E-Book, Deutsch, 235 Seiten
Oswald Tod im Schwarzwald
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-222-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 235 Seiten
ISBN: 978-3-98952-222-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Susanne Oswald ist Bestsellerautorin - ihr Traum wurde wahr. Die gebürtige Freiburgerin liebt die Nordsee. Gemeinsam mit ihrem Mann am Strand spazieren zu gehen und den Abend vor dem Kamin mit Strickzeug auf dem Schoß ausklingen zu lassen, ist für sie das Schönste. Mit dem Kopf ist sie fast immer bei ihren Heldinnen und Helden und es macht sie glücklich, ihre Fantasie Wirklichkeit und Buchstaben zu ihren Geschichten werden zu lassen. Die Website der Autorin: susanneoswald.de Die Autorin bei Facebook: facebook.com/AutorinSusanneOswald Bei dotbooks veröffentlichte Susanne Oswald ihren Roman »Das kleine Weihnachtshaus des Glücks«, den Jugendroman »Liebe heißt Chaos« und den Krimi »Tod im Schwarzwald«.
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EINS
15. September
Hoch. Runter. Hoch. Runter. Hoch. Wie in Trance bewegte ich die Rolle über die Wand. Wie hatte ich nur auf die Idee kommen können, ein altes Fachwerkhaus zu kaufen und es selbst zu renovieren? Und wieso hatte Ellen bei dem Wahnsinn mitgemacht, anstatt mich abzuhalten? Wir hätten so gemütlich in ihrem Haus am Titisee bleiben können – aber nein, Clarissa Sturschädel Kleinschmidt musste ja ihren Kopf durchsetzen und ins Tal ziehen. Ich war so eine Idiotin.
Einsicht ist der erste Schritt...
Das war ja klar, Stimmchen verpasste selten ihren Einsatz. Weißt du was? Halt die Klappe!
Manchmal musste ich die Stimme in meinem Kopf in die Schranken weisen, sonst wurde sie übermütig. Und jetzt hatte ich gerade genug damit zu tun, durchzuhalten. Da brauchte ich ihre Häme nicht.
Vermutlich würde ich den Umzug nächste Woche nicht überleben, meine Muskulatur war mit dem frischen Anstrich der Raufaserwände bereits vollkommen überfordert. Von meinen zerstörten Fingernägeln, mit denen ich die Tapeten von den Wänden gekratzt hatte, ganz zu schweigen. Und das alles nur, weil die Gegend hier atemberaubend schön war. Weil die Wege nicht ständig nur bergauf oder bergab gingen, wie es im Schwarzwald oben der Fall war, sondern sich über Kilometer fast eben präsentierten. Weil der Rhein sich träge durch die Landschaft schlängelte und ich es liebte, die Schiffe zu beobachten. Nicht nur ein paar Ausflugsschiffe, hier gab es richtig Berufsschifffahrt und daneben ein sehr reges Wassersporttreiben.
Und den guten Wein, den Flammkuchen, das nahe Freiburg, das Theater und anderes Stadtleben, ergänzte Stimmchen meine Aufzählung. Du bist schlicht und ergreifend voll verschossen in die Landschaft und die Leute.
Wenigstens verkniff sich Stimmchen einen Kommentar über meine schlechte Kondition, die mich an den Schwarzwälder Steigungen japsen und keuchen ließ. Dieses Thema hatte sie aber auch zur Genüge breitgetreten.
