E-Book, Deutsch, Band 5, 480 Seiten
Reihe: Die Inspector McLean-Reihe
Oswald Gedenke der Toten
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-19912-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 5, 480 Seiten
Reihe: Die Inspector McLean-Reihe
ISBN: 978-3-641-19912-8
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
James Oswald begann bereits während des Studiums zu schreiben. Mit seinen ersten beiden Thrillern wurde er für den renommierten Debut Dagger Award nominiert. Seitdem stürmen seine Krimis um den Edinburgher Ermittler Tony McLean regelmäßig die britischen Bestsellerlisten.
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2
Haben Sie eine Minute Zeit, Inspector?«
Detective Inspector McLean verlangsamte seine Schritte mehr aus Überraschung denn aus dem Wunsch heraus, mit der Person zu sprechen, die, wie durch Zauberhand, neben ihm erschienen war. Er hatte gehofft, vor der Besprechung alle mit der Arbeit zusammenhängenden Gedanken aus seinem Kopf verbannen zu können. Doch das Schicksal meinte es offenbar nicht gut mit ihm.
»Ms Dalgliesh. Ich dachte, Sie wären unten im Parlament. Soll da heute nicht mal wieder über das Unabhängigkeitsreferendum debattiert werden?«
»Heute und jeden Tag, deshalb ist mein Redakteur ja nicht interessiert.« Dalgliesh trug trotz der schwülen Nachmittagshitze den für sie typischen langen Ledermantel. In ihrem Mundwinkel hing eine nicht angezündete Zigarette, was zeigte, dass sie etwas von ihm wollte. Wäre die Zigarette angezündet gewesen, hätte das bedeuten können, dass sie ihm nur einen Höflichkeitsbesuch abstattete, bevor sie ihm das Messer zwischen die Rippen stieß.
»Wie ich höre, konnten Sie diese Ganoven, die die zum Festival gekommenen Touristen ausgeraubt haben, dingfest machen.«
»Interessiert Sie das mehr als Politik?«
»Für mich ist alles interessanter als Politik. Man munkelt, es seien überwiegend Osteuropäer. Die Leute lieben es, wenn man ein bisschen ethnische Spannung in die Berichterstattung reinbringt. Nach dem Motto: Die sind nicht nur hier, um uns die Jobs wegzunehmen, sondern auch noch unser Geld.«
»Tut mir leid, dass ich Ihren Alltagsrassismus enttäuschen muss, aber bei den festgenommenen Bandenmitgliedern handelt es sich durchweg um Einheimische. Morgen, vielleicht am Donnerstag, findet eine Pressekonferenz dazu statt.« McLean beschleunigte seine Schritte, in der Hoffnung, an sein Ziel zu gelangen, bevor es anfing zu regnen. Und bevor Ms Dalgliesh ihn noch mehr nervte.
»Ehrlich gesagt, Inspector, geht es mir gar nicht darum. Ich kann diesen ganzen Quatsch selber nicht mehr ausstehen, aber man muss eben tun, was der Redakteur sagt, sonst gibt’s kein Zeilenhonorar und keine Verfassernennung.« Dalgliesh ging schneller, um mit ihm auf gleicher Höhe zu bleiben, musste jedoch bei jedem dritten oder vierten Schritt einen kleinen Zwischenschritt einlegen.
»Was wollen Sie also dann von mir?«
»Dass Sie mir einen Gefallen tun.«
McLean blieb so unvermittelt stehen, dass Dalgliesh ein paar Schritte weiterlief, bis sie es gemerkt hatte. Sie drehte sich um und trottete zurück; er sah sie entgeistert an.
