Vorwort
Brauchen wir eine neue Natur?
Sie kommen »wie eine feindliche Armee« und breiten sich aus »wie ein Krebsgeschwür, infiltrierend, metastasierend«! So charakterisierte ein entsetzter Naturschützer schon in den 1990er-Jahren die fremden Arten. Inzwischen gilt: Die »Aliens«, die »Neos« sind neben dem Klimawandel die größte Bedrohung der Biodiversität, hierzulande in Mitteleuropa, wie auch global. Internationale Vereinbarungen und nationale Gesetze sollen den Kampf gegen die Fremden unterstützen, ihre weitere Ausbreitung unterbinden und sie nach Möglichkeit bis zur Wiederausrottung zurückdrängen. Um das Heimische zu schützen.
Das klingt so überzeugend fachlich, wie es emotional unter die Haut geht. Denn zumindest latent fremdeln wir (fast) alle. Was uns nicht vertraut ist, empfinden wir zunächst als Gefahr. Und wenn Pflanzen oder Tiere sich so unübersehbar breit machen, kann da etwas nicht in Ordnung sein. »Anständige«, »gute« Arten sind selten und bedroht. Zumindest sollten sie ab- und nicht zunehmen, wo doch alles schlechter wird in unserer Natur. Argwohn erscheint angebracht, Vorsicht geboten. Sonst ist es womöglich bald zu spät mit den Gegenmaßnahmen und unsere gute Natur wird von den bösen Fremdlingen überrollt. Und dies ausgerechnet jetzt, wo nach Einschätzung vieler ein neues großes Massensterben, »die sechste Auslöschung«, in Gang gekommen ist. Als Kennzeichen des Zeitalters der Menschen, des Anthropozäns. Soweit so klar, aber auch so schlecht die Lage. Denn die Aliens lassen sich offenbar kaum jemals aufhalten auf ihrem Siegeszug. Je mehr ihnen mit Feuer und Schwert, mit echtem Gift und verbaler Galle zu Leibe gerückt wird, desto stärker werden sie. Ist die Lage also hoffnungslos?
Konstant ist nur der Wandel
Fred Pearce sagt »nein!«, ganz und gar nicht! Der hoffnungslose Fall sind wir; wir Naturschützer und ihre Anhänger, die wir eine längst vergangene Welt davor bewahren wollen, dass sich das Rad der Zeit weiter dreht und dass nichts so bleiben kann, wie es einmal war. So etwas auch nur zu denken ist Gift, werden manche, vielleicht die meisten Naturschützer kontern; ätzendes Gift, das gegen ihre ehrenwerten Bemühungen gerichtet ist und nur all jene begeistern wird, die im Naturschutz ohnehin bloß einen (unnötigen) Hemmschuh für die (nötigen) Entwicklungen sehen. Die Thesen von Fred Pearce haben also Sprengkraft. Sein Buch wird als ein infames Unterlaufen der aus der Verzweiflung der Schwachen heraus agierenden Naturschützer angesehen werden, wenn er ausgerechnet den Aliens Gutes nachsagt und in ihnen die Zukunft sieht – wo sie doch eigentlich mit allen Mitteln bekämpft werden müssten! Muss man das wirklich? Folgen Sie mir an einem gar nicht so konstruierten Beispiel.
Rot flammten die Blüten auf. So blutrot, dass sie empfindsamen Seelen die Schamröte ins Gesicht trieben. Zuerst sah man sie einzeln oder in kleinen Gruppen. Doch rasch wurden es immer mehr. Ganze Felder durchsetzte das obszöne Rot. Es verdeckte das zarte Goldgelb der zur Reife ansetzenden Ähren der Gerste und ließ das bläuliche Grün der Weizenähren verschwinden. In Flammen schienen die Felder geraten und niemand wusste, ob das Korn nach der Ernte noch genießbar sein würde. Die Lebenskraft dieser fremden Roten schien unfassbar. Jeden Tag öffnete sich eine Blüte neu und verging. Ein paar Stunden reichten ihnen offenbar. Neue kamen nach, unzählige. Riss man sie von den Stängeln, quoll gelblichweißer Milchsaft heraus. Giftig? Verdächtig sicher!
Ohne Fremde keine neue Vielfalt
So ähnlich könnten einst Bauern das Erblühen von Mohn, von Klatschmohn, empfunden haben, als dieser die Äcker »eroberte«. Und er war nicht allein. Blaue Kornblumen, weiße, jedoch heilkräftige Kamille, giftige, aber schön blühende Kornrade und viele andere »Unkräuter« kamen und füllten die Felder. Auch in die Wiesen drangen fremde Pflanzenarten ein. Viele Arten, die es vorher im Waldland Mitteleuropas nicht gegeben hatte, breiteten sich aus. Sie kamen, weil ihnen die Landwirtschaft die Fluren geschaffen hatte, offene, sonnige Fluren. Und zu den als Unkraut mit Hacke und Handarbeit im Schweiße des Angesichts Bekämpften gesellten sich viele weniger auffällige Arten hinzu, wie die duftenden Veilchen am Bachufer, zarte Orchideen auf Triften und andere mehr. Ohne sie, ohne die Fremdlinge von früher, wären unsere Fluren von jeher so artenarm geblieben, wie sie es inzwischen »dank« des massiven Einsatzes von Giften und Überdüngung geworden sind. Es gäbe auch keine Feldhasen und Feldlerchen, Goldammern und Rebhühner, kaum Schmetterlinge, die am Tag fliegen, und sehr wenige Wildbienenarten. Fast die gesamte Artenvielfalt der Fluren, die mehr als der Hälfte der Landfläche Mitteleuropas ausmachen, wird von den Fremdlingen von einst gestellt. Der weitaus größte Teil davon ist nun in seinem Fortbestand bedroht. Immer rarer werden die Felder, über denen im Frühjahr Lerchen singend aufsteigen, wo vom Gebüsch am Feldrand das schlichte, so süße Lied der Goldammer erklingt, Grillen zirpen, Bläulinge und Schwalbenschwänze fliegen – und Fliegen von Schwalben gejagt werden. Auch sie, die einstigen Glücksbringer, gehör(t)en »nicht hierher«. Sie kamen im Gefolge der Landwirtschaft, so wie die Spatzen noch viel früher.