So ein Stimmchen im Kopf konnte wirklich lästig sein. Aber nur manchmal. Oft waren ihre Bemerkungen und Zwischenrufe auch amüsant oder brachten mich dazu, eine Angelegenheit aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Und ja, es stimmte: Ich hatte mich gleich beim ersten Besuch in der Ortenau vor etwa zwei Monaten rettungslos in die Gegend verliebt. Damals waren wir bei Sonja und Alexander Danner zur Weinprobe eingeladen. Wir, das heißt Ellen, Franziska vom Hotel Schwarzwaldblick – der hatte ich die Bekanntschaft mit Danners überhaupt zu verdanken –, Kommissar Benjamin Hübchen, der inzwischen irgendwie dazugehörte, und ich. Hübchens Idee, nur Wasser zu trinken und uns am späten Abend wieder nach Hause zu fahren, hatte ich rigoros abgelehnt. Das hätte ihm wohl gefallen, eine angeschickerte Clarissa als leichtes Opfer. Ich konnte diese Idee förmlich an seiner Stirn ablesen. Nein, nein. Wenn es tatsächlich dazu kommen sollte – und das stand in den Sternen –, dann entweder beide nüchtern oder beide angetüdelt. Und eine Weinprobe mit Wasser, das war ja wohl völlig daneben und außerdem eine Beleidigung für den Winzer. Stattdessen hatte ich also kurzerhand Alexander um eine Empfehlung gebeten und für uns alle Zimmer im Hotel Ritter reserviert. So wurde es ein wirklich gemütlicher und vor allem köstlicher Abend bei Danners.
Am nächsten Tag hatten wir die Gegend erkundet, waren über die Pierre-Pflimlin-Brücke ins Elsass gefahren und hatten schließlich auf dem Rückweg in Altenheim am Rhein angehalten und waren ein Stück das Ufer entlangspaziert. Schon da zündete der Funke in meinem Gehirn, dass ich hier gern mit Ellen zusammen wohnen würde. Als ich den Geistesblitz laut aussprach, kam von ihr allerdings ein Schnauben und eine eindeutige Bewegung ihres Zeigefingers gegen die Schläfe. Um alle Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen, hatte sie ihre Reaktion auch noch verbal unterlegt mit: »Du spinnsch ja, Clarissa. Als ob ich vom Titisee wegziehe tät.«
Aber mit der Zeit hatte ich Ellen mit meiner Träumerei von unserem gemeinsamen neuen Leben angesteckt. Es war ein ordentliches Stück Arbeit gewesen, ihre Begeisterung zu wecken. Für Ellen war die Vorstellung, ihre gemütliche Heimat zu verlassen, ungeheuerlich. Andererseits war es mit der vermeintlichen Gemütlichkeit, die wir am Titisee hatten, bei näherem Hinschauen doch nicht so weit her.
Ellen fühlte sich in dem Haus, in dem sie mit Lukas gelebt hatte, nicht mehr wohl. Immerhin war sie dort in der Küche des Mordes an ihrem eigenen Mann verdächtigt worden. Und seine Betrügereien lagen auch noch in der Luft. Alles in ihrem schönen Heim erinnerte Ellen daran, wie mies sich ihr toter Mann benommen hatte – und das nicht nur ihr gegenüber, auch wenn es sie besonders hart getroffen hatte.
Manchmal schien es, als würde der Geist des Toten durch die Räume wabern. Gruselig. Und auch außerhalb der vier Wände gestaltete sich das Leben schwierig. Ellens Stand innerhalb des Ortes hatte sich verändert. Vordergründig waren die Leute wieder freundlich zu ihr, hinter vorgehaltener Hand hörten wir es aber zischeln, wenn sie sich das Maul über uns zerrissen. Die schwarze Witwe und die Fremde, die einfach bei ihr eingezogen war. Nur damit keine Zweifel aufkommen: Die Ermittlungen haben eindeutig ergeben, dass Ellen unschuldig war. Nicht zuletzt, weil wir tatkräftig geholfen haben, den Fall aufzuklären. Ich war da so reingerutscht, als ich für mein Buch recherchierte und versehentlich selbst ins Visier der Polizei geraten war – aber das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall konnten Ellen und ich den Karren gemeinsam aus dem Dreck ziehen und den wahren Mörder überführen. So etwas erlebt man nicht, ohne sich dabei näherzukommen. Uns hatte dieses Abenteuer im Handumdrehen zu richtig guten Freundinnen gemacht, und aus meinem vorübergehenden Aufenthalt in Ellens Gästezimmer war ganz selbstverständlich ein Dauerzustand geworden. Ich hatte meine Wohnung in Hamburg aufgelöst und war in den Schwarzwald gezogen. Sehr zum Bedauern meiner Freundin Sarah, aber wir schrieben uns regelmäßig Mails, telefonierten, und zweimal war sie auch schon zu Besuch bei mir gewesen. Vielleicht konnte ich sie irgendwann überreden, ganz hierherzuziehen? Sie und Ellen verstanden sich jedenfalls ausgezeichnet, und wir wären ein unschlagbares Trio.
