E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Paretti Maria Canossa
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-46939-2
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-87-28-46939-2
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sandra Paretti (1935-1994) wurde als Irmgard Schneeberger in Regensburg geboren und verfasste in erster Linie Gesellschaftsromane. Parettis Werke wurden in 28 Sprachen übersetzt, wodurch sie bis heute zu einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autorinnen zählt. Ihr Werk 'Der Wunschbaum' wurde zudem als TV-Serie adaptiert.
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3
Der graugrüne Bus hatte die Türen schon geschlossen. Sie begann zu laufen. Sie konnte niemand im Innern erkennen, nur dunkle, glänzende Scheiben. Das klobige Fahrzeug setzte sich in Bewegung – Maria blieb stehen, winkte, gab Zeichen – und stoppte wieder. Weißer Qualm entströmte dem Holzvergaser. Eine Hand streckte sich ihr entgegen, als die vordere Tür aufging. Sie blickte in das lächelnde Gesicht des Copiloten. Er wirkte frisch und ausgeruht. Er mußte Zeit gefunden haben, sich in einem der Waschräume des Flughafens zu rasieren.
»Nett, Sie wiederzusehen!«
»Vielen Dank.«
Sie suchte in ihrer Handtasche nach Kleingeld für das Billett, aber er war schneller. »Stazione aerea Roma?« Sie nickte, und er bezahlte den Fahrer. Erst in diesem Moment dachte sie daran, daß sie überhaupt kein italienisches Kleingeld bei sich hatte, nur die großen Noten, in einem Seitenfach der Handtasche.
Der Bus war so leer wie vorher das Flugzeug. Nur die zwei Lufthansa-Piloten, der eine Passagier aus Berlin in Zivil, der grauhaarige Mann vom Informationsschalter und zwei Frauen. Die Zöllner und Paßbeamten lebten vermutlich draußen am Flughafen.
Sie hatte den Platz hinter dem Fahrer gewählt und mit der Reisetasche und dem Mantel den Sitz neben sich belegt. Der Copilot hatte den Wink verstanden. Er saß in der anderen Reihe, so daß der Gang zwischen ihnen war. Sie fühlte, wie er sie beobachtete, aber sie reagierte nicht.
Es war warm im Bus, eine andere Wärme als im Flugzeug. Vielleicht lag es an der Sonne, in der er tagsüber gestanden hatte. In Berlin war es naßkalt gewesen; auf dem Flugplatz hatte es gestürmt. Sie hatte ihr Hütchen festhalten müssen und war durchfroren in die Maschine gestiegen. Dazu die Angst, daß im letzten Augenblick etwas dazwischenkommen könnte ...
Der Fahrer vor ihr summte eine Melodie. Es war eine einfache, schwermütige Tonfolge, die sich immer wiederholte. Sie weckte eine Erinnerung: ihr Vater – im Frack noch größer als sonst – und sie im weißen Rüscheinkleid in der Loge, über deren Brüstung sie kaum hinwegsehen konnte. Er liebte die Oper, Verdi vor allem ... Was der Fahrer summte, war aus einer Verdi-Oper. »Othello.« Ihr fielen auch die Worte ein: Egli era nato per la sua gloria, io per amar. Er war geboren zu seinem Ruhme, ich, ihn zu lieben ...
Sie beugte sich zum Fenster, schirmte die Augen ab, um besser zu sehen. Sie fuhren, so schien es, durch vollkommenes Dunkel, vollkommene Leere, das einzige Fahrzeug auf der Straße. Dann sah sie Schirmpinien am Straßenrand. Von Kindheit an waren das ihre Lieblingsbäume. Warum eigentlich? War es die bizarre Form, das breite, schützende Dach, das ihre Zweige bildeten?
Allmählich belebte sich die Straße.
Sie entdeckte andere Wagen. Meist waren es Militärfahrzeuge, nur selten Personenautos und dann fast immer schwarze Mercedes-Limousinen. Einmal überholte sie ein kleiner zweisitziger Fiat.
Und dann, endlich, sah sie die Stadt daliegen oder erahnte sie doch im Licht des Mondes. Sie fuhren einen Fluß entlang, überquerten eine Brücke. Die Umrisse des Kolosseums tauchten auf, das Kapitol. Sie erkannte die Gegend! Nicht umsonst hatte sie ein Jahr lang Fremde durch Rom geführt. Im fahlen Licht des Mondes wirkten die Ruinen des Forums seltsam belebt. Wenn sie auch in Norditalien geboren war, so fühlte sie sich doch ganz als Römerin, und der Platz dort unten war für sie der Ort, wo einmal der Lauf der Welt bestimmt worden war.
»Entschuldigen Sie ...«
Der Copilot hatte den Platz gewechselt und sich hinter sie gesetzt. »Sie haben – Ihren Freund verpaßt? Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.« Sie hatte zwar gesagt, sie sei in Rom zu Hause, aber er bezweifelte das jetzt. »Die Hotels werden überfüllt sein – so kurz vor Ostern.«
Daß Gianni sie nicht am Flughafen abgeholt hatte, beunruhigte sie nicht wirklich. Sein Telegramm war in Tunis aufgegeben. Wer weiß, ob ihre Antwort ihn dort noch erreicht hatte. Es war Krieg, und im Krieg gingen Telegramme verloren, daran war nichts Besonderes. Sie hatte die Adresse seiner neuen Wohnung; er hatte ihr angeboten, dort zu bleiben, solange sie in Rom war. Aber sie hatte keinen Schlüssel. In seinem Telegramm hatte er nichts vom Schlüssel gesagt. Vielleicht würde sie die erste Nacht doch in einem Hotel verbringen müssen.
