Florian König
Berlin-Charlottenburg, Ende August 2019
Florian konnte den Abend mit seinen Freunden nicht wirklich genießen, zu sehr hingen seine Gedanken bei den bevorstehenden Veränderungen in der Bank. Mittlerweile war es ein Dauerzustand, bei dem kein Ende abzusehen war. Er war zu sensibel, um die von seinem Arbeitgeber getroffenen Maßnahmen einfach so zu akzeptieren. Aber darauf nahm leider keiner Rücksicht. Die ständige Prahlerei seiner Bekannten über die neuesten Coups im Job und ihre gutgemeinten Geheimtipps für neue Aktien, waren ihm ganz besonders auf die Nerven gegangen. Vielleicht lag es an seiner momentanen Verfassung, hatte er den Abend ad acta gelegt. Immer häufiger verspürte er schon morgens einen Druck in seiner Magengegend. Dies war kein Zustand, den man länger hinnehmen sollte.
»Du brauchst dringend eine Auszeit«, hing ihm Marie schon länger in den Ohren. Er selbst spielte auch mit diesem Gedanken. Aber sie hatte leicht reden, Berlin war ein teures Pflaster geworden und der kostspielige Lebenswandel musste bezahlt werden. Allein die Miete für die schicke Altbauwohnung verschlang einen großen Teil ihrer beider Einkommen.
Auch an diesem Abend war er schlecht in den Schlaf gekommen. Das ständige Kopfkino und ein paar Drinks zu viel beim Sundowner verhinderten seine wohlverdiente nächtliche Erholungsphase. Die langanhaltende Hitzewelle machte sich mittlerweile auch in der Wohnung bemerkbar, was alles noch erschwerte.
Abgespannt und viel zu spät war er aus dem Bett gekommen, völlig aussichtslos, noch pünktlich im Büro zu erscheinen. Im Laufschritt hastete er das Treppenhaus hinunter, vorbei an den Briefkästen im Foyer. Auf dem Weg nach draußen bemerkte er den überquellenden Postkasten von Dr. Römer. Kurz hielt er inne. Hier stimmte etwas nicht, doch jetzt war keine Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.
Die Hektik im Büro ließ ihn seine Beobachtung vergessen, erst auf dem Nachhauseweg erinnerte er sich an seinen betagten Nachbarn. Der Mann war äußerst fit für sein Alter. Auf diese Weise verdrängte Florian König den Gedanken, ihm könne etwas zugestoßen sein. Der länger nicht geleerte Briefkasten widersprach dem jedoch eindeutig. Während er sich schwitzend durch die aufgeheizte Stadt quälte, suchte er in seinem Handy nach Römers Telefonnummer, da ihm die Entdeckung am Morgen jetzt keine Ruhe mehr ließ. Der Ruf ging durch, es klingelte mehrfach, bevor der Anrufbeantworter ansprang.
Bestimmt ist er ein paar Besorgungen machen oder zu einem Spaziergang aufgebrochen, beruhigte sich König. Dr. Römer legte viel Wert darauf, auch in seinem hohen Alter sein Leben alleine zu bewältigen. Das hatte er Florian klar zu verstehen gegeben, als er sich angeboten hatte, ein paar Einkäufe zu erledigen.
Der junge Bankangestellte passierte gerade die Leibnizstraße, als er sich überlegte, was er tun könne, wenn der Briefkasten immer noch nicht geleert worden wäre. Ein beunruhigendes Gefühl beschlich ihn. Er hatte einen Schlüssel, und soweit ihm bekannt war, nur er alleine. Schon deshalb fühlte er sich für den alten Herren verantwortlich.
Der Schweiß rann ihm den Nacken hinunter, die Hitze in der Stadt war unerträglich. Er wollte sich nicht vorstellen, dass Römer etwas passiert sein sollte, vielleicht schon länger hilflos in der Wohnung lag. Spontan dachte er an den Hausmeister. Den könnte er bitten nachzuschauen, aber das sähe dann so aus, als wolle er sich aus der Verantwortung stehlen. Verschwitzt stand er vor der Haustür und zog mit einem Ruck die schwere Haustür auf, sogleich schlug ihm wieder dieser Geruch entgegen. Florian glaubte, dass er seit gestern noch stärker geworden war.
Sein erster Blick im Treppenhaus galt Römers Briefkasten, der unverändert überlief. Entschlossen klingelte er Sturm, doch hinter der dicken Wohnungstür seines Nachbarn rührte sich nichts. Ohne lange zu überlegen sprang er eine Etage höher. Mit Römers Wohnungsschlüssel in der Hand rannte er zurück in die erste Etage. Mit einem heftigen Klopfen und erneutem Rufen nach dem alten Nachbarn steckte er den Schlüssel ins Schloss. Die Tür war nicht abgeschlossen, ein weiteres Indiz dafür, dass er sich in seiner Wohnung aufhalten musste.
Florian König zitterte, als er die schwere Tür aufdrückte, ein nach draußen dringender Luftzug ließ ihn erschaudern. Augenblicklich begann er zu würgen, ein bestialischer Gestank nahm ihm schlagartig den Atem. Auf das Schlimmste vorbereitet stieß er die Tür weiter auf. Ein starkes Summen drang in seine Ohren, bevor ihm ein schwarzer Schwarm Fliegen die Sicht nahm. Aus einem Reflex heraus hielt er sich schützend seine Hände vors Gesicht. Während er sich in der Wohnung weiter vorwagte, erbrach er sich im Flur.
