E-Book, Deutsch, 148 Seiten
Parthen / Kiesewetter Leonie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-7590-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Männer und andere Pleiten
E-Book, Deutsch, 148 Seiten
ISBN: 978-3-7543-7590-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Da denkste, du hast den Jackpot gezogen und dann entpuppt sich der Typ als Idiot. Also, der Jonas. Wobei der Nils auch einer war, nur anders. So wird das wohl nichts mit dem Liebes-Happyend. Mutti liegt mir schon ständig in den Ohren, weil ich mit 29 meine Schäfchen dahingehend immer noch nicht im Trockenen habe. Dafür bin ich aber ja im Beruf erfolgreich, als Juristin und Führungskraft. Allerdings gibt es auch da einen kleinen Störfaktor: diese komische Phobie, und die wird immer mehr zum echten Problem. Deswegen muss die hurtig wieder verschwinden. Aber finde mal den richtigen Coach für so `ne Sache, das ist eine Reise für sich. Ich probiere wirklich alles, damit ich endlich wieder normal werde - sogar einen von diesen Affirmationsratgebern habe ich gelesen. Und dann ist die schlimmste für mich vorstellbare Tragödie leider doch passiert. Lies gerne selbst. Grüße von der Leonie.
Ulrike Parthen - Autorin, Ghostwriterin, waschechte Schwäbin: Durch das intuitive Schreiben erschafft sie für sich und andere Geschichten in heiterer Romanform. In Workshops führt sie zudem interessierte Menschen an das intuitive Schreiben heran. Wenn sie nicht gerade schreibt, steht sie garantiert vor der Kamera ihres fotografierenden Ehemanns oder streift durch die Wälder der näheren Umgebung. Weitere Infos: www.ulrikeparthen.de
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Die Sache mit dem Schmorbraten
Die Herren im Büro sind sich einig: „Heute Abend gehen wir essen. Wir müssen ihn unbedingt bei Laune halten.“ Mit „ihn“ ist Mister Li-Wang gemeint, der eigens und nur für uns aus dem Reich der Mitte eingeflogen kommt. Das macht er öfter. Um genau zu sein, einmal im Monat, denn neuerdings ist er unser Chef. Das finden meine Kollegen spitze, ich weniger. Vor allem wegen dieser dauernden Essensgeschichten, die dann für mich anstehen. Essen grundsätzlich mag ich ja. Am liebsten recht deftig, ein gutes Steak beispielsweise. Aber nur medium bitte, alles andere hat die Bezeichnung doch wirklich nicht verdient. Bisweilen bin ich allerdings leicht überfordert mit derlei Essens-Pflichtveranstaltungen wie dieser. „Leonie, jetzt zier dich nicht so“, raunt mich Moritz an, der keine Ahnung von meinem Problem hat. Das soll auch so bleiben. „Ist ja gut, Moritz, ich komme mit“, erkläre ich schnell. Soll bloß keiner auf dumme Gedanken kommen. Eine andere Wahl habe ich sowieso nicht. Als Juristin und eine der Führungspersönlichkeiten im Hause ist meine Anwesenheit beim Li-Wang’schen Schmorbratenessen Pflicht. Mister Li-Wang ist übrigens ein sehr angesehener Mensch in seinem Lande. Kein Wunder, sein Unternehmen ist milliardenschwer. Wie man munkelt, kann man dasselbe auch von ihm behaupten. Wenn so viele Milliarden auf allen möglichen Banken der Welt herumliegen, könnte man als Besitzer schon einmal ins Grübeln kommen: Was tun mit dem vielen Geld? Ich sage nur Schuhe. Mister Li-Wang sieht das anders. Er hat einfach unsere Firma eingekauft, weil wir das hier mit den Milliarden nicht so perfekt hingekriegt haben wie er. Daher stand uns das Wasser auch bis zum Hals – bis Mister Li-Wang den Rettungsring direkt aus China zu uns herüberwarf. „Was bin ich froh, dass wir damals nicht in Konkurs gegangen sind!