E-Book, Deutsch, Band 3, 208 Seiten
Reihe: Geliebte Caroline
Paretti Purpur und Diamant
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-46938-5
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 208 Seiten
Reihe: Geliebte Caroline
ISBN: 978-87-28-46938-5
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sandra Paretti (1935-1994) wurde als Irmgard Schneeberger in Regensburg geboren und verfasste in erster Linie Gesellschaftsromane. Parettis Werke wurden in 28 Sprachen übersetzt, wodurch sie bis heute zu einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autorinnen zählt. Ihr Werk 'Der Wunschbaum' wurde zudem als TV-Serie adaptiert.
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1
Es war eine der Nächte, in denen im Hafenviertel von Lissabon die Türen doppelt verriegelt wurden und die Männer, die noch unterwegs waren, die Hand am Griff ihrer Waffen hatten.
Seit dem Einbruch der Dämmerung war die Einfahrt in den Hafen für Schiffe zu gefährlich. Das Wasser dampfte. Dem heißen Junitag des Jahres 1816 war eine kalte Nacht gefolgt. In die Tejo-Bai herein schoben sich die weißen Dunstballen.
Am Hafendamm türmten sie sich auf, quollen über die Brüstung, krochen am Boden weiter. Der Westwind trieb sie vor sich her.
Lautlos breitete sich der Nebel aus, löschte das Licht der Laternen, dämpfte das Rauschen des gegen die Kaimauern brandenden Meeres – und machte den Mann, der am Hafendamm stand, zu einem Schemen, das auftauchte und wieder verschwand.
In einem dunklen, die ganze Gestalt verhüllenden Umhang stand er dort und blickte in die Richtung, wo, verborgen von dem Gebirge aus weißem Gewölk, das Meer sein mußte. Sein Gesicht war blaß. Auf seinem hellen Haar hatte der Nebel einen feuchten Film gebildet. In seinen Augen war der Glanz und die Starre des Wartens.
Jeden Tag, zur Zeit der einbrechenden Dämmerung, kam der Herzog von Belômer hierher. Eine Kutsche brachte ihn bis zum Largo Calatayud. Bei jedem Wetter harrte er auf seinem Platz aus, den Blick auf das Meer gerichtet, als müßte es ihm endlich die erwartete Botschaft bringen.
Die Leute, die am Hafen lebten, die Besitzer der Schenken, die Handwerker, die Arbeiter der Lagerhäuser und der Docks, hatten sich an seinen Anblick gewöhnt. Sie hatten herausgefunden, wer dieser Mann war. Sie kannten die Legende seiner Geschichte; sie wurden nicht müde, daran weiterzuspinnen, mit dem Vorgefühl, eines Tages vielleicht selbst Mitwirkende in diesem Drama zu sein.
Die beiden Soldaten der Hafenwache, die ihre stündliche Patrouille machten, blieben stehen, als sie in der Ferne den Schatten auftauchen sahen. Der Ältere schüttelte den Kopf. »Gestern stand seine Kutsche die halbe Nacht am Largo Calatayud.«
»Und alles wegen einer Frau . . .«
»Wenn sie so schön ist, wie man sagt, versteh! ich ihn.«
»Und wenn sie gar nicht mehr lebt? Eine Belohnung von tausend Escudos – für die winzigste Nachricht über ihren Verbleib. Wo gibt es das? Ich kenne keinen Kapitän und keinen Handelsagenten, der nicht versucht hätte, die tausend zu verdienen. Und vergiß nicht, daß Bibi Lupin und seine Leute seit drei Monaten für ihn arbeiten – vergeblich . . . Wenn Lupins trübe Quellen versiegen, dann gebe ich keinen Réis mehr für das Leben dieser Frau.«
Der Ältere zuckte die Achseln. »Es würde mich interessieren, wie eine Frau sein muß, für die ein Mann vergißt, daß es auch noch andere gibt.«
Sie waren weitergegangen. »Ich kenne einen aus Lagos. Miguel.« Der jüngere dämpfte seine Stimme. »Er hat sie gesehen, damals, bevor Don Santis Leute ihr Schiff kaperten und sie an die Sklavenküste verschleppten. Miguel sagte, für eine solche Frau würde er sich sofort vom Cabo de São Vicente herunterstürzen.«
»Es gibt solche Frauen – aber meistens ist kein Glück um sie . . .«
»In seiner Kutsche liegt immer ein Damenmantel aus schwarzer Seide bereit«, spann der Jüngere seine Gedanken weiter. »Das weiß ich von seinem Kutscher. Und in seinem Haus, in der Casa Trestorres, steht ein ganzes Zimmer mit ihren Koffern voll. Niemand darf sie anrühren. Niemand läßt er hinein.«
»Nun hör schon auf damit. Ich schlage vor, wir wärmen uns beim alten Pera erst einmal auf.«
Die beiden Soldaten blickten noch einmal zurück. Der Mann stand noch immer am Hafendamm, ein paar Schritte von ihnen entfernt. Als er sich jetzt umwandte, flog sein Mantel auf. Er blieb stehen wie jemand, der aus tiefem Sinnen aufschreckt. Er schien Sekunden zu brauchen, um sich zu erinnern, wo er sich befand. Aber auch dann bemerkte er seine Zuschauer nicht.
Er schlug den Mantel wieder um sich, hielt ihn über der Brust zusammen. Er stand dort, wartend, lauschend. Mit einer Bewegung, als befreie er sich von unsichtbaren Fesseln, begann er zu gehen. In seinen Mantel gehüllt, schritt er dahin, schnell, ungeduldig, zurück zum Largo Calatayud, wo seine Kutsche wartete.