»Einen Gefallen? Ist das Ihr Ernst? Warum sollte ich auch nur daran denken, Ihnen …?«
»Na ja, zum einen, weil ich Ihnen in dem Fall einen schulden würde.«
McLean musterte die Reporterin und suchte nach Anzeichen dafür, dass sie ihn auf den Arm nehmen wollte. Schwierig zu sagen, denn ihr ewig gleicher Gesichtsausdruck war der einer Frau, die ihr Mäntelchen nach dem Wind hängte. Sicher, er verachtete fast alles, was Dalgliesh tat und wofür sie stand, andererseits war der Goodwill einer Journalistin, vor allem einer Enthüllungsreporterin mit fragwürdiger Berufsmoral, nicht etwas, was man einfach so überging.
»Ich höre«, sagte er – und wurde mit einer längeren Pause belohnt. Was immer Dalgliesh auch wollte, es fiel ihr schwer, darum zu bitten – was heißen musste, dass es sich um etwas Wichtiges handelte.
»Ben Stevenson. Kennen Sie ihn?«
McLean nickte. »Der arbeitet doch auch in Ihrer Branche, oder?«
»Ja. Aber Sie müssen gar nicht so die Nase rümpfen. Ben ist okay.«
»Ich bezweifle, ob Ihnen da jeder zustimmen würde. Ich erinnere mich, dass er in der Vergangenheit nicht besonders nett zu meinem Chef gewesen ist.«
»Dagwood? Über den was auszugraben lohnt sich nicht. Kann schon sein, dass er ein Clown ist, aber er ist einer der ehrlichsten Polizisten, die ich kenne.«
»Ich dachte da eigentlich mehr an Jayne McIntyre. Sie hätte Assistant Chief Constable werden können, wenn Ihr Freund Ben nicht diesen Artikel über ihr Privatleben geschrieben hätte.«
»Ja, na ja, so ist das eben.« Dalgliesh war so anständig, verlegen dreinzuschauen, wenn auch nur zwei Sekunden lang. »Aber egal: Sie wäre da oben an der Spitze sowieso verschwendet. Manche Leute sind eben dazu geboren, Detectives zu sein.«
»Sie sind zu reizend, Ms Dalgliesh. So wie Ihr Freund mit seinen schmutzigen Fantasien. Auf Wiedersehen.« McLean bog in die East Preston Street und machte sich auf den Weg zu den Überresten seines alten Mietshauses und seinem Treffen mit den Leuten von der Baufirma, die das Gebäude sanieren und umbauen wollten.
»Ben wird vermisst!«, rief ihm Dalgliesh hinterher. »Er ist verschwunden.«
McLean blieb stehen. Es wunderte ihn gar nicht, dass ein Journalist eine Zeit lang vom Radar verschwand; es gehörte quasi zum Job. Doch wenn Dalgliesh sich so große Sorgen machte und sich an ihn wandte, dann musste die Angelegenheit sehr viel ernster sein.
»Was meinen Sie damit – verschwunden? Ist er in Urlaub gefahren und hat vergessen, euch anderen das mitzuteilen?«
»Ben hat sich in fünf Jahren nie mehr als ein paar Tage am Stück freigenommen. Er lebt für seinen Job, er kann es nicht ausstehen, untätig herumzusitzen.«
»Also ist er einer Story auf der Spur.« McLean sagte das bloß, weil er nicht in die Sache hineingezogen werden wollte. Aber dafür war es schon zu spät.
»Ja, das stimmt. Aber das Ganze hat sich hier abgespielt. In der Stadt. Und er hat mir anvertraut, dass es ein Knüller werden würde.«
»Hat er gesagt, worum es dabei geht?«
Dalgliesh lehnte sich an die Mauer und zündete sich eine Zigarette an. Nahm einen tiefen Zug und behielt den Rauch ein paar Sekunden in der Lunge, bevor sie ihn wieder ausstieß. »Um sich dann von jemandem wie mir die Story wegschnappen zu lassen? Seien Sie nicht blöd.«
»Woher wissen Sie eigentlich, was er vorhatte?« McLean warf einen Blick über die Straße, wo eben eine funkelnde schwarze Limousine in zweiter Reihe geparkt hatte. Das musste der Leiter der Bauträgerfirma sein, der zu ihrem Meeting kam.