Das mit meinem Einzug bei Ellen hatte sich einfach ergeben, und die Wohngemeinschaft mit ihr war perfekt. Wir hatten Spaß zusammen, konnten reden oder schweigen, wie uns der Sinn stand, und kamen insgesamt prima miteinander klar. Ellen passte auf, dass ich nicht zum Schreibtischzombie wurde, gleichzeitig respektierte sie meine Arbeit und sorgte dafür, dass ich nicht gestört wurde, wenn ich schrieb. Und bei meinem Schwarzwaldbuch war sie die gute Seele gewesen, hatte reichlich Tipps und Rezepte beigesteuert und Kontakte vermittelt. Ein wirklich gutes Team, genau das waren wir. Dank Ellen war das Schwarzwaldbuch ein Knaller geworden – das zeichnete sich bereits vor dem Erscheinungstermin ab.
Doch so schön das mit der Freundschaft und dem Bucherfolg auch war, die Schatten des Mordfalls ließen sich nicht restlos vertreiben. Auch wenn der Mörder inzwischen hinter Gittern saß, ein Hauch Misstrauen war in den Köpfen der Leute zurückgeblieben. Für Ellen war es keine gute Situation, um neu durchzustarten, was sie aber lange nicht wahrhaben wollte. Ich war mir sicher: Ein Tapetenwechsel wäre genau das Richtige für sie. Wobei ich das mit dem Tapetenwechsel nicht ganz so wörtlich gemeint hatte, wie es gekommen war. Arme Fingernägel!
Und dann hatte ich bei einem der Ausflüge in die Ortenau in Neuheim im Ried dieses Schnuckelchen entdeckt, das darauf wartete, aus seinem Dornröschenschlaf geweckt zu werden. Im Lilienweg – allein das war ja schon himmlisch.
»Zu verkaufen!« Das Schild sprang mir entgegen, zwang mich zum Anhalten, und schon stand ich – Ellen im Schlepptau – vor dem Objekt meiner Träume.
Ein Fachwerkhaus mit großem Grundstück, rechts grenzte der Garten eines Bauernhofes an, links und hinten freie Felder und ein Stück weiter weg Auenwald. Ich betrachtete das Haus, die dunklen Fachwerkbalken, dazwischen den weißen Rauputz und die Fenster mit den blau-roten Läden. Vor meinem inneren Auge sah ich auch die Blumen, die an ein solches Fenster gehörten, und eine liebliche Baumwollgardine mit gehäkelter Spitze. Ich konnte Ellen schon hinter den Glasscheiben erkennen, wie sie mit ihren Kräutern werkelte.
Hallo Schnuckelchen, sagte ich in Gedanken, du bist aber bezaubernd. Im selben Moment brach die Sonne zwischen den Wolken durch, und das Fensterglas blitzte auf. Das Haus blinzelte mir zu. Eindeutig.
Für mich war innerhalb von Sekunden klar, dass das unsere Heimat werden würde. Neuheim liegt zwischen Ichenheim und Meißenheim und nur etwa drei Kilometer vom Rhein entfernt. Genau hier würden wir glücklich werden. Wir könnten die negativen Energien, die von dem Mord an Ellens Mann hängen geblieben waren, abstreifen und ein friedliches, aber dennoch aufregendes neues Leben starten. Ich sah es bildlich vor mir, wie bei einem Daumenkino liefen die verschiedensten Situationen an mir vorbei: Ellen und ich in unserer neuen Heimat, am Wasser, in der Stadt, mit neuen Freunden an gemütlichen Abenden, am Schreibtisch.
Bei Ellen dauerte es etwas länger, aber als wir um das Haus herumgingen, packte es sie ebenso sehr wie mich. Und zwar in dem Moment, als sie in dem total verwilderten Garten unter Efeu und Unkraut die Historischen Rosen und verschiedene Funkien entdeckte. Ich konnte es an ihrer Miene ablesen, bevor sie auch nur ein Wort dazu sagte. Dann gab es noch den alten Tabakschopf – ideal für Ellens Kräuter. Es...