“ Kollege Thomas sieht man die Erleichterung noch immer ins Gesicht geschrieben. „Meine Frau machte sich schon Sorgen, wir müssten unser Häuschen verkaufen und in eine Vier-Zimmer-Wohnung in die Innenstadt übersiedeln.“ Als ob das ein Beinbruch wäre. „Och, ich find’s ganz schnuckelig in meiner 4-Zimmer-Wohnung“, gebe ich Kontra. Ein bisschen Frotzeln unter Kollegen darf sein. Thomas schaut peinlich berührt auf den Fußboden, während Moritz mich mahnend erneut an die Wichtigkeit der Sache erinnert. „Er hat uns gerettet. Seinen Schmorbraten hat er sich daher verdient!“ Meine Kollegen aus der Führungsetage sind einhellig der Meinung, dass wir ihm deswegen unbedingt zu Dank verpflichtet seien. Alle seine Wünsche von den Augen abzulesen, wäre da das Mindeste. „Geht natürlich wieder auf uns, das Essen“, ergänzt Moritz und schaut dabei konsequent in meine Richtung. Er weiß, wie blöd ich diese Vorgehensweise finde. Wie wir alle inzwischen mitbekommen haben, liebt Mister Li-Wang zwei Dinge mindestens genauso wie seine drei Frauen. Ja, ich musste auch erst mal schlucken, als ich das hörte. Scheinbar ist es dort durchaus üblich, in den Kreisen der Großverdiener mehrere Frauen am Start zu haben. Das finde ich persönlich etwas anstrengend. Ich komme ja oft nicht mal mit einem Kerl klar und muss dabei sofort an Nils denken. Meine Güte, wie anstrengend, dieser Typ. Mister Li-Wang macht allerdings nicht den Eindruck, als leide er an einem Erschöpfungssyndrom. Zurück zu seinem Faible außerhalb des weiblichen Geschlechts: Er liebt Schmorbraten mit Knödel außerordentlich, dazu ein eiskaltes Kristallweizen. Und das muss von uns bezahlt werden, bestimmte Moritz von Anfang an so. Ich hasse dumme Regeln. Also solche eben, die für mich keinen Sinn machen. Den anderen füge ich mich natürlich – schon mal rein berufsbedingt. Eine gesetzesuntreue Juristin wäre auch wenig brauchbar für diese Welt. Aber was bitte schön ist daran sinnvoll, diesem milliardenschweren Herrn aus China auch noch das Essen auszugeben? Umgekehrt fände ich das sehr viel logischer. Solche Einschleimereien gehen mir auf den Keks. „Wie lange soll das noch so weitergehen?“ Kurze Nachfrage meinerseits, denn ich habe jetzt nicht unbedingt vor, diese Prozedur bis zur Rente weiterzuverfolgen. „So lange, wie es nötig ist!“ Moritz kann mich nicht leiden. Schon von Anfang an nicht. Seine Ex sieht mir wohl sehr ähnlich, wie Thomas mir erzählte. Seit der Trennung herrscht Rosenkrieg. Daher sind kleine, blonde Frauen ganz grundsätzlich ein rotes Tuch für ihn. Überhaupt solche, die wie ich die Dinge gern hinterfragen und wenn’s sein muss, auch mal rebellisch reagieren. Das brachte mir schon in der 1. Klasse einen fetten Eintrag im Klassenbuch ein. „Leonie, richte deinen Eltern aus, sie mögen übermorgen um 14 Uhr hier zum Elterngespräch erscheinen.“ Mein Klassenlehrer Herr Sockitt, oje! Einer der ganz altmodischen Sorte. Er trug überwiegend einen Zollstock mit sich herum. „Herr Sockitt, zu was brauchen Sie den?“, fragte ich neugierig, ohne auf seine Anweisung zu reagieren. Das machte ihn noch rasender. „Ich habe dir schon hundertmal erklärt: Es wird nur in den Pausen gegessen, nicht im Unterricht!