, die Übel von Kolonisation und Kapitalismus. Mit viel Zartgefühl für die Mittellosen und Elenden erzählt Anna Maria Ortese ein mitreißendes modernes Märchen, in dem das Böse nicht in Gestalt eines gefräßigen Wolfes oder einer arglistigen Hexe erscheint, sondern im Menschen selbst liegt.
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I
DER SPAZIERGANG IN DER VIA MANZONI
Daddo
?IE du weißt, Leser, reisen die Mailänder alljährlich, wenn es Frühling wird, in die Welt hinaus auf der Suche nach Ländereien, die sie kaufen könnten. Um dort Häuser und natürlich Hotels und später vielleicht sogar Sozialwohnungen zu bauen; vor allem aber suchen sie nach noch unverfälschten Formen von »Natur«, nach dem, was sie unter Natur verstehen: eine Mischung aus Freiheit und Leidenschaft mit nicht geringer Sinnlichkeit und einem Hauch von Wahnsinn, woran es ihnen bei der Rigorosität des modernen Lebens in Mailand offenbar fehlt. Begegnungen mit den Eingeborenen und dem verschlossenen Adel dieser oder jener Insel gehören zu den begehrtesten Gefühlserregungen, und wenn dir scheint, Gefühlserregung sei ein den weitreichenden Möglichkeiten des Geldes wenig angemessenes Ziel, so bedenke, wie eng wirtschaftliche Stärke und Erschlaffung der Sinne miteinander zusammenhängen, weshalb ein Höchstmaß an Kaufkraft mit einer merkwürdigen Abstumpfung und einem allgemeinen Mangel an Unterscheidungsvermögen und Genussfähigkeit einhergeht; und dem, der heutzutage alles Mögliche speisen könnte, schmeckt nur noch wenig oder gar nichts mehr. So jagt er einigen starken Genüssen nach (die am Ende keineswegs stark, sondern ganz gewöhnlich sind) und würde sein Leben dafür geben. Vielleicht gilt das nicht für die Mehrheit der Mailänder, die, durch das Geschäftsleben eingeengt, noch keine Reisen gemacht, noch nichts gesehen haben und außerdem auch nur begrenzt neugierig sind; gewiss aber trifft es für eine Minderheit zu, nämlich für jene, die die Zierde ihrer Stadt sind, und dennoch sollte man nicht meinen, dass es unter ihnen nicht auch arglose, reine, vernünftige Menschen gäbe, kurz, das Beste der alten Lombardei. Im Gegenteil.
Don Carlo Ludovico Aleardo di Grees aus dem Geschlecht der Herzöge von Estremadura-Aleardi und Graf von Mailand, einer Familie entstammend, die allem Anschein nach zu zwei Dritteln schweizerischiberischer Herkunft war, und gleichwohl der heiterste und gutherzigste Lombarde, den man sich nur vorstellen kann, war einer von diesen. Mittlerweile um die dreißig, aber noch ausgesprochen jugendlich, als einziger Sohn durch den Tod seines Vaters in den Besitz eines umfangreichen Vermögens gelangt, das die Gräfin, seine Mutter, umsichtig verwaltete, verband der gute Graf Aleardi Segelleidenschaft und einen vom Vater geerbten vagen Idealismus mit einer weniger vagen, wenngleich unfreiwilligen Berücksichtigung der präzisen und komplizierten Interessen der Mutter, die für den jungen Mann während der folgenden Jahre eine immer rascher fortschreitende Vermehrung jener Besitztümer (in Form von Häusern und Grundstücken) im Auge hatte; und deshalb machte er sich jedes Frühjahr auf die Suche nach Grundstücken, auf denen er, der Architekt war, später Villen und Jachtclubs für die gute Gesellschaft der Mailänder Sommerfrischler bauen wollte. Sie hatten bereits viel gekauft und hatten vor (das heißt, die Gräfinmutter hatte es vor), noch mehr zu kaufen. Dem Daddo – so wurde der Graf genannt – schien allerdings nicht besonders viel daran zu liegen. Von irgendwoher hatte er eine christliche Unbekümmertheit im Blut, die ihn im Grunde gleichgültig gegen alle Besitztümer machte, so als sei der Sinn der Dinge ein anderer. Welcher, das wusste er nicht und würde es bei seiner bescheidenen Intelligenz vielleicht auch niemals wissen; berühmt aber war selbst damals, als Mailand noch nicht so trostlos war, sein stets bereites frisches und doch verhaltenes Kinderlachen, als würden ein den anderen verborgenes Fest, eine Musik hinter einer Mauer oder eine geheimnisvolle Gewissheit innerer Ruhe und Glückseligkeit, unabhängig von Jugend, Besitz und Namen und allzeit verfügbar, ihm Sicherheit geben. Er hatte noch nicht geheiratet und wollte es auch, trotz des Drängens der Gräfinmutter, die schon einige angesehene Schweizer Familien besucht hatte, noch nicht tun, weil ihm schien, das würde ihn einschränken … worin eigentlich, weiß man nicht. Er führte das einfachste Leben, das man sich nur denken kann, ein wahres, geradezu eintöniges Einsiedlerleben; den ganzen Tag saß er in seinem Büro und zeichnete Häuser wie ein Kind, während abends seine einzige Zerstreuung darin bestand, sich mit Boro Adelchi zu treffen, einem jungen Verleger der Nouvelle Vague, überaus ehrgeizig und noch nicht aus den Anfangsschwierigkeiten heraus, dem der Daddo, nebenbei bemerkt, ständig hinter dem Rücken der Mutter eine Menge Geld zukommen ließ.