Ärmlich wäre unsere freie Natur, gäbe es die Fremden von früher nicht mehr. Längst schätzen und schützen wir sie. Mit Millionen aus dem EU-Agrarfonds versucht man seit Jahren die Unkräuter, umbenannt in Ackerwildkräuter, zu erhalten. Wer die Zeit vor der alles vernichtenden »Chemischen Keule« nicht erlebt hat, kann sich keine Vorstellung mehr davon machen, wie vielfältig – und schön (!) – unsere Kulturlandschaft früher gewesen ist. Sie verdiente diese Bezeichnung, denn die Kultivierung bot neuen Lebensraum für sehr viele Tier- und Pflanzenarten.
Von falschen Sündenböcken
Stadtmenschen, die nicht die Arbeit zu leisten hatten, mit der die alte, nicht motorisierte Form der Landwirtschaft den ausgemagerten Böden die überlebensnotwendigen Ernten abzuringen versuchte, priesen »das gute Land« und seine Lebensqualität. Dass die Bauern nach einem halben Jahrhundert beispielloser Agrarförderung längst des Guten zuviel tun und für Natur und Lebensvielfalt katastrophale Zustände auf den Fluren geschaffen haben, wollen jedoch nur wenige akzeptieren. Auch vielen Naturschützern gilt das Land immer noch als gut, weil »grün«, und sie halten die Städte für schlecht, weil »grau«, zugebaut und voller Menschen. Dabei übertreffen diese bereits das Land an Lebensvielfalt beträchtlich; so sehr, dass sie nach den gängigen Kriterien der Biodiversität eigentlich alle als Naturschutzgebiete eingestuft werden müssten.
Der gegenwärtige Kreuzzug gegen die fremden Arten richtet sich jedoch nicht gegen die Ursachen ihres Erfolgs, sondern in geradezu bizarrer Weise gegen die Symptome. Weshalb denn können sich Riesenbärenklau, Riesenknöteriche und Springkräuter so sehr, »so invasiv« ausbreiten? In ihrem Wuchern drückt sich aus, dass ihnen der Nährboden bereitet worden ist – durch Überdüngung. Die so auffällig invasiven Pflanzen sind in besonderem Maße nährstoffbedürftig. Vor allem Stickstoffverbindungen befähigen sie zu ihrem raschen Wachstum. Diese bekommen sie überreich, weil sich die Landwirtschaft auf fremde Pflanzen verlegt hat, die noch nährstoffbedürftiger sind. Aus einem Maiskorn muss in wenigen Monaten eine zweieinhalb bis drei Meter hohe Riesenpflanze heranwachsen. Das geht nur durch massive Überdüngung. Die Massen von Springkräutern und Knöterichen zeigen daher gerade so wie das Wuchern von Kanadischer Wasserpest und Algen in Seen, Flüssen und Bächen vor knapp einem halben Jahrhundert das exorbitante Übermaß an Pflanzennährstoffen an, das ihnen serviert wird. Mit modernen, sehr teuren Kläranlagen hat sich die Überdüngung der Gewässer so weit vermindern lassen, dass die Wasserpest Geschichte (und gegenwärtig eine Seltenheit) ist. Die entsprechende Eindämmung der Überdüngung des Landes steht hingegen aus. Niemand wagt sich politisch daran. Zu mächtig ist die Agrarlobby. Zu bereitwillig werden weiterhin die Agrarsubventionen ausgegeben. Die Bevölkerung wird nicht gefragt. Sie hat die immensen Kosten der Beschaffung oder Herstellung von trinkbarem Wasser ebenso zu tragen, wie die teure Reinigung ihrer Abwässer, während die Landwirtschaft mit einem Mehrfachen davon in Form von Gülle aus der Stallviehhaltung das Land überfluten darf, dass es zum Himmel stinkt. Was aber tun Naturschützer? Sie spannen sich selbst ein im Kampf gegen die invasiven Arten anstatt die Verursacher des invasiven Wucherns anzuklagen und zur Rechenschaft zu ziehen zu versuchen.
Fremde Arten akzeptieren!
Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, wird mit der Verteufelung der fremden Arten unterschwellig auch Fremdenfeindlichkeit geschürt, die allzu leicht auf Menschen und ihre Bewertung übertragen wird. Die Ideologie des Naturschutzes, die »heimisch« von »fremd« unterscheidet, stammt aus jener Zeit, die in der Katastrophe des II. Weltkriegs mündete. Wortwahl und Eifer klingen nach. Diese Herkunft gilt es zu bedenken! Sie sollte Grund genug sein, zu einer sachlichen Betrachtung zu kommen. Zu einer, die nicht vorab nach »heimisch« und »fremd« sortiert und erst danach die vielleicht feststellbaren Schäden betrachtet. Solche verursachen sehr wohl auch Arten, die »urheimisch« sind. Wie die Birken und die Spirken, wenn sie in Hochmoore hinein wachsen, diese verwalden und dabei den Moorspezialisten die Existenz nehmen. Sie werden ganz selbstverständlich über sogenannte Pflegemaßnahmen zurückgedrängt, die Aufwand und Kosten verursachen,...