“ Während er das sagte, haute er mit seinem Zollstock auf die Schreibtischplatte. Ich zuckte nicht mal mit der Wimper und biss erneut genüsslich von meinem Salamibrot ab. Meistens legte Mutti eine in Längsstreifen geschnittene Gurke mit drauf. Mmmmhhhh, lecker. „Herr Sockitt, ich habe sooooo Hunger“, erklärte ich verzweifelt. Das stimmte wirklich. Ich kannte es von zu Hause nicht anders, als eben dann zu essen, wenn ich hungrig bin. Alles andere wäre auch unlogisch gewesen. Zumindest aus meiner Sicht als 7-Jährige. „Damit ist jetzt Schluss“, schrie er laut. Meine Nebensitzerin duckte sich bereits seitlich weg, als würde jeden Moment ein Donnerwetter über sie hereinbrechen. „Mein Fffalmiiibrot“, protestierte ich mit vollem Mund. Zu spät. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie er mir mein geliebtes Brot aus der Hand riss. „Dir werde ich schon noch Zucht und Ordnung beibringen!“ Kaum ausgesprochen, warf er mein schönes Brot in den Mülleimer. Da lag es äußerst trübselig und in alle Einzelteile auseinandergerissen neben diversen Papierknäueln und dem Apfelbutzen meiner Freundin. Wir waren beide sehr traurig darüber. Also mein Salamibrot und ich. Damit hatte mir Herr Sockitt ein schlimmes Problem eingebrockt, denn mein Magen knurrte den Rest des Vormittages sehr laut. „Magst du von meinem Brot die Hälfte abhaben?“ Rosi, die gute Seele, hatte Mitleid mit mir. „Au ja, danke Rosi!“ In der nächsten Pause saßen wir einträchtig nebeneinander und mampften Rosis Käsebrot – und keine Sekunde zu früh. Darauf achtete Herr Sockitt pingelig. Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass solche Erlebnisse ein handfestes Trauma auslösen können. Ich bin mir sicher, dass ich seitdem ein Essenstrauma habe: Ich kann in bestimmten Situationen nur noch essen, wenn ich allein bin. In Gesellschaft wiederum schnürt es mir die Kehle zu. Ob ich deswegen Schmerzensgeld gegenüber Herrn Sockitt geltend machen könnte? Darüber habe ich mir in all den Jahren keine Gedanken gemacht. Und jetzt ist es zu spät. Erstens wäre es sowieso verjährt und zweitens könnten wir Herrn Sockitt schlecht auf die Anklagebank holen. Er verweilt seit einigen Jahren im Himmel. Das hat er sich ja prima ausgedacht. Naja, der dafür zuständige Engel wird ihm hoffentlich längst die Leviten in dieser Angelegenheit gelesen haben. Ansonsten bin ich recht gut drauf und wie Muttchen immer sagt, ein resolutes Persönchen. Zwar hat der liebe Gott bei 155 Zentimetern aufgehört, mir weiteres Längenwachstum zu spendieren. Mit Pumps komme ich zumindest auf knapp 165. Mein Mundwerk holt mich aus dem Klischee der kleinen, süßen Blonden gekonnt wieder raus. Denn Kommunikation und Rhetorik waren schon immer meins. „Leonie, du solltest später unbedingt Jura studieren“, meinte Mutti, als ich 14 war. Meine kommunikative Stärke war unübersehbar. Das tat ich dann auch und war schon als blutjunge Anwältin für meine Plädoyers bekannt. Daher dauerte es auch nicht lange, bis die Wirtschaft Wind davon bekam und mir ein verlockendes Angebot unterbreitete. „Frau Janssen, ich hätte da was für Sie“, hörte ich vor gut einem Jahr einen Herrn durch den Telefonhörer sagen. Er stellte sich als Personalberater Krause vor. Das klingt netter als Headhunter, denn diese Headhunter sind nicht gerade beliebt. „Um was geht’s?“, wollte ich skeptisch wissen. Doch es kristallisierte sich bald heraus, dass Herr Krause einer von den Guten ist und außerdem eine coole Socke. Wir trafen uns auf einen Kaffee in der Stadt. „Klingt spannend“, erwähnte ich nach einer halben Stunde unseres netten Plauschs. „Sagte ich doch, Frau Janssen. Sagte ich doch“, pflichtete er mir bei und...