Und ebendieser Adelchi war es, der an einem jener Aprilabende, wenn Mailand über und über grün und ganz zart ist und die Via Manzoni gar kein Ende zu nehmen scheint, den Anstoß zu jenem Abenteuer gab, das wir erzählen wollen.
Boro Adelchi also sagte ein wenig nachdenklich: »Ja, die Dinge stehen nicht schlecht … aber wir müssten etwas noch nie Dagewesenes, etwas Außergewöhnliches finden. Die Konkurrenz ist stark … Wenn du auf Reisen gehst, Daddo, warum solltest du mir nicht etwas ganz Urtümliches, vielleicht sogar Abartiges beschaffen? Es ist schon alles entdeckt, aber man weiß ja nie … alles ist möglich …«
»Am besten die Konfessionen irgendeines Verrückten, der womöglich in ein Leguanweibchen verliebt ist«, antwortete der Daddo scherzend; wer weiß, wie er darauf kam. Aber er schwieg sofort, beschämt, dass er mit Krankheit und Tiernatur sein Spiel trieb, zwei Dingen, denen er, wie viele Lombarden, obwohl er keinerlei Erfahrung damit hatte, tiefstes Mitgefühl entgegenbrachte.
»Ich weiß nicht«, entgegnete Adelchi, der den Scherz gar nicht bemerkt hatte, »ich würde eher sagen, irgendein Gedicht, einen canto, in dem die Auflehnung des Unterdrückten zum Ausdruck kommt …« Und er schwieg ebenfalls, aber nur weil seine diesbezüglichen Vorstellungen nicht ganz klar waren und er sich schämte, den Grafen dies merken zu lassen, der andererseits genauso wenig auf dem Laufenden war wie er.
Und an dieser Stelle ist es angebracht, auf eine eigenartige Verwirrung hinzuweisen, die zu der Zeit die lombardische Kultur beherrschte und deshalb auch das Verlagswesen beeinflusste, nämlich hinsichtlich dessen, was unter Unterdrückung und daraus folgender Auflehnung zu verstehen sei. Beides erschien den Lombarden, vermutlich im Widerstreit mit der bedrohlichen marxistischen Ideologie, lediglich als eine Sache der Gefühle und der Freiheit, diese zu äußern, wobei sie vergaßen, dass es (aufgrund der althergebrachten Traditionen in dieser Welt) dort, wo kein Geld ist oder wo man mit Geld alles kaufen kann, wo Not und große Unwissenheit herrschen, auch keine Gefühle gibt oder keine Lust, sie zu äußern; kurz, die Lombarden waren überzeugt, dass eine unterdrückte Welt etwas zu sagen habe, während doch, wenn die Unterdrückung alt und echt ist, das Unterdrückte nicht einmal existiert oder kein Bewusstsein seiner Unterdrückung mehr hat, sondern existent, wenn auch ohne wahres Bewusstsein, ist einzig und allein der Unterdrücker, der manchmal aus Gewohnheit die Formen nachahmt, die von Rechts wegen dem Opfer zustünden, wenn es noch existieren würde. Aber solche Spitzfindigkeiten und Spinnereien konnte man natürlich unmöglich den Verlegern anbieten, die gierig nach etwas verlangten, was den flauen Appetit des Publikums anzuregen vermochte. Derartige Überlegungen hätten den Ablauf der Produktion gefährdet, während die Wendung des erwähnten Konflikts in eindeutig traditionelle und deshalb beruhigende Formen, wie sie damals sehr in Mode waren, Zustimmung, Begeisterung, Wohlwollen und somit Verkauf und somit – da capo! – das liebe Geld garantierte.
Um auf unsere beiden jungen Leute zurückzukommen, wie sie heiter durch die Via Manzoni spazierten, und vor allem auf den Daddo, der, wie wir bald sehen werden, durch seine Unwissenheit nicht ernstlich eingeschränkt und so großmütig und reinen Herzens war, dass er deinen Respekt verdient, Leser; Daddo also sagte: »Wir werden sehen … ich will es versuchen. Ich habe die Vorstellung, dass es jenseits von Gibraltar etwas Unrechtmäßiges und deshalb auch Leidendes geben muss … Ich werde in den Bibliotheken nachforschen und mir Karten besorgen … Du aber, Boro, versprich mir, das Ganze ohne viel Aufhebens zu veröffentlichen … einzig und allein zu dem Zweck, die geistige Entwicklung der Mailänder zu fördern … Sonst nicht«, schloss er mit einem Lächeln, das weniger scherzhaft gemeint war, als es den Anschein hatte, und neigte dabei leicht den edlen Kopf vor, den ein wahrer Silberhelm umschloss – so früh und ohne jeden Grund ergrauten die Aleardi –, was dem feinen Gesicht bisweilen eine mittelalterliche Würde verlieh.
»Das verspreche...