»Ich bin schließlich Reporterin«, sagte Dalgliesh. »Es ist mein Job, meine Nase in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken.«
»Sie glauben also, dass sich Mr Stevenson selbst in Schwierigkeiten gebracht hat?«
»Na ja, er ist seit fast einem Monat nicht mehr in der Redaktion gesehen worden. Hat nicht auf Anrufe geantwortet. Ist nicht zu Hause gewesen, und seine Ex hat seit sechs Wochen auch nichts mehr von ihm gehört.«
»Seine Ex? Warum sollte die das interessieren?«
»Weil er an jedem zweiten Wochenende ihre gemeinsamen kleinen Mädchen zu sich nehmen muss. Sieht ihm gar nicht ähnlich, das zu vergessen.«
Aus dem Auto waren zwei Geschäftsleute in Anzügen ausgestiegen, die sich Schutzhelme aufsetzten und durch die Haustür ins Gebäude hineingeführt wurden.
»Ich kümmere mich um die Sache, sobald ich kann, okay?« McLean zückte sein Handy, drückte auf den Schirm, bis das Notizbuch-Menü erschien, und tippte eine Notiz, mit schlimmen Tippfehlern, als Erinnerungsstütze ein. »Ich müsste im Moment ganz woanders sein.«
Dalgliesh lächelte. McLean fand den Anblick so verstörend, dass er einen Augenblick lang glaubte, ihr Schädel würde sich gleich öffnen und es würde darin irgendetwas Verwestes sichtbar werden. »Sie sind ein Schatz, Inspector. Ich schicke Ihnen alles zu, was ich bereits habe.«
Bilder seines Schreibtischs, der sich schon jetzt unter dem Gewicht des nicht erledigten Papierkrams bog. Noch mehr davon konnte er wirklich nicht gebrauchen.
»Ich verspreche aber gar nichts«, sagte er. »Und sollte dieser Freund von Ihnen sonnengebräunt und mit einer neuen Freundin wieder auftauchen, schulden Sie mir einen doppelten Whisky.«
Er hatte das Haus gemieden. Hatte sich vor dem emotionalen Aufruhr versteckt, für den es stand; das würde jedenfalls Matt Hilton sagen. Vielleicht würde er sogar recht damit haben, doch in erster Linie lag es daran, dass seine Wohnung in Newington auf McLeans zunehmend längerer Liste mit Prioritäten ganz unten stand. Natürlich erklärte das nicht, warum er die Briefe der Anwälte oder des Bauträgers, die Wohnung zu erwerben, nicht beantwortet hatte, und weshalb er nun schon seit Wochen die diesbezüglichen Anrufe ignorierte.
Das Problem war simpel. Er besaß einen Anteil an dem Gebäude, weil ihm eine der Wohnungen gehörte, die bei dem Brand zerstört worden waren. Zwar war es einer cleveren Bauträgerfirma gelungen, die meisten anderen Anteile aufzukaufen, aber sie konnte ohne seine Einwilligung nichts unternehmen. Die Firma hatte ihm Geld angeboten, ziemlich viel Geld, wenn er schnell verkaufte. Und es gab wirklich keinen Grund, warum er das Angebot nicht annehmen und aus der Wohnung ausziehen sollte. Doch er brachte es einfach nicht über sich.
Der Seniorpartner seiner Anwaltskanzlei war persönlich aufs Revier gekommen und hatte eine Stunde lang zusammen mit den Betrunkenen, Obdachlosen und den einfach nur Einsamen im Empfangsbereich gewartet, bis McLean schließlich von einem Tatort zurückgekehrt war. Mehr als alles andere hatte dies McLean schließlich vom Ernst der Lage überzeugt. Das Problem würde nicht verschwinden, wenn er es nur lange genug ignorierte; und außerdem wurden andere Leute durch seine Untätigkeit belästigt. Seine Großmutter wäre über seine Unhöflichkeit entsetzt gewesen.
Und so war er also hier, wieder in Newington, für ein Treffen vor Ort, um den Umbau zu besprechen....