Der Copilot schien ihre Gedanken zu erraten. »Wir Piloten übernachten im Grandhotel. Treuer, braver Kasten, wie unsere Ju. Hat dem Krieg bisher tapfer getrotzt. Großartige Bar, immer offen für uns. Gute Kapelle. Italiener. Schmalzig, aber schön.« Er ließ sich durch ihr Schweigen nicht beirren. »Wäre das nichts? Wenn Ihnen danach zumute ist, könnten wir etwas miteinander trinken. Etwas tanzen. Nur, wenn es Ihnen Spaß macht ...«
O Maria im Aracoeli! dachte sie. Sehe ich so aus? Eine, die leicht zu haben ist.
Sie wandte sich auf ihrem Sitz um, versuchte zu lächeln, nur damit er nicht merkte, wie ihr wirklich zumute war. »Nein, vielen Dank. Ich komme schon zurecht.« Es bestand immer noch die Möglichkeit, daß Gianni an der Fluggast-Sammelstelle in der Via Giovanni Giolitti auf sie wartete, weil die Zeit zu knapp gewesen war, um zum Flughafen hinauszufahren. Ob er den Topolino noch besaß?
»... nach neun Stunden Flug kann man sowieso nicht gleich schlafen ... Es war nur eine Frage. Sie verstehen mich nicht falsch?«
»Nein, nein. Nicht im geringsten.« Sie fragte sich, ob das in Zukunft ihr Leben sein würde: Zufallsbekanntschaften, für eine Nacht oder für zwei, für einen Urlaub; kurze, flüchtige Kriegsliebschaften. Immerhin – es hatte sie gegeben, diese seltsame, rasch aufflammende und schon vergangene Kriegsliebschaft. Der einzige Fehltritt in ihrer Ehe ... War es das, was sie von nun an erwartete? Immer wieder und immer wieder? War es das, was sie brauchte – ein Abenteuer? Nein, sie wünschte sich nur eines: allein zu sein! Das war alles, was sie brauchte. Allein sein und schlafen. Schlafen ohne das Veronal, das sie in der Handtasche bei sich hatte. Schlafen, ohne Träume, ohne Ängste.
Sie bemerkte, daß sie bereits auf der Piazza dei Cinquecento waren, dem weiten Platz vor der Stazione Termini. Aber war das tatsächlich der Platz, den sie in Erinnerung hatte? Am Tag ein Hexenkessel und am Abend ein funkelndes Autokarussell, das sich ununterbrochen drehte – jetzt aber still, dunkel, ausgestorben. Kein Platz – ein bleicher, erkalteter Planet.
Wo waren die Leute, die um diese Zeit aus der nahen Oper und aus den Restaurants kamen, Paare in eleganten Abendgarderoben? Wo waren die Jugendlichen, die mit ihren Rädern wilde Jagden um den Platz machten? Die vereinzelten Gestalten, die mit schweren Gepäckstücken beladen dem Haupteingang des Bahnhofs zustrebten, verstärkten noch den Eindruck der Verlassenheit. Als sie das erste Mal nach Rom gekommen war, hatte der Bahnhof sie enttäuscht; er hätte ebensogut in einer Provinzstadt stehen können. Jetzt, mit den mächtigen Steinsäulen längs der Seitenfronten, die Mussolini hatte hinsetzen lassen, gefiel er ihr noch weniger.
Der Bus bog in die Straße rechts von der Stazione Termini. An der Sammelstelle wartete niemand auf sie. Eine Reihe von Bussen stand da, abgestellt für die Nacht. Weit und breit kein Taxi; aber in der Nähe hörte sie das Klappern von Hufen; Gianni hatte ihr in seinem letzten Brief aus Rom geschrieben, daß es kaum Taxis, aber immer mehr Pferdedroschken gebe. Sie hatte sich gewundert: War das Futter für Pferde leichter zu beschaffen als Benzin?
»Nun, was ist? Wollen Sie nicht doch mit uns kommen?« Die beiden Piloten standen neben ihr auf dem Gehsteig, die schmalen Reisetaschen in der Hand.
Der Pilot selbst war der ältere der beiden, ein Mann um die Fünfzig mit einem harten, verschlossenen Gesicht. Wenn schon, dann hätte er ihr besser gefallen, aber er schien weit weg mit den Gedanken.
»Im Grand gibt’s immer noch ein Zimmer, wenn wir ein gutes Wort einlegen. Wir sind Stammgäste, lassen eine Menge Lire dort.«
Er war wirklich hartnäckig. Sie wußte nicht, daß sie lächelte. »Sie sind wirklich hartnäckig.« Sie winkte der Droschke, die in die Via Giovanni Giolitti einbog.
»Sie brauchen keine Droschke.« Er deutete in die Richtung der Piazza Esedra. »Es ist nur ein Katzensprung zum Grand.« Die Silhouette des Najadenbrunnens im Mondlicht. Aber wo waren die Bäume? Dann erst fiel ihr ein, daß man fast alle Bäume vor den Diokletiansthermen abgeholzt und verheizt hatte. Auch davon hatte Gianni ihr in seinen Briefen berichtet. Sie war lange nicht mehr in Rom gewesen, zu lange.
Das Klappern der Hufe kam näher. Das Pferd war erbärmlich mager, ebenso der Mann auf dem Bock. Als er die beiden Piloten in ihrer blauen Uniform sah, schüttelte er den Kopf. »Ich hab’ für heute...