Dann sah er Römer. Es war ein Anblick, den er so schnell nicht wieder vergessen würde. Ein winziger Augenblick genügte und für ihn war klar, dass er unverzüglich die Polizei verständigen musste. Panisch trat er den Rückzug an, vor der zugeknallten Wohnungstür sank er leichenblass in sich zusammen.
»Nu ma janz langsam, junger Mann, ick schick gleich mal ne Streife vorbei«, versuchte der Beamte in der Polizeidirektion Bismarckstraße Florian zu beruhigen.
Der Notruf über die 110 war bei ihm eingegangen, für den Polizisten war das aber kein Grund zur Aufregung. Tote, die länger in der Wohnung gelegen hatten, kamen in der knapp vier Millionen Einwohner zählenden Metropole ständig vor. Auf den Zustand der Leiche, die der junge Bankangestellte völlig aufgelöst versucht hatte, dem Beamten zu erklären, war er überhaupt nicht eingegangen. Dementsprechend behäbig erschien wenig später ein Streifenwagen, der sich in der Gegend aufgehalten hatte. Mit einem Mundschutz in der Hand betraten eine junge Polizistin und ein untersetzter älterer Kollege das Treppenhaus. König mit ein paar neugierig gewordenen Bewohnern des Hauses erwarteten sie bereits.
»Haben Sie uns angerufen«, fragte der dickliche Beamte den Bankangestellten, der ihnen aufgewühlt entgegengeeilt war.
»Ja, hab ich. Sind Sie von der Kripo?« Königs Stimme überschlug sich.
»Kripo? Wat soll denn hier die Kripo?« Der Polizist schüttelte ungläubig seinen Kopf. »Wenn, dann brauchen wir nen Amtsarzt, aber det entscheiden wir später«, beschwichtigte er. Seine junge Kollegin nickte zustimmend.
»Da bin ich anderer Meinung«, empörte sich König, dessen Zustand sich wieder stabilisiert hatte. »Ich habe Ihrem Kollegen in der Zentrale versucht, das zu erklären. Aber der hat mir nicht richtig zugehört.« Der Polizeibeamte machte eine abweisende Handbewegung und stieg zusammen mit der Kollegin die Stufen zu Römers Wohnung hinauf. Schweißflecken drangen durch sein blaues Uniformhemd, auch ihm setzten die hohen Temperaturen zu.
»Wenn wir bei jedem toten Rentner in einer Wohnung die Kripo einschalten würden, na dann Mahlzeit«, brummte er vor sich hin, während sie sich vor Römers Wohnungstür den Mundschutz anlegten und ein paar Handschuhe anzogen.
»Nu jeht mal schön wieder alle in eure juten Stuben, gleich gibt’s was auf das Näschen«, wies er die umherstehenden Nachbarn an, zurück in ihre Wohnungen zu verschwinden.
Es schien nicht der erste Einsatz dieser Art für die Polizisten zu sein. Florian reichte den Beamten den Wohnungsschlüssel, trat einen Meter zurück und unterdrückte einen aufkommenden Brechreiz bei dem Gedanken, was die beiden erwartete. Beherzt wurde die Wohnungstür geöffnet und die beiden Staatsdiener zogen die Haustür direkt wieder hinter sich zu. Florian wartete im Treppenhaus, hörte aber, wie die jüngere Polizistin mehrfach laut aufstöhnte. Die Frau schien nicht so hart gesotten wie ihr älterer Kollege zu sein, was Florian ihrer fehlenden Erfahrung zuschrieb. Dann vernahm er, wie Türen aufgestoßen und telefoniert wurde, kurze Zeit später erschienen die Beamten zurück vor der Wohnungstür.
»Hast recht jehabt Jungschen, det is wirklich wat für die Kripo.« Die Stimme des Polizisten klang ernst. »Der is nicht freiwillig aus dem Leben geschieden.« Der Mann wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Die jüngere Beamtin war weiß wie eine Kalkwand. Florian holte den beiden eine Flasche Wasser und zwei Gläser.
»Ick hab schon einiges gesehen, aber det toppt alles«, nahmen sie dankbar das Angebot an.
»Sag ich doch. Und ist die Kripo informiert?«
»Schon unterwegs, müssen jeden Moment hier eintreffen.« Der Polizist ließ sich erschöpft auf eine der Treppenstufen sinken. Der Anblick des Toten und der beißende Leichengeruch schienen ihm ziemlich zuzusetzen.
Nur wenige Minuten später rückte ein Team der Mordkommission an, deren Zentrale in der Keithstraße ansässig war. Die Abteilung des LKA 1 waren für alle Delikte am Menschen zuständige, dazu gehörten Tötungsdelikte jeglicher Art.
»Na dann zieht euch mal warm an, det is keen schöner Anblick«, begrüßte der Streifenpolizist die Truppe, die mit insgesamt vier Technikern und mehreren Koffern Equipment im Treppenhaus standen. »Aber die Wohnung is sauber. Bis uff det Opfer sind keene weiteren Personen vorhanden«, ergänzte er noch.
Ohne groß darauf einzugehen zogen sich alle vier ihre weißen Schutzanzüge sowie Überzieher für ihre Schuhe an und verschwanden in der Wohnung. Paul Reuter, der die Leitung der KTU bei diesem Einsatz innehatte, zückte sogleich sein Diktiergerät. Routiniert begannen seine Beobachtungen hinter der Wohnungstür.
»… Wohnungstür zeigt keinerlei Einbruchsspuren … Flur sieht sehr aufgeräumt...