E-Book, Deutsch, 275 Seiten
Ostrop Ein Garten voll Glück
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95818-226-4
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 275 Seiten
ISBN: 978-3-95818-226-4
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autorin und Diplomübersetzerin Barbara Ostrop ist 1963 geboren und arbeitet seit 1993 als literarische Übersetzerin. Seitdem hat sie für große Publikumsverlage über 100 Romane und einige Sachbücher aus dem Englischen übertragen. Genres: Frauenbuch, Krimi und Thriller, Historischer Roman, Jugendbuch und Fantasy. Eigene Veröffentlichungen: 'Ein Garten voll Glück' (2017, Ullstein forever) sowie einige Kurzgeschichten. Putlitzer-Preis 2022 für die beste Kurzgeschichte.
Autoren/Hrsg.
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2
»So geht es einfach nicht weiter«, sagte Leah. »Andere Mütter arbeiten doch auch. Warum klappt das nur bei mir nicht?«
»Hör doch nicht auf diesen Trottel, diesen Harvey Morson«, sagte Jane. »Der hat doch keine Ahnung. Dem wäre es wahrscheinlich am liebsten, wenn alle Frauen den ganzen Tag hinter dem Herd stünden.«
»Ja, aber in einem hat er recht. Lily ist wirklich andauernd krank.«
»Sie hat nun mal Pseudokrupp«, entgegnete Jane. »Das ist einfach so. Dafür kannst du nichts.«
Sie saßen in Leahs winzigem Wohnschlafzimmer zusammen, Jane auf der Couch, die nachts zum Bett aufgeklappt wurde, und Leah auf dem Sitzsack. Lily schlief im Kinderzimmer nebenan.
»Ich hab das Gefühl, je mehr Stress ich habe, desto öfter kriegt sie einen Anfall«, erklärte Leah. »Und je öfter sie einen Anfall kriegt, desto mehr Stress habe ich. Und dann diese Luft hier. Die ganzen Abgase. Und der Krach. Bei jedem Lastwagen, der hier nachts langrumpelt, wacht sie auf.«
»Ach was, nachts fahren doch keine Lastwagen.«
»Hast du 'ne Ahnung.«
Jane setzte die schmale Hornbrille ab, die ihr Gesicht noch ein wenig kantiger wirken ließ, als es ohnehin schon war, und zog ein Mikrofasertuch aus der Brusttasche ihres Blazers. Sie war direkt nach der Arbeit vorbeigekommen und trug noch ihre Büroklamotten. Sie rieb die Gläser sauber und setzte die Brille wieder auf.
»Vielleicht solltet ihr aufs Land ziehen.«
»Und dann pendeln? Ist ja super, ohne Auto.«
Jane musterte sie nachdenklich. Plötzlich kramte sie in ihrer Handtasche und zog etwas heraus. Eine zusammengelegte Zeitungsseite. Sie faltete sie auf und reichte sie Leah. Es waren Anzeigen. Eine war rot eingekreist.
»Ich hab nach einem Nebenjob für meine kleine Schwester geschaut. Und da hab ich das hier gesehen und musste an dich denken. Das mit Lily geht doch schon so, seit du angefangen hast zu arbeiten. Aber vielleicht wär ja das da was für euch.«
Leah las den markierten Text: Gesellschafterin für ältere Dame gesucht. Kost und Logis frei. 1.000,- Pfund VHB.
Dazu eine Telefonnummer mit einer Vorwahl aus Greater London.
»Ja und?«, fragte Leah. »Was soll ich damit?«
»Vielleicht könntest du mit Lily zusammen einziehen«, antwortete Jane.
»Einziehen?«, fragte Leah. »Wo denn einziehen?«
»Na, da steht doch Kost und Logis frei.«
»Nee«, sagte Leah. »Ich geb doch meine Wohnung nicht auf.«
»Und die Abgase und der Krach?«, fragte Jane.