Die beiden Soldaten waren ihm gefolgt. Sie hörten, wie er dem Kutscher zurief: »Zur Casa Trestorres!« Sie blieben stehen, bis der Wagen im Nebel verschwunden war. Der Jüngere seufzte. Der Ältere steuerte zielstrebig auf Peras Schenke zu.
Die Casa Trestorres lag außerhalb von Lissabon, am nördlichsten Punkt der Vorstadt Belém, hoch über der Zone des Nebels. Hinter alten Bäumen und einer hohen Mauer aus rohbehauenen Granitquadern erhob sich der maurisch-gotische Bau mit seinen schmalen, vergitterten Fenstern und den drei Türmen, mehr Burg als Haus. Die Einfahrt war ein gewaltiges Gewölbe, das die ganze Tiefe des Gebäudes einnahm. Auf die alten eisernen Fackelhalter hatte man verglaste Lampen montiert. Seit der neue Besitzer das Haus bewohnte, brannten sie Tag und Nacht.
Das Gewölbe hallte vom Hufschlag der Pferde wider, als die Kutsche hereinrollte. Noch bevor sie zum Stehen kam, öffnete sich der Schlag, und der Herzog von Belômer sprang heraus. Den schwarzen Damenmantel über dem Arm, eilte er die Steinstufen hinauf, die ins Innere des Hauses führten.
Wärme schlug ihm entgegen, als er die Halle betrat, der strenge Geruch alten Gemäuers, alter Balken. Yeppes, der Vorsteher des Hauswesens, ein dreißigjähriger Mann mit den schrägen geschlitzten Augen und dem glatten schwarzen Haar eines portugiesischasiatischen Mischlings, trat aus dem Dunkel auf den Herzog zu. Er verbeugte sich. Er vermied es dabei, den Herzog anzusehen. Es war immer sein Ehrgeiz gewesen, Herren zu dienen, die nicht waren wie die anderen. Aber in diesen Augenblicken, wenn der Herzog von seinen nächtlichen Wachen am Hafen zurückkehrte, mit den Augen, die nichts wahrnahmen, war er Yeppes unheimlich. Wußte dieser Mann überhaupt, wo er sich befand?. Daß er nicht mehr draußen in der Nacht war, nicht mehr aufs Meer hinausstarrte?
Der Herzog war stehengeblieben. Aus einer angelehnten Tür drangen Männerstimmen. Er sah fragend auf. Yeppes machte eine Geste zu der angelehnten Tür hin, aus der jetzt lautes Lachen schall. »Fragt mich nicht, wer diese Leute alle sind, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß Ihr allzu nachsichtig mit diesem Gesindel seid. Senhor Lupin tut nachgerade, als wäre das sein Haus.«
»Irgendwelche Nachrichten?« fragte der Herzog.
»Wenn, dann hat Senhor Lupin sie mir nicht anvertraut.« Der Ausdruck seines Gesichts sagte deutlich, was Yeppes über Bibi Lupin und seine Spitzel dachte. Daß die Berichte, die Bibi Lupin dem Herzog über die angestellten Nachforschungen erstattete, so gut wie nichts Konkretes enthielten, konnte Taktik sein. Vielleicht wollte Lupin diese fette Pfründe einfach so lange wie möglich ausschöpfen. Vielleicht war es auch die Vorsicht des gerissenen Spions, das Material erst herauszugeben, wenn es keine Lücken mehr enthielt. Die eine wie die andere Vorstellung paßte Yeppes nicht.
Der Herzog war an die Tür getreten. Er öffnete sie halb, warf einen Blick in den Raum. Die Beine in eine Felldecke gehüllt, saß Bibi Lupin in der Nähe des Feuers. Der Schein der Flammen lag auf seinem Fuchsgesicht. Wie immer waren seine Augen leicht zugekniffen. Um ihn herum lagerten zechende Männer. Der Herzog trat von der Tür zurück.
Yeppes hielt es nicht mehr aus. Er mußte sich Luft machen. »Seit drei Monaten ernährt und bezahlt Ihr diese Männer, und was haben sie Euch gebracht? Seit drei Monaten tischen sie Euch Märchen auf, nichts als Märchen.« Yeppes sah, daß der Herzog ihm nicht zuhörte, trotzdem sprach er weiter. »Ihr solltet sie alle zum Teufel jagen. Ihr könntet genausogut alle Kartenlegerinnen Lissabons hier einquartieren. Es macht keinen guten Eindruck, diese Leute im Haus zu haben. Euer Ruf . . .« Yeppes verstummte. Unsicher starrte er dem Herzog ins Gesicht, von dem der abwesende Ausdruck gewichen war. In den grauen Augen waren Spott und Härte.
Der Herzog, immer noch in den Umhang gehüllt, immer noch den Damenmantel aus schwarzer Seide über dem Arm, ging an Yeppes vorbei. Mit schnellen Schritten stieg er die Treppe hinauf. Er hatte das Haus gemietet, ohne es vorher gesehen zu haben. Er bewohnte es seit drei Monaten, ohne den Dingen, die ihn umgaben, die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.
Er war erleichtert, keinen der Bedienten in seinen Räumen zu treffen. Er verriegelte die Tür und breitete den Damenmantel behutsam über einen Sessel. Er ging zu einem der Fenster, zog die Vorhänge auseinander, öffnete es. Als er in die Casa Trestorres eingezogen war, hatten Bäume vor dem Fenster gestanden. Er...