»Na ja«, sagte Leah. »Aber ich will auch nicht in irgend so ein Kämmerchen. Und von einem Kind ist da auch nicht die Rede.«
Jane beugte sich vor, streckte den Arm aus und tippte auf die Seite in Leahs Hand. »Also, angucken kostet nichts. Vielleicht musst du ja gar nicht in die Hundehütte. Ruf doch mal da an.«
»Okay, mach ich vielleicht mal.«
»Also, da ist die Nummer und da ist dein Telefon.« Jane sah sie auffordernd an.
Leah zögerte. Jane war eine kluge Freundin, deren Ratschläge fast immer Hand und Fuß hatten. »Du meinst, anrufen, jetzt sofort?«
»Ja, probier's einfach.«
»Du bist verrückt.«
»Schalt bitte den Lautsprecher ein. Ich bin total neugierig.«
Leah wählte, und beim dritten Tonzeichen wurde abgenommen. Eine Frauenstimme.
»GameWorld 2099, Hallenspielplätze und mehr.«
Leah zögerte verblüfft. »Entschuldigung, ich habe mich wohl verwählt.«
»Worum geht es denn?«
»Ich rufe wegen einer Anzeige im London Informer an.«
»Da sind Sie ganz richtig. Warten Sie, ich verbinde Sie.«
Leah wartete. Dann erklang wieder eine Frauenstimme, diesmal älter, ein wenig rau und energisch.
»Hallo, Ich bin Mrs. Henderson vom Chefsekretariat. Sie rufen wegen unserer Anzeige im London Informer an?«
»Ja«, antwortete Leah. »Meine Freundin meinte, also, ich meine, ich meinte, oder jedenfalls, ich dachte, ich könnte ja vielleicht mal gucken.« Sie merkte, dass sie stammelte. Jane hatte sie zu sehr überrumpelt.
»Oh, Sie klingen aber sehr jung«, kam es aus dem Hörer zurück. »Wir hatten uns eigentlich eine etwas ältere Dame vorgestellt.«
»Ja, also.« Leah riss sich zusammen. Wenn sie schon anrief, konnte sie sich auch Mühe geben. »Also, wir sind sogar noch jünger. Meine kleine Tochter wäre nämlich auch dabei.«
»Ein Töchterchen. Hm, das klingt interessant. Wie alt ist das Kindchen denn?«
Leah erschrak ein bisschen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Lily ein Pluspunkt sein würde. Sie wollte ihre Tochter doch nicht vermarkten. Sie sah Jane an. Die hob begeistert beide Daumen.
»Sie ist drei.«
Die Chefsekretärin räusperte sich, und plötzlich klang ihre Stimme sanfter.
»Bei der Dame, der sie Gesellschaft leisten würden, handelt es sich um die Mutter unseres Firmenchefs. Wie wäre es, wenn Sie einmal zusammen mit ihrem Töchterchen hier vorbeikommen? Dann könnten wir alles besprechen.«
Leah war ein wenig benommen. Das ging ihr alles zu schnell. Aber Jane nickte wild.
»Gerne«, antwortete Leah mit belegter Stimme. »Wann soll ich denn kommen? Und wohin?«
»Kommen Sie doch gleich«, erwiderte Mrs. Henderson. »Playland Road 6 in Loveham. Wohnen Sie in London? Mit der Southeastern sind Sie vom Bahnhof London Bridge in zwanzig Minuten da. Steigen Sie in Loveham aus. Und dann fünf Minuten zu Fuß. Das Sekretariat liegt in der ersten Etage, Zimmer 101. Ich bin noch bis neunzehn Uhr da.«
»Also, heute geht es nicht«, antwortete Leah. »Meine Tochter schläft gerade. Und sie ist krank.« Verdammt, dachte sie dann. Dass Lily krank ist, hätte ich nicht zu sagen brauchen.
Aber mit der Befürchtung, dass das Mrs. Henderson abschrecken könnte, lag sie vollkommen falsch. Die Chefsekretärin klang jetzt eher noch freundlicher. »Oh, das tut mir leid. Dann kommen Sie doch übermorgen, am Sonntag. Und zwar in die Playland Road 8. Das ist dann auch gleich das Haus, in dem Sie Mrs. Wright Gesellschaft leisten würden. Und dort könnten Sie auch schon einmal Bekanntschaft mit ihr schließen.«
Leah legte auf und sah Jane an. »Auweia«, sagte sie. »In was hast du mich da reinmanövriert.«
Jane strich sich durch die kurzen, dunklen Locken und lachte. »Du guckst einfach mal, ob es was für euch ist. Das kann doch nicht schaden. Und mal ehrlich. Schlimmer, als es jetzt ist, kann es nicht werden.«
Leah stieß die Luft aus. »Schlimmer geht immer«, sagte sie. »Aber du hast recht. Schauen kann ich ja mal.«
»Apropos schauen, ich hab hier ein Geschenk für dich«, sagte Jane plötzlich. Sie kramte ein kleines, buntes Päckchen aus ihrer Handtasche. »Ich war letztes Wochenende auf einem Kunsthandwerkmarkt. Und da hab ich was Tolles gefunden.«
Sie reichte Leah das Päckchen. »Komm schon, mach es auf«, sagte sie.
Leah riss das Geschenkpapier ab. Im Inneren lag eine Art Band. Sie nahm es heraus. Es war eine vielleicht einen Meter lange, weinrote Schnur aus Filz, die zu einer Schlaufe geschlossen war. Leah betrachtete sie verständnislos. »Was ist denn das?«, fragte sie.
»Ich hab auch so eins«, sagte Jane. Sie kramte in ihrer Handtasche und holte eine ebensolche Filzschlaufe heraus, wie sie Leah gegeben hatte. »Du musst die Schnur achtfach zusammenlegen, dann passt sie genau über die Hand. Einfach dreimal doppelt.«
Sie machte es Leah vor.
Leah folgte ihrem Beispiel und betrachtete ihren neuen Armschmuck. Er sah fast aus wie Leder, schmiegte sich aber warm um ihr Handgelenkt. »Ist das eine Art Freundschaftsband?«, fragte sie.
»Nein«, sagte Jane. »Doch, ja, natürlich, auch. Aber der Clou ist ganz was anderes.«
Sie streifte ihr Band vom Handgelenk und entfaltete es zu seiner ganzen Länge. So, wie sie die Schlinge jetzt hielt, baumelte sie einfach in zwei Strängen herab. Dann nahm sie sie mit beiden Händen hoch und flocht sie auf beiden Seiten zwischen die gespreizten Finger. Die Schnur war jetzt zwischen ihren Händen gespannt wie ein langgezogenes Oval. Sie streckte Leah die Hände entgegen. »Erinnerst du dich?«, fragte sie.
»Oh«, sagte Leah. »Das ist ja das Fadenspiel.«
»Wie damals auf dem Schulhof«, sagte Jane. »Ich hab das schon ewig nicht mehr gesehen.«
»Es war eine richtige Seuche.« Leah dachte an die alten Zeiten. »Jemand hatte es eingeschleppt, und dann fingen alle damit an. Sogar die Jungs. Immer standen auf dem Schulhof irgendwo ein paar Kinder zusammen, die das Fadenspiel machten. Das lief eine ganze Weile so, und dann hat sich die Welle wieder gelegt.«
»Genau. Weißt du noch, wie es ging?« Jane nahm den Faden der rechten Hand mit den Fingern der linken auf und umgekehrt, so dass er sich jetzt sechsfach zwischen ihren Händen spannte, zweimal über Kreuz.
Leah griff in die Fadenfigur und nahm ab. Jetzt hatte der Strang zwischen ihren Händen drei Kreuzungspunkte. »Das hier kann ich noch, aber wie macht man weiter?«
»Ja, das ist die Frage«, erwiderte Jane. »Ich habe es total vergessen.« Sie versuchte, erneut abzunehmen, aber die Figur löste sich auf und war nun einfach nur noch ein doppelt gelegtes Oval. Sie probierten es noch eine Weile und gaben dann auf.
»Ich werde das Armband tragen«, sagte Leah. »Als Freundschaftsband. Und vielleicht finde ich ja mal jemanden, der mir zeigen kann, wie es weitergeht.«
»Wie geht es eigentlich mit deinen Eltern...